Musiktauschbörsen
Da habt ihr sie, eure Jugendrevolte
Viele sind enttäuscht von der Jugend von heute, weil sie zu angepasst ist. Doch in ihrer Arena, dem Netz, wehrt sie sich gegen alle Gesetze. Und stellt neue Normen auf
Da helfen auch Kampagnen und öffentlichkeitswirksame Prozesse nichts: Illegale Musiktauschbörsen im Internet sind angesagt wie nie zuvor. Die Ausmaße des File-Sharing nehmen sogar noch zu. Durchschnittlich 9,6 Millionen User waren im September weltweit auf den verschiedenen Plattformen aktiv, im Vergleich zu 6,8 Millionen zum Vorjahreszeitpunkt.
Die Technik ist einfach: Peer-2-Peer-(P2P)-Programme ermöglichen Internetnutzern den unkomplizierten Austausch von Dateien. Der Begriff “peer” (engl.: gleichberechtigt, ebenbürtig) ist bezeichnend, denn Anmeldung und Download sind kostenlos und ohne Angabe persönlicher Daten möglich. Die Nutzung dieser Plattformen ist heute, wenn auch in unterschiedlicher Stärke, quer durch alle Altersgruppen verbreitet. Die Keimzelle des File-Sharing ist jedoch unter 25: Jugendliche waren es, die Ende der neunziger Jahre begannen, sich auf der Musiktausch-Plattform napster mit der Musik ihres Bedarfs einzudecken. Auch heute noch machen sie ein Gros der P2P-Nutzer aus. Einer Studie an der Uni Trier zufolge gaben 50 Prozent der befragten Studenten an, sich regelmässig illegal Musik aus dem Netz zu laden. Nicht umsonst zielen daher die eindämmenden Aktivitäten der Musikkonzerne vor allem auf Jugendliche ab. So startete der Verband der Österreichischen Musikindustrie (IFPI) vor kurzem eine Kampagne an Schulen, die die Schüler über die negativen Auswirkungen des illegalen Downloadens aufklären will.
Ob gutes Zureden etwas ändert, ist allerdings fraglich. Musiktauschbörsen gehören fest zur jugendlichen Lebenswelt. Die Ressourcen stehen zur Verfügung, also werden sie genutzt. Auch Drohgebärden helfen wenig. Als die Majors begannen, File-Sharer zivilrechtlich zu belangen und die Fälle in die Öffentlichkeit zu tragen, erwartete man einen Rückgang der P2P-Nutzung. Doch das Gegenteil ist eingetreten. Dem User sind rechtliche Restriktionen offenbar nicht sonderlich wichtig. Ähnlich wie beim weitverbreiteten, aber illegalen Marihuanakonsum weiß er, dass er in der riesigen Masse von Mittätern untergeht und höchstwahrscheinlich nicht belangt werden wird. Und er hält die rechtliche Lage für unverständlich. Das Netz ist in den Tauschplattformen tatsächlich ein rechtsfreier Raum.
Dabei ist er jedoch nicht normenfrei. Funkstar Prince trennte bereits vor einiger Zeit zwischen reinen Musikkonsumenten und “Musikliebhabern”. Letztere nutzten die Börsen vor allem dazu, ihren musikalischen Horizont zu erweitern. Viele User wissen tatsächlich, dass besonders Klein- und Kleinstlabels und deren Musiker auf Einnahmen aus Tonträgerverkäufen angewiesen sind. In Drum’n’Bass-, HipHop- und Goa-Foren fordern Fans immer wieder die Community dazu auf, trotz der Existenz der Tauschbörsen CDs und Platten zu kaufen. Auch die Trierer Studie konstatiert eine “besondere Sensibilität für Musik-Downloads und ihre Konsequenzen.” 65 Prozent der Befragten erklärten sich grundsätzlich durchaus bereit, einen gewissen Betrag für die Künstler aufzubringen. Für die Künstler und nicht für die großen Labels, wohlgemerkt. Torsten Stier vom Hattersheimer Elektrolabel Das Modular baut auf diese Nutzer: “Bei den Kleinen wird nach wie vor abgekauft. Ich hoffe, dass das so bleibt”. Man kann optimistisch sein. In der Studie kommt ein junger File-Sharer zu Wort, den der Kodex offenbar überraschte: “Ich musste wüste Beschimpfungen über mich ergehen lassen, als ich von einem User ganz bestimmte HipHop-Musik heruntergezogen habe.” Erst später habe er im Chat erfahren, warum: Weil er, wenn er mehr als einzelne Lieder höre, “die Platte auch gefälligst zu kaufen habe, weil ansonsten die kleinen Labels kaputt gehen.”
