Interview Was wollte der Wähler?
Kinder wollen, dass ihre Eltern nicht lügen und trotzdem zusammenbleiben. So interpretiert der Filmemacher, Schriftsteller und Medienphilosoph Alexander Kluge im Gespräch mit ZEIT online das Wahlergebnis
ZEIT online:
Herr Kluge, mit diesem Wahlergebnis haben Sie doch auch nicht gerechnet, oder?
Alexander Kluge:
Es ist überraschend, und nun muss analysiert werden, was genau der Wähler will. Von Carl Schmitt existiert eine Untersuchung aller Wahlen seit der Fanzösischen Revolution von 1789. Und darin sagt er, die Wähler hätten eigentlich immer ganz sorgfältig, wie die Abiturienten, gefragt: Was entspricht der Wirklichkeit? Und das haben sie dann gewählt. Und diese Wirklichkeitsprüfung gibt es diesmal wieder. Sie haben sowohl radikale Änderungen gewählt, Änderungen bis hin zur einer Programmatik wie der von Mrs. Thatcher, und gleichzeitig haben sie Solidarität gewählt, Loyalität und Konsolidierung.
ZEIT online:
Und das wäre dann Schröder.
Kluge:
Das sollte man gar nicht nur parteipolitisch
differenzieren, denn auch in der CDU gibt es ja diese Tendenzen. Es
sind ja zwei Volksparteien, und innerhalb beider Volksparteien gibt es
diese zwei Richtungen. Das macht es für den Wähler schwer. Wir können
eben nicht so eindeutig sagen, die CDU stehe für Sozialabbau und die
SPD hätte ein Rezept gegen den Raubbau, der dem globalisierten System
immanent ist.
ZEIT online: Nun haben wir ja mit der FDP und der Linkspartei zwei ausgeprägte Positionen.
Kluge: Und zwar einander total entgegengesetzte.
ZEIT online: Beide haben zugelegt. Der Wähler hat sich also diesmal etwas weniger auf die beiden großen Kompromissmischungen eingelassen.
Kluge: Die Teilung in FDP und Linkspartei ist nicht der wirkliche Ausdruck des Wählerwillens. Die Mehrheit wählte die Volksparteien.
ZEIT online: Und was bedeutet das?
Kluge: Wenn Eltern miteinander streiten, wollen Kinder immer beides: Klarheit und doch, dass sie zusammenbleiben. Entschiedene Eltern, die aufeinander zugehen. So könnte man das Wahlergebnis deuten. Das wird noch ein schwieriges Problem für das Gemeinwesen werden, dass die Wahl allein nicht die Entscheidung bringen konnte, sondern dass überall nun die Zuspitzung des Unterscheidungsvermögens notwendig wird. Wir dürfen nicht einfach sagen: Da gibt es die Linkspartei und die FDP; wir also diejenigen, die unversöhnliche Gegensätze in der Gesellschaft nicht positiv finden müssen diese Entschiedenheit von den Rändern wieder in die Mitte transportieren.
ZEIT online: Der Union wurde allerdings in den vergangenen Tagen ein Schmitt'scher Dezisionismus nachgesagt, eine Vorlust aufs »Durchregieren« ...
Kluge: ... ja, und da gab es auch glücksspielerisches Verhalten. Was zwar nicht meinem eigenen gewünschten Verhalten entspricht, aber manchmal von Menschen gewünscht wird: Besser irgend eine andere ungewisse Realität als diese. Und das kommt genauso vor wie der Wunsch des Menschen, in der Welt der Vorfahren und der Realität zu verbleiben. Das ist keine echte Ambivalenz, sondern es sind zwei Wünsche, die gleichermaßen legitim sind. Und die hat der Wähler ausgedrückt.
ZEIT online: Man beobachtete das Dezisionistische in der CDU mit Merkels Entscheidung für Kirchhof ...
Kluge: Ja.
ZEIT online: ... und in Schröders Entscheidung für Neuwahlen.
Kluge: Beides war radikal. Wenn ich mir etwas wünschen könnte, wäre es eine Schröder-Merkel-Regierung, aber nicht als Große Koalition sondern als Temperamentmischung. Eine Teilung der Kanzlerschaft zwischen Schröder und Merkel wäre jedenfalls der Ausdruck dessen, was der Wähler diesmal wollte. Eine Chimäre. Einen Kentaur, wie in der Antike.
ZEIT online: Das klingt utopisch.
Kluge: Es passt nur nicht in die Hackordnung der Politik.
