Wahl Merkel bleibt hart

Die CDU-Chefin lässt sich nicht beirren. Bundeskanzler Schröder dagegen scheint weich zu werden. "Alles" will er nun für eine grosse Koalition tun

Im Machtkampf mit Angela Merkel ist Bundeskanzler Gerhard Schröder von seinem kompromisslosen Führungsanspruch in einer großen Koalition abgerückt. »Ich bin dafür, dass diese Koalition zu Stande kommt, ich werde alles dafür tun, damit sie zu Stande kommt«, sagte Schröder am Sonntag im ARD-Fernsehen. Er fügte hinzu: »Die Führungsfrage wird gelöst werden, sie muss auch gelöst werden, aber sinnvollerweise doch erst, wenn klar ist, die wollen sich wirklich einigen.« Die Union hatte zuvor zur Bedingung für Koalitionsverhandlungen gemacht, dass die SPD Merkel als Kanzlerin akzeptiert.

Dieses Ultimatum wenige Tage vor einem zweiten Sondierungstreffen wies Schröder in dem ARD-Interview zurück. »Alles, was die Union jetzt versucht, ist, wie ich finde, sehr unziemlich, unanständig, Druck auszuüben auf die SPD. Und das wird die SPD nicht mit sich machen lassen.« Er verlangte stattdessen, erst über Sach- und später über Personalfragen zu reden.

CDU-Generalsekretär Volker Kauder hatte am Sonntag in einem dpa- Gespräch von der SPD die Anerkennung Merkels als künftige Regierungschefin verlangt. Andernfalls würden CDU und CSU erst gar keine echten Koalitionsverhandlungen beginnen. »Es muss klar sein, dass die stärkste politische Kraft auch die Kanzlerin stellt«, sagte Kauder. »Wenn über diese Frage keine Einigkeit besteht, machen Koalitionsverhandlungen keinen Sinn.«

Bei einer Feier zum 60-jährigen Bestehen der hessischen CDU in Neu-Anspach bei Frankfurt bekräftigten Merkel, CSU-Chef Edmund Stoiber und Hessens Ministerpräsident Roland Koch den Anspruch der Union. »Wir bestimmen, wer die Nummer eins in Deutschland wird, denn wir sind die stärkste politische Gruppe im Deutschen Bundestag«, sagte Koch. Die Union werde nicht mit einer SPD koalieren, die dies nicht akzeptiere und damit eine demokratische Grundregel auf den Kopf stelle.

SPD-Chef Franz Müntefering unterstrich in der »Bild am Sonntag«, die SPD wolle mit Schröder als Kanzler regieren. Die Entscheidung über Koalitionsverhandlungen mit der Union werde erst nach der Nachwahl am 2. Oktober in Dresden fallen. »Im Verlauf von Verhandlungen werden auch Personalentscheidungen zu treffen sein.«

Schröder verlor unterdessen mit seinem ursprünglichen Anspruch, in jedem Fall wieder Kanzler zu werden, an Rückhalt in der SPD. Nach Bremens Bürgermeister Henning Scherf kann sich nun auch der Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, Kurt Beck, eine Regierung ohne Schröder an der Spitze vorstellen. »In einer Demokratie sollte man niemals nie sagen«, sagte er dem Magazin »Focus«.

Für Aufsehen sorgte auch ein Bericht der »Bild am Sonntag«, wonach Schröder noch eine Zeit lang im Amt bleiben wolle und Merkel dann übernehmen könne. Möglicherweise könne der Kanzler »schon während der deutschen EU-Präsidentschaft, die Anfang 2007 beginnt, seinen Stuhl räumen«. Die »Bild am Sonntag« berief sich auf Informationen »aus der Umgebung des Kanzlers«. Die Meldung wurde von Regierungsseite am Sonntag nicht dementiert. Die Union lehnte den auch aus der SPD kommenden Vorstoß für eine geteilte Kanzlerschaft einhellig ab. Dies sei »eine Schnapsidee, jenseits unserer Verfassungsbestimmungen«, sagte der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff, der seinerseits eine mögliche Übernahme des Kanzleramtes ablehnte.

In einem Interview mit der Stuttgarter Zeitung hat der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der CDU/CSU, Wolfgang Schäuble, den Anspruch der Union auf das Kanzleramt bekräftigt: "Angela Merkel wird die nächste Kanzlerin." Er sei auch zuversichtlich, dass die Regierungsbildung im Oktober gelinge. "Es wird entweder eine große oder eine Jamaika-Koalition geben", sagte Schäuble. Für eine Schwampel mit der FDP und den Grünen aber seien "die Türen nicht ganz zu". Andererseits stünden die Türen für eine große Koalition mit der SPD "auch nicht sperrangelweit offen". Die CDU wolle sich aber nicht in die Personaldiskussion "der anderen Seite" einmischen, sagte Schäuble. "Wir sagen ja nicht, dass Herr Schröder nicht Vizekanzler werden darf."

