Vor dem Berliner Landgericht wird über den „Ehrenmord“ an Hatun Sürücü verhandelt. Hat der jüngste Bruder der Ermordeten die Tat allein begangen, weil ihm der freie Lebenswandel seiner Schwester nicht gefiel? Dies behauptete Ayhan Sürücü in seinem überraschenden Geständnis am ersten Verhandlungstag. Oder war der Mord die gemeinsame Tat der drei Brüder Sürücü, wie es die Belastungszeugin, die Freundin Ayhans, darstellte? Diese Fragen wird das Gericht klären müssen. Doch ob am Ende auf Desperado-Tat oder gemeinschaftlichen Fememord erkannt wird – es geht bei diesem Prozess um sehr viel mehr.

„Ehrenmorde“ als eine Frage von „Frauenrechten“ zu behandeln, ist in Wahrheit eine Verharmlosung. Denn es stimmt zwar: Die ersten Opfer sind Frauen. Hatun Sürücü ist tot. Und die Belastungszeugin und die Nebenklägerin – also die Ex-Freundin des jüngsten Bruders und die Schwester des Opfers – werden als „Verräterinnen“ wohl ihr weiteres Leben in Angst vor dem eigenen Clan verbringen. Doch die Ehrenmorde zerstören eben nicht nur das Leben der Frauen, sondern auch das der überlebenden Männer – Brüder, Väter, Söhne, Liebhaber, alle sind ruiniert.

Es geht im Wahrheit um die Durchsetzung des staatlichen Gewaltmonopols und damit der Grundlage unserer Rechtsordnung in einem islamisch-patriarchalischen Milieu, das sich außerhalb dieser Rechtsordnung stellt. Ob nur einer der Brüder glaubte, die „Ehre“ der Familie wiederherstellen zu müssen oder ob es einen regelrechten Beschluss der Familie gab, Hatun zu ermorden, ändert nichts an diesem Grundkonflikt. Es gilt mit aller nötigen Härte durchzusetzen, dass das archaische Rechtsinstitut der selbstjustiziären Blutrache aus verlorener „Ehre“ unserem Rechtsverständnis weicht, nach dem Individuen ihr Leben in Freiheit gestalten und Konflikte zwischen ihnen vor Gericht gelöst werden.

Darum ist es entscheidend, dass das Gericht allen Versuchen zur Verschleierung der Tatgründe entgegentritt. Aus anderen Verfahren kennen wir die Strategie, dass sich einer der Beteiligten opfert - meist der jüngste Bruder -, um die Familie, ihre Ehrvorstellung und damit das archaische Rechtsinstitut der Blutrache zu retten. Der jüngste Bruder erklärt sich also für impulsiv, überfordert, beeinflussbar und reuig – und kann dann leider oft mit einem Kulturbonus rechnen, weil er sich dem Druck einer übermächtigen Tradition gebeugt habe. Er geht ins Gefängnis, die Familie feiert ihn insgeheim als Helden - und die „Ehrenmorde“ können weitergehen.

Das Gericht muss in seinem Urteil deutlich machen, dass Ehrenmorde und die damit zusammenhängenden Moralvorstellungen von unserer Gesellschaft genauso abgelehnt werden wie einst Sklaverei und Leibeigenschaft und die dazugehörige Herrenmoral.