New Orleans Mein wütendes Klagelied
Märchen, wie man weiß, gehen oft böse aus. New Orleans war eine Märchenstadt – und nun versinkt sie in Fluten; die Bilder sind herzzerreißend, verfolgen einen bis in die Träume
New York in seiner himmelstürmenden Gigantomanie kann man bestaunen; San Francisco in seiner leicht nuttig verschminkten Koketterie kann man belächeln; Chicagos Architektur bewundern. Streicheln kann man nur diese eine Stadt in Amerika: New Orleans. Sie schmeckte anders, sie roch anders, sie klang anders. Die Albernheit des Klischees "man spürt das Französische"! Ich fand es stets läppisch. Die Stadt hatte ein ganz eigenes Flair der verlotterten Eleganz, wie Fetzen langer schwarzer Bänder von Elend und Hoffnung und Liebe wehten die Klänge nächtens aus den Jazzkneipen - sehr unmondän, herrliche zerknitterte schwarze Gesichter alter Trompeter oder Saxophonisten hinter den Rauchschwaden verschwimmend. Ich habe die Zärtlichkeit dieser Stadt genossen, ob im sonnenbeschienenen Straßencafé oder im eleganten Air-Conditioned-Restaurant, wo einem von weißbehandschuhten Kellnern die kreolische Köstlichkeit cajun serviert wurde. Noch in dem skurrilen Hotel mit seinen Veranden zum Innenhof, einst wohl ein Bordell, schienen mir die verblichenen Vorhänge und die verblassten Tapeten von kleinem Glück zu wispern. Gewiss aber tat es das Schilpen des Schilfs am Ufer des Pontchartrain-Sees, der nun die Stadt verschlingt; da feierte einst William Faulkner (der 1925 in New Orleans lebte) seine von ihrer irrsinnigen Millionärshochzeit aus Asien zurückgekehrte Estelle, ein zu farbiger Schmetterling in grellen Kimonos mit seidenen Rückenkissen.
Nun also ein Vineta-Alb. Weil eine vollkommen unfähige Verwaltung nicht imstande war, auch nur haltbare Dämme zu bauen, geschweige denn mit Vorräten und Evakuierungen die Menschen vor der Katastrophe zu schützen: weit über Tausend Tote bislang in der in Schlamm, Kot und Abwässern untergehenden Stadt. Man hat gar nicht genug Fäuste, sie zu ballen - da nennen die USA sich so gerne Supermacht, hoffärtig; sie fallen, von niemandem als ihrer Hybris autorisiert, mit gigantischem Kriegsgerät über ein Land her, den Irak, von dem ihnen keine Gefahr drohte; und sie geben täglich 186 Millionen Dollar, also pro Monat 5,6 Milliarden, für diesen Wahnsinn aus. Aber sie haben nicht genug Boote, die in den Straßen von New Orleans Ertrinkenden, die von den Dächern ihrer Häuser Winkenden, zu retten. Nicht einmal genug Trinkwasser kann ausgeteilt werden. Es wäre lächerlich, wäre es nicht so tragisch. Die Dame Rice sollte sich für eine Weile von ihren hübschen weißen Kostümen trennen.
Was ich mir wünsche? Dass sich ein unübersehbarer Zug der Armseligen mit nichts als Hemd und Hose, die Mütter mit dem toten Kind auf dem Arm in Bewegung setzte, bis vor die Pforten des Weißen Hauses; dort sollten sie den dubiosen Betnik, den Bomberjackenträger George W. Bush, davonjagen: Er sollte gewählt werden - vier Jahre lang in der geschundenen Stadt zu leben, statt auf seiner Ranch mit den Hunden zu spielen.
Fritz J. Raddatz war 1977 bis 1985 Feuilletonchef der ZEIT; seit 1986 ist er Autor der ZEIT. Er ist Mitglied der Freien Akademie der Künste in Hamburg und verfasste zahlreiche Fernsehfilme und Bücher. Besonders erfolgreich waren seine
ZEIT
-Editionen
Bibliothek der 100 Bücher
,
Bibliothek der 100 Sachbücher
und
ZEITmuseum der 100 Bilder
.
