musik

Fräulein Schweizer erreicht den Gipfel

Die beste Jazzpianistin Europas im besten Konzertsaal der Welt: Irene Schweizer im KKL. Aus Luzern berichtet Ulrich Stock

© Prisca Ketterer

Man schreibt das immer so hin: „die beste Jazzpianistin Europas“. Als wäre Jazz ein Wettbewerb! Als wäre der beste Jazz nicht gerade jener, der frei ist von diesem unseligen Virtuositätszwang der Männermusik…

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Fakt ist: So viele Jazzpianistinnen gibt’s in Europa nicht, und die, die uns einfallen, finden wir alle ziemlich gut. Sylvie Courvoisier, auch aus der Schweiz, aus Lausanne. Aki Takase aus Japan, aber seit Jahrzehnten in Berlin.

Und eben Irène Schweizer, aus Zürich. Sie ist mit ihren 64 Jahren Europas erfahrenste Jazzpianistin. Sie ist in den Sechziger Jahren erstmals aufgetreten, angekündigt als „Fräulein Schweizer“; der jungfräuliche Titel ging 1968 im Strahl der Wasserwerfer baden. Sie begründete den europäischen Freejazz mit, sie ging in den Siebzigern mit Frauengruppen auf die Bühne. Les Diaboliques heißt ihre beständigste Formation, mit der Französin Joelle Leandre und der Engländerin Maggie Nicols. Freies, befreites, befreiendes Zusammenspiel von Klavier, Kontrabass und jeder Menge geflüsterter, gestöhnter, gekreischter Laute. Schon mehr als Musik: Performance, Genderkunst.

Hexensabbat nannte sie eine ihrer ersten Schallplatten, 1978 noch beim Berliner Label FMP. Das Cover zeigte Besen und Staubsauger in giftigem Lila. Später, viel später, im Jahr 2000, wurde sie nach Amerika eingeladen, bannte auf Band eine Summe ihrer Jahre: Chicago Piano Solo , live im Empty Bottle Club, erschienen wie vorher und nachher alles bei intakt, ihrem Zürcher Label.

Irène Schweizer ist von unten gekommen , vom Rheinfall zu Schaffhausen, vom elterlichen Boogie-Woogie-Landgasthaus; sie ist in die feministische, homosexuelle Zürcher Gegenkultur entwi t cht, und sie hat allen Widerstand, allen Eigensinn (und allen Zweifel!) über vier Jahrzehnte hinweg in eine kristallklare, elastische, aktuelle und inzwischen sogar traditionsbewusste Kunst überführt.

Die offizielle Schweiz brauchte eine Weile, dies zu bemerken und anzuerkennen, aber 1991 hat Irène Schweizer den Kunstpreis der Stadt Zürich bekommen und jetzt hat sie unter allgemeinem Beifall den höchsten Gipfel ihres Heimatlandes erklommen, das war am vergangenen Wochenende, dem 8. Oktober 2005: Sie spielt abends um acht im weihevollen KKL, auf Einladung der Chefin des Hauses zur Eröffnung einer neuen Serie, director’s choice . Sie vor 1500 Gästen in der Salle Blanche, vor Unzähligen draußen am Radio, DRS 2 überträgt live. Sie und der Flügel, Ragtime und Monk, Free Jazz und Rock and Roll, das Publikum erhebt sich zu Ovationen im Stehen.

 
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    • Von stock
    • Datum 12.10.2005 - 13:24 Uhr
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    • Serie cvd
    • Quelle (c) ZEIT online 10.10.2005
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