Es sind diese informellen Normen, die überraschen. Die P2P-Gemeinschaft hat, getragen von jungen Menschen, Grenzen überschritten. Teils blindlings, teils mit Augenmaß. Einige haben Regeln aufgestellt. Ob sie befolgt werden, entscheidet nicht der Gesetzgeber. Jeder sollte diesem Umbruch kritisch gegenüber stehen. Doch: Wer will im Angesicht solcher Prozesse noch von unrebellischer Jugend sprechen?
- Datum 13.12.2007 - 12:24 Uhr
- Quelle (c) ZEIT online, 6.10.2005
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Rebellion? Wenn sie wenigstens nicht bloß das geistige Eigentum der Musiker klauen würden (um es dann vollkommen zweckentsprechend nutzen), sondern - sagen wir - auch Autos von Ferrari (um sie zu Schrott zu fahren) oder Mode von Gucci (um sie nach Art eines Puzzles zu zerschneiden), aber so...?
Echte Rebellionen gehen viel tiefer. Sie umfassen eine ganze Lebenssphäre, niemals nur einen Auszug daraus. Das, was wir gerade erleben, ist keine Rebellion. Es ist Selbstgenügsamkeit pur. Die Selbstgenügsamkeit satter Kleinkinder, die mit einem Nuckel abgespeist werden. Knopf ins Ohr, Lied ab und bye, bye, böse Welt!
Eine Generation im stillen Widerstand.
Ein undifferenzierter Blick schafft im Allgemeinen falsche Aussagen.
[Anmerkung an einen Kommentar]
Geboren in eine Welt, in der ich nie Leben wollte. Eine Welt voller Theater, ein schlechter Film oder eine schlechte drei Groschen Oper. Ein Leben indem statt den Menschen zu einem mündigen Bürger in einer Gesellschaft der Freiheit zu erziehen, lieber Wert auf konsumorientiertes Verhalten gelegt wird.
Wieso wundert man sich, dass die junge Generation passiv sich bedröhnen lässt, wenn man doch überall proklammiert, dass dies unsere heilige Wirtschaft ankurbelt?
Vielleicht spielen wir euer Spiel mit, nehmen die Vielfalt der Errungenschaften gern an, doch für dieses System arbeiten oder gar für eine unzufriedene ältere Generation eine Revolution führen wollen wir nicht.
Die Desillusioniertheit, die Passivität ist unsere Form von Protest. Vielleicht ist es die Abgeklärtheit unserer Generation, die schon erkannt hat, dass die Welt unserer Eltern mit Ihnen verschwinden wird.
Was erwartet ihr von jungen Menschen, die alljährlich neu einen Job, ein Zuhause und Freunde finden sollen?
Was soll ich in einer Welt, in der Angst verbreitet wird, sei es der aufkommende Terrorismus, die menschenfressende Epidemie oder die schlechtgehende Wirtschaft?
Manchmal frag ich mich, ob wir Europäer wirklich auf eine lange Geschichte zurückschauen. Was ist mit unseren Erkenntnissen der Aufklärung, wo sind die Menschen die permanent ihren Finger in die Wunde legen? Ich schaue auf die ältere Generation und frage mich,
wieso habt ihr eigentlich schon aufgegeben?
Wir sind keine Revolutionäre, unserer Widerstand ist ein Stiller. Wir benutzen unsere Möglichkeiten. Das Internet ist noch ein freier Raum. Es ist eine tolle Idee, ein System in dem niemand regieren kann. Ein komplexer Zusammenschluss, indem alle Informationen frei sind. Eine große Gesellschaft, die ihr Wissen aber auch ihre Kultur miteinander teilt.
