lateinamerika Öl für Arme

Fidel Castro stellt für die US-Regierung keine Gefahr mehr dar. Aus amerikanischer Sicht hat sich der Krisenherd nach Venezuela verschoben - wegen Hugo Chávez. Ein Porträt des venezolanischen Präsidenten

Seit seiner Wahl 1998 und vor allem seiner Wiederwahl 2004 ist er zum Latino Public Enemy Nr. 1 der Bush-Regierung geworden. Denn der linkspopulistische Führer – wenn man ihn überhaupt einordnen kann – versteht sich als der Simón Bolívar der Gegenwart. Ähnlich wie „El Libertador“, der Anfang des 19. Jahrhunderts die Unabhängigkeitsbewegung gegen Spanien führte und von einem panamerikanischen Bündnis der ehemaligen spanischen Kolonien träumte, will Chávez die „imperiale Herrschaft“ der USA auf dem Süd-Kontinent bekämpfen. Es geht ihm nicht nur darum, Bolivars geopolitische Auffassung wiederzubeleben, sondern auch darum, eine anti-kapitalistische Front anzuführen: „Es ist dringend, eine soziale Ökonomie aufzustellen, um den Kapitalismus zu überholen“, sagte Chávez im Januar 2005 während des Weltsozialforums in der brasilianischen Stadt Porto Alegre.

Chávez quillt über vor Ideen. Vor sechs Monaten präsentierte er in Kuba, gemeinsam mit Fidel Castro, die ersten Abkommen im Rahmen der regionalen Integrationsinitiative ALBA (Alternativa Bolivariana de las Americas). Das bolivarische Pendant der Freihandelszone Amerika (FTAA) soll auch den Wohlstand der Bevölkerung fördern. Aber anders als die FTAA beruht ALBA auf Kooperation statt Wettbewerb. Die Allianz zwischen Venezuela und Kuba soll die treibende Kraft der Alternativa sein, kündigten Chávez und Castro an, die dabei den Reiz des Tauschhandels wiederentdeckten. Als Gegenleistung für venezolanische Öl-Lieferungen wurde vereinbart, dass Havanna mehrere tausende Ärzte, Krankenpfleger und Erzieher nach Venezuela schickt. Mit Argentinien kam es ebenso zu bilateralen Abkommen: Öl gegen Rindfleisch und andere Agrarprodukte.


In seinem Land ist er äußerst beliebt. Mit seinen barocken und provokativen Aussagen, mit seinem verführerischen Stil und seiner brennenden Liebe zu Land und Leuten setzt Chávez die Tradition des lateinamerikanischen populistischen Führers fort. Insofern hat er die Innenpolitik ziemlich vereinfacht: Man ist gegen oder für Chávez. Gewiß hat er den Klientelismus stark entwickelt, was Wohlmeinende so sehen: Seine Politik ist dem Volk gewidmet. 3,5 Milliarden Dollar wurden im vergangenen Jahr für soziale Programme ausgegeben, die sogenannten „Missionen“, wie zum Beispiel den nationalen Alphabetisierungsplan oder die kostenlosen ärztlichen Behandlungen für die Armen. Seine bürgerlichen Gegner werfen ihm vor, er entwickele eine Diktatur. Im Juli hatte die Bischofskonferenz in Venezuela (CEV) die Menschenrechtslage im Land, die „zunehmende Militarisierung der Gesellschaft“ und die „kriegerischen Äußerungen“ der Chávez-Regierung kritisiert. Die Opposition ist allerdings zersplittert und besteht zu einem nicht unerheblichen Teil aus zweifelhaften Geschäftsleuten.

Die amerikanische Regierung beobachtet die Entwicklung der bolivarischen Republik seit 1998 mit Sorge. Im Januar hatte die US-Außenministerin Condoleezza Rice Venezuela bereits als „negative Kraft in der Region“ angeprangert und sprach von dem „Ex-Rebell“ - Chávez hatte 1992 einen gescheiterten Putschversuch gegen den damaligen Staatschef Carlos Andrés Pérez angeführt. Darauf antwortete Chávez: „Ich bin kein Ex-Rebell. Ich bin ein Rebell.“ Washington will auf keinen Fall einen neuen Brennpunkt im karibischen Hinterhof dulden, das anders als Kuba über gewaltige Ölvorkommen verfügt. Die USA beschuldigen Chávez, Bolivien, Ecuador und Peru destabilisieren zu wollen. Richtig ist, dass die drei Länder von einer indianischen Mehrheit bevölkert sind, die empfänglich ist für die Botschaften des Venezolaners. Überdies könnten die Sandinisten in Nicaragua und die Linken in Mexiko die Wahl 2006 gewinnen: Das wäre dann ein Linksrutsch auf dem Kontinent. Nicht zuletzt wegen des starken Manns im Nordosten.