- Datum 21.09.2005 - 13:26 Uhr
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- Quelle (c) ZEIT online, 18. 9. 2005
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Ich denke, hier hilft weniger die Tiefenpsychologie, als die mehr oder weniger konkrete Angst der Wähler vor Verelendung von Körper und Seele. Der Wähler hat berechtigte Angst vor dem Neoliberalismus, dem Raubtierkapitalismus.
Aus dem Wahlergebnis läßt sich m.E. deutlich der Wählerauftrag ablesen, daß SPD/Grüne weiterregieren sollen, aber die SPD soll sich wieder auf ihre ursprünglichen sozialen Ideale besinnen und dem falsch verstandenen Darwinismus (Survival of the fittest), dem Neoliberalismus, abschwören. Der Neoliberalismus wird als unmenschlich, als kalt, als das Ende des Massenkonsums, als natur-, ja lebensfeindlich, empfunden. Die Existenz der WASG ist diesem Auseinanderdriften von Spitze und Basis der SPD zu verdanken. Die Stimmen der Linkspartei "gehören" demnach einer SPD, falls diese den neoliberalen "Verrat" der Parteispitze zurücknimmt. Falls die Regierung ihre soziale Ader, die soziale Marktwirtscahft, wiederentdeckt, dürfte eine politische Zusammenarbeit mit den Linken kein Problem mehr darstellen.
Es gibt eine Mehrheit jenseits des Neoliberalismus!
Hans-Joachim Heyer
http://die-zeit.de
Das ist die Frage, die ich mir nach diesem Interview stelle. Anscheinend verwendet Herr Kluge dabei eine andere Definition als ich, da genau das wissentliche prodagieren von Un- und Halbwahrheiten mein größter Vorwurf an die SPD im Allgemeinen, und Gerhardt Schröder im Besonderen ist. Auch seine persöhnliche Qualitäten beschränken sich meiner Meinung nach auf eine überragende Ausstrahlung, verbunden mit unglaublichen Selbstbewusstsein und einer gewissen Führungsstärke. Dies alles allerdings sind keine Eigenschaften, die von sich aus die Qualität eines Politikers anheben. Insbesondere wenn sie überwiegend genutzt werden um das Fehlen eigener Visionen zu kaschieren.
Ungeachtet politischer Präferenzen bin ich auch hier einmal wieder erstaunt wieviele persöhnliche Anhänger Herr Schröder hat.
Der Rest des Interviews enthält zwar einige interessante Gedanken, die angesprochene "Restunschärfe" bleibt mir allerdings etwas zu hoch. Oder um es anders zu sagen: "Kommen sie zur Sache Herr Kluge."
Kompliment, das ist auch in seiner Restunschärfe das Beste, was ich bisher zum Ausgang der Wahl gelesen oder gehört habe. Horizontaufzeigung, die braucht's wohl.
Ich bin über die Art des Interviews und die wahrhaft klugen Antworten sehr erfreut. Nach Wochen und Monaten der Wählerbeschimpfung und der Verspottung des Wahlvolkes als nützliche "idiotes", hat sich in der neuen differenzierten Unübersichtlichkeit ein Auftrag des Volkes an seine Politiker durchgesetzt. Überwindet eure vorgestanzten Festlegungen. - Ich bin optimistisch.
Kinder wollen, dass ihre Eltern nicht lügen und trotzdem zusammenbleiben. So interpretiert Alexander Kluge das Wahlergebnis. Manchmal wissen Kinder aber auch nicht, ob sie ihren Eltern überhaupt noch vertrauen können.So kann dieses Wahlergebnis auch gedeutet werden. Laut Tucholsky ist eine Regierung nicht Ausdruck des Volkswillens, sondern Ausdruck dessen, was ein Volk erträgt. Und nach drei Jahren Blockadpolitik der CDU/CSU zeigt das Volk, was Blockade auch sein kann.
Was tun nach einer solchen Wahl? Lesen, was Alexander Kluge sagt und dementsprechend handeln. Soliarität als Anker der Gesellschaft begreifen und sich daran festhalten, wenn die Wirklichkeit über uns hereinbricht.
Auch mir hat dieses Gespräch gefallen. Weil ich denke, dass genau das besprochen werden muss: Wie soll die Aufgabenverteilung in der "Familie Deutschland" aussehen.
