Kernenergie Tschernobyl-Folgen: neue Ergebnisse
Eine Wissenschaftler-Kommission der UN legte am Montag ihren Abschlussbericht über die Folgen des AKW-Unglücks von Tschernobyl vor. Die Zahlen werden Apokalyptikern nicht gefallen; und den Verharmlosern auch nicht

Ukrainer entzünden Kerzen am Tschernobyl-Mahnmal zum Gedenken an die Opfer der Nuklearkatastrophe(April 2005)
Der Reaktorunfall von Tschernobyl, der sich vor beinahe zwanzig Jahren zugetragen hat, war ein schreckliches Ereignis. Und ein symbolisches, ein Wendepunkt. Im April 1986 kamen mehrere Faktoren zusammen, die einen weltweiten Sturm der Empörung auslösten: unnötig riskante Reaktortechnik, eine verkommene Sicherheitskultur und ein staatlich-industrieller Komplex, dem das Schicksal der Betroffenen gleichgültig war.
Zur gleichen Zeit formierte sich in vielen westlichen Ländern eine politische Bewegung gegen die Kernkraft, für die Tschernobyl zum Fanal wurde. In den folgenden Jahren wurde dem Ereignis die Symbolkraft einer Apokalypse zugeschrieben, als wäre es ein zweites Hiroshima gewesen. Von Zehntausenden, gar Hunderttausenden Toten war die Rede.
Die Industrie, und nicht nur die in Russland, konterte kühl: Lediglich 40 bis 50 Tote seien bisher gezählt worden. Die rund 2.000 registrierten Fälle von Schilddrüsenkrebs, die durch rechtzeitige Vergabe von Jodpillen hätten vermieden werden können, wurden von der Lobby freilich nur selten erwähnt, und ebenso wenig die tödlichen Langzeitfolgen des Unglücks, über die Unklarheit bestand.
Diese Unklarheit wurde nun verringert. Ein Panel von mehr als hundert Wissenschaftlern, eingesetzt von den Vereinten Nationen, stellte soeben seinen 600-seitigen Abschlussbericht über die Folgen der Katastrophe vor. Er fasst die langjährigen Forschungen von mehreren hundert Fachleuten zusammen.
Burton Bennett, der Kommissionspräsident, zieht das Fazit: „Der Unfall hatte schwere gesundheitliche Folgen, besonders für Tausende Arbeiter, die in den ersten Tagen starke Dosen Radioaktivität erhielten, und für Tausende weiterer Betroffener, die nun unter Schilddrüsenkrebs leiden. Doch im Großen und Ganzen haben wir keine wesentlichen negativen Folgen für die Gesundheit der übrigen Bevölkerung in der Umgebung gefunden, und ebenso wenig eine weitreichende Kontamination, die heute noch eine substanzielle Bedrohung der menschlichen Gesundheit darstellen würde - von einigen wenigen und begrenzten Orten abgesehen."
Der Bericht schätzt, dass von den mehr als 200.000 Menschen, die beruflich mit dem durchgeschmolzenen Reaktor in den Jahren 1986 bis 1987 zu tun hatten, bis zu 2.200 wegen der radioaktiven Belastung früher sterben müssen, als es ihrer Lebenserwartung entspräche. Zusammen mit der Zahl der Menschen, die in unmittelbarer Nähe wohnten und verstrahlt wurden, könnte die Gesamtzahl der vom Reaktorunfall geforderten Todesopfer auf 4.000 steigen. Registriert wurden bisher 50 Todesfälle.
- Datum 07.09.2005 - 13:26 Uhr
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- Quelle (c) ZEIT online, 5.9.2005
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Der Vf. des Artikels erweist sich einmal mehr als Anhänger der Kernenergie-Nutzung bzw. als Gegner des deutschen Ausstiegs. Eine Verbindung zwischen dem Super-Gau von 1986 und dem Ausstieg unter Rot-Grün scheint mir aber gar nicht in Frage zu kommen. Zu Recht steht der Satz "Wollte man mit Tschernobyl den Ausstieg aus der Kernenergie begründen (...)" im Konjunktiv, darum geht es nicht. Mindestens so entscheidend für den Ausstieg wie die Gefährlichkeit des Betriebs von Kernreaktoren ist die Frage der (End-)Lagerung des radioaktiven Mülls. Wohin damit?
Die Zahlen über die Folgen des Tschernobyl-Unglücks sind seit mehr als einem Jahr bekannt, und wurden, so muss man leider sagen, in der deutschen Presse weitgehend totgeschwiegen.
