Selten waren sich die Deutschen so einig wie in der Debatte über Kinderlosigkeit. In der Bundesrepublik werden nur rund 1,4 Kinder pro Frau geboren, und schuld am Fehlen des nationalen Nachwuchses sind die Akademikerinnen. Deren Gebärstreik lässt sich an einer besonders imposanten Zahl belegen: 40 Prozent. So viele der gebildeten jungen Frauen – wenn nicht gar mehr - bleiben ohne Nachwuchs, hieß und heißt es quer durch die Medien. Doch während sich eine leidenschaftliche Diskussion über das „Warum“ dieser unerhörten demografischen Ziffer entspannt hat, geht eines völlig unter: Die Zahl ist schlichtweg falsch.

„Tatsächlich tappen wir bei der Kinderlosigkeit ziemlich im Dunkeln“, sagt Michaela Kreyenfeld, Wissenschaftlerin am Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock, „denn verlässliche Daten gibt es in Deutschland dazu nicht.“ Anfang Oktober hat die Demografin ihre Forscherkollegen nach Rostock geladen, um das deutsche Datendilemma zu diskutieren. Was in der öffentlichen Debatte meist unerwähnt bleibt, ist den Wissenschaftlern lange bekannt: Die Daten der amtlichen Statistik zur Kinderlosigkeit sind nutzlos. Auch die Standesämter melden zwar jede Geburt, zählen aber deren Reihenfolge pro Frau nur innerhalb einer bestehenden Ehe. Heiratet eine Mutter erstmals oder wieder, springt der Zähler wieder auf Null. Für heutige Familienverhältnisse ist kaum nachvollziehbar, ob eine Frau wirklich nie, oder nur scheinbar nie geboren hat.

Das Statistische Bundesamt benutzt deshalb einen anderen Datensatz für seine Berechnungen: den Mikrozensus. Jedes Jahr schließt diese verpflichtende Befragung zu Arbeitsmarkt, Wohn- und Lebenssituation über 800.000 Bundesbürger mit ein. Eigentlich eine traumhafte Informationsquelle für die Demografen: die Umfrage ist repräsentativ und hat riesige Fallzahlen. Dumm nur, dass die befragten Frauen darin nicht angeben müssen, wie viele Kinder sie zur Welt gebracht haben. Nur die im Haushalt lebenden Kinder werden gezählt und der Frau – wenn vorhanden – zugeschlagen. „Wenn die Frau aber schon etwas älter ist, dann ziehen die ersten Kinder bereits wieder aus und entgehen der Zählung“, sagt Christian Schmitt vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin. Das Ergebnis ist paradox: Mit steigendem Alter steigt die Kinderlosigkeit. Statistiker versuchen diese Logikfalle zu umgehen, in dem sie den „tatsächlichen“ Wert der Kinderlosigkeit bei dem Alter ablesen, wo er am kleinsten ist, wo also der vermeintliche Kinderschwund noch nicht begonnen hat - nämlich bei Frauen zwischen 35 und 39 Jahren. Für Universitätsabsolventinnen kommt man so tatsächlich auf 39 Prozent ohne Kinder. Aber genau ist die Methode nicht. Vor allem mit dem Gebärverhalten der Akademikerinnen hat das Ergebnis kaum etwas zu tun. Gebildete Frauen bekommen immer später Kinder, die endgültige Kinderlosigkeit dieser Gruppe ist weit niedriger, als die Statistik behauptet. „Die Mikrozensus-Ergebnisse sind übertrieben“, sagt Christian Schmitt.

Schmitt überraschte im Frühjahr mit anderen Zahlen. Der Anteil kinderloser Akademikerinnen betrug seinen Berechnungen zufolge nur gut 25 Prozent. Von der durchschnittlichen Kinderlosigkeit von etwas 20 Prozent unterschiede sich die der Akademikerinnen dann nur noch schwach. Schmitt stützt seine Berechnungen auf das „Sozio-oekonomische Panel“ des DIW, bei dem die Fallzahlen zwar im Vergleich zum Mikrozensus mager sind, das aber sehr genau Zeitpunkt und Alter der Mutter bei der Geburt erfasst, und so jeder individuellen Frauen-Biografie gerecht wird.

Die offengelegte Diskrepanz wollen amtliche Statistiker aber nicht auf sich sitzen lassen. Vergangene Woche in Rostock rechneten Mitarbeiter des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB), dem „demografischen Arm“ des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden, vor, dass man fast die selben Ergebnisse auch mit dem Mikrozensus bekommt. Wenn man nur die richtigen, also ältere, Frauenjahrgänge betrachtet und zudem auch Fachhochschulabsolventinnen zu den Akademikerinnen rechnet. Die gebären nämlich mehr als Frauen mit Uni-Abschluss. Die neu berechneten Daten des BiB zeigen: Der Anteil endgültig kinderloser Akademikerinnen liegt nicht über 30 Prozent. Die Statistiker halten den Mikrozensus damit für rehabilitiert. An der mächtigen Erhebung, so der Tenor von behördlicher Seite, führe ohnehin kein Weg vorbei.

Damit haben sie leider recht. Welche Untersuchungen die Wissenschaftler in der Hansestadt auch präsentierten - ob zum Einfluss der Bildung, des Einkommens oder des Schulabschlusses auf die Kinderzahl, oder ob zur Frage nach Kinderlosigkeit bei Männern: Immer mussten sie, um eine belastbare Datenmenge zu haben, auf den Mikrozensus zurückgreifen. Und nach jedem Vortrag kam die selbe Frage aus dem sensibilisierten Auditorium: Habt ihr wirklich das gemessen, was ihr glaubt?