Grauer Himmel hier in Berlin, schon sind Schröder und Merkel ausgeschwärmt ins Land. Ersterer sich gewisslich ins Fäustchen lachend über die Kirchhof-Havarie und nun auch noch Heinrich von Pierers Querschuss gegen die Union: Kirchhof böte „eine offene Flanke für polemische Angriffe“, hatte er der Financial Times Deutschland gesagt. Und Merkel? Die entfernte sich vermutlich zähneknirschend nach der Pressekonferenz mit dem verehrten Herrn Stoiber, auf die sie heute bestimmt gern verzichtet hätte. Nur eine Handvoll Journalisten war anwesend. Merkwürdige Aufmerksamkeitslücke, gerade. © Rita Kohel für ZEIT online

In der Hauptstadt setzt sich allmählich der Eindruck durch, dass die Wahl erst in den 24 Stunden vor Schließung der Wahllokale entschieden wird, oder gar erst, wenn alle Sonntagszeitungen gelesen sind. Wer hätte vor wenigen Wochen gedacht, dass die SPD noch Chancen hätte, Regierungspartei zu bleiben (wenngleich als Juniorpartner)? Matthias Machnig, Ex-Wahlkampfchef der SPD, gehörte immerhin zu jenen, die das in Betracht gezogen hatten. Auf Nachfrage von ZEIT online sagten heute sowohl er als auch sein CDU-Pendant Michael Spreng, am Sonntag käme es wohl zu einem Kopf-an-Kopf-Rennen. „Es ist nach allen Seiten offen“, sagte Machnig, und Spreng warnte die SPD nur vor zu viel Übermut wegen der Duell-Wirkungen. Dass Kirchhof die Stimmung umgekippt habe, das sagen beide.

„Das Risiko, Union zu wählen, ist manchen jetzt zu groß“, vermutet Spreng. Zwar habe man noch fast klaglos eine Mehrwertsteuererhöhung und die Aussicht auf weniger Kündigungsschutz hingenommen, doch die nicht einzuschätzende Steuerdiskussion sei „zuviel“. Im Gespräch mit Machnig klingt das so: „Es geht bei Kirchhof nicht nur um Steuern. Er ist zum Symbol für unkalkulierbare Radikalreformen geworden.“ In Schröders Umfeld hatte man gehofft, dass es so kommen würde, geglaubt hatte man es nicht. Jüngster Mittagsrunden-Gag auf dem Achsenkreuz zwischen Schiffbauerdamm, Kanzleramt und Reichstag: „Was macht Schröder bloß, wenn er noch einmal regieren soll?“ Allseitiges Grinsen.

Spreng hält, nota bene, nicht Kirchhofs Ernennung für das Problem, sondern die Kommunikationspannen in deren Umfeld. Ähnlich klingt heute Heinrich von Pierer. „Ich glöaube, dass er eine Botschaft schicken wollte,“ sagt der FTD -Mann Bertrand Benoit. Welche? Vielleicht wollte er der Union helfen, sich von Kirchhof wieder zu entfernen. Aber ob die Wähler diesen guten Dienst als solchen erkennen werden?