Wenn mir etwas wichtig ist, dann dass dieser freie Raum bewahrt wird. Wir sind Menschen einer Welt mit Namen Erde, das Internet ist die Möglichkeit mehr Menschen auf dieser Welt kennenzulernen, ihre Lebenswelt zu erfahren und auch ihre Musik zu hören. Die Welt ist nicht euer Politiktheater, auch nicht eure Wirtschaftssorgen. Ein Teil eurer Jugend hat sich verabschiedet, man interessiert sich nicht mehr für Theater. Der Andere
bleibt beim Konsumieren und stellt sein Lebensziel dementsprechend um.
Ich frage mich, für was sollen wir kämpfen ? Für unser Vaterland ? ich fühl mich aber als Mensch. Für einen Gott ? das tun andere. Für eine bessere Welt, wie alle schon vor uns? Für unseren Wohlstand? Wofür würdet ihr denn kämpfen? Und warum sucht ihr nach der rebellischen Jugend, wenn ihr eure eigene Rebellion gegen Misstände im Laufe eurer Lebenszeit verloren habt?
Sehr geehrte/r tanabai, über Jahrhunderte war es Tradition, dass diejenigen, die neu in eine Gesellschaft kommen, die Jungen also, sich auflehnen gegen das, was ihrer Meinung nach falsch läuft. Erst mit zunehmendem Alter hat man sich "die Hörner abgestoßen". Heute ist das anders. Das mag "Schuld" der Vorgängergeneration sein, die den Nachwachsenden mit ihrem info-Müll zugekippt und so verhindert hat, dass er sich (mühsam und langwierig) ein eigenes Urteil bildet. Wie Ihr Kommentar zeigt, fahren sie nämlich voll auf das Weltbild ab, das Ihre Altvorderen ihnen vorgekaut haben. Ihre Welt ist die erschreckend komplexe, erschreckend chaotische, erschreckend übermächtige Welt der alten Leute, und das ist dann doch irgendwo gruselig, finden Sie nicht?
Wenn einige der "Alten" hoffen, dass einige von den Jungen klug genug sind, solche Zusammenhänge zu erkennen, mag das naiv sein. Es wird aber womöglich verständlich wenn man bedenkt, dass wir alten uns ein klein wenig schämen für das, was wir da vererben werden. Und dass wir - wie die Alten es nun einmal tun - uns Sorgen machen um das. wa nach uns kommt. Es werden nämlich einige wenige Leute heranwachsen, die nicht so träge sind, wie Ihr. Und die werden Euch die Hölle heiß machen. Auch mit Hilfe Eures ach so freien Internet. Naja - vielleicht werdet Ihr ja dann wach.
Wisst ihr was es in der heutigen Zeit nicht gibt? Neue Ideen. Im Hinblick auf das zügige Voranschreiten der Globalisierung und des Abbaus der sozialen Marktwirtschaft, brauchen wir neue Konzepte.
Neue Ideen entstehen jedoch nicht aus dem Sumpf alter Gedanken und altbewährten Methoden. Sie entstehen in neuen unabhängigen Foren, wie sie schon in der Welt des Internets praktiziert werden.
Es gibt z.B. eine riesige Gemeinschaft an jungen Menschen weltweit, die sich in Projekten
engagieren die unter der sogenannten GNU-PUBLIC Lisence veröffentlicht werden. Riesige Projekte wie Wikipedia, eine freie Enzyklopädie im Netz entstehen durch jeden, der sein Wissen frei der Welt zur Verfügung stellen möchte. Oder Gruppen, wie z.B. die Linux-User Groups, die sich regelmässig treffen um neue Errungenschaften des Open Source Produktes Linux, aber auch weltliche Themen besprechen und neue Projekte ins Leben rufen.
Die Jugend hat sich schon längst neue Nischen geschaffen. So finden Diskussionen im Internet in Chaträumen, News-Foren oder Webseiten statt. Viele dieser Menschen besitzen keinen Fernsehr mehr, Radio gibt es nur noch frei aus dem Netz und ist nicht mehr auf die üblichen Sender beschränkt. Im Gegenteil, es gibt ein riesiges Angebot von unabhängigen Radiosendern und Online-Zeitschriften aus der ganzen Welt. Die Welt schrumpft zu einem Dorf, man kann von Radio Afrika erfahren, was gerade in Namibia los ist, was die New York Times gerade schreibt oder was ein ägyptischer Student von Europa denkt. Die Schwierigkeit ist es, sich in einem riesigen Dschungel der Möglichkeiten zurechtzufinden.