- Datum 07.09.2005 - 13:26 Uhr
- Serie cvd
- Quelle (c) ZEIT online, 2.9.2005
- Kommentare 27
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Darf hier diskutiert werden? Kommt der Autor dazu? Oder lieber nur Meinung sagen und fertig?
Vielen Dank Herr Raddatz,
zumindest Sie prangern diese unerträgliche Arroganz eines Präsidenten an, der bei der wohl größten Naturkatastrophe seines Landes der jüngeren Geschichte, nur einmal kurz über den betroffenen Landstrich geflogen wurde, um dann lakonisch festzustellen, dass das schlimm sei was er da gesehen habe.
Alles was er kann ist Krieg. Deshalb werden erstmal Soldaten zum Bewachen der zerstörten Stadt geschickt. Wieso nimmt man nicht die enorme Anzahl von Truppenhelikoptern um die Obdachlosen auszufliegen? Vielleicht weil sie schwarz und arm sind?
Die politische Gesellschaft der USA zeigt ihr wahres Gesicht.
Selten so einen schwachen Kommentar gelsesn.
Was hat die "Dame Rice" mit ihren "hübschen weißen Kostümen" mit New Orleans zu tun?
Und, George W. dazu zu verdammen, "vier Jahre lang in der geschundenen Stadt zu leben", das macht die Stadt wieder so wie vorher, oder was??
Im Ernst: vieles ist schief gelaufen und notwendige Vorsichtsmassnahmen sind unterlassen worden, aber die von Hernn Raddatz vorgschlagenen Massnahmen sind nicht hilfreich. Sie helfen allerdings, Ihre Zeitung zu fuellen, aber nicht mit etwas Sinnvollem, um es mal dabei zu belassen.
Und wieder reiht sich einer in die lange Schlange jener ein, die es irgendwie schon immer gewußt haben und die innerlich frohlocken, weil es jetzt für alle sichtbar ist, was man sonst in seiner Ohnmacht nur artikulieren aber den meisten nicht zeigen konnte.
Was ich mich frage und diese Frage würde ich gerne weitergeben an alle, die meinen, man hätte es besser machen können.
Was hätte besser laufen können?
Und viele werden den Irak nennen und das Geld für die Deiche fehlte und das Bush eher sich ein Bild hätte machen sollen.
Was aber, wenn eigentlich genug Soldaten da waren, wenn die Deiche überall so schlecht gebaut sind und wenn Bush 2 Tage eher mit dem Hubschrauber gelandet wäre.
Das ändert nichts daran, daß die Lage wider besseren wissens jahrelang unterschätzt wurde. Daraus resultieren sämtliche Folgen.
1. Mangelnde Baumaßnahmen
2. Mangelnde organisatorische Vorbereitung
3. Falsche Einschätzung der Lage
Hier haben jahrelang viele Menschen versagt. Und die Frage ist, ob sie versagt haben, oder ob es nicht so ist, daß erst ein bestimmtes Ereignis auftreten muß, um für die Zukunft eine Mahnung zu sein.
Wir haben auch von Städten gelesen, die ebenfalls untergegangen sind und man könnte argumentieren, daß uns das Mahnung genug sein sollte. Aber wir wissen auch, daß der Mensch dazu tendiert, leicht zu vergessen. Und dann müssen sich bestimmte Dinge in regelmäßigen Abständen wiederholen.
Ich bin sicher, daß der Katastrophenschutz nun ganz anders aufgezogen wird, daß ein Umdenken erfolgen wird. Regelmäßige Übungen, vorgehaltene Vorräte, abwerfbare Boote etc. Die Amerikaner sind so, die werden sich reinknien und es viel besser machen, als vorher.
Aber das hat nur bedingt was mit Rassismus und dem Präsidenten zu tun. Dieser verläßt sich auch nur auf die Einschätzungen der Berater etc. Ich mag Georg Bush auch nicht, aber ich kann diese pauschale Schuldzuweisung nicht mehr hören, immer und immer wieder. Aber glaubt wirklich jemand ernsthaft, daß der Präsident im Urlaub sitzt und sagt: Moment, das da unten sind Schwarze, ich fliege morgen erst.
