Ethik Stammzellen für die Politik

Zwei Forscherteams haben ES-Zellen gewonnen, ohne Embryonen zu zerstören. Aber sind diese Zellen nun ethisch unangreifbar? Ein Kommentar von Ulrich Bahnsen

Die Fragen sind inzwischen allen Beteiligten leidig, und doch tauchen sie immer wieder auf. Welche Rechte hat ein Embryo? Darf man ihn herstellen und zerstören für die Forschung? Ihn sogar klonen für patientenspezifische embryonale Stammzellkulturen? Und beschreitet die Wissenschaft mit diesem Forschungsklonen nicht zugleich einen Weg, der im geklonten Menschen mündet?

Gleich zwei Forschergruppen vermelden jetzt im Wissenschaftsjournal Nature die erfolgreiche Entwicklung neuer Verfahren, um maßgeschneiderte, aber ethisch unbedenkliche embryonale Stammzellen zu gewinnen. Die eine, geführt von dem renommierten Stammzellforscher Rudolph Jaenisch vom Massachussetts Institute of Technology, will das ethische Dilemma zerstörter Embryonen umschiffen, indem sie Embryonen klont, die sich niemals in einen Uterus einnisten könnten. Die MIT-Forscher verwenden dazu Maus-Hautzellen, in denen zuvor ein Gen abgeschaltet wird. Diese Gen ist für die Ausbildung einer intakten Embryohülle, des so genannten Trophoblasten, notwendig - aus dem Trophoblasten entwickelt sich später die Plazenta. Nachdem Jaenischs Team die Kerne solcher manipulierten Hautzellen in entkernte Eizellen verfrachtet hatte, erhielten die Forscher abnorme Embryonen. Die hatten zwar jene innere Zellmasse, aus denen später der Fötus wächst, und es gelang den Wissenschaftlern auch, daraus ES-Zellkulturen zu gewinnen. In Maus-Leihmütter übertragen entwickelte sich aus den Zellhäufchen jedoch – wie erwartet - kein Nachwuchs.

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Bislang testete Jaenischs Team das Verfahren erst an Mäusen. Ob es mit menschlichen Zellen klappen würde, ist unklar - aber auch nicht unwahrscheinlich. Falls ja, wäre der ethische Konflikt um die Embryoforschung möglicherweise entschärft. Doch auch dann könnten hartleibige Kritiker noch fragen: Ist ein nicht implantationsfähiger Embryo denn gar kein Embryo mehr? Und ist es rechtens, ihn mit Vorbedacht, mit einer genetischen Manipulation, zu verkrüppeln?

Auch das zweite Forscherteam um Robert Lanza von der US-Firma Advanced Cell Technology hat vorerst nur mit Mausembryonen experimentiert. Um die Zerstörung des Embryos bei der Gewinnung von ES-Zellen zu vermeiden, nutzten Lanza und seine Gruppe eine Technik, die seit vielen Jahren auch für die Präimplantationsdiagnostik (PID) des Menschen verwendet wird. In einem sehr frühen Stadium, wenn sich die befruchtete Eizelle erst dreimal geteilt hat, kann eine dieser acht Zellen entnommen werden, ohne dass der Embryo Schaden nimmt - zumindest sind bis heute keine Risiken bekannt. Diese eine Embryozelle kann im Rahmen einer IVF-Behandlung dann auf einen von inzwischen 150 Erbdefekten getestet werden. Das funktioniert bei Mausembryonen natürlich auch, denn an denen ist die PID entwickelt worden.

Lanzas Team ist es nun gelungen, aus den einzelnen entnommenen Embryozellen in Zellkultur embryonale Stammzellen, und darüber hinaus noch so genannte Throphoblasten-Stammzellen zu züchten. Die übrig gebliebenen siebenzelligen Embryos dagegen wuchsen nach Übertragung in Mausmütter zu gesunden Jungen heran. Ob das auch beim Menschen gelingen kann »ist hochgradig spekulativ«, schreibt der kalifornische Stammzellforscher Irving Weissman von der Stanford University in einem Begleitkommentar zu den beiden Nature -Veröffentlichungen. Doch wenn ja? Wäre das moralische Problem des Embryonenverbrauchs bei der Gewinnung von embryonalen Stammzellen tatsächlich umgehbar.