Man muss festhalten : Es handelt sich, nach 20 Jahren, um registrierte ursächliche, d. h. zurechenbare Todesfälle in einer Größenordung von lediglich 50. Die mögliche Gesamtzahl der Todesfälle beträgt rechnerisch, nicht faktisch, 4000, wobei der größte Teil auf möglichen Todesfälle durch Stress zurückzuführen sein wird: Fast der gesamten Bevölkerung um Tschernobyl wurde erklärt, dass die Bestrahlung so hoch sei, dass ein früherer Tod für sie wahrscheinlich sein wird.
Für die Atomkraftgegner ist der Bericht absolut unglaubwürdig, weil er konträr zu ihrer verinnerlichten
Weltanschauung steht : Atomkraft ist gleichbedeutend mit Hiroshima, es kann nur so sein, dass sie gefährlich ist . Zahlen von lediglich 50 Toten sind für sie außerhalb jeglicher Vorstellungsmöglichkeit.
Man muss nur dem ZDF oder der ARD folgen um zu begreifen, in welche Gemütslage die Bevölkerung inzwischen gebracht worden ist. Dort wird bis in die jüngste Zeit ohne jede Einschränkung von Tausenden von Toten durch Tschernobyl berichtet, und das nicht etwa in einem grün gefärbten Tendenzbericht, sondern in der Abendschau zur besten Sendezeit.
Gero von Randow will offenbar ohne Vorbehalte informieren, aber in einer Welt voller Ignoranz wie derzeit in der Bundesrepublik wird dies nicht leicht sein.
Trotzdem : Ein sehr wertvoller und bedeutender Artikel.
Ich kann mich noch an die Zeit erinnern,als dieses Unglück geschah.Was ich an dem Bericht vermisse,ist die immer noch bestehende Strahlenbelastung in der Bundesrepublik.
Das ist 2x in den letzten Jahren bei spiegel.de herausgegeben worden.
Wie stellt sich also die Kommission dazu?Oder ist das diesen Wissenschaftlern gleichgültig?
Vielleicht könnte auch Herr von Randow seine suggestiven Bewertungen noch einmal überdenken:
In seinem Buch "Mein Manifest für die Erde - Jetzt handeln für Frieden, globale Gerechtigkeit und eine ökologische Zukunft" schreibt Michail Gorbatschow unter der Überschrift "Wie ich zum "Grünen" wurde":
"Die Katastrophe von Tschernobyl, die nicht nur für mich persönlich, sondern, wie ich hoffe, auch für die ganze Menschheit eine Lehre war, ereilte unser Land im April 1986, ... Das Politbüro wurde von dem Akademiemitglied Welichow und seinen Kollegen vor der Möglichkeit gewarnt, dass der brennende Reaktor "absackte". Dadurch könnte eine thermonukleare Reaktion entstehen, und die kritische Masse würde zehnmal größer sein als jene der Bombe, die in Hiroshima explodiert war."
"Tschernobyl machte mich zu einem anderen Menschen. Welche Lehren zog ich aus jener größten technologischen Katastrophe in der Geschichte der Menschheit?
Erstens ....
Zweitens wurde mein Glaube an die absolute Zuverlässigkeit der Technik erschüttert. .... Wir betrachteten die Physiker als Halbgötter, die mit Hilfe der Wissenschaft den alten Traum der Menschheit von billiger und "sauberer" Energie erfüllen würden. Plötzlich jedoch waren die Halbgötter verwundbar und besaßen menschliche Schwächen. ...
Drittens änderten sich meine zeitlichen Maßstäbe radikal.... Welches Recht haben wir, unseren Nachkommen ein derartiges Problem zu hinterlassen? Wem sollen sie die Rechnung für die Versäumnisse unserer Zeit präsentieren?
Und viertens verstärkte Tschernobyl meine Entschlossenheit, neue internationale Beziehungen anzuknüpfen und nachdrücklich zu demonstrieren, dass wir eine Menschheit sind, die gemeinsam auf einem Planeten lebt."
Interessant, wie Journalistenkollegen unzureichend recherchieren können. Zu Tschernobyl wird seit fast 20 Jahren geforscht. Und jedem, der sich ernsthaft mit wissenschaftlicher Arbeit zu Tschernobyl beschäftigt (wohlgemerkt, keiner Anti- oder Pro-Atom-PR), ist klar, dass dieser Bericht tatsächlich verharmlosend ist.
"...eine zunehmende zahl von Misbildungen aufgrund radioatkiver Belastung konnten die Wissenschaftlicher nicht feststellen".Haben sie schon einmal die Zahlen über die Geburten behinderter Kinder in Belarus nach 1986 gesehen?
