presseschau Das Duell und die "Pressebengel"
Vox populi sagt, Schröder war besser. Die Medien behaupten das Gegenteil
Wer ist blind und taub? Das Volk oder die "schwatzende Klasse"? Wahrscheinlich weder das eine noch die andere. Ihre Standpunkte sind verschieden, und deshalb hören und sehen sie anders.
Gerhard Schröder war jahrelang der Darling der Medien, insbesondere der liberalen. Er verstand es auch, die Journalisten dort zu packen, wo sie am verwundbarsten sind: bei ihrer Eitelkeit. Er hat die Damen und Herren aus der Sinnstiftungs-Industrie auch zuvorkommender behandelt als Angela Merkel. Das Bundeskanzleramt war immer offen für Sympathisanten, eine Cohiba (für die Herren) und ein Bordeaux (für die Damen) gab's auch dazu. Er hat sie um ihren Rat gebeten und sie nicht nur als Sprachrohr benutzt (was sie für Politiker aller Couleur grundsätzlich sind). Frau Merkel hat sich mit derlei Charme-Offensive nie aufgehalten. Die Interviews mit ihr waren Interviews: knapp und " to the point ", der Nächste bitte.
Irgendwann aber kippte diese Stimmung um, lange vor der Vertrauensfrage. Gerade die liberalen Blätter schalteten auf Reformkurs; ihnen ging es nicht schnell und gründlich genug. Was sie der müden, zerstrittenen Partei anlasteten, hat Schröder abgekriegt. Das mag die Analyse des Duells im Voraus geprägt haben.
Das "gemeine Volk" aber sah noch immer den Charmeur und den Staatschauspieler, den jeder Politiker geben muss, der erfolgreich sein will. Deshalb fanden sie ihn besser als die Herausforderin, obwohl sie sich sehr gut geschlagen und den negativen Erwartungen überhaupt nicht entsprochen hat.
Bloß bleibt die entscheidende Frage: Wer wird das eigentliche Duell am 18. September gewinnen? Der bis dato unverrückbare Block von 40-43 Prozent für die Union wird wohl auch diesmal nicht wegschmelzen. Warum? Weil eben sieben Jahre Rot-Grün die Zeit des wirtschaftlichen Niedergangs waren. Weil deshalb Tapetenwechsel im Bundeskanzleramt angesagt ist, nach der Devise: Schlimmer als die Rot-Grünen können es die Schwarz-Gelben auch nicht machen - und wahrscheinlich etwas besser.
Trotzdem ist die Wahl noch nicht gelaufen. Im Vergleich zum Frühjahr hat die SPD sechs Punkte zugelegt. Nur eines ist klar: Vielleicht wird die SPD an der Regierung beteiligt sein, aber nicht mit Schröder als Kanzler.
- Datum 07.09.2005 - 13:26 Uhr
- Quelle (c) ZEIT online, 5.9.2005
- Kommentare 7
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Zwar müssen Kerle eine Meinung haben und klüger sein als alle
Kollegen. Gerade das sollte in einer Presseschau aber nicht im Vordergrund stehen, zumal hinreichend bekannt ist was der Schreiber denken kann. - Das journalistische Privileg
verplichtet doch, oder?
Eines ist richtig: Frau Merkel plapperte besser. Herr Schröder wirkte manchmal etwas langsam für einen politisch relativ gut informierten Zuhörer, für den politischen Durchschnittsbürger war dies offfenbar genau richtig.
Ich habe mir die Aufnahme vom "Duell" noch einmal in Ruhe angesehen und habe für mich eine Erklärung gefunden, warum ich auch zunächst (als eher Schröder Zugeneigter) der Meinung war, dass das Ergebnis doch recht knapp ausfallen dürfte. Schröder wirkt in seinen Aussagen einfach authendischer, Frau Merkel dagegen wirkt angelernt, zwar gut angelernt, aber unecht. Sie ist sprechgewandt und dies wirkt zunächst gut. Doch wenn man sie beobachtet, während Schröder spricht, fällt manchmal die Fassade in sich zusammen, so bei der Erklärung Schröders zu der Anzahl der versicherungspflichtigen Jobs, wo sie sich recht uneinstudiert verhält (von einem Journalisten als spätpupertäre Grimasse im Umgang mit den Eltern bezeichnet). Gemessen an dem, was die Union ihrer Kandidatin selbst zugetraut hat, war der Verlauf natürlich sehr zufriedenstellend, doch das spricht nicht unbedingt für sie.
