Stimme aus Amerika Wie Weimar?

Der amerikanische Historiker und Weimar-Experte David Abraham beschreibt ein Déjà-vu-Erlebnis: In den Zwanziger Jahren habe Deutschland schon einmal komplizierte Wahlergebnisse und eine Zersplitterung der Parteienlandschaft erlebt - und Gerhard Schröder hieß damals Hermann Müller

Das tief zersplitterte Wahlergebnis vom vergangenen Sonntag hat mich zutiefst an die Geschichte der Weimarer Republik erinnert.

Die Deutschen haben sich Angela Merkel verweigert. Sie haben die Aussicht auf eine Politik der knapperen öffentlichen Kassen abgelehnt, der enger geschnallten Gürtel im Sozialbereich und der freieren Märkte. Es gibt einen Konsens gegen jede Andeutung einer Politik nach amerikanischem Vorbild oder einer "Thatcher light". So beharrlich Deutschlands Probleme mit Unterbeschäftigung und geringen Investitionen auch sein mögen, erscheint der drohende Abbau des Sozialstaates unter Christdemokraten und Liberalen - mit seinen zweifelhaften Erfolgsaussichten - der Mehrheit der Wähler unerträglich. Dies war die Grundlage für Schröders persönliches und plebiszitäres Comeback.

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Der größte Gewinner dieser Wahl war allerdings die Linke (plus 4,6 Prozent). Ihr Gewinn an Wählerstimmen war weitaus größer als das vieldiskutierte Zulegen der FDP (plus 2,5 Prozent). Es war die Quittung der SPD (minus 4,3 Prozent) für ihre Hartz-Initiative, für ihre Entscheidung, eine Führungsrolle in der so genannten Reform des Wohlfahrtsstaates zu übernehmen. "Gerade noch erträglich schmerzhaft, aber ohne sichtbare Erfolge", scheinen diese ehemaligen SPD-Wähler über Schröders Reformprogramm zu denken. "Schröders Dritter Weg führt in die Sackgasse, nur die Opposition ist noch schlimmer." Zugleich verzeichneten die Grünen, deren Wirtschaftspolitik ich der Tradition des progressiven Liberalismus zuordne, mäßige Verluste (minus 0,5 Prozent). Es war ein Zeichen dafür, wie wenig diese politische Richtung innenpolitisch and außenpolitisch zur derzeitigen Krise zu sagen hat.

Ein großer Teil dieser Zersplitterung erinnert an die späten Zwanziger Jahre. 1928 versuchte die SPD als größte Partei im Lande, der ersten großen Krise des modernen Wohlfahrtsstaates Herr zu werden. "Sozialstaat" nannte man ihn damals, und seine Gegner sprachen spöttisch vom "Fürsorgestaat". Die Arbeitslosigkeit war hoch und angeblich strukturell bedingt. Unternehmer konnten oder wollten nicht investieren und klagten über mangelnde Profite. Deutschlands Anteil am internationalen Handel schwankte, obwohl die Wirtschaft zunehmend davon abhängig war. Die Steuerlast konnte man als erdrückend bezeichnen, während öffentliche Haushalte dennoch große Defizite entwickelten, besonders die Städte und Gemeinden. Fragen der Einwanderung, vor allem polnischer Landarbeiter und Juden aus Osteuropa, entflammte die Debatten. Die internationale Ordnung mit ihren kürzlich neu gezogenen Grenzen war im schnellen Wandel begriffen. Ihrem Parlament warfen die Deutschen Geschäftigkeit bei den kleinen Dingen vor - das Wort vom "Kuhhandel" machte häufig die Runde - aber Lähmung in den großen Fragen.