"sinnlose Massenumsiedlung". Faszinierend. Da war sogar die UdSSR (!!!) ehrlicher. Lieber Herr von Randow, lesen Sie doch mal den Bericht von Jurij Voronozoev vom 18. Juli 1991. Darin gibt es sehr anschauliche Tabellen des verantwortlichen Sekretärs der "Kommission des Obersten Sowjets der SSR (!) über die Gründe des Tschernobyl-Unfalls": Die bösartige Tumorbildung hat sich in den betroffenen belarussischen Gebieten zwischen 1985 und 1989 um rund 45 Prozent erhöht. Um 45 Prozent! Lesen Sie, lieber Herr von Randow, doch mal die Forschungsberichte des international anerkannten belarussischen Forschers Jurij Bandaschewskij, der die Auswirkung kleiner Dosen (!) von Cäsium auf den Organismus von Kindern erforscht hat und dafür vom belarussischen Regime für mehrere Jahre ins Gefängnis gesteckt wurde. Weil dieses Regime auch gerne die betroffenen Gebiete wiederbesiedeln möchte. Bandaschewskij BEWIES, dass schon kleine Mengen Cäsium, die über längere Zeit auf den kindlichen Organismus wirken, TÖDLICH sein können, und eine Widerbesiedlung der evakuierten Gebiete deshalb ÜBERHAUPT NICHT IN FRAGE KOMMT. Wenn man dann Ausdrücke wie "sinnlose Massenumsiedlung" hört, wird einem speiübel.
Und unter solchen Bedingungen sollen in den letzten 20 Jahren nur 2000 Menschen gestorben sein (die andere Hälfte waren ja laut Statistik jene, die direkt an dem Reaktor arbeiteten)? Höchst interessant.
Über Kernkraft grundsätzlich kann man streiten. Will man aber als ernstzunehmender Journalist über einen Forschungsbericht kritisch berichten, sollte man sich doch zumindest mit der wissenschaftlichen Sachlage jenseits von Lobbyargumenten von Gegnern und Befürwortern der Atomenergie befassen. "Ziel der Organisation ist es, den Beitrag der Atomenergie zum Frieden, zur Gesundheit und zum Wohlstand rascher und in größerem Ausmaß wirksam werden zu lassen". Dieses Zitat stammt aus dem Statut der Atomenergiebehörde. Deren Interesse an einer Verbreitung der Atomenergie ist wirklich kein Geheimnis. Auch wenn die WHO den Gesundheitsteil verantwortet, ist der Auftraggeber hier doch wohl eindeutig die IAEA. Ich kann zu Atomenergie stehen, wie ich will - aber diesen Bericht einfach so, unreflektiert, ohne Vergleichsmaterialien für bare Münze zu nehmen, ist wirklich peinlich.
Schon im 15 Jahre Bericht der UNO / UNSCEAR stimmten die Zahlen nicht.
Es gibt zig Studien über den noch immer währenden Anstieg von Schilddrüsenkrebs bei Kindern und jungen Erwachsenenen. (Google: Schilddrüsenkrebs Tschernobyl, und schon sind die häufigsten Studien da). Oder s. Ergebnisse des OHSI Insituts Prof.Lengfelder aus München in Gomel im Unteruschungszentrum. >10000 Erkrankungen an Schilddrüsenkrebs.
Natürlich haben die grossen Organisationen ein Interesse an einem harmlosen Bild der Situation.
Artikelzitat:
"Wollte man mit Tschernobyl den Ausstieg aus der Kernenergie begründen, dann müsste mit der gleichen Logik wegen Bhopal und Seveso die Chemieindustrie abgeschafft werden, der Flugverkehr wäre zu verbieten und ebenso die Automobiltechnologie, der allein in Deutschland Jahr für Jahr Tausende Menschen zum Opfer fallen."
Logisch wäre all das. Man muss wohl in einer Gesellschaft kollektiven Wahnsinns leben um nicht sofort anzufangen es in die Tat umzusetzen.
Tschernobyl - ein Unfall mit katastrophalen Folgen. Doch das Ausmass der Folgen von Katastrophen wird durch die soziale Verfassung bestimmt. Dies zeigt der Bericht. Symptom der Auflösung der Sowjetunion, das war Tschernobyl. Wie die Folgen von Katastrophen mit dem gesellschaftlichen Versagen zusammenhängen, das kann man gerade in diesen Tagen in den USA sehen.
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