Allerdings: Wem ist eigentlich geholfen, wenn man menschliche Embryos ausschliesslich zur Gewinnung von Stammzellen erzeugt, sie dabei zwar nicht zerstört, aber niemand weiß, was man mit einem übrig gebliebenen siebenzelligen Embryo tun soll? Ob man umgekehrt darauf hoffen kann, dass die Paare in den Fertilitätskliniken eine Zelle aus ihren Embryos für die Forschung spenden, bevor die kleinen Hoffnungsträger in den Mutterleib transferiert werden, darf man wohl auch bezweifeln – angesichts der ohnedies geringen Aussichten einer Fruchtbarkeitsbehandlung. So scheint die Überschrift zu Irving Weissmans Kommentar in Nature am besten zu beschreiben, was von den neuen ES-Zellen aus den US-Labors zu halten ist: Es sind »Politische Stammzellen«.

 
Leser-Kommentare
    • Manina
    • 18.10.2005 um 11:34 Uhr

    Das mit den Stammzellen ist schon eine schwierige Sache. Ich verstehe auch jegliche Bedenken! Aber, an dieser Stelle muss ein ABER folgen!
    Was mir nicht ganz klar ist: Warum denkt der Mensch immer, dass er die Krone der Schöpfung ist? Keiner regt sich auf über Forschung an den Mäuse-Embryonen. Wenn jemand wirklich idealistisch argumentieren wollte, müsste er dann nicht sagen, dass alle Geschöpfe Gottes den gleichen Wert haben und somit die selben Rechte? Wenn wir offensichtlich nichts gegen Forschung bei Modellorganismen haben, warum sollten wir nicht auch menschliche Embryonen benutzen (ich wähle bewusst dieses Wort "benutzen")?
    Ich kenne genügend Menschen in meinem Bekanntenkreis, die gegen Klonen und ES-Zellen wettern - alles in einen Topf schmeißen und meinen das wär der Weisheit letzter Schluss! Aber die waren noch nie in Afrika und haben gesehen, wie kleine Kinder dahinvegetieren. Ich schon.
    Wie kommen die Menschen eigentlich darauf zu bestimmen, was Leben ist und was nicht? Wir wollen ja noch nichtmal das Leben schützen, dass schon geboren wurde. Warum wird so ein Trara um ungeborenens Leben gemacht?

    • thbuck
    • 18.10.2005 um 11:32 Uhr

    nun, ob es eine erhebliche beeinträchtigung darstellt, eine von acht zellen zu entnehmen darf bezweifelt werden, da dies gängige praxis bei der pid ist, wenn ich richtig informiert bin. allerding darf gefragt werden, wie sich das langfrisig auf die embryo-entwicklung auswirkt - und da finde ich die saloppe formulierung im artikel auch etwas mager. ein bischen kritischer bitte!

    überhaupt - ich würde in der zeit gerne mal einen ausgewogen recherchierten beitrag über die frage "omnipotente" oder "pluripotente" stammzellen lesen - schließlich dürfte das ja eine der kernfragen sein, wenn es darum geht zunächst einmal die notwendigkeit von verbrauchender embryonenforschung festzustellen.

    die im artikel beschriebene nicht-weiterverwendung von embryonen wird übriens schon längst praktiziert. wenn für die ivf eizellen entnommen werden (ich glaube 3 sind rechtlich möglich - nur: wer kontrolliert das denn so genau?) und sich mehrere zum embryo entwickeln, werden die nicht eingesetzten ganz einfach "tiefgefroren" und schweben dann in einem merkwürdigen zwischenstatus vor sich hin...

    • OIKOS
    • 18.10.2005 um 0:26 Uhr

    Wenn von einem Embryo im achtzelligen Stadium eine Zelle entfernt wird, so stellt dies eine erhebliche Beeinträchtigung dar. Ein Embryo darf niemals Gegenstand von Experimenten sein.

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  • Quelle (c) ZEIT online, 17.10.2005
  • Kommentare 3
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  • Schlagworte Ethik | Embryo | Stammzellen | Gesundheit
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