Das Rätsel Merkel ist für mich noch größer geworden. Sie hat sicher vieles dazu gelernt. Doch das Format zur Kanzlerin ist nicht erlernbar.
Warum ein sehr großer Teil der medialen Meinungsmacher unbedingt den Wechsel herbeiführen möchte, ist ein eigenes Thema. Von der neoliberalen Propaganda beeinflusst, Meckern und Hetzen als besseres Geschäft, Schichtzugehörigkeit (tatsächliche oder gewünschte) der Journalisten und der Verlagseigner, die Wut darauf, dass es bei der letzten Wahl knapp nicht geklappt hat, die rot-grüne Regierung "abzuschreiben" ? Auch beim "Duell" war die Leistung einzelner Journalisten nicht so großartig, wie vielfach gelobt. Analyse empfohlen !
Viel wichtiger sind doch heutzutage andere, hinter den Kulissen agierende Gruppen in der Meinungsmache.
Beispielsweise die "Bilderberger", an deren Treffen auch ZEIT-Chefredakteur Josef Joffe als privilegierter Journalist schon teilnahm.
Wenn Herr Joffe von der "schwatzenden Klasse" oder vom "gemeinen Volk" schreibt, dann flüchtet er sich genau dort zwischen die nebelwerfenden Gänsefüsschen wo in dieser Thematik, dem TV-Duell, Präzision am Platz wäre.
Im ersten Fall handelt es sich wohl um eine Einladung zum Widerspruch, die ich ablehnen muss. Warum ist es denn keinem dieser hochbezahlten Befragungsspezialisten eingefallen, die Außenpolitik anzusprechen? Hatte man Sorge, Frau Merkel könne in einen Redestreik treten? Ihre (Nicht)behandlung der Türkei Frage deutete diese Möglichkeit an.
Warum nun vom gemeinen Volk schreiben, wenn man schlicht die Wähler meinte. Ist das nicht die spitzbübische Aufforderung an den Leser, mitzugehen: "Du weisst schon, was ich damit meine. Ich meine es nicht so, aber irgendwie schon in die Richtung." In anderen Fällen wird das gemeine Volk geradezu monarchisch verklärt zum Souverän erhoben. Hier sind wohl einfach diejenigen gemeint, die Schröder im TV-Duell besser sahen, als Frau Merkel. Warum nicht einfach zugeben, dass Schröder ein rhetorisches und politisches Talent ist? Damit unterstellt man noch lange nicht, er führe uns ins Schlaraffenland.
Hallo,
ich finde, dass bei diesem Kommentar von ZEIT-Chefredakteur Josef Joffe wieder einmal die übliche Arroganz der "Neoliberalen"-Bewegung durchschimmert.
Gepaart mit Inhaltsleere...der "Medien"-Kanzler und Kanzler der deutschen Export-Industrie hat die Neoliberalen aller Blätter, von FAZ bis SPIEGEL, eine Zeit lang begeistert...und nun degeneriert die neoliberale Bewegung (die u.a. in DIE ZEIT für einee Vollmitgliedschaft der Türkei in der EU mit Zuwanderungsfreiheit trommelte) anscheinend zur Anhängerin der Neocons und Monetaristen der Chikagoer Schule der Volkswirtschaft.
Ich wünschte, ich könnte mal wieder echte Links-Soziale wie Lafontaine oder National-Konservative wie Gauweiler oder Christlich-Soziale wie Geissler als Journalisten in den Medien erleben!
Nichts ist widerlicher als die grosse Allianz der libertinären Links- und Rechtsliberalen und Monetaristen der Chikagoer Schule der Volkswirtschaft in den fast schon gleichgeschalteten Mainstream-Medien im Dienste der Export-Industrie und Vermögensoberschicht (angeblich = "Eliten").
Weder Gerhard Schröder noch Angela Merkel erwähnten, dass der Staat sich künstlich um Steuereinnahmen durch Steuerverzicht gegenüber Export-Industrie und Vermögensoberschicht bringt.
So viel zum Thema "Sachzwänge".
