galerie Plädoyer für eine Inszenierung
Wer sich in die Öffentlichkeit wagt, tritt auf die Bühne. Doch nicht jeder beherrscht das Spiel. Politik lebt von guter Inszenierung. Und Charakterschauspieler werden gewählt. Ein Essay in Text und Bild
Wer sich in die politische Öffentlichkeit wagt, tritt auf die Bühne. Licht richtet sich auf den Darsteller. Nun stellen Sie sich vor, da steht einer, der seine Rolle nicht gelernt hat. Seine Mimik verrutscht, er verhaspelt sich, wird unsicher oder überheblich - je nach Temperament. Da wendet sich das Publikum bald ab und schilt den Regisseur.
Nun sind Politiker keine Schauspieler und man kann die Mediendemokratie zu Recht kritisieren, weil sie banale Bilder inszeniert, die keine Inhalte transportieren. Trotzdem wollen wir nicht nur Programme vorgetragen bekommen, sondern erfahren, wer die Leute sind, die unser Land regieren. Wir wollen wissen, ob sie uns ähneln oder sogar als Vorbilder dienen können. So suchen wir nach Identifikationsmustern. Und der erfolgreiche Politiker liefert sie uns.
Dies ist ein Plädoyer für die Inszenierung der Politik. Genauer: für die Inszenierung von Charakteren. Willy Brandt ging 1970 vor dem Denkmal des Warschauer Gettoaufstands auf die Knie. Das Pathos war keine Maske, es war authentisch - und inszeniert. Die Aufführung hat Geschichte gemacht. Nicht, weil da einer Kasperletheater spielte. Sondern weil eine große Geste die Welt veränderte.
Corporate Identity (1)
Inszenierung und Information können zusammen wirken. Berührt uns das Stück, wollen wir mehr von dem erfahren, was der Darsteller zu sagen hat. Aber ein guter Schauspieler muss üben. Und die Regisseure - in der Politik sind es die Medienberater - sollten ihr Stück gut auswählen.Gesucht wird die authentische Rolle eines Politikers, die seinen Stärken und Schwächen, Chancen und Risiken entspricht. In Unternehmen nennt man das Corporate Identity. Der Politiker schafft sich mit ihr seine Form, in der er glaubwürdig Inhalte darstellen kann.
Keiner könnte sich mehr wie Helmut Schmidt anziehen. Man würde auch nicht jedem verzeihen, so provokant das eigene Wissen ausspielend aufzutreten. Rolle und Präsentation sind ihm zu einer Einheit geworden, einem immer gleichen, stets respektierten Bild. Von dem weicht Schmidt nicht ab; und niemand käme auf die Idee, anderes von ihm zu verlangen.
Corporate Identity (2)
Helmut Kohl im Matrosenanzug, das hätte nicht funktioniert. Aber die Strickjacke hat Geschichte gemacht. Zusammen mit Gorbatschow am Baumstumpf, umringt von Ministern und Funktionären, das spricht von gelassener Bodenständigkeit: Seid sicher, ich kümmere mich. Die Inszenierung zeigt noch mehr. Hier lenken zwei Männer die Welt; und sie machen das unter sich aus. Die Anzugträger sind nur Staffage.Das richtige Stück wählen (1)
Erstarrte PosenIm Theater kann man Charaktere darstellen oder Typen. Hamlet oder Harlekin. Harlekin trägt eine Maske. Er folgt seinem Schema. Stets auf der Suche nach einem Mädchen, spielt er die immer gleichen Streiche. Was aber, wenn die Kulissen bereits abgebaut, die Mitspieler gegangen sind? Honeckers Pose wird von keinem Publikum zum Leben erweckt. Seine Maske: nicht entwicklungsfähig.
Das richtige Stück wählen (2)
RessortverbundenheitDie Maske des Harlekin hat ihre Vorteile. Renate Künasts Maske heißt „Verbraucherschutzministerin“. Mit ihr tritt sie in albernen Einaktern auf. Die Stücke handeln von den Gummistiefeln im Kuhstall und vom Körbchen mit Ökowaren. Ihre Rolle beherrscht sie – so gut, dass nur die Maske lächerlich ist. Künast selbst bleibt geschützt. Doch sie zahlt einen Preis: Über ihre Politik erfährt das Publikum auf diese Weise gar nichts.
Das richtige Stück wählen (3)
VolksnäheWählernähe heißt, sich auszuliefern. Jedenfalls glauben das viele Wahlstrategen und drängen ihre Politiker dorthin, wo die angeblich das Volk treffen: auf den Marktplatz, an den Strand, ins Bierzelt. Am Stammtisch wird der Mensch privat, mitten im Blitzlichtgewitter. Und dann die Wurst. Was sollte deutscher sein; und was schwieriger zu essen, wenn sich ein Dutzend Objektive auf den Chef richtet? Doch ist ihm seine Rolle klar, entscheidet nur er selbst, ob er - sei's drum – zubeißend den Senf spritzen lässt. Oder sich charmant entwindet: "Nein Danke – später gern." Dem Charakterdarsteller verzeiht das Volk sogar das.
