e-mail aus berlin (33) Zwischen den Zeilen

Kein Kirchhof, und keine Grünen. Die Stadtgespräche verdichten sich. Corinna Emundts kommentiert den Wahlkampf, Tag für Tag

Muss noch ein Wort zu Paul Kirchhof gesagt werden? Vielleicht sogar zwei. Zur Beruhigung: Erstens hat Angela Merkel bereits gesagt, dass er nicht Finanzminister wird. War noch keine Schlagzeile? Sie hat es nicht ganz offen zitierfähig und direkt gesagt, damit alle Nachrichtenagenturen binnen Sekunden diese enorm bedeutsame Meldung um die Welt morsen können. Hätte sie den Gegnern diese Vorlage schenken sollen – nicht einmal mehr eine Woche vor den Wahlen einzuräumen, dass die Ernennung Kirchhofs ein Fehler war? Aber in Berlin wird man fast gezwungenermaßen zum Merkel-Exegeten und lernt, zwischen ihren Zeilen zu lesen. Es war so, dass sie montags im ARD-Studio auf die Kirchhof-Frage des Moderators folgendermaßen antwortete: „Ich bleibe dabei, dass Paul Kirchhof als Finanzminister zur Verfügung steht....“ (Stimme bleibt oben, Satz noch nicht zu Ende, kleine Sprech-Pause, sie verzieht unangenehm berührt das Gesicht) “...ABER das bedeutet natürlich, dass die Stimme der Wählerinnen und Wähler zu hören ist.“

Das Schöne an Merkel ist, dass man viel aus ihrer Mimik lesen kann (im Gegensatz zu Pokerface Schröder). Aber sie hat die neue Ehrlichkeit ausgerufen, deswegen kann sie hinterher behaupten, sie habe darauf hingewiesen, dass die Wählerinnen und Wähler entscheiden.

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Nun wissen wir nicht, ob mehr WählerINNEN für oder gegen Kirchhof sind als Wähler, jedoch ist es unwahrscheinlich, dass die Union die absolute Mehrheit erhält – und nur für diesen Fall würde Kirchhof von Merkel vielleicht höflichkeitshalber gefragt. Wobei sie in diesem Falle vermutlich ausnahmsweise einmal froh wäre über die (schon begonnene) Intervention ihrer Partei-Freundfeinde Koch, Wulff und Stoiber, die dann noch lauter nach dem Retter Merz als Finanzminister rufen würden. Und dann würde irgendein oder mehrere Fernsehsender die Interviewpassage von Kirchhof bei Sandra Maischberger aus dem Jahr 2003 einspielen, wo er ihre Frage eindeutig verneint, ob der sich zum Finanzminister eigne (O-Ton Kirchhof 2003: „Jeder soll bei seinen Begabungen bleiben – ich bin Wissenschaftler. Vorschläge machen ist das eine, das andere ist, sie durchzusetzen.“). Dann würde es BILD als Schlagzeile bringen: KIRCHHOF – ICH EIGNE MICH NICHT ALS MINISTER. Und die Sache wäre erledigt.

Zweitens funkt die verzweifelte Union im Regierungsviertel bereits Richtung FDP-Spitze, die könne in einer schwarz-gelben Koalition das (in Zeiten hoher Staatsverschuldung ohnehin ungeliebte) Ministeramt gerne haben und Hermann Otto Solms (FDP) würde gütig-schnurrbärtig nicken und sagen: „Kein Problem“ (der will das wirklich machen). Für den Fall der Großen Koalition hat Kirchhof bereits abgesagt (dann würde das Amt mit spitzen Fingern unter den Sozialdemokraten von einem zum anderen gereicht; Hans Eichel hat sich bereits vorsorglich neu verheiratet, um sagen zu können, er werde sich nun wirklich gerne nach all seinen Ämtern ins Privatleben zurückziehen).

So ist das mit Kirchhof. Er frisst einem den ganzen Platz für diese Kolumne weg. Wie gelangt man jetzt von Kirchhof zu den Grünen?

Ganz einfach: Taxi nehmen, in die Karl-Marx-Straße 131-133 fahren – Berlin-Neukölln, parallel zur Sonnenallee. Da spricht Dienstag nachmittags die Verbraucherschutzministerin Renate Künast im Café Götterspeise und Kirchhof ist für sie ein gefundenes Fressen. Selbst für diese ehemalige Grünen-Chefin, die auch ohne ihn locker drei Stunden sprachgewitzt monologisieren könnte, ist Kirchhof Feindbild Nummer Eins geworden. Die Grünen kämpfen wacker und doch auf verlorenem Posten. Sie werden die eigentlichen Verlierer dieser Neuwahl sein – und das in gewisser Weise unschuldig, denn sie wollten die Schröder-Nummer nicht. Sie werden mitverbrannt werden wie früher die indischen Ehefrauen beim Tod des Mannes.