Mir scheint, es hat sich heimlich still und leise in der großen Politik etwas ereignet, was auch in vielen Familien passiert ist: Man hat gemeint sich stillschweigend darauf verständigt zu haben, dass der jeweils andere sich schon kümmern wird. Wenn ich höre, wie in allen Medien das Votum "des Wählers" analysiert wird, beschleicht mich ein ziemlich mulmiges Gefühl. Weil: "Der Wähler" als Individuum existiert nicht. Es ist also auch nicht "seine Aufgabe" einen gesamtgesellschaftlichen Konsens darüber herzustellen, wohin es denn mit diesem "seinem" Land gehen soll. Es ist nicht einmal Aufgabe des Wählers, themenbezogene Mehrheiten in Einzelfragen zu schaffen. Weil es nämlich nicht in seiner Kompetenz liegt. "Der Wähler" ist weder demokratisch legitimiert, noch hat er die praktischen Möglichkeiten allumfassender Kommunikation. Er ist nicht einmal ausreichend informiert. Deutschland ist (auch, wenn mancher das gern hätte) doch kein einziger großer Stammtisch. Deswegen ist es ureigenste Aufgabe der Politik den gesellschaftlichen Diskurs so zu führen, dass themenbezogene Mehrheiten und im Idealfall eine Richtungsvorgabe möglich werden. Dafür, für nichts anderes, werden Politiker bezahlt. Dafür werden sie - wenn überhaupt - gewählt.
Wenn man erwartet, dass die Kinder die Eltern erziehen, kann man mitunter sein blaues Wunder erleben. Zielführend wirkt so etwas selten. Glauben Sie mir: Ich weiß, wovon ich rede.
Das Ergebnis der Wahl, das ja wohl von ausländischen Beobachtern als über Deutschland hinaus lähmend gesehen wird, weist vielleicht noch auf etwas anderes hin: Nicht nur auf die Wünsche an Politik sondern auch auf die Instrumente der Politik. Die scheinen manchem sicher wie stumpf gewordene Waffen: Unklarheit bleibt, welche Eingriffe und Reformen wirklich tragen ohne gleichzeitig wie Hartz Desaster anzurichten. Es gibt ein starkes Bedürfnis nach Orientierung und nach Lösungen, die nicht so grobrastrig sind, wie die von oben, die Menschen das Gefühl gegen, es geht aufwärts (was immer das heißt), aber nicht verbunden mit dem Risiko des persönlichen Abstiegs für einen bestimmten Prozentsatz. Das ist die wirtschaftliche Seite.
Welchen Preis ist eine Regierung bereit zu zahlen, um vielleicht 2/3 ihrer Bevölkerung den (materiellen) Status Quo zu sichern?
Unbeantwortet bleiben auch die Frage nach einem Entwurf und eine Debatte, in der es nicht um Steuersätze alleine geht. Man könnte erst einmal ansehen, was gibt es für ein positives Potential, welche Ressourcen sind da und wie kann man die zur Konsolidierung nutzen, welche Werte und Ziele gibt es? Was trägt dieses Land, woraus beziehen die Bürger ihre Identität außer aus dem Inhalt ihres Portemonnaies und was ist nötig, damit ein Land eine sozial sinnvoll funktionierende Gemeinschaft sein kann? Leider denkt Politik nicht so.
Der Kommentar von ZoeckelA ist interessant, zeigt er doch deutlich, wie zerrissen "Mensch" derzeit ist. Die fehlende Kompetenz, die hier dem "Wähler" diagnostiziert wird, aus welchen Gründen auch immer, ist genau die Sichtweise, die derzeitige Politiker und manch hoher Beante mehr oder weniger deutlich leben und manchmal auch zeigen. Dabei wird übersehen, dass sehr viele Politiker und Minister von der Wirklichkeit auch keine Ahnung haben - lassen sie doch "ihre" Programme von sogenannten Fachleuten und Ministerialbeamten ausarbeiten, die nicht selten dabei ihre ureigensten persönlichen Interessen einbauen und immer häufiger auch vor Statistikfälschungen, oder zumindest Über- und/oder Untertreibungen, keine Scheu haben. Wie kann man sich anmaßen, Menschen vorschreiben zu wollen, eine Familie mit 800 Euro ernähren zu müssen, wenn man selber monatlich mit 7500 Euro und mehr von "Vater Staat" und "Mutter Industrie" bedacht wird. Wo bleibt denn da der Blick für die Wirklichkeit? Und mittlerweile setzt sich auch und gerade in der "Erziehung" die Ansicht durch, dass Kinder zwar Führung bedürfen, schon allein um Grenzen, Respekt und Fairness zu erlernen. Aber es sind bereits vollständige Persönlichkeiten und Menschen, von denen manch "Erwachsener" durchaus auch etwas lernen könnte: z.B. Offenheit, (entwaffnende) Ehrlichkeit und i.d.R Angstlosigkeit vor neuen Wegen und Entdeckungen. Denn nur wenn ich neue Möglichkeiten versuche kennenzulernen, weiß ich, ob ich mich verbrenne oder aber ein schönes Erlebnis habe.
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