Die neoliberale Medienwelt ist nichts als eine Ausgeburt des gegenwärtig untergehenden angel-sächsischen Gesellschaft- und Wirtschaftmodells. Und wird von der anglophilen Lobby der Rotary-Clubs wie Lions und Kiwanis in Deutschland massiv gepushed. Der anglo-amerikanische Freihandel hat die USA um ihre Maschinenbauindustrie gebracht, soll die EU dasselbe Schicksal ereilen?
Hach, welche Freude, doch mal (wieder) mit Josef Joffe übereinstimmen zu können!
Ein bisschen, lieber Josef Joffe, machen Sie natürlich Wahlkampf! Is' aber OK. Das bisschen kriegen wir schon subtrahiert:
Keineswegs war Angela Merkel deswegen besser, weil sie überhaupt oder auch nur in den Augen der Profis die besseren Argumente gehabt hätte. Die hatte sie nur sehr vielleicht. Angela Merkel hat sich jedoch, verglichen mit dem Kanzler, als diejenige von beiden präsentiert, die nicht nur _irgendwie_ etwas zu bewegen, etwas zu verändern gewillt ist, sondern auch noch den dazu nötigen Biss, die dazu nötige Portion an Quirligkeit und Aggressivität hat. Was dagegen der Kanzler an staatsmännischer Attitüde an den Tag legte, war, jenseits aller Inhalte, nichts anderes als die Verabreichung politischer Schlafmittel. (Unter uns: Dass der gute Mann keine Lust mehr hat, guckte ihm aus jedem Knopfloch.)
Dass die Profis, im Unterschied zum "gemeinen Volk" (ich schätze, für das "gemeine Volk" werden Sie noch diverse Male gesteinigt werden), _das_ wahrgenommen haben, _das_ wahrnehmen konnten, liegt nicht an irgendwelchen politischen Präferenzen oder irgendwelchen professionell-gehobenen politischen Einsichten, sondern an ihrer, wenn schon nicht individuell-persönlichen, dann jedenfalls professionellen Selbstverpflichtung auf einem anderen Blick - auf Frauen.
_Das_ war's! Ganz klar, die Meinungselite konnte gar nicht anders, als ihr diesbezüglich emanzipatorisches ceterum censeo Ernst zu nehmen! Freuen wir uns, dass mindestens das jetzt so ist!
Aber, lieber Josef Joffe, aber haben Sie (in der ARD) auch gesehen, wie beispielsweise Günter Jauch und dann Friedrich Novottny, die zunächst - wenn auch durchaus unsicher - Angela Merkel den Lorbeer überreichen wollten, spätestens nach der Bekanntgabe der ersten (vorläufigen) Umfrageergebnisse immer mehr wankten und dann schließlich ganz und gar umfielen? Haben Sie gesehen, wie sie sich beide dem Urteil des "gemeinen Volkes" beugten?
Ich will nicht an diesen beiden herausgegriffenen Personen herumkritteln. Aber wenn Sie dieses Umfallen, diesen Kotau vor dem "gemeinen Volk" und seinem anderen Urteil exemplarisch nehmen selbstverständlich mache _ich_ jetzt _keinen_ Wahlkampf, sondern sage nur wie's is' - was meinen Sie, wie lange wird Angela Merkel innerhalb ihrer eigenen, vielfach so "wertkonservativen" und vielfach dem "gemeinen Volk" so nahen Partei bestehen können? Wie lange wird es dauern, bis sich auch dort die Daumen für _Frau_ Angela Merkel senken werden?
Julian@alpenjodel.de
Letztes Jahrhundert, als man noch signifikate Unterschied erkennen konnte zwischen ZEIT und BILD hätte man nach unterschiedlichen Einschätzungen beim blabla über blabla nicht suchen müssen. Heute muss man in der ZEIT nach nichts suchen. Es steht nichts drin. Wenn es wahr ist, was SPIEGEL online schreibt, dass Kirchhof nicht 4 Töchter hat, von denen Frau Merkel gestern vor laufender Kammera sagte, sie hätte sich mit denen unterhalten, über das Familien und Frauenbild des Vaters, dann hätte man früher geschrieben: Die Kandidatin log. Heute braucht man so eine Binsenweisheit nicht zu schreiben, alle halten es für selbstverständlich, dass sie lügt, es geht nur noch um die Frage, wie gekonnt sie gelogen hat. Offensichtlich reicht es für das Kanzler Amt. Muss man sich als 4. Gewalt nicht mehr darum kümmern.
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