Das Risiko, sich mit Aids zu infizieren, wird in Deutschland offensichtlich nicht mehr ernst genug genommen. Das zeigen zumindest die aktuellen Zahlen des Berliner Robert-Koch-Instituts (RKI). Demnach haben sich in den ersten sechs Monaten dieses Jahres zwanzig Prozent mehr Menschen mit HIV angesteckt als im vergleichbaren Zeitraum des Vorjahres. In absoluten Zahlen sind das 1.164 Neuinfektionen, von denen knapp 80 Prozent Männer, und nahezu 60 Prozent Schwule sind. Das Infektionsrisiko für homosexuelle Männer ist damit doppelt so groß wie vor vier Jahren - und so hoch, wie seit zwölf Jahren nicht mehr.

Ganz überraschend kommt diese Entwicklung nicht. Bereits 2001 häuften sich Berichte über eine Zunahme sexuell übertragbarer Krankheiten, wie der Syphilis. Erwartungsgemäß stieg dann, mit einem Jahr Verzögerung, auch die Zahl der HIV-Infektionen wieder an. Und trotzdem sind die aktuellen Ziffern in ihrer Größe doch besorgniserregend. "Dieses Ausmaß einer Zunahme hatten wir so nicht erwartet", bestätigt Ulrich Marcus, stellvertretender Leiter des Fachgebiets HIV und Aids am RKI.

Aber warum machen die Zahlen nun diesen Satz nach oben? "Im Grunde wissen wir längst, dass die Neigung, Kondome zu benutzen, abnimmt", sagt Marcus. Auch sei eine klare Tendenz zu erkennen, dass sich einmal getestete Personen dauerhaft nach ihrem amtlichen HIV-Status richten - selbst wenn der schon ein halbes Jahr alt ist. Die Details des veränderten Schutzverhaltens sind den Experten allerdings ein Rätsel. Ist es eine wachsende Zahl Infizierter, die ihre nicht-infizierten Partner mutwillig einem enormen Ansteckungsrisiko aussetzen? Oder gehen vermeintlich Nicht-Infizierte einfach zu lax mit dem Thema HIV um? Um diese und andere Fragen zu klären, will das Robert-Koch-Institut jetzt eine ganze Reihe von Studien auf den Weg bringen. Verschiedene Fragebögen und direkte Gespräche sollen das Risikoverhalten vor allem von homosexuellen Männern unter die Lupe nehmen. "Geplant ist auch, dass die Befragten zusätzlich zu ihren Antworten noch eine Blutprobe abgeben", sagt Ulrich Marcus. "Daran könnte man gut erkennen, wie die Angaben der Testpersonen mit der Praxis übereinstimmen."

Erst wenn diese Details offen liegen, lassen sich gezielte Maßnahmen ergreifen, um die Betroffenen, und das sind nun mal vorwiegend Männer die Sex mit Männern haben, wieder ans Kondom zu kriegen. Prävention allerdings kostet Geld, und davon haben die Aids-Hilfen und Beratungsstellen schon jetzt zu wenig. Auf ihrer Jahresversammlung und nach Veröffentlichung der RKI-Zahlen appellierte die Deutsche Aids-Hilfe an die Länder und Kommunen, einer dringend notwendigen Verstärkung von Präventionsbemühungen nicht durch Etatkürzungen das Wasser abzugraben. Wie wirksam die "lebensstilakzeptierende" Beratung und Betreuung von Risikogruppen sei, könne man an den Drogenkonsumenten erkennen: In Deutschland stellen sie nur noch 5 Prozent aller Neuinfektionen, auch die absolute Zahl betroffener Junkies ist nicht gestiegen.

Und dann sind da noch die Medien, die sich - wenn überhaupt - nur noch einmal im Jahr, nämlich zum Weltaidstag am 1.Dezember, dem Thema HIV zuwenden. Auch das trägt dazu bei, dass die Öffentlichkeit sich kaum noch mit den Risiken des Virus' auseinandersetzt. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, deren Etat seit den 1990iger-Jahren auf ein Drittel der einst 25 Millionen Euro jährlich geschrumpft ist, hat eine repräsentative Umfrage durchgeführt: Aids im öffentlichen Bewusstsein , bestätigt, dass gerade jüngere Menschen wenig über die Krankheit wissen. Viele Jugendliche denken, dass ihnen selbst nichts passieren kann, dass nur Randgruppen dieses Problem hätten. Und nicht nur Jugendliche schützen sich weniger. Vor zehn Jahren hielten noch 60 Prozent der Deutschen Aids für eine der gefährlichsten Krankheiten, heute sieht das nur noch ein Drittel so. Die Gefahr wird auch deshalb unterschätzt, weil viel von den verbesserten Behandlungsmöglichkeiten berichtet werde und die Menschen Aids nicht mehr als tödliche Krankheit wahrnehmen.

Außerdem erklärt Dr. Elisabeth Pott, Direktorin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: „Vor allem der rasante Anstieg der Infektionszahlen in Zentral- und Osteuropa führt zu einer wachsenden Gefahr für Deutschland. Aufgrund der steigenden Mobilität nimmt das Risiko auch in Deutschland zu, auf Menschen zu treffen, die bereits infiziert sind.“ Das ist vor allem auf dem undurchsichtigen Feld der Prostitution ein Thema. "Viele Migrantinnen aus dem Osten arbeiten in Deutschland als Prostituierte, und für ungeschützten Verkehr bekommen sie auch besonders viel Geld", sagt HIV-Experte Marcus. Die Zunahme der HIV-Infektionen bei Heterosexuellen sei aber vielleicht auch durch ein "Überschwappen" aus der Gruppe der Schwulen zu erklären, und zwar über Männer, die bisexuell sind und das Virus dann an ihre weiblichen Partner weitergeben.

Anders als bei homosexuellen Männern, die sich das Virus fast immer zu Hause in Deutschland einfangen, stecken sich Drogensüchtige und Heterosexuelle durchaus auch auf Reisen an: Bei ihnen erfolgt schon jede vierte Infektion im Ausland, wobei das Risiko, sich in Osteuropa anzustecken, besonders hoch ist. Was den europäischen Rest betrifft, herrscht allerdings wenig Klarheit über die Ausbreitung der Krankheit. "Spanien und Italien haben überhaupt kein Meldesystem, Frankreich ist gerade dabei, eines zu etablieren", sagt Ulrich Marcus. Nach Schätzungen der UNO hat sich die Zahl der HIV-Neuinfektionen in ganz Europa von 1996 bis heute aber verdoppelt.

Ist diese Entwicklung noch aufzuhalten? Das Engagement ist noch verhalten, und bis klare Ziele für verstärkte Präventionsbemühungen erkannt sind, wird es noch ein paar Jahre dauern - Jahre, in denen die Zahlen weiter nach oben schnellen werden, meint RKI-Experte Marcus. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und der Verband der Privaten Krankenversicherungen planen derweil, am kommenden Welt-Aids-Tag im Dezember auf Promis zu setzen: Tennisstar Boris Becker und Schauspielerin Christiane Paul sollen sich unter anderem für die Kampagne stark machen. Dass solche Kampagnen effektiv sind, wenn sie sich doch gar nicht an die tatsächlichen Risikogruppen richten, ist leider nicht zu erwarten.