 
Leser-Kommentare
  1. Da freut man sich, wenn endlich etwas über Venezuela in der Zeit steht, und dann ist es doch wieder nur eine, als porträt verkaufte, Vereinfachung gegeben: ein exotischer, gans netter und harmloser Showman, der die Amis ärgert, immer was Gutes. Dass zum Beispiel Armut, Korruption und Unsicherheit dramatisch mit dem jetzt schon 7jährigen Regime dieses charmanten Populisten gestiegen sind, dass die meisten sogenannten Missionen ein allgemeiner Fiasko sind und die aussenpolitischen Ambitionen des Ex-Hauptmanns der Fallschirmspringer sehr unpopulär könnte man vielleicht auch zum Porträt dazusagen. Und vielleicht auch den ordinären und 'machistischen' Ausfall Chavez' gegen Condolleza Rice erwähnen, d.h. seine 'staatsmännische' Reaktion auf ihren Kommentar, in dem er das Fehlen 'männlicher´ Begleitung an ihrer Seite als Grund ihrer 'Fehleinschätzung' angab.

  2. Hugo Chavez Frias ist - egal wie man zu ihm stehen mag - derzeit, seit der Stern von Brasiliens Lula wieder sinkt, die interessanteste und bedeutsamste politische Figur in Lateinamerika. Sicherlich auch eine schillernde Figur. Ich hoffe, wir werden auch künftig weiterhin viel von ihm hören. Zuzutrauen ist ihm einiges. Zu wünschen ist Lateinamerika eine Entwicklung hin zu Demokratie und Wohlstand, weg von der US-Hegemonie.

    Das Schlüsselereignis in diesem Zusammenhang wird der nahe bevorstehende Tod Castros sein. Die Entwicklung, die Cuba danach nehmen wird, dürfte ein Paradigma setzen. Bleibt zu hoffen, das der Einfluss von Chavez sich dabei positiv auswirkt.

  3. Diese wird ausserodentlich interessant...
    Es wird sich zeigen wieviel die Berichterstatter der Massenmedien auf die äusserungen und Desinformation des US Aussenministeriums hereinfallen. Einige Schlagworte was für ein angeblicher Verbrecher Hugo Chaves ist werden bereits verbreitet und ohne Hinterfragen übernommen und publiziert. Mit dieser Art von Berichterstattung wird für Venezuela das vorbereitet was der Irak und viel andere Länder bereits hinter sich haben. Ein erster Putschversuch mit hilfe der Amerikaner missglückte... aber man erinnere sich der vorrausgehenden Propaganda der US Regierung und deren Exponenten.
    Nimmt man sich die Mühe auch mal alternative Berichte über Venezuela und Chavez zu lesen oder sogar die Menschen aus diesem Land selber zu fragen wird schnell ersichtlich das eben genau diese Art von Politik bei den meisten Menschen sehr gut ankommt. Das würde sie auch in den reichen Industrienationen währe da nicht immer die "neo"liberale Propaganda aus allen Ecken und Enden zu vernehmen.
    Chaves soll nur weitermachen... ich bin sicher Er hat bereits genug Freunde weltweit.

    • lef
    • 22.12.2005 um 11:35 Uhr

    Ich schließe mich nasowas an: Ein dürftiger Artikel!
    Chavez ist mehr als nur ein Linkspopulist, wie das Beispiel Bolivien zeigt.
    Es wird vielleicht wirklich die Zeit der Linkspopulisten in Südamerika kommen, und das am weitesten gediehene "Chavez-System" sollte längst überprüfbar sein.
    Überprüfbar darauf hin, ob wirklich zukunftsweisende Veränderungen in Gang gesetzt wurden, oder ob nur etwas mehr Sozialhilfe verteilt wird.
    Anti-USamerikanismus als einziges Argument ist hier wenig hilfreich - auf dieser Basis werden weltweit alle Öl- oder Gasreichen Staaten in rosafarbenes Licht getaucht. Hauptsache ist immer: Sind die Staaten gegen die USA oder nicht. Ob diese Staaten dann mit China kooperieren, bleibt dann völlig egal, ebenso, ob wirklich etwas Langfristiges nach dem Ende des Öl/Gasbooms übrig bleibt.