Doch Schröder hat Fischer an jenem Sonntag nicht mehr gefragt, als die Entscheidung offensichtlich kurzfristig und im Affekt fiel – wissend, dass ihm der Außenminister erneut abgeraten hätte. (Wenn man – übrigens – derzeit in der Hauptstadt Schröder-nahe Leute trifft, nicken erstaunlich viele zustimmend bei der These, dass Schröder heute nicht mehr so entscheiden würde... aber zu spät.) Die Grünen erzählen aus ihren Wahlkampfgesprächen, dass sie immer wieder zu hören bekommen: „Wir wollen Merkel eigentlich nicht wählen, aber ihr habt ja hingeschmissen, ihr wollt ja nicht mehr regieren“. Diesen Makel der Kapitulation, berichtet eine Spitzengrüne, den werde man nicht los.

Grünen-Chef Reinhard Bütikofer sagt Zeit Online: „Die Leute wollen nicht unbedingt den Wechsel, aber schon Veränderung.“ Die Grünen sind wütend auf die SPD und dürfen es nicht sagen, jedenfalls nicht so laut. Sondern müssen für die Fortsetzung der Koalition auf Marktplätzen und bei Kaffee und Kuchen mit gitarrespielenden angeheuerten Merkel-Parodien im kassler-farbenen Kostüm kämpfen.

Mitleid also? In der Politik fehl am Platze. Und Fischer ist der größte Sieger von allen, dem die Partei und Rot-Grün zum Amt seines Lebens verhalfen, weswegen er nun eine echte Freundin jenseits des Atlantiks hat: Madeleine Albright, die noch immer bei jeder Gelegenheit von ihm schwärmt. Wer kann das von sich sagen? Und Bill Clinton würde mit ihm sicher eine Zigarre teilen, wenn Joschka durch Little Rock käme. Aber Fischer ist zunächst mal eher nur Fischer und nicht die Partei - auch wenn er gerne in Wahlkämpfen als deren Aushängeschild so tut als ob. In der Partei wiederum gibt es Sehnsucht nach der Zeit ohne Übervater Joschka, für den sich hoffentlich bald irgendein internationales Amt findet - und tatsächlich auch eine zarte Sehnsucht nach Opposition. Die Grünen, in der Opposition groß geworden, wollen endlich mal wieder ohne Koalitionsdisziplin sagen, was sie denken.

Manche wollen sich inhaltlich sogar erneuern, das 21. Jahrhundert diskutieren. Und dann könnte es irgendwann die erste schwarz-grüne Koalition in einem Bundesland geben (es ist ja beinahe nur Fischer, der das partout nicht will). Und dann eventuell dasselbe in Berlin – mit solchen Gedankenspielen, so hat man den Eindruck, halten sich die Grünen irgendwie munter auf ihrem so gut wie schon verlorenen Posten.

 
Leser-Kommentare
  1. In jedem seiner kurzen Päuschen, lacht sich ein kluger Mann ins Fäustchen, denn er kennt all’ die Pappenheimer und weiß, der Wahlsieg ist im Eimer. Für wen? Das ist die große Frage.

    Fragt einfach Schöppner, Güllner, Schönborn oder Schausten, die denken doch, sie seien die Schlausten, wenngleich hier Unterschiede gelten, zwar klein, doch schafft man damit Welten.

    Die Qual der Wahl, sie macht uns Spass und alle geben noch mal Gas. Das Schlimme ist, das Volk wählt richtig, doch wer nimmt heut das Volk noch wichtig? Denn wenn es wählt, was ihm gefällt, dann flüchtet wieder nur das Geld.

    Menschen, die das nicht begreifen, die lassen sich nicht mehr belehren, stattdessen halten sie den Mund, gehen aber dennoch wählen, weil sie gern Experten quälen.... die dann erneut der Ehrgeiz packt, damit die Hoffnung nicht verzagt.

    Wer gewinnt, verrate ich Euch am Freitag.

  2. e-mail aus Berlin ist zu meiner Lieblingslektüre geworden.
    Liebe Frau Emundts, wie schafft es eine Journalistin aus dem Einheitsbrei der Wahlkampfberichterstattung auszubrechen und so pointenreich die Politgrößen zu charakterisieren? Der Blickwinkel auf die Altforderen ist so anders als bei den Anderen. Fakten hören wir genug, allein es fehlt der Glaube an all die vielen vielen Fakten. Hier menschelt es gewaltig und das tut uns Bürgerinnen und Bürgern, uns Wählerinnen und Wählern so gut. Genosse Trend interessiert mich nur am Rande, Elefantenrunden und Politgezänke mutieren zum Blabla. Manchmal frage ich mich, was erwachsene Menschen alles von sich geben können ohne dabei rot zu werden.
    liebe Grüsse von Fabrizius

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  • Quelle (c) ZEIT online, 13.9.2005
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