Demografie Von wegen 40 ProzentSeite 2/2
„Mit den deutschen Daten kann man kaum Analysen machen“, sagt Michaela Kreyenfeld. Das bedeutet auch, dass sich die Politik besser nicht durch Studien auf Basis der Mikrozensus beraten ließe. Was die MPI-Forscherin aus Rostock deshalb nicht verstehen kann: Als 2004 das Mikrozensusgesetz und damit der Fragenkatalog der Erhebung neu beschlossen wurden, sollte eigentlich die entscheidende Frage nach der tatsächlichen Anzahl der Kinder einer Frau – gebunden an ihre Person – eingefügt werden. Das Datenproblem wäre mit einem Schlag gelöst gewesen. Doch der Bundesrat schmiss die Frage wieder aus dem Katalog. In der offiziellen Begründung hieß es, eine solche Auskunft sei zu intim, Frauen müssten eventuell geheime Kinder gestehen. Forscherin Kreyenfeld, selbst Mutter, hält das für absurd. „Wieso kann ich jemanden nach seinem Einkommen befragen, nicht aber nach seinen Kindern?“
Offen will in Rostock niemand eine Antwort darauf geben. Offen wollen auch die Mitarbeiter des Bundesinstitutes für Bevölkerungsforschung in den Medien nicht zum demografischen Datendefizit, sprich den Unzulänglichkeiten des Mikrozensus, zitiert werden. Das sei eine Anweisung von ganz oben, aus dem Innenministerium, das letztlich über den Mikrozensus wacht.
Hinter vorgehaltener Hand aber sprechen die Forscher von der politischen Dimension des demografischen Datendurcheinanders. Die unglückliche Kommunikation der 40 Prozent Kinderlosigkeit bei Akademikerinnen sei vielleicht kein Zufall, gibt ein Vertreter der amtlichen Statistik zu: „Mit dramatischen Zahlen erreicht man eben mehr Öffentlichkeit.“ Genau das war nach dieser Interpretation das Ziel des Statistischen Bundesamtes. Dessen Pressemeldungen waren es nämlich, die die 40 Prozent erst in Umlauf brachten. Einige Forscher sehen sogar eine klare politische Absicht hinter dem Neubeschluss des Mikrozensusgesetzes. Es sei absichtlich verhindert worden, dass die Daten ein realistisches Bild der Kinderlosigkeit zeichnen könnten. Das konservative Familienbild mit der Mutter am Herd lasse sich eben besser aufrecht erhalten, wenn es so aussehe, dass die Familienplanung emanzipierter junger Akademikerinnen grandios scheitere. Eine gewagte These, könnte man meinen. Wäre da nicht ein weiteres Detail: Der von der Union dominierte Bundesrat stimmte nicht nur gegen die Kinderfrage, sondern strich auch die Frage zum Wunsch nach Kinderbetreuung aus dem Mikrozensus. Eine Zahl, die den Verfechtern der Vereinbarkeit von Beruf und Familie schmerzlich fehlen wird.
Wie sie angesichts des demografischen Datendunkels über die Ursachen der Kinderlosigkeit überhaupt anständig forschen sollen, ist vielen der in Rostock versammelten Wissenschaftler schlicht ein Rätsel. Hilflos zitierte einer am Ende seines Vortrages den Griechen Perikles: „Es kommt nicht darauf an, die Zukunft vorauszusagen, sondern auf sie vorbereitet zu sein.“ Ohne eine wissenschaftliche Politikberatung auf Basis fundierter Zahlen dürfte das schwierig sein.
- Datum 29.07.2008 - 15:43 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle (c) ZEIT online, 9.10.2005
- Kommentare 20
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







Sehe ich auch so
Völlig zu recht fragt man sich ob es bei dem Thema um Schuld gehen kann. Für diejenigen die einen Schuldkomplex herbei zu manipulieren suchen ist das ganz klar. Frau+Schuldkomplex=Babys
Klingt ein wenig wie: "UggaUgga" Primitiv aber wirksam.
helfen doch niemandem. Wahrscheinlich geht es auch mehr um Ursachenforschung. Ob die Zahl der kinderlosen Akademikerinnen bei 24,5 oder 69,2% liegt ist auch fast egal. Eine Frau, mit Abitur, Studium, ersten Berufserfahrungen und entsprechenden Ehrgeiz fängt später an sich Gedanken über einen Kinderwunsch zu machen, als eine "Frau" die die Schule gar nicht abschließen will. Wozu auch? Ihre 14-jährige Freundin und ehemalige Klassengefährtin hat gerade so ein süßes Baby bekommen. Das will sie auch. Schließlich kommt ihre Mutter ohne Schulabschluss auch über die Runden.
