Presseschau Vorteil Grün
Fischer zieht sich zurück; den Grünen stehen alle Wege offen. Karsten Polke-Majewski kommentiert das aktuelle Meinungsbild

Die Republik sortiert sich, nach Tagen wirrer Farbenspiele und komplizierten Stimmen- und Sitze-Rechnens. Und weil erste Gespräche zwischen den Parteien gerade erst begonnen haben, darf jeder Kommentator sich seine Lieblingsregierung backen.
So fordert also die
Welt
, die Grünen mögen sich besinnen und Schwarz-Gelb zur Regierungsmacht verhelfen. Die
Frankfurter Allgemeine
dagegen ahnt, dass Schröder längst schon auf eine linke Mehrheit rechnet. Die
Financial Times Deutschland
schließlich löst Angela Merkel ab, entlässt den Bundeskanzler und tippt auf eine Große Koalition: Kanzler wird Roland Koch, Peer Steinbrück sein Vize.
Was soll man davon halten? Nichts. "Denken Sie doch an die Realitäten", hat Joschka Fischer gesagt - und ist abgetreten. Dafür wird er nun sehr gelobt. Staatsmännisch, hoch politisch sei dieser Akt des Rückzugs, Schröder Ähnliches zu empfehlen. Der heimliche Vorsitzende rät den Grünen nun zur "Erneuerung in der Opposition" und eröffnet seiner Partei eine Perspektive, an die bis zum Wahlabend niemand glauben konnte: Seit Sonntag sind ausgerechnet die Erfinder des rot-grünen Projekts die einzigen, die mit allen anderen koalieren könnten - und mit denen alle anderen, wenn teils auch schweren Herzens, zusammengehen wollen.
Auf einmal wird die Last von Doppelspitzen und personeller Vielfalt zur Chance. Schröder, Merkel, Westerwelle haben ihren Parteien persönlich Vorgaben gemacht, an denen die Parteien nicht vorbeikönnen. Schröder will in jeder Konstellation Kanzler bleiben, Merkel will in jedem Fall Kanzlerin werden, Westerwelle lehnt jede Zusammenarbeit mit der SPD ab. Die Grünen dagegen sind nicht mehr an die Vorgaben ihres Spitzenkandidaten gebunden.

Am Wahlabend
Flexibel wie nie, müssen die Grünen sich dennoch erst besinnen. Denn das Wahlergebnis sagt zweierlei: Die Wähler wollten Rot-Grün nicht mehr. Und sie haben einer wenn auch disparaten Linken die Mehrheit verschafft. Wirtschaftspolitisch stehen die Grünen zumindest der CDU nicht so fern, dass eine Zusammenarbeit undenkbar wäre. Ihre Idee davon, wie eine künftige Gesellschaft aussehen soll, ist jedoch eine völlig andere als diejenige, die in den Kreisen der Freien Demokraten und der neuliberalen Unionisten gepflegt wird. Wer über den Tag hinausdenkt, muss wohl zu dem Schluss kommen, dass Fischer Recht hat: Ampel wie Schwampel hält er für Unsinn.
Und Schröder? Der steht mit einem Mal ohne Kellner da. Hatte ihn schon am Wahlabend verloren; wer wollte, konnte es in der so genannten Elefantenrunde sehen. Nun muss ein anderer auftragen. Die
FAZ
hat bereits einen Kandidaten ausgemacht: "Schröder muss nur den Bundespräsidenten dazu bringen, ihn im Bundestag abermals zur Wahl vorzuschlagen - wenn alle Bemühungen um eine Koalitionsbildung gescheitert sind." Irgendjemand wird ihn dann schon wählen.
- Datum 21.09.2005 - 13:26 Uhr
- Quelle (c) ZEIT online, 21.9.2005
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