Bis zu 20.000 Menschen sollen durch die letzte Grippeepidemie gestorben sein, und zwar allein in Deutschland. Das hat das Robert-Koch-Institut (RKI) am Dienstag in Berlin bekannt gegeben. Mit dieser erschreckenden Zahl und einer vorgehaltenen Pandemiewarnung wollen die Regierung und ihre oberste Seuchenbehörde die Bürger nun zum Impfdoktor treiben. Wer sich nicht impfen lässt, kann angesichts solcher Zahlen nur unvernünftig sein, um nicht zu sagen: lebensmüde. Dazu noch asozial, weil er als Virenschleuder andere gefährdet. Und gefährlich, denn wer krank wird und sich zusätzlich noch mit der aufrückenden Vogelgrippe infiziert, gerät zum potenziellen Schmelztiegel für ein Supervirus, das die viel gefürchtete Pandemie auslösen könnte. Also: Unbedingt impfen lassen! Die Grippeschutzimpfung© Patrick Pleul ZB FUNKREGIO OST/lbn

Diese Botschaft unterscheidet sich natürlich in nichts von den Impfaufrufen der letzten Jahre. Seit einer Ewigkeit predigen das RKI und das Paul-Ehrlich-Institut als zuständiges Bundesamt für den Impfstoff, die Leute mögen sich doch eben mal pieksen lassen und damit die Ausbreitung und die Folgen der Krankheit sabotieren. Adressiert ist diese Botschaft vor allem an die Risikogruppen, das sind Alte, Kranke und Kinder. Und jedes Jahr folgt Monate nach dem Aufruf die Klage darüber, dass sich doch wieder viel zu wenige hätten impfen lassen. Im vergangenen Jahr waren es 18,3 Millionen, sagt das Robert-Koch-Institut, nicht mal ein Viertel der Bevölkerung. Damit das gesteckte Mindestziel der Impfexperten erreicht würde, müssten es schon ein paar Millionen mehr sein.

Nun ist die Wahrnehmung der Öffentlichkeit für dieses Thema aber schärfer denn je. Die Angst vor einer Pandemie, die Zahlen der Toten der letzten Saison, die hohe Präsenz in den Medien - in diesem Jahr könnte es mit dem Umdenken klappen. Es ist so ein Gefühl im Umlauf, dass es wohl besser wäre, sich mal impfen zu lassen. Und vielleicht gehen dann auf einmal 30 Millionen Menschen zum Haus- oder Betriebsarzt, um sich pieksen zu lassen. Oder 50 Millionen? „Vollkommen unrealistisch“, entgegnen unisono die Sprecher von Robert-Koch- und Paul-Ehrlich-Institut.

In der Tat wäre so eine Impffreudigkeit überhaupt nicht wünschenswert. Denn die Zahl an Dosen, die in diesem Jahr verfügbar produziert wird, liegt knapp über der Zahl von Menschen, die sich 2004 haben impfen lassen. Das ist immer so, weil die Hersteller nicht viel an dem Impfstoff verdienen. Also 20 Millionen Dosen. Das deckt kaum den Bedarf der Risikogruppen, geschweige denn den der Bevölkerung. Dazu kommt, dass die 20 Millionen Impfdosen noch nicht bereitstehen. Einer der zehn Hersteller für Deutschland musste einen Teil seiner Produktion wegen eines Sterilitätsproblems wegwerfen. Sämtliche Impfstoffhersteller haben in dieser Saison das Problem, dass einer der Virenstämme lausig wächst. Die Ausbeute ist entsprechend mickrig, und wer jetzt geimpft werden will, geht unter Umständen erst mal leer aus.

Also was nun? Impfen, damit man sich und andere schützt? Oder nicht impfen, damit andere, nämlich die Risikopatienten, sich schützen können? Das muss wohl jeder für sich entscheiden, denn auch die beiden Bundesbehörden PEI und RKI kennen keine Antwort auf diese Frage. Sie gehen davon aus, dass es in diesem Jahr genauso laufen wird, wie in allen Jahren zuvor. Ein Widerspruch in sich, aber einer aus Erfahrung. Wenn sie sich irren, wird es leider problematisch.