presseschau (37) Wo bleibt er nur?
Der eigene Blick macht alles aus - den guten Journalisten, den gescheiten Intellektuellen, den mündigen Bürger. Robert Leicht kommentiert das aktuelle Meinungsbild
Da staunt man doch, wenn man in den Morgenblättern (und im vorabendlichen Fernsehen) sieht, wie Kanzler Gerhard Schröder mit seinem breitesten Grinsen aus all den schnellen, spurt- und spritstarken Autos schaut, in die er sich bei der Eröffnung der Internationalen Automobilausstellung gesetzt hat (a propos Schleichwerbung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ). Hatte Schröder uns nicht eben noch in all den Duells, Regierungserklärungen und Streitrunden versichert, dass wir uns schnell aus der Abhängigkeit vom Öl befreien müssen? Und nun sitzt er in all den scharfen Schlitten, bisweilen sogar mit dem nicht minder grinsenden Erz-Rivalen der kommenden Generation, mit Roland Koch (Hessen). Alles nicht so ernst die Sache mit dem Öl und dem Wahlkampf?
Dem Wahlkampf oder doch den Journalisten, die ihn spiegeln sollen scheint irgendwie die Luft auszugehen. Während Paul Kirchhof es inzwischen sogar auf die Seite 1 der International Herald Tribune geschafft hat, wäre es doch schön, man würde wenigstens in der deutschen Presse Texte lesen, die dem Manne auf gleichem intellektuellen Niveau begegnen. Denn dass jemand, der zwölf Jahre Verfassungsrichter war (und zuvor Hochschullehrer), kein bloßer Idiot sein kann, und dass man ihn nicht nach den Gesetzen der politisch-taktischen Fallensteller-Rhetorik abfertigen sollte, das müsste doch Meinung hin oder her eigentlich jedem schreib- und lesefähigen Menschen (also auch Journalisten) einleuchten.
Einen genaueren Blick hat heute wenigstens Antje Sorleschtov im Tagesspiegel, obwohl man spürt, dass die Steuerpolitik rein als solche nicht ihr Forte ist (fair und kritisch war übrigens in all den Wochen stets Nikolaus Piper von der SZ geblieben, um jetzt nur einmal von den Tageszeitungen zu reden). Näher hin schaut man muss es leider zugeben Frank Schirrmacher im Feuilleton der FAZ; auf dieser Ebene lässt sich dann wenigstens kontrovers und intellektuell seriös diskutieren.
Ja wo bleiben sie denn, die Intellektuellen, dieses Mal? Weil das Lager diesmal nicht so recht aufgescheucht ist, muss in der SZ von heute Günter Grass solo, länglich und auf gestrige Weise für die SPD trommeln er tut es so länglich und so versimpelt (aber Trommeln verlangt ja auch weniger Musikalität und instrumentelles Können als zum Beispiel Geige oder Waldhorn), dass man sich fragt, wie das zusammengehen soll: schriftstellerische Kunst und politische Plattheit. Muss man am Ende gar an der Schriftstellerei des guten Mannes zweifeln?
Richard Kämmerlings im Feuilleton rekonstruiert auf detaillierte, eindrucksvolle und leider auch im Ergebnis bedrückende Weise, wie dieses Mal versucht wurde, die kollektivunwilligen Schreiberlinge quasi per Ukas und Rundschreiben politisch zu formieren (Links marsch!), glücklicherweise mit mangelndem Erfolg. Da wollen sich doch noch (und wieder) viele Literaten ihre eigene Meinung und Freiheit sichern, anstatt hinter der apokalyptischen Posaune selbsternannter Solidaritätsapostel herzutrampeln. Na, wenn dies nicht ein gutes Zeichen ist. Und wenn sich erst alle Bürger auf ihr eigenes Urteil beruften, das wäre ja etwas.
- Datum 14.09.2005 - 13:26 Uhr
- Serie cvd
- Quelle (c) ZEIT online, 14.9.2005
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:





Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren