Städtebau Die alten Fehler nicht wiederholen
Die Diskussionen um den Wiederaufbau von New Orleans haben begonnen. Das Problem der Stadt ist nicht nur ein technisches - das Wasser könnte man beherrschen. New Orleans hat wie viele amerikanische Städte ein strukturelles Problem. Das zu entschärfen wäre jetzt Aufgabe der Stadtplaner. Ein Interview mit Kees Christiaanse, Professor für Architektur und Städtebau an der ETH Zürich
ZEIT online: Der republikanische Sprecher des Abgeordnetenhauses plädierte jüngst dafür, New Orleans wegen seiner Lage unter dem Meeresspiegel nicht an Ort und Stelle wieder aufzubauen. Wäre es tatsächlich sinnlos?
Kees Christiaanse: Jede Stadt, insbesondere New Orleans, hat einen großen geschichtlichen und kulturellen Wert. Es wäre undenkbar und auch nicht wünschenswert, die Stadt nicht neu aufzubauen. Dazu kommt, dass es - so weit man es einschätzen kann - obwohl vielleicht beschädigt, noch zahllose wertvolle Stadtstrukturen gibt, die wieder zu verwerten sind. Und nicht zuletzt ist es für die Bewohner, die zurückkehren wollen, wichtig, zu spüren, dass man ihnen hilft, wenn sie ihre Stadt wie Baron von Münchhausen wieder aus dem Dreck herausziehen wollen.
Nun hat New Orleans nicht nur wertvolle Stadtstrukturen, sondern auch Probleme: Die bürgerliche Schicht drängt es aus der Stadt. Drinnen galt als einzige Lösung für die Kluft zwischen Arm und Reich bislang die Abgrenzung. Das Gewaltpotenzial ist hoch. Nur ein kleiner Kern im Innersten blieb davon ausgespart - und drohte ein Themenpark zu werden.
Das ist richtig.
Was kann man beim Aufbau dagegen tun?
Das ist ein Trend, der in der amerikanischen Gesellschaft verankert liegt und sich nicht nur auf New Orleans bezieht, sondern auf fast alle wichtigen Städte Amerikas. Daher kann man das Problem nur beschränkt lösen, wenn man nicht an die Gesellschaftsstruktur selbst herangeht. Andererseits gibt es in Amerika Anhänger eines New Urbanism , die sowohl in der Neuplanung als auch in der Umstrukturierung bestehender Städte nachhaltige Strukturkonzepte entwerfen und sich für eine Mischung der Nutzungen und der Einkommensgruppen in den Quartieren und für eine Verringerung der Automobilität einsetzen. Für das beschädigte New Orleans gilt erstens: Die Stadt wird wieder aufgebaut, jedenfalls als Identität und in ihren sozial-kulturellen Merkmalen. Zweitens: Es gibt hier und dort bestimmte Engpässe, problematische Strukturen, die man jetzt beim Wiederaufbau anders gestalten sollte.
Welche sind das?
In der amerikanischen Stadt gibt es eine extreme Funktionstrennung. Sie ist nicht durchmischt. Urbanität durch unterschiedliche, sich aneinander reibenden Strukturen findet nicht statt. Alles liegt weit auseinander und ist nur über die Autobahn zu erreichen. Diese Funktionstrennung fördert die Trennung zwischen Arm und Reich, weil durch sie monofunktionale Ghettos entstehen. Der Grund für all das ist natürlich die verheerende Automobilität der Amerikaner, die man aber nur teilweise beheben kann. Es wäre dennoch sehr sinnvoll, sich jetzt, wenn so etwas passiert ist, ein geeignetes neues Verkehrsystem zu überlegen.
Wodurch könnte denn eine Durchmischung erreicht werden?
- Datum 10.02.2009 - 16:14 Uhr
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- Quelle (c) ZEIT online
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Ich kann nur zustimmen, was den Unterschied in der Struktur amerikanischer und deutscher Städte betrifft. Ich bin vor kurzem nach Detroit gezogen und das Problem der Abgrenzung von Suburbia und Downtown ist besonders groß hier. Zwar hat der Großraum von Detroit ca. 4.5 Millionen Einwohner, aber aus dem Stadtkern ziehen immer mehr Menschen weg. Im letzten Jahr alleine 12000 und gerade eben ist Detroit von Platz 10 der größten Städte der USA gefallen. Dadurch hat sich die Trennung zwischen arm und reich, was hier bedeutet zwischen schwarz und weiß, sehr verstärkt. Detroit selber hat über 80% schwarze Bevölkerung. Durch das geringe Steuereinkommen in der Stadt leidet natürlich auch die Infrastruktur, während die Suburbs eine sehr gute Infrastruktur besitzen. Das führt dann zu der paradoxen Situation, dass jeder aus Detroit rausfährt wenn er etwas besorgen muss, während es bei uns genau umgekehrt ist.
Wenn diese Katatstrophe, bei der offenbar mehr Menschen gestorben sind, als anlässlich 9/11, auch nur eine einzige gute Seite hat, dann ist es wohl die, dass man sie zum Anlass nehmen könnte für ein wenig Ursachenforschung. Anschließend könnte man sich womöglich gar hinstellen und sagen: "Das passiert uns nie wieder! Und wenn wir nun schon einmal dabei sind - was können wir denn sonst noch besser machen?"
Wie das eben oft so geht: Dass US-amerikanische Städte strukturelle Probleme haben, wird in den USA selbst offenbar weit weniger realisiert, als außerhalb der Staaten. Wahrscheinlich kommt die Idee, Kriminalität hinge ursächlich mit dem Städtebau oder der Stadtplanung zusammen, den aller wenigsten Durchschnitts-Bu(e)rgern. Und wenn schon: In ihrer Mentalität ist das individuelle Denken um einiges stärker verankert, als das kollektive.
Man ist in den USA gern und sehr gern auch öffentlich stolz darauf, dass man seine Probleme rasch und drastisch zu lösen vermag, vor allem aber: allein! Es ist um so vieles langwieriger, persönlichn Probleme über den Umweg einer Strukturänderung in der Gesellschaft zu lösen. Wenn einem also die Innenstadt zu gefährlich, zu laut oder zu dreckig ist, zieht man kurzerhand weg.
Vielleicht hat ein solches Verhalten historische Gründe. Die USA sind weit und es ist ja tatsächlich reichlich Platz rundum. Aber anders als seinerzeit im Zuge der Auswanderungswellen bleiben die Probleme, vor denen man heutzutage flieht, nicht irgenwo in einer alten Heimat zurück. Es liegt kein großer Teich zwischen downtown und suburbia. Der Slogan: "Nach mir die Sintflut" funktioniert nicht mehr. Irgendwann, nehme ich an, realisieren das auch die Amerikaner. Sie sind schließlich ein kluges Volk.
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