Das richtige Stück wählen (4)
In Aktion (1)Stark ist, wer handelt. Im Wahlkampf 1998 war Joschka Fischer nicht nur ein joggender Politiker, sondern auch das Symbol für den Aufbruch aus der Behäbigkeit, für einen neuen Stil in der Politik. Kaum ein Signal spricht so sehr vom Wechsel zwischen Aufbruch und Lethargie der rot-grünen Koalition wie des Außenministers Anzüge: mal spannend überm Bauch, mal locker fallend.
Das richtige Stück wählen (4)
In Aktion (2)Brachte die Elbeflut Gerhard Schröder 2002 den Wahlsieg, oder waren es die Gummistiefel? Noch einer handelt, und man glaubt ihm seine Absicht. Weil ein Charakterdarsteller am Werke ist, der sein Geschäft versteht - nicht einer, der – wie beispielsweise George W. Bush - offenkundig nur dann die Ärmel hochkrempelt, wenn er etwas zu beweisen hat.
Nähe herstellen (1)
Komödie muss nicht substanzlos sein. Lachende Menschen sind uns sympathisch. Man sammelt sich gerne um sie und lässt sich begeistern für Neues. Trotz aller Kritik: Das kann der Kanzler. Lachend leiten. Und macht gleichzeitig unmissverständlich klar, wer Koch, wer Kellner ist.Nähe herstellen (2)
Verkniffenes Lächeln, sei es noch so gut gemeint, macht dagegen unsympathisch.Nähe herstellen (3)
Hämisches Auslachen ebenfalls. Angela Merkel muss sich noch entspannen. Entspannung erreicht, wer sich seiner Rolle sicher ist.Frauenrollen – Männerrollen (1)
Frauen müssen sich anders inszenieren als Männer. Nach wie vor ist die Politik eine Männerwelt, in der hochgereckte Daumen und Arme, Schulterklopfen, Zigarrerauchen und Biertrinken zu den vertrauten Signalen gehören. Frauen steht das alles schlecht. Eher stecken sie die Köpfe zusammen und vertrauen sich alles an; beteuern einander schließlich, sich keine Konkurrenz zu machen. Das ist schwerer zu inszenieren – gut gemacht jedoch verspricht dieses Bild mehr Erfolg.Frauenrollen – Männerrollen (2)
Frauen sind klein, Männer groß – meistens jedenfalls. Deshalb müssen Frauen zu den Männern aufschauen, gleich, ob sie ihnen misstrauen, sie bewundern oder ob die Herren ihnen ganz egal sind. Männer dagegen können Schatten werfen, selbst wenn gerade die Frau gefeiert wird.Frauenrollen – Männerrollen (3)
Dann noch: die Kleiderfrage. Männer tragen dunkelblaue Anzüge. Oder graue. Manchmal braune, aber eher ungern. Einige Strickjacke. Fertig. Wenig Anspruch, wenig Stil, wenig Erwartung.Frauen müssen ihren Stil erst finden: Kleidung, in der sie nicht verkleidet, Frisuren, mit denen sie nicht dämlich aussehen. Wie extravagant, wie sexy, wie hässlich darf eine Politikerin sein? Kostümproben gibt es für sie nicht – erst die Öffentlichkeit fällt das Urteil. Auch hier zählt der Mut zur Charakterrolle. Hosenanzüge drücken gar nichts aus. Außerdem stehen sie nicht vielen.
Den Charakter entwickeln (1)
Die Wahl ein Theater, der Bürger Klatschvieh? Spätestens seit der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen weiß man es besser. Die Menschen wählen gegenwärtig eher Programme als Personen. Auch wer seine Rolle zunächst einmal schlecht spielt, darf regieren. Im Anzug von Brioni, beispielsweise.Den Charakter entwickeln (2)
Der Medienkanzler wird in seiner Nach-Brioni-Zeit zum Staatsmann. Weil er das Spiel beherrscht. Weil er seinen Charakter weiterentwickelt, wenn die Szenerie sich wandelt. Weil er sich selbst zum Fluchtpunkt macht, auf den die Linien der Macht zulaufen, selbst dann noch, wenn er sie verliert.Staatsschauspielerin
Angela Merkel übt noch. Der Adler steigt und soll „die Freiheit wagen“, doch ihr entgleiten die Gesichtszüge. Ein kleiner Fehltritt nur. Wer im Bildervorrat dieses Jahres nach ihren typischen hängenden Mundwinkeln sucht, findet nicht mehr viel. Dennoch spielt Merkel ihre Rolle merkwürdig negativ. Von ihr weiß man vor allem, was sie nicht ist: eitel, stilvoll, volksnah, typisch Ossi, und Beute-Wessi sowieso nicht. Wird sie Kanzlerin, muss sie das ändern und den Bürgern neue Muster der Identifikation anbieten.Immerhin: ein Anfang ist gemacht.
- Datum 14.09.2005 - 13:26 Uhr
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