Die Ursachen warum Frauen kinderlos bleiben sind wie alle sozialen Phänomene vielschichtig und komplex, dass sie nicht klar benannt werden können. Das Zeitfenster um Kinder zu bekommen ist bei der Akademikerin natürlicherweise kleiner. Dementsprechend haben sie auch weniger Kinder. Da hilft keine Schuldzuweisung. Vor allem nicht bei denen, sie gerne würden, aber bei denen es biologische Ursachen (bei Mann oder Frau) gibt.
Was hilft ist die Rahmenbedingungen ändern:
Neben den üblichen punkten wie Verkürzung der Ausbildungszeiten, Bereitstellung von Kindergartenplätzen, finanziellen Unterstützungen etc. wäre es auch hilfreich hier in besonders einem Punkt anzusetzen:
Es muss wieder deutlicher in den Vordergrund gestellt werden, was es bedeutet ein Kind zu bekommen:
die Liebe für dieses Kind zu fühlen, die Glücksmomente zu erleben, die einem so ein zahnloses Lächeln geben kann. Der Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens ein bisschen näher zu kommen.
Ich habe sehr vieles erst nach der Geburt meiner Tochter verstanden. Als ich es erlebt habe. Das muss man erleben! Mein tiefes Mitgefühl an alle, die gerne würden aber biologisch nicht können.
Mitleid habe ich für alle, die lieber einen Artikel mehr veröffentlichen wollen, ein größeres Büro, einen größeren Dienstwagen oder einfach mehr Geld auf dem Konto haben wollen. Klar will ich auch, aber nicht um den Preis, dass ich das nicht erleben dürfte was ich seit der Geburt unsere Tochter erlebe. Ich fahre einen 8 Jahre alten Mittelklassewagen und habe noch kein Haus kaufen können, aber ich habe morgens und abends Zeit um mit meiner 6 Monate alten Tochter zu spielen. Meine (Akademiker-) Frau, die wieder arbeitet und ich müssen mehr organisieren als früher. Wir sind manchmal wie erschlagen, wenn nach einem anstrengenden Tag im Büro die Kleine im Bett schreit. Da bleibt manchmal abends nicht mehr viel Energie um noch ein Konzept zu erarbeiten. Aber wie gesagt, ein zahnloses Lächeln am nächsten Tag und alles ist vergessen .
Mehr Emotion in die Diskussion: Kinder zu haben ist das Beste, was einem passieren kann.
Weil Kinder keine Anzeigen bei Zeitschriften oder TV-Spots buchen und keine Faltencremes kaufen ist ihre Lobby entsprechend klein.
Aber Sie können einen Glücklich machen. Diese Liebe, die in einem wächst ist unglaublich! Habt mehr Mut Kinder zu haben! Mehr Mut zur Liebe!
Für wieviele Kinder, glauben Sie, würden Männer sich entscheiden, wenn sie sich mit allen (!)Geschlechtsgenossen der gleichen Schicht regelmäßig um lediglich 10 % der der jeweils verfügbaren Arbeitsplätze raufen dürften zu dürfen (So das Verhältniss bei den besten akademischen Postitionen z.B. bei den echten Professuren in den Geisteswissenschaften, die zur Zeit mit deutlich mehr als 90% von Männern besetzt sind)
Wenn wir Akademikerinnen zu 40% kinerlos wären, dann wären wir "schuld" - das ist die nicht gerade gut versteckte Aussage dieses wirklich dümmlichen Artikels. Diese Haltung ist leider nur zu typisch für ein Land, das vorsintflutlich ist in seiner Bereitschaft, interessante, verantwortungsvolle,niveauvolle Aufgaben, Positionen und - ja Arbeitsplätze - weiblich zu denken.
Denn dies ist mein ganz reales Kinderproblem, liebe Leserin, lieber Leser: In teilweise frappantem Gegensatz zu England und den USA sind in Deutschland die jeweils besseren und die vor allem die Führungspostition in Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und in weiten Teilen auch die journalistische Öffentlichkeit (lesen Sie doch einmal nur die "Times" oder den "Guardian"...) absolut Männer-dominiert. Und an diesem Punkt geht Ihre Diskussion regelmäßig grandios vorbei: Akademiker/innen, die ihr Studium nicht zur Allgemeinbildung hinter sich gebracht haben, verzichten oft auf Kinder, weil sie angesichts der offenen (und zahlreicher nie diskutierter) Diskriminierungen keinerlei Vertrauen haben, mit Kindern überhaupt noch eine minimale Chance haben, an einer erfüllenden und für die gesellschaft zentralen Lebensaufgabe weiterarbeiten zu "dürfen".
