In der Sowjetunion gingen meine Eltern jedes Jahr wählen und zwar immer am frühen Morgen - um 6 Uhr 30. Politisch gesehen war es sinnlos, es gab nur einen Kandidaten. Dafür aber konnte man in den Wahllokalen Sprotten, Wurst und Apfelsinen erwerben, zu lächerlichen Preisen. In der Regel waren diese begehrten Lebensmittel schon vormittags zu Ende, nach 12 Uhr standen die Wahllokale leer. Die Staatslenker hatten auf diese Weise alle Stimmen zum Mittag bereits gezählt und die Wahl wie immer gewonnen. Ich boykottierte diesen Schwachsinn, auch mochte ich die lettischen Sprotten nicht.

Später in Deutschland durfte ich lange Zeit nicht wählen. Dreizehn Jahre lang besaß ich einen von der deutschen Ausländerbehörde ausgestellten „Alienpass“. Ich war staatenlos - die Fischköpfe auf den Wahlplakaten, die regelmäßig an den Kastanienbäumen unseres Bezirks aufgehängt wurden, lächelten nicht mir zu. Seit einem Jahr bin ich deutscher Staatsbürger, heute habe ich in der Grundschule Nummer 11, in der 1a Klasse meines Sohnes, mit 38 Jahren meine Wähler-Jungfräulichkeit verloren. Auch meine Frau, meine Mutter und meine Tante, die in Kreuzberg wohnt, haben heute zum ersten Mal hier gewählt. Ohne uns vorher abgesprochen zu haben, wählten wir alle die gleiche Partei, welche sage ich nicht. Ich bin erleichtert, dass es endlich vorbei ist. Ich fasste diesen Wahlkampf von Anfang an als Bedrohung auf. Ein massiver Angriff der politischen Elite auf die Bevölkerung.

Zuerst bekam der Osten einen Tritt in den Hintern, zusammen mit der Erkenntnis, dass er möglicherweise an den falschen Stellen saniert wurde. Der Norden haute auf den Süden ein und umgekehrt. Nun gut, die Menschen mögen sich tatsächlich in ihrer Mentalität unterscheiden. Ein Bekannter, der lange Zeit als Reiseleiter für deutsche Touristengruppen in Ägypten gearbeitet hat, erzählte, wie unterschiedlich sich die Deutschen im Ausland benehmen: Jedesmal wenn er mit Bayern oder Schwaben unterwegs war, machten sie schon am zweiten Tag jede Menge Verbesserungsvorschläge für Kairo. Sie entwickelten sofort Pläne, wie man dort zusätzliche Pyramiden errichten und alles sauber machen sowie des Verkehrschaos' Herr werden könnte.

Ein Jahr an Bayern angeschlossen, wäre Ägypten nicht wiederzuerkennen. Die Norddeutschen hatten dagegen schon nach zwei Tagen keine Lust mehr auf Reformgequatsche, sie verließen das Hotel nur noch, wenn dringender Bedarf bestand und nahmen ansonsten Ägypten mit all seinen landestypischen Macken hin - so wie es war. Die Ostdeutschen haben es heute schwer, nach vierzig Jahren sozialistischer Diktatur Eigeninitiativen zu entwickeln, so etwas wurde früher vom Staat als strafbar eingestuft, und die Westdeutschen haben Angst vor der völligen Verarmung.

Die Politiker säen nur noch mehr Zwietracht zwischen den Menschen anstatt sie einander näher zu bringen. In ihren Reden bekämpfen sie die Arbeitslosigkeit und wettern gegen Fremdarbeiter, die den Deutschen ihre Arbeitsplätze rauben. Dabei müssen sie selbst keine Angst vor Fremdarbeitern haben, sie halten sich für alternativlos. Die Politik in Deutschland bleibt nach wie vor der einzige Bereich, der gegen Globalisierung immun ist. Wie schön wäre es, wenn man den Regierungsauftrag für Deutschland in der internationalen Fachpresse ausschreiben konnte: „Ein mitteleuropäisches Land sucht fitte Profis (keine Klatsch-Luschen!) zum Regieren. Alter und Geschlecht spielen keine Rolle. Bitte schicken Sie ihre Bewerbungsunterlagen an: Bundestag, Berlin Germany. Die Bewerbungsgespräche könnten die volksnahen Fernsehmoderatoren, Christiansen, Raab, Schmidt und Maischberger übernehmen, sie sollten aber nach allen Regeln der Kunst ablaufen. „Was haben Sie früher regiert? Wie sind Ihre Gehaltsvorstellungen und wo sehen Sie sich in fünf Jahren?“ - „Ich war zwei Legislaturperioden als Verteidigungsminister in Südamerika tätig und leitete die Große Koalition auf Madagaskar. Nun möchte ich mich der Herausforderung stellen, in einem industriellen Land die Finanzpolitik zu übernehmen.“ Das Volk wird das nötige Geld zusammenlegen und den einen oder anderen einstellen. Bestimmt wird ein solcher gekaufter Bundeskanzler sich viel mehr Mühe als die herkömmlichen geben, es können auch zehn Vietnamesen oder fünf Polen sein, die zusammen den Job erledigen - preiswert und effizient. Niemand wird sich ihre Namen merken können, die Politik wird aus dem Fernsehen zurück in die Amtsstuben kehren. Noch besser wäre die Mehrstaatlichkeit in Deutschland.

Das ist meine persönliche politische Vision. Die Mehrstaatlichkeit würde bedeuten, dass alle Kandidaten ihren eigenen Staat auf dem freiem Markt anbieten, wie es zum Beispiel die Telefongesellschaften mit ihren DSL-Angeboten längst machen. Auch die Politiker würden ihre Kunden in harter Konkurrenz erkämpfen müssen. Und wenn sie klug genug sind, werden sie ihren Staaten nicht solche blöden Kürzel wie „BRD“ oder „DDR“ geben, stattdessen hübsche Frauennamen. Dann wird man auf Wahlkampfplakaten lesen können: „Der Staat „Alice“ mit Schwerpunkt Ökologie, Bildung und Kultur! Dafür ohne Grenzschutz und ohne Armee, für nur 4.99 im Monat!“

Ich warte auf den Staat „Alice“, ich glaube fest, dass er kommt.

Wladimir Kaminer ist Schriftsteller ("Russendisko", "Mein deutsches Dschungelbuch", "Karaoke") und lebt in Berlin.