Vor allem sind es da unten Menschen und Wähler und das ganze Land schaut hin. Die Lage wurde anfangs falsch eingeschätzt von den lokalen Leuten und dann auch in den Schaltzentralen. Man braucht sich bloß anschauen, wie die Opferzahlen immer wieder korrigiert wurden und werden.
Ich sage auch nicht, daß man ohne den Krieg und angespannte Haushaltslage nicht eher Geld hätte frei machen können oder Truppen. Aber Geld braucht man dort nicht abwerfen und die Truppen stehen auch nicht alle in New Orleans.
Also sollte man abwarten, was die Untersuchungen bringen und diese werden zeigen, daß nicht erst mit Bush der Katastrophenschutz vernachläßigt wurde, daß viele Einwohner einfach nicht bereit waren, auf die Warnungen zu hören, daß Häuser gebaut wurden, die bestimmten Richtlinien nicht entsprechen bzw. Richtlinien nicht überarbeitet wurden und daß Geld irgendwo versickert ist, was für den Erhalt von Dämmen etc. vorgesehen war.
Aber bitte nicht allsamt in den Chor der Empörten einstimmen und einen Schuldigen an die Wand stellen. Das würde zur Verniedlichung eines sehr komplexen Systems führen. Und dann wären wir schon dabei, zukünftige Probleme vorzubereiten.
Wieder macht sich eine erbärmlich Gestalt im deutschen Lehnstuhl sitzend auf, Amerikahass zu schüren. Die betroffene Fläche ist so groß wie die alte Bundesrepublik! Nimm Deine Fäustchen aus der Tasche und tu etwas! Fahr hin und hilf! Spende!
oh, ich habe sehr wohl verstanden, mir fehlt das "Feeling" das Herrn Raddatz besitzt. Ich gebe zu, ich wohne in San Fran, welches laut Herrn Raddatz eine "leicht nuttig verschminkte Koketterie" besitzt, was immer das bedeuten mag, und, ja, ich war noch nie in New Orleans.
Aber es ist offensichtlich, dass Herr Raddatz aus dem Gefuehl heraus schreibt, und nur daraus, aber gerade das ist ja das Problem. In dem Artikel ging es nicht um New Orleans, sondern darum, die Gelegenheit zu ergreifen um wieder seine Meinung ueber den Praesidenten mitzuteilen. Das ist legitim, aber hat eben nicht viel mit New Orleans zu tun.
Keine Angst, ich halte George W. auch fuer einen gefaehrlichen Schwachkopf. Ich finde nur Herrn Raddatz's Beitrag nicht fuer hilfreich. Und, um mich mal auf sein Niveau zu begeben: bevor er sich ueber Ms. Rice's Kostueme ereifert, sollte er erst mal zum Friseur gehen - oder uns sein Foto ersparen. (Sorry, aber so schoen ist er auch nicht)
Noch ein Kommentar, bzw. eine Frage an Fritz Raddatz: Wie erklärt es sich, daß der Herausgeber der ZEIT, Josef Joffe, zu den in Amerika einflußreichsten Neokonservativen gehört? Wieso ist der Herausgeber der ZEIT seit kurzem gleichfalls Mitherausgeber des extrem rechten amerikanischen neocon-Organs "The American Interest"? Wie kann die ZEIT unter diesen Bedingungen noch unabhängigen Journalismus betreiben? Sind Sie, Herr Raddatz, nur noch ein "liberales" Feigenblatt für eine schon längst zum rechten Kampfblatt mutierte, ehemals intellektuell anspruchsvolle Wochenzeitung? Die Zeitschrift "The American Interest" vertritt dezidiert die Interessen der Bush-Administration. Warum kann Herr Joffe Herausgeber sowohl der ZEIT als auch von "The American Interest" sein??
Einer sagt laut, was alle bis auf Pflüger, Merkel & Co denken.
Bedankt!
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