Union und SPD werden diese Woche zu verschiedenen Gesprächen zusammenkommen. Nach dpa-Informationen werden an den Vorbereitungstreffen für das am Mittwoch geplante Sondierungsgespräch auf Seiten der Union Kauder und Bayerns Staatskanzleichef Erwin Huber teilnehmen, auf SPD-Seite Bundesgeschäftsführer Kajo Wasserhövel und Kanzleramtschef Frank-Walter Steinmeier. Das eigentliche Sondierungsgespräch soll in größerer Runde ablaufen als die erste Begegnung am vorigen Donnerstag.

Kauder erwartet bei den Gesprächen zwischen Union und SPD in dieser Woche keine vertieften inhaltlichen Diskussionen. Es werde auch allenfalls über Ziele, nicht aber über Instrumente gesprochen werden.

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Leser-Kommentare
  1. Gerhard Schröder scheint langsam in der Realität anzukommen - und festzustellen, das sein 'No Angie'-Feldzug zwar im eigenen Lager zieht, aber auf der anderen Seite die Union nur um so fester zusammenschweißt. Hat er das Beharrungsvermögen der Angela Merkel wirklich erst jetzt bemerkt ?

    • Ulstue
    • 26.09.2005 um 12:54 Uhr

    Die Union gibt seit Edmund Stoibers Auftritt als Fünf-Minuten-Kanzler 2002 den Frühstarter. Bei der aktuellen Wahl wurde die Union abgewählt bevor sie an der Macht war. Frau Merkel lässt sich schon Frau Bundeskanzlerin nennen und verteilt Ministerposten bevor die Wahl gewonnen ist - verliert die Vertrauensfrage bevor sie Kanzlerin war. Abschliessend klebt Sie nun am Sessel auf dem Sie doch noch gar nicht sitzt.
    Sekundenkleber-Angie? Oder versucht die Union einfach die Koalitionsverhandlungen zu blockieren, um auf dem Schleichweg doch noch zu Neuwahlen zu kommen, wie sie das ja vor der Wahl angekündigt hat?

    • panos
    • 26.09.2005 um 15:45 Uhr

    Schauen wir uns einmal das "Drehbuch der Wahlen" an, so stellen wir doch fest, dass sich alle Parteien, sich die allgemein als schlecht empfundene Situation in Deutschland zu nutze gemacht haben, um Schuldzuweisungen gegenüber den "Antagonisten" zu treffen. Als Hauptdarsteller stellten sich hier Herr Westerwelle, Merkel und Co. an die Spitze dieser Anschuldigungen. Diese Anschuldigungen sind verantwortlich für die momentan festgefahrene Situation.
    Die Wahlen sind gelaufen, der Vorstellung nach sollte es ein eindeutiges Wahlergebnis geben, nachdem das Volk entscheiden sollte wer an die Macht kommt. Leider war hier keiner Partei aufgefallen, dass dieses letze Kapitel, genannt Wahlergebnis, des Buches nicht vollendet war und es somit noch eine Unbekannte (das vorläufige Ergebnis) gab.

    Die Parteispitzen haben zur Zeit des Wahlkampfes die schlechte Methode gewählt, sich als "Retter vor dem Schlechten" darzustellen. Mit diesem Schlechten soll jetzt eine Koalition eingegangen werden?!
    Wie sollen diese Umstände den Wählern erklärt werden?? Wie soll ein Herr Westerwelle erklären, dass nahezu alles, worauf er seine Reden gestützt hat (rot/grün Kritik), Makulatur war und sein Ziel lediglich das Mitregieren ist? Würde er dei Ampelkoalition eingehen, wäre dies nicht der Betrug seiner Wähler und würde er nicht seine Glaubwürdigkeit mit einem Mal verlieren??

    Abschließend bleibt also festzuhalten, dass jede Partei mit dem Anspruch eines eindeutigen Wahlergebnisses in den Wahlkampf gegangen ist, und somit vergessen hat, sich ein Törchen aufzuhalten, wenn es nicht so kommen sollte. Die Statik und das Kontentrieren der Parteien, den Gegner schlecht zu reden, sind Grund für die derzeitige Situation... Es bleibt also die Fortsetzung abzuwarten...

