Der syrische Innenminister begeht Selbstmord – diese Nachricht hätte noch vor einem Jahr niemanden im Westen auch nur die Augenbrauen heben lassen. Syrien war ein Buch mit sieben Siegeln; und es wurde als solches vom Westen mit Distanz und gelegentlichem Argwohn links liegen gelassen. Das ist anders, seit Amerikaner und Franzosen Damaskus gemeinsam bedrängen, den benachbarten Libanon vollständig zu räumen und das Land nicht weiter durch Geheimdienstoperationen zu unterminieren. Es ist anders, seit der ehemalige libanesische Premier Rafik Hariri im Februar 2005 durch eine Bombe im Zentrum von Beirut ums Leben kam und eine UN-Kommission nach den Hintermännern des Anschlages sucht. Wenn sich Innenminister Ghasi Kenaan in dieser Lage das Leben nimmt, lässt das die Welt aufhorchen. Ghasi Kenaan und Rafik Hariri (links) im Jahr 2002 in BeirutEPA/NABIL MOUNZER, dpa BILD

War der Minister und frühere Geheimdienstchef in den Anschlag auf Hariri verwickelt? Kam er mit dem Selbstmord seiner öffentlichen Bloßstellung nur zuvor? Oder hat der Geheimdienst ihn beiseite geräumt, damit er internationalen Ermittlern keine Informationen mehr geben kann?

Auf diese Fragen gibt es bislang keine Antworten, nur einige Hinweise. Ghasi Kenaan hat wenige Stunden vor seinem Tod einem libanesischen Radiosender ein Interview gegeben, in dem er geheimnisvoll andeutete, dieses sei wohl die letzte Aussage, die er mache. Er hinterließ also ausgerechnet im Rundfunk des Staates Libanon - den syrische Truppen im April auf internationalen Druck verlassen mussten - eine Art öffentliches Testament. Das deutet darauf hin, dass er von seinem bevorstehenden Tod wusste, insofern spricht einiges für Selbstmord. Hätte er gewusst, dass die vermeintlichen Mörder ihm auf den Fersen gewesen sind, hätte er wohl Besseres zu tun gehabt, als Radiointerviews zu geben.

Entscheidend für seinen wahrscheinlichen Freitod könnte die Befragung durch das UN-Team zur Aufklärung des Hariri-Mordes sein. Die Kommission unter Leitung des deutschen Juristen Detlev Mehlis befragt derzeit syrische und libanesische Beamte und Minister zu den Umständen des Anschlags. Sie will ihren Bericht in den nächsten Tagen veröffentlichen. Sowohl der Libanon wie auch Syrien schauen gebannt auf das Ergebnis der Untersuchungen. Kanaan soll die Ermittler mit umfangreichem Aktenmaterial versorgt haben. Sicherlich hat er damit seine eigene Behörde und auch sein eigenes Land belastet. Für einen Mann der syrischen Sicherheit könnte das durchaus ein Grund sein, sich den Konsequenzen durch Freitod zu entziehen.

Um mehr Licht in die Affäre zu bringen, wird die UN-Kommission also von entscheidender Bedeutung sein. Syrien, Libanon und mit ihnen die ganze Welt werden die Ohren spitzen, wenn Detlev Mehlis in den nächsten Tagen vor die Presse geht.