Damals steckte der SPD-Kanzler Hermann Müller in einer Zwickmühle, die heute auch Gerhard Schröder vertraut ist. Die SPD-Mitglieder aus der Gewerkschaftsbewegung, und auch viele andere, hielten ihre Errungenschaften für unantastbar - allen voran die Arbeitslosenunterstützung, den Tarifschutz und die Umverteilung von Einkommen im Sinne sozialer Gerechtigkeit. Zur Linken der SPD mit ihren 29,8 Prozent der Wählerstimmen (heute 34,2 Prozent) stand damals die KPD mit ihren 10,7 Prozent (die Linkspartei gewann am Sonntag 8,7 Prozent). Sie warf der SPD einen Betrug der arbeitenden Bevölkerung vor, wie es heute Lafontaine und Gysi tun. Ob Rot-Rot zusammenarbeiten konnte, wurde zur kritischen Frage der Epoche. Heute weiß jeder, dass sie es nicht konnten. Hermann Müller vertraute statt dessen, wie heute Schröder, auf die progressiv-liberalen Kräfte im Parlament. Das waren damals die Deutsche Demokratische Partei (DDP), und heute sind es die Grünen. Doch die DDP war damals auf 5 Prozent geschrumpft (kein Joschka) und hatte in Fragen der Wirtschaftspolitik nicht viel anzubieten. Ihre Stärke lag in anderen politischen und kulturellen Fragen.

Wer heute über eine rot-grün-gelbe Koalition nachdenkt, kann sich aus der Geschichte einige Inspiration holen. Die nationalliberale Deutsche Volkspartei (DVP) unter dem Außenminister Gustav Stresemann beteiligte sich damals am Kabinett Müller. Stresemann, eine große Persönlichkeit in der Welt der Großwirtschaft, hatte dafür gute Gründe. Doch die Kooperation mit der SPD führte zur Fragmentierung seiner eigenen Partei. Die DVP hat ihren Wahlerfolg aus dem Jahr 1928 (8,6 Prozent) später nie wieder erreicht. Guido Westerwelle sollte womöglich nicht seine "wirtschaftsfreundlichen" 9,8 Prozent in einer Koalition riskieren, die den Wohlfahrtsstaat bewahren will.

Leser-Kommentare
    • Typo
    • 22.09.2005 um 6:13 Uhr

    Guter Link. Inzwischen ist viel passiert, Abraham hat im letzten Semester auch wieder Geschichte in Princeton gelehrt.

    Aber viel wichtigere Frage: Ist an dem Artikel was falsch?

  1. Sorry, der link ging voll daneben. Ist mir sehr peinlich!!! Hatte nur schnell nach einer Zusammenfassung gegoogelt, was man eben doch nie tun sollte (und daher auch nicht auf die Seite des Institutes geschaut). In dem Fall scheint die Zusammenfassung der Ereignisse um Abraham relativ okay, egal was man von seinen Thesen hält. Was das mit Abrahams Artikel zu tun hat? Ich fand seine Vergleiche mit der Weimarer Republik sehr unseriös und fühlte mich an die Vorwürfe des unsauberen Arbeitens gegen ihn erinnert.

  2. 3. \N

    Ich halte den Vergleich zwischen der Weimarer Republik und der heutigen Bundesrepulik für doch ziemlich abgenuddelt, besonders weissst der Autor zwar auf die Zersplitterung des Rechtenspektums hin, vergisst aber dann denn meines Erachtens entscheidenden den darausresultierenden Vergleich der Rechtsparteien von damals und heute ,nämlich heute haben wir eine demokrtisch verankerte Rechte die damals auf einen anderes geformten Staat hinwirken wollte ( Demokratieabschaffung).
    Deshalb ist der Vergleich hinckend.

    Trozdem gibt der Arikel einige Aspekte her, die er tiefer hätte beleuchten müsen ( Wahlergbnisse der 20Jahre)

  3. Noch ein US-Kommentar zur Deutschland-Wahl: "Die Deutschen stehen am Abgrund und stecken trotzdem den Kopf in den Sand." Hat man je etwas vergleichbares gehört? Sand am Abgrund! Wenn das nicht ein Experte ist, dieser Herr John Hulsman! Er ist so sehr Deutschland-Experte, dass man meinen könnte, sein Deutschlandbild wäre von den Oskar-Verleihern geprägt, begänne um 1918 und ende abrupt im Jahre 1949. Was, frage ich mich, halten eigentlich die Amerikaner von sich selbst? Was beispielsweise geben sie auf 60 Jahre intensivster politischer, wirtschaftlicher und kultureller Einflussnahme? Alles verlorene Liebesmüh? Die USA am Abgrund ihrer Erziehungspolitik? Wohl kaum!