    Von einem "Zeit"-Artikel erwarte(te) ich mir (mal) mehr als nur Lobhuldigungen.
    Es ist nun Mal prakltisch unmöglich, aus der Flut an "Informationen", die aus dem Internet heraussprudeln, wirklich glaubwürdige Infos über Venezuela zu erhalten,
    dies aber nur deswegen, WEIL jeder Informant sich befleißigt fühlt, entweder das Chavezregime als unbedingt positiv zu wertendes Bollwerk gegen die bösen USA aufzubauen, oder alternativ nur pro-USA argumentiert.
    Dieser Artikel gehört nun ein Mal nur in die erstere Kategorie.

    Die (eigentlich einfache) Frage also bleibt unbeantwortet:
    Was tut Chavez mit den reichlich fließenden Öleinnahmen WIRKLICH für sein Land?
    Auch dieser Artikel lässt nur eine Antwort zu:
    Er polarisiert die Bevölkerung, und zwar ausgesprochen narzistisch.
    Aber anders als Kuba ist Venezuela keine Insel. Ein Bürgerkrieg ist dort jederzeit möglich und wird gerade durch diese Polarisation eher produziert.
    Mit wirklich volksfreundlicher und nachhaltiger Politik hat dies nichts zu tun.

    lef

    • Ramos
    • 22.12.2005 um 16:59 Uhr

    Auch ich bin der Meinung, dass dieser Artikel sehr dürftig dargestellt wurde. Zwar geht es für mich in dieser Frage weniger darum, ob Chavez' Ausgaben wirklich im Interesse des Volkes verlaufen - denn das tun sie definitiv, aus meiner Sicht. Ich habe die letzten beiden Monate im tiefen Südosten des Landes verbracht und viele gute Ansätze gesehen: Wie die Regierung in den Indianderdörfern Häuser bauen lässt und Baupläne wie Material bezahlt - nur das Bauen selbst wird von den Indianern übernommen, aber auch das ist gut, so bekommen sie nicht den Eindruck, alles käme von der Regierung und sie müssten nichts dafür tun. Auch Wassertanks und Elektrizität sind längst bezahlt und werden demnächst - so hoffe ich zumindest - installiert. Und bei all dieser technischen Modernisierung - Chavez unternimmt keinesfalls den Versuch, die traditionelle indianische Lebensweise zu untergraben, er protegiert sie viel mehr. Und auch die Gesundheitsmissionen sind ein voller Erfolg - denn in den vielen ländlichen Regionen Venezuelas, die weit weit entfernt sind von moderner Infrastruktur, sind mobile kubanische Ärzte die einfachste und die Beste medizinische Versorgung, die man sich vorstellen kann. Ähnliches gilt für die Bildungsmission: Schule und Universität sind frei; 60% der öffentlichen und 90 % der privaten Schulabgänger werden die Universitäten besuchen, von denen viele neu gegründet wurden im ganzen Land (alle Zahlen bitte mit vorsicht genießen, habe sie nur gehört und nicht abgesichert)....
    Was mir aber dennoch Sorgen bereitet ist die Frage, wie demokratisch das alles noch ist. Zwar ist die Erwartung, im Volke ein differenziertes Bild eines Staatspräsidenten anzutreffen und fachliche sowie faktische Informationen einfach zugänglich zu finden wohl zu europäisch; zu jung und von zu vielen Erschütterungen ist das demokratische Selbstverständnis in diesem Land. Es wird gerne polarisiert, weil es einfach ist, und das Meinungsbild wird im Fernsehen gewonnen und nicht etwa in Zeitungen. Von daher bedeutet ein starker Mann an der Spitze eines Staates auch Stabilität; die Frage ist nur, ob die Meinungsbildung nicht zu einfach verläuft - denn je einfacher sie ist, desto einfacher kann sie polarisiert werden. Chavez hat, nachdem er gewählt wurde, sämtlichen illegalen Einwanderern aus Kolumbien die venezolanische Staatsbürgerschaft verpasst, seither bilden diese einen großen und natürlich wahlberechtigten Bevölkerungsanteil. und in den Städten wird gemunkelt, dass Chavez-Gegner es immer schwerer haben, wichtige Ränge im öffentlichen Geschehen zu finden und dass vor oder nach Wahlen die Anzahl der Entlassungen explosionsartig steigen.
    Für ein großes Misstrauen gegenüber der Venezolanischen politik sprechen auch die jüngsten Parlamentswahlen - mit einer Wahlbeteiligung von um die 25%. Allerdings wurden die Bedenken, die Wahlen würden gefälscht werden, wiederum von der Opposition, die in sehr engem Kontakt mit den USA stehen, geschürt...
    Informationen, Informationen, Zeit; wir brauchen mehr verlässliche Informationen!