    P

  2. Die Absicht der Unions-Parteien einen Deutschen Kulturkampf auszutragen, kann angesichts der hartnäckigen Weigerung von Angela Merkel, nicht eine Sekunde lang ihre Kandidatur in Frage stellen zu lassen, als ausgemacht angesehen werden.

    Sie ist Deutschland und wir, die anderen, die ihr die Stimme verweigerten, sollen wohl alle als LINKS abgestempelt werden, oder was?

    Das dem mitnichten so ist, aber bedenkenlos mit solchen Unterstellungen operiert wird, darf nicht unwidersprochen bleiben. Eine Staats-Tradition war es seit 1949 auch, die Andersdenkenden mit aller Macht zu diskreditieren.

    Adenauer, der die Ostdeutschen hinter die Elbe zurückgedrängt hatte, bekam mit dem Mauerbau dafür die Quittung.

    Das Gemäuer der Unions-Parteien wird allerdings nicht so lange halten, denn wer heutzutage die Spaltung des Landes im Sinn hat, sollte bei mutwillig herbeigeführten Neuwahlen, die Klatsche erhalten, die er verdient.

    • ITSLTD
    • 26.09.2005 um 15:54 Uhr

    Mein Rat an Gerhard Schröder: Hart bleiben!

    Soll Angela Merkel doch ruhig die Sondierungsgespräche scheitern lassen!

    Ein solches Scheitern wäre der sichere politische Tod der Angela Merkel, schnell wären andere, die auf ein solches Geschenk nur warten (Koch & Co.) bereit, die Gespräche fortzusetzen.

    Schröder dagegen würde ein (erstes) Scheitern der Gespräche in den eigenen Reihen nicht ernsthaft beschädigen ....

    Das Interview von Schröder am vergangenen Sonntag zeigt (wieder einmal) die Weltklasse dieses Politikers:

    Auf der einen Seite will er "alles tun" um die Koalition zu ermöglichen und bringt damit Merkel weiter unter Druck, auf der anderen Seite fällt kein Wort darüber, ob er auf seinen Anspruch (Kanzleramt) verzichten will.

    Der Rest und die Berichterstattung sind - wie immer - Spekulationen der Medienlandschaft, die aus fehlenden Informationen so gern "Nachrichten" macht.

    • ClausM
    • 26.09.2005 um 16:57 Uhr

    Im Wahlkampf hat Herr Schröder wieder eine perfekte Show abgeliefert. So perfekt, dass viele Wähler die 7 Jahre seiner Kanzlerschaft vergessen haben.

    Nun kennen wir alle Stärken von Herrn Schröder, Kanzler zu sein gehört nicht dazu. Aber er hat sich als der perfekte Showmaster erwiesen.

    Vielleicht kann er sich mit Herrn Gottschalk abwechseln!!

    • ben105
    • 26.09.2005 um 18:43 Uhr

    Schon am Mittwoch nach dem ersten Gespräch sagte Simone Fibiger auf Phoenix, daß das Ergebnis des Gesprächs war, daß Schröder einen staatsmännischen Abgang bekommt, die SPD ein paar Pöstchen mehr als gedacht und Angela Merkel Kanzlerin wird. All das Geplänkel jetzt, ist nur Teil des Rückzugs der SPD. Zu denken sollte einem nur geben, wie die Journalisten in Deutschland - mit Ausnahme eben von Simone Fibiger - die Show mitspielen. Auch die Zeit macht da keine Ausnahme.

  3. Wann wird die Union wohl begreifen, daß dieses Wahlergebnis auf Frau Merkel zurückzuführen ist?

    Schon vor der letzten Wahl waren die 3 M's (Merkel, Merz und Meyer) Schröders beste Wahlhelfer. Diesmal waren es Merkel, Kirchhof und Stoiber.

    Daß die Union jetzt das Gespräch um die Sachthemen ablehnt und statt dessen die Personalfrage in den Vordergrund stellt zeigt überdeutlich, daß es ihr nicht um Deutschland geht, sondern um Macht, Posten und Profil.

    Fakt ist doch wohl, daß die Ziele von Union und SPD gar nicht so weit auseinander liegen. Mit einer stabilen Mehrheit von 70% im Bundestag und dem entsprechenden Rückhalt im Bundesrat wäre es jetzt möglich, einen großen Schritt in die richtige Richtung zu gehen.

    Statt dessen wird um Stühle diskutiert und an allem ist natürlich der Wähler schuld. Er hat die genialen Konzepte nicht begriffen, er kann sich nicht entscheiden und vor allem hat er die Zeichen der Zeit nicht verstanden!

    Danke Frau Merkel, glauben Sie bloß nicht, daß ich das alles vergesse.

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