Im Internet ist alles möglich und nichts kann wirklich verboten werden. Es ist ein sich selbst regulieremdes System, es besteht nicht aus einer abzählbaren festlokalisierbaren Menge an Rechnern, sondern es flukturiert ständig. Wird zum Beispiel eine Webseite geschlossen, so können die Daten selbst, auf jeder beliebigen neue Seite sofort reaktiviert werden. Das System besteht aus jeden einzelnen Computer, der an dem Internet teilnimmt. Jeder gestaltet diese neue Welt mit, in dem er seine Ideen einbringt. Die Musiktauschbörsen sind da nur ein Beispiel, sie wachsen irgendwo unter einem Namen, werden vielleicht geschlossen und tauchen aus dem Nichts sofort wieder woanders auf. Diese Idee des Tauschens existiert übrigens schon immer, ob man früher mit Stapeln von Disketten zum Freund lief oder ob man Kassetten überspielte. Außerdem dienen diese sogenannten Musiktauschbörsen nicht nur zum Herunterladen von Musik und Filmen, sondern auch z.B. von Tools (Programmen), Bücher, Scripten und Hausaufgaben. Das Netz lebt von Menschen, die ihre Informationen, ihre Daten zur Verfügung stellen, sei es zu welchem Zweck auch immer.
Ich glaube, in diesem aus sich selbst immer wieder neuorganisierenden System liegt die Zukunft. Doch scheint es als ob es diese Welt mit ihren neuen Möglichkeiten noch nicht bis in das Bewusstsein der Gesellschaft geschafft hat. Es ist an der Zeit, die Ideen des freien Netzes sich eigen zu machen. Z.B. brauchen wir neue Plattformen für Politik. Wir brauchen die kritische Auseinandersetzung, die Diskussion über Projekte und eine neue Staatsform. Ich bin davon überzeugt, dass unsere Jugend sehr politisch interessiert ist, doch ist sie auf herkömmliche Weise nicht mehr zu erreichen. Die Globalisierung der Welt ist schon Normalität in den Köpfen der aufwachsenden Generation.
Es herrscht auch keine Angst vor der komplexen Welt der Eltern.
Die beste Möglichkeiten Angst zu bekämpfen ist, sie kennen zu lernen. Gerade deswegen ist die Freiheit der Information unabdingbar. Wenn man allen Menschen die Möglichkeit gibt, sich selbst zu helfen, sich ihrer eigenen Freiheit, ihrer Möglichkeiten zur Entwicklung und ihres eigenen Verstandes bewusst zu werden, dann brauchen wir keine Anti-Terrorgesetze.
So soll jedem Afrikaner oder Amerikaner die Ideen der Menschenrechte zugänglich sein. Jeder soll die Möglichkeit haben, im gemeinsamen Gespräch zu stehen.
Das ist für mich die größte Chance der Globalisierten Welt, dass wir unsere Erfahrung, unser Wissen und unsere Kultur miteinander teilen können.
Wenn sich die Regeln gegen das Leben kehren, kehrt sich das Leben gegen die Regeln. Ich liebe diese Kids, wenn ich sie auch nicht immer verstehe! - Aber, verstehe ich meine Liebste immer?
Ich denke, solche Prozesse sollten wir/ will ich stets aufmerksam beobachten, um daraus zu lernen für mein Leben. Solche massenhaften Entscheidungen sind ja nicht nur 1989 in der DDR richtig. Besser verstanden habe ich das durch das Buch von James Surowski "The Wisdom of Crowds" (Abakus, 2005), der vielfältiges statistisches und sozialpsychologisches Material ausgebreitet hat, das Sinn, Stimmigkeit und Nutzen von demokratischen Prozessen belegt und auch zeigt, wo massenhaftes Entscheiden in die Irre gehen könnte.
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