  4. Es standen nicht nur ein Finanz- und Wirtschaftsminister zur Wahl, sondern eine ganze Regierung. Wer kann denn schon ernsthaft Frau Merkels aussen- und kriegspolitischen Vorstellungen zustimmen?
    Hier in Kanada stand vor gut einem Jahr eine aehnliche Wahl an - die Liberalen waren durch einen Korruptions-Skandal schwer angeschlagen. Dennoch schaffte es der Anfuehrer der Konservativen nicht, die Macht zu erobern. Seine Fehler:
    - lautstarke Unterstuezung fuer Bush in Sachen Irak,
    - fehlender Nachweis von Regierungserfahrung,
    - hoelzernes Auftreten.
    Wenn die CDU es nicht schafft, aus ihren Reihen (durchaus vorhandene) Sympathie-Traeger als Kanzlerkandidaten zu rekrutieren und stattdessen erst Edmund, dann Angie presentiert, dann braucht man fuer die Deutung der Wahlergebnisse nicht erst im Haus der Geschischte herumzustoebern.

  5. ach du gruene neune, bitte nicht...
    der titel ist schon zu viel; lasz' doch dieses geseuesel um weimar endlich ruhen...
    es geht um die zukunft deutschlands, ein klares wort der waehlern ist gesprochen wurden, ein unbequemes wort, ein komplexes wort; ein wort, wo die politiker zur arbeit um ihr land aufgefordert werden, mal sehen ob sie's packen...
    das ist das eigentlich schoene und ruehrende, die deutschen wollen eine gesellschaft der gegenseitigen achtung, keine ausbeutung der oekonomische/sozial schwaecher gestellten; und[ein groszes und] erkennen die notwendigkeit aenderungen zu den herkoemmlichen sozialen konstrukten zu machen... die dinge sind komplex.. jetzt sind alle -ogen/-sophen/-nomen/-etc. in deutschland dran ihre koepfchen zusammen zu tun, und sich mal fuer ihr land etwas anzustrengen!
    auf, auf!

  6. Eine kleine Anmerkung zum Link von connjaust (http://www.ihr.org/jhr/v0...). Er führt auf die Seite vom Institute for Historical Review (IHR). Nach der Lektüre einiger einschlägigen Artikeln und einer kurzen Internet-Recherche, bestätigte sich der erste Eindruck, dass es sich hier wohl um ein Forum von Holocaustleugnern handelt. Hierzu einen Ausschnitt aus dem Lexikon des Informationsdienstes gegen Rechtsextremismus: "Das IHR wurde 1978 von Willis Alison Carto gegründet. Sitz ist in Kalifornien, USA. Es handelt sich dabei um die Denkfabrik der Holocaust-Leugner, die jährliche Treffen organisiert und das Journal for Historical Review herausgibt. Derzeitiger Direktor ist Mark Weber, der sich während der 70er Jahre als Aktivist der National Alliance betätigte. Das sich nach aussen seriös gebende Institut besetzt mehrere Aktionsfelder. So veranstaltet das IHR jährlich einen Kongress mit internationaler Beteiligung und gibt den Rundbrief "IHR Newsletter" sowie die Zeitschrift "Journal of Historical Review" heraus. Eine Auswahl von Artikeln erscheint auch online auf den Webseiten des IHR. Unter dem Deckmantel der wissenschaftlichen Seriosität leugnet und verharmlost das IHR die NS-Verbrechen, insbesondere den nationalsozialistischen Massenmord an den europäischen Juden. Insbesondere durch die jährlichen Kongresse bietet das IHR Amateur-Historikern aus aller Welt eine Plattform, um gegen die Ergebnisse der seriösen zeitgeschichtlichen Forschung zu polemisieren. Seit 1982 leitet der Amerikaner Thomas J. Marcellus das Institut. Es liegen verschiedene Artikel und Veröffentlichungen des IHR in deutscher Sprache vor, die unter anderem in der Monatszeitschrift CODE des Verlags Diagnosen erschienen. In der Vergangenheit arbeiteten die deutschen Revisionisten Udo Walendy, Thies Christophersen und Ernst Zündel als freie Mitarbeiter des Instituts. Auch die Revisionisten David Irving und Robert Faurisson arbeiteten für das IHR.“ (http://lexikon.idgr.de/i/...)

    • Typo
    • 22.09.2005 um 15:35 Uhr

    Conny, was war unseriös dran?

    Das ist glaube ich die eigentlich interessante Frage.

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