china Zwei Millionen einsame Männer
Das Internet hält Einzug in den chinesischen Alltag
520 Digital Place nennt sich ein Internetcafé in einem Pekinger Kaufhhaus-Keller. Xie Lin, eine junge Buchhalterin im Girlie-Look, lümmelt gelangweilt vor einem nagelneuen Rechner mit Flachbildschirm. Nebenbei telefoniert sie über Handy mit einer Freundin. Xie Lin ist dabei, eine Hongkonger TV-Serie runterzuladen – natürlich nicht vom Originalvertrieb.
Xie Lin findet daran nichts Ungewöhnliches. Sie weiß nichts davon, dass „Baidu“, das chinesische Google, zur Zeit wegen Copyrightverletzung vor Gericht steht. Westliche Film- und Musikstudios wie Universal, EMI und Warner haben gegen die kostenlose Bereitstellung von geschützten Daten auf der chinesischen Suchmaschine geklagt. Als Xie Lin davon hört, zuckt sie die Schultern. Zahlreiche andere Download-Foren stehen ihr zur Auswahl. Sie greift sich ihr gefälschtes Prada-Täschchen, loggt sich aus und verschwindet in der Shoppingmall.
Wie Xie Lin beweger sich immer mehr Chinesen mit Selbstverständlichkeit und Selbstbewußtsein im Internet. Über 100 Millionen Anschlüsse sind bisher angemeldet, Ende des Jahres werden es 134 Millionen sein. Damit ist China die am schnellsten wachsende Internetgemeinde der Welt. Wobei viele Nutzer nicht über einen eigenen Anschluss verfügen, stattdessen die riesigen Internetcafés besuchen, die häufig tageslichtunabhängig in den Untergeschossen der zahlreichen Shoppingmalls eröffnet haben. Oder sich auf Dörfern in alten Ziegelhütten verstecken.
Am häufigsten nutzten die Chinesen das Internet als Nachrichten- und Informationsquelle. Fernsehen und Zeitungen werden in China stark zensiert. Zwar dürfen auch die populären Internetportale wie sohu.com oder sina.com keine anderen als die offiziellen Nachrichten veröffentlichen. Doch bieten sie Nutzern Raum für Kommentare und Links zu Chatrooms und themenverwandten Webseiten an, was im Ganzen ein sehr viel breiteres Meinungsspektrum abdeckt als die herkömmlichen Medien. Auch haben die großen Portale bisher die Erlaubnis, bei Journalisten und Schriftstellern zusätzliche Texte zu vorgegebenen Themen anzufordern, die meist in einem lockeren, dem Internet angepassten Ton geschrieben sind.
Ein neuer Trend sind die virtuellen Partnerbörsen. Chinas zahlreiche neue Heiratsmärkte präsentieren sich im EDV-Gewand. Meist sucht Er Sie. Auch Er sucht Ihn. Das Problem: Partnerinnen sind Mangelware, ein Resultat vor allem der Ein-Kind-Politik. Gerade einmal 39.082 Frauen haben für den Raum Peking an der Partnerbörse asiafriendfinder.com inseriert. Dagegen stehen für Peking 482 800 Männer zur Auswahl. In ganz China sind es sogar 1 950 365 männliche Kandidaten. Die Informationen über sie sind knapp gehalten. Der erste Eindruck muss genügen. Wie anders ließe sich das Millionenheer einsamer Männerherzen überschauen.
Immer massenhaftere Nutzung aber bedeutet nicht unbedingt größere Freiheit im Internet. Die chinesische Regierung hat jüngst neue Verordnungen erlassen, die den Gebrauch des Internets einschränken. Bald könnte den chinesischen Internetportalen verboten werden, weiterhin unabhängige Kommentare zu den staatlich vermeldeten Nachrichten zu publizieren. Auch sollen Einzelpersonen und Organisationen, die über Mailing-Listen Informationen versenden, künftig gezwungen werden, sich als Medienorganisation registrieren zu lassen. Andere Bestimmungen versuchen die Anonymität von Chatroom-Teilnehmern aufzuweichen. Niemand darf in Zukunft durch seine Beiträge im Internet, „Gerüchte verbreiten, die gesellschaftliche Ordnung verletzen und die Stabilität bedrohen“. Darunter könnte im Zweifel jeder unerwünschte Kommentar fallen.
In einem Internetcafé im Haidianviertel nahe der Peking-Universität aber kümmern sich die Studenten nicht um neue Zensurbestimmungen. Hier werden mythischere Konflikte ausgefochten. Rund 150 Monitore flimmern Seite an Seite, am späten Nachmittag sind fast alle besetzt. Über ihnen hängt ein Werbeplakat für Chinas neueste Surfsucht: The World of Warcraft. Seit Juni diesen Jahres gibt es die chinesische Online-Version von Blizzards Computerspiel-Klassiker. Einen Monat später hatten bereits 1,5 Millionen kleine chinesische Warlords den Multi-Player-Modus abboniert. Sie alle befehligen ihre eigenen Armeen aus Menschen, Elfen, Orks und Untoten und sammeln fleißig Erfahrungspunkte für individuelle Superhelden, die in den entscheidenden Schlachten den Ausschlag geben. Nun will die chinesische Regierung die Kampfspielbegeisterung nutzen und demnächst ein Propagandaspiel über den anti-japanischen Krieg der Kommunisten herausbringen.
- Datum 05.10.2005 - 13:24 Uhr
- Serie cvd
- Quelle (c) ZEIT online, 5.10.2005
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