  4. Zu diesem Thema ein exzellenter Artikel von Fareed Zakaria:

    http://www.fareedzakaria....

    Der Artikel enthaelt unter anderem die folgenden Argumente:

    Entgegen der Annahme dass der Besitz von Naturresourcen wie Oil ein Vorteil fuer die Entwicklung von Demokratie ist, vieles spricht fuer das Gegenteil. Mit der Ausnahme Norwegens ist so gut wie jedes Land in dem Oel einem bedeutenden Anteil der Wirtschaft ausmacht, eine Diktatur.

    Laender die reich an Bodenschaetzen sind brauchen kein entwickeltes rechtliches und politisches System fuer Wirtschaftswachstum und die Formation einer Mittelklasse. Der Staat bekommt sein Geld durch den Verkauf von Oel anstatt durch Steuern. Dies ist auf den zweiten Blick ein Nachteil, - wenn eine Regierung Steuern eintreibt, verlangt das Volk im Gegenzug Leistungen, Rechschaftspflicht, Transparenz, und letztendlich Demokratie.

    Die Entwicklung von ostasiatischen Laendern wie Suedkorea, Taiwan, Thailand, Malaysia folgte demselben Muster wie die des Westens: zuerst Kapitalismus und Rechtsstaatlichkeit, dann Demokratie. Eine einflussreiche Elite liberalisierte die Oekonomie und das Rechtssystem. Durch den Kapitalismus bildete sich eine Mittelschicht welche die Regierung zu Reformen zwang.

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    Anmerkungen:
    Die USA/Silicon Valley waren und sind Asiens groesster 'Entwicklungshelfer'. Die USA zum Buhmann abzustempeln hilft nicht.

    In den 70er Jahren ging es Kuba wirtschaftlich verhaeltnissmaessig gut, - dank der Oellieferungen der Sowjetunion zu einem Festpreis der unter dem damaligen Marktwert lag. Das Oel wurde von Kuba auf dem Weltmarkt weiterverkauft, und Oel war die bedeutendste Exporteinnahme.

  5. Zu hoffen ist, dass Fidel Castro noch einige Lebensjahre beschieden sein werden, damit er 2009 den 50. Jahrestag seiner Revolution feiern kann. Umgeben von seinen Erben in Südamerika, werden dann die Bilder der grossen Party um die Welt gehen und sich viele Menschen in aller Welt fragen, warum Wettbewerb eigentlich immer so viel besser als Zusammenarbeit sein soll.

    • Voz
    • 21.10.2005 um 12:40 Uhr

    Was haben die V.S. von A. den rest der Amerikas überhaupt (für gutes) gelassen? Wenn es Ansätze zu Korrekturen der Kontinuierung der Nordamerikanischen Interessensphären gab (siehe z.B. die Revolutionen in Guatemala und Nicaragua) wurden diese legitime, von den Bevölkerungen unterstützten und notwendigen Änderungen zunichte gemacht durch nicht-demokratische Massnahmen von CIA und der Regierung der V.S. von A.
    Kurz, auf diesem Kontinent ist genugend Platz für einen wie Chávez. Verfolgen wir lieber seinen Weg kritisch, wie wir das auch (aber vielleicht noch nicht genug) mit den V.S. von A. tun.

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