Mit scheint die allgemeine Rat- und Tatlosigkeit, die Jammerei über Kinderlosigkeit udn viele andere Probleme auch eine Folge davon, dass das ganze weibliche Potential in diesem Land massiv verschleudert wird. Und ich ganz persönlich will nicht riskieren, mich mit der Entscheidung für Kinder (im Plural womöglich) gleich für den Rest meines Lebens vom Einsatz sämtlicher meiner Talente, Ideen und Energien in einem gesellschaftlich zentralen Bereich einfach per Geschlecht zu verabschieden.
Das Problem Kinderbetreung ist also nur die eine und oft nicht die unerheblichere Seite. Denn auch Frauen, die keine Führungspositionen anstreben, wissen doch, dass sie regelmäßig die schlechteren Chancen haben - sie sind viel gravierender bedroht von Arbeitslosigkeit, haben die ungesicherten Jobs (gerade auch in akademischen Berufen, übrigens), ihre Arbeit immer wieder unterbewertet, d.h. unterbezahlt etc.
Enttäuschend, aber auch Ausdruck eines schleichenden Niveauverlusts, dass niemand die unsäglichen Geschlechterstereotypisierungen benennt, die in der Debatte um Kinderlosigkeit als "Betreuungsfrage" hergestellt werden, so wie zur Zeit auch in der ZEIT.
Schuld sein - ist das die Frage? Seit ich 1975 in der Schule das erste Mal gelernt und verstanden habe, dass wir ein Problem in Deutschland mit der Alterspyramide haben, hat sich nichts geändert an den zu niedrigen Geburtenraten. Die Politik hat viele, viele Jahre versagt. Das ist nicht aufzuholen. Ich selbst bin Vater dreier Kinder. Und ich sage: es ist gaaanz einfach! Kinder zu haben, muss attraktiv sein, dann gibt es auch Kinder. Alle Rahmenbedingungen anzupacken gehört dazu und: wir alle können und müssen etwas tun. Selbst tun. Mütter mit Kindern helfen, Vätern Elternzeit gewähren, Kindergärten und Schulen unterstützen mit Interesse, Mitarbeit und Geld, ... alles hilft.
Nur eine kleine Anmerkung zum Thema: Der Geburtenrückgang begann in Europa ca. 1880. Also nix mit Pillenknick und so weiter in den 1960ern. Warum die Anzahl der Geburten pro gebärfähiger Frau immer weiter zurückgingen, ist also keine Frage unserer Tage, sondern der modernen Industriegeschichte.
Hat nicht vor kurzem ein deutscher Politiker als die Lösung aller Arbeitsmarktprobleme vorgeschlagen, dass die Frauen wieder zu Hause bleiben sollten? Zu diesem Vorschlag würde die in diesem Artikel angedeuteten (sinistren) Motive für die Streichung der in dieser Hinsicht entscheidenden Fragen in dem Mikrozensus gut passen!
Angesichts der Tatsache, dass ich gerade ein Stipendium des DAAD für ein Studienjahr in den USA geniesse, wünschte ich mir, dass dies sowohl für unsere Gesellschaft als auch für meine Person eine lohnende Investition ist. In weniger pathetischen Worten: ich würde gerne Arbeit finden als Geisteswissenschaftlerin (und damit mein Studium und Stipendium im wahrsten Sinne des Wortes gewinnbringend verwenden) und auch meinen Kinderwunsch verwirklichen und nicht etwa mich für eines entscheiden müssen. Angesichts der Möglichkeiten, die sich einem hier in den USA eröffnen, können einem bei dem Gedanken an Deutschland nämlich manchmal die Tränen kommen.
Und was die Männer angeht, so habe ich das Gefühl, dass meine Generation es in dieser Hinsicht doch eigentlich ganz gut hat. Das Problem ist doch wohl eher, dass die Politik von Männer jenseits der 50 und von Frauen gemacht wird, die aus gutem Grund meist kinderlos geblieben sind.
... als Akademikerin kann man das auch SO
http://elle.blogg.de/eint...
sehen.
Köstlich gelacht!
Und mit Herz war´s auch noch!
MfG
TF
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren