pop In Bremen hängen die Beatles
Das Weiße Album und 800 andere Schallplatten im Neuen Museum Weserburg – „Vinyl“ heißt die Schau. Sie ist so unterhaltsam wie kompliziert
Repetitive Tonfolgen drehen ihre Runden durch den Saal und klingen, als säße da ein sehr stoischer Mensch am Klavier, vielleicht sogar ein Roboter. Aus dem Nebenraum dringen elektronische Dissonanzen wie aus alten Science Fiction-Filmen. Plattencover säumen ringsum die Wände, doch kaum eines der Motive ist allgemein bekannt: Manche Bilder erinnern an Kinderzeichnungen, andere an Darstellungen aus der höheren Mathematik. In einer Ecke warten Notenständer mit aufgeschlagenen Partituren, die statt der üblichen Notation Hieroglyphensysteme zeigen. Und da läuft ein Videofilm, in dem jemand gerade eine Violine zerschlägt; Applaus aus dem Off. Wo, bitte, sind wir denn hier gelandet?
Wer dieser Tage nach Bremen kommt, um das Neue Museum Weserburg zu besuchen, den wird eines von zwei Schlagworten angelockt haben: entweder „Vinyl“, denn so heißt die derzeitige Schau, oder „Sound Art“, weil, ja, weil… nun, das ist etwas verwirrend. Bleiben wir erstmal beim Vinyl, genauer gesagt bei der Langspielplatte und ihrer Schutzhülle, dem Plattencover. Diesem vom Dachboden der Geschichte zurückgekehrten Medium widmet sich also eine ganze Ausstellung im Herbst des Jahres 2005.
Zu Recht, möchte man sagen, denn die Schallplatte erlebt seit einiger Zeit eine Renaissance. Ihre Ursache ist wohl in den sinnlichen Mängeln neuerer Formate zu suchen. Machte schon das fummelige CD-Cover die Gestaltung schwer, so ist die mp3-Datei schlicht unsichtbar. Was bietet die gute, alte Plattenhülle dagegen für Möglichkeiten: Ist sie nicht eine kleine Plakatwand?
Zeitgenössische Designer wissen das zu schätzen. Stets aufs Neue finden sie frische Lösungen für die Hülle. Deshalb ist es seltsam, unter den gut 800 in Bremen ausgestellten Arbeiten kaum ein Cover zu sehen, das nicht mindestens 25 Jahre alt ist. Die Begründung des Kurators Guy Schraenen bringt uns aber jetzt zum zweiten Schlagwort: Die „Sound Art“ habe ihre große Zeit nun einmal in den Sechziger und Siebziger Jahren erlebt. Die Vinyl-Ausstellung hat also – undercover sozusagen – ein zusätzliches Thema, noch dazu eines, an dessen Definition sich die Kunsthistoriker abmühen.
Die akademische Lehre unterteilt die Sound Art in drei Bereiche: Klangperformance, Klangskulptur und Klanginstallation. Nach ihrem Verständnis wird eine Klangperformance von Menschen aufgeführt, während eine Klangskulptur alleine vor sich hintönt. Bei einer Installation ist die Klangquelle zumeist versteckt. Und nun die Pointe: Alle drei Subgenres spielen in der Bremer Ausstellung kaum eine Rolle.
„Wir wenden uns gegen die Vereinnahmung der Sound Art durch die Klangskulptur“, sagt Projektleiterin Anne Thurmann-Jajes und verweist auf den demokratischen Gedanken der Schau: Nicht ums exklusive Originalkunstwerk gehe es hier, sondern um das reproduzierbare Objekt, das sich eigentlich jeder leisten könnte; implizit klingt da die Utopie der Einheit von Kunst und Leben mit. Die ausgestellten Plattencover dienen – so verstanden – der breiten Vermittlung avantgardistischer Kunstideen des 20. Jahrhunderts, deren Leitmotiv wiederum die Kritik an der elitären Kunstwelt war.
- Datum 21.09.2005 - 13:26 Uhr
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- Quelle (c) ZEIT online 16.9.2005
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