Triumph der Stadt Die Macht des Schicksals
Das heutige Dresden ist die eindrucksvolle Symbiose seiner (Bau-)Geschichte. Ein Rundgang
Verwundert es wirklich, dass es Dresden auch heute leicht fällt, seine Exklusivität zu preisen, um die Gefühle seiner Besucher mit den seltsamsten Extremen seiner Wirklichkeit aufzuwühlen? Die hatte erst recht begonnen, nachdem die Stadt erlitten hatte, was man den »Feuersturm« nennt, diese Nachtstunde am 13. und 14. Februar 1945. Immer noch hat die Fantasie Mühe, zu verstehen, was die Statistik so scheinbar plausibel unterbreitet: Zweieinhalb Monate vor dem Ende des längst verlorenen Krieges die gründlichste und überflüssigste Zerstörung, die bis dahin einer Stadt widerfahren war, ein Rekord, der ein halbes Jahr später mit der gleichen Wucht in Hiroshima gebrochen wurde. In exakt 56 Minuten war das alte Dresden, bei dessen Erwähnung die Schwärmereien aufflattern wie Taubenschwärme beim Händeklatschen, so gut wie vernichtet. Als die Stadt acht Jahre darauf enttrümmert war, hätte man mit dem Schutt einen fußballplatzgroßen Pfeiler von zweieinhalb Kilometer Höhe auftürmen können. Erst danach begann Dresdens neue Wirklichkeit, und nun unter dem Vorsatz, es »zur sozialistischen Großstadt umzugestalten«.
Aber wie? Alles möglichst so, wie es gewesen war? Oder lag es nicht nahe, die apokalyptische Leere, die damals der Blick vom Rathausturm nach Süden bis zum Hauptbahnhof eröffnete, als eine Chance zu begreifen? Ebenso radikal vorzugehen wie nach den Zerstörungen im Siebenjährigen Krieg? Nur wird sich, wer das stehen gebliebene Wohngebiet jenseits der Elbe in der Äußeren Neustadt durchstreift, fragen, warum er sich dort noch Jahre nach Kriegsende wohler fühlte als an den windigen, in Überweiten produzierten neuen Prachtstraßen, ob in der Johannstadt östlich der Altstadt, ob in der vom Bahnhof zum Altmarkt führenden Prager Straße.
Spätestens auf dem Altstadtterrain am Elbbogen, wo die Prachtexemplare aus Renaissance, Barock und dem 19. Jahrhundert alsbald wieder komplettiert, sorgfältig restauriert oder – so wie das Schloss – mit seltsamer Geschichtsversessenheit in einen vorwiegend neu erfundenen »historischen« Zustand zurückversetzt wurden – spätestens hier zwischen dem Altmarkt und dem Fluss ließ sich überdeutlich bemerken, um wie viel abwechslungsreicher, geduldiger, räumlich intelligenter man früher Straßen, Plätze und die dazu passende Architektur zu formen verstanden hat.
Und wie schwierig es nach 1945 offenbar geworden war, frei von allen Grundstückszwängen, wenngleich unter Zeitdruck eine gänzlich neue Stadt zu erfinden – mitsamt der Prager Straße, einem 700 Meter langen und 80 Meter breiten Boulevard: An seiner westlichen Seite erheben sich drei sich gleichende, untereinander mit flachen Bauten verbundene (Hotel-)Hochhäuser und etwas weiter ein Kaufhaus mit einer alle Horten-Bauten an Bildkraft übertreffenden Fassade; auf der östlichen Seite erstreckt sich die längste vielstöckige Wohnhausscheibe des ganzen Landes; dazwischen Pavillons, Brunnen, seitab das allbekannte Rundkino, und viel Platz, sich zu ergehen.
In den neunziger Jahren wurde dann die Fußgängerstraße durch ein paar erstaunlich intelligent gestaltete Gebäude verengt, man kann auch so sagen: in eine räumlich wirksame Fassung gebracht. Und nebenan ließ man die Wiener Architektengruppe Coop Himmelb(l)au den outriert schief-schrägen Glaspalast der UFA errichten.
- Datum 28.09.2005 - 13:26 Uhr
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