Sie war schon einmal hier, die Vogelgrippe. Sie hieß anders: H7N7, und nicht H5N1. Aber als das Virus vor zweieinhalb Jahren in einem Hähnchenmastbetrieb bei Viersen nahe der holländischen Grenze auftauchte, mussten trotzdem mehr als 80.000 Hühner, Gänse und Puter sterben. Nur eine Hand voll der Tiere starb wirklich an der Vogelgrