Große Koalition Noch ist alles offen
Am Sonntagabend wurde nicht über den zukünftigen Kanzler und das Kabinett entschieden. Die Spekulationen über die Posten gehen trotzdem weiter
Der Personalpoker zwischen Union und SPD wird völlig unerwartet erst an
diesem Montag entschieden. Auf Wunsch von SPD-Chef Franz Müntefering
sollten in dem zweiten Spitzengespräch am Sonntagabend entgegen
früherer Planungen noch keine abschließenden Entscheidungen über
Kanzleramt und Kabinett einer großen Koalition fallen. »Wir werden erst
morgen Mittag wissen, ob wir zu Verhandlungen kommen«, sagte
Müntefering am Sonntag in Hannover. Mit Blick auf die Gespräche am
Abend fügte er hinzu: »Ich hoffe, dass wir was Gutes daraus machen.«
Die Personalspekulationen rissen unterdessen nicht ab.
An diesem Montag um 11.00 Uhr ist eine weitere Begegnung von
Unions-Kanzlerkandidatin Angela Merkel, CSU-Chef Edmund Stoiber
sowie Müntefering und Bundeskanzler Gerhard Schröder geplant.
Nach einer Diskussion in
den Parteigremien soll dann endgültig beschlossen werden, ob es zu
Koalitionsverhandlungen kommt. In dem zweiten Spitzengespräch sollte
nach diesen Informationen für die Gremien ein entscheidungsreifer
Vorschlag ausgehandelt werden. Nach dem weiteren Treffen am Montag
kommen die Vorstände beider Seiten zu getrennten Sitzungen zusammen, um
endgültig die Entscheidungen abzusegnen.
Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck hält eine
Kanzlerschaft von Merkel für möglich. »Wenn die Inhalte stimmen, könnte
ich mir eine solche Konstellation vorstellen«, sagte er der »Märkischen
Allgemeinen« (Montag). »Ein SPD-Parteitag würde niemals einer
Koalitionsvereinbarung zustimmen, die den sozialen Zusammenhalt in
unserer Gesellschaft vernachlässigt.« Die SPD müsse zum Ausgleich aber
auch mehr Ministerposten bekommen.
Platzeck schloss nicht aus, dass er zur Bundestagswahl 2009 als
Kanzlerkandidat antritt. »2009 werden die Karten neu gemischt.«
Zugleich betonte er, dass er für einen Wechsel nach Berlin nicht zur
Verfügung steht. Müntefering und Schröder hatten Platzeck laut
»Spiegel« für das Außenamt vorgesehen, um ihn für die Bundestagswahl
2009 als Spitzenmann vorzubereiten.
Unions-Fraktionsvize Wolfgang Bosbach (CDU) deutete die Verschiebung
der Entscheidung nicht als schlechtes Signal. »Wenn der Sinn der ist,
dass SPD-Parteichef Franz Müntefering dadurch die Akzeptanz für das
Bündnis in den eigenen Reihen erhöht, muss dies kein negatives Zeichen
sein«, sagte er der dpa. Ein Scheitern schloss er aber nicht aus. »Wir
müssen aufpassen, dass wir am Ende nicht eine sozialdemokratische
Regierung unter einer Kanzlerin Angela Merkel bekommen.«
Die Union wird nach Auffassung von Bosbach keine Koalition mit der SPD
eingehen, wenn Merkel nicht Kanzlerin wird. »Auch eine Teilung der
Kanzlerschaft ist für uns nicht akzeptabel.« Dagegen kann sich
Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) eine zeitliche Teilung der
Kanzlerschaft zwischen Schröder und Merkel »sehr gut« vorstellen. »Das
würde das nötige Vertrauen beider Partner zueinander stärken«, sagte er
der »Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung«.
Die SPD-Fraktionslinke und der konservative Seeheimer Kreis erklärten,
sie akzeptierten nur Schröder als Kanzler. Hamburgs SPD- Chef Mathias
Petersen sagte dem »Handelsblatt« (Montag): »Ein Kompromiss ohne
Schröder in führender Position wäre der Basis kaum zu vermitteln.« Das
sei in den SPD-Landesverbänden durchgängige Meinung.
Die SPD sucht nach einem Bericht der »Berliner Morgenpost« (Sonntag)
verzweifelt nach einem Vizekanzler. Müntefering kann den Posten aus
Sicht eines SPD-Vorstandsmitglieds nicht besetzen, weil er Partei und
Fraktion zusammenhalten müsse. Laut »Tagesspiegel am Sonntag« sind
Wirtschaftsminister Wolfgang Clement und Verteidigungsminister Peter
Struck (beide SPD) als Vizekanzler und Außenminister im Gespräch.
Nach einem Bericht der »Welt am Sonntag« sollen sich Union und SPD im
ersten Spitzengespräch am Donnerstag darauf verständigt haben, in einem
Kabinett gleich viele Plätze zu besetzen. Das könnte für die SPD zwei
Ministerien mehr bedeuten, da die Union den Posten von Kanzler und
Kanzleramtschef für sich beansprucht, berichtete die Zeitung unter
Berufung auf Parteikreise. Zudem wollten Union und SPD das Ministerium
für Wirtschaft und Arbeit wieder aufteilen. Die Union bot der SPD laut
»Focus« acht Ressorts an, vier gingen demnach an die CDU, zwei an die
CSU.
- Datum 12.10.2005 - 13:24 Uhr
- Serie cvd
- Quelle (c) dpa/ZEIT online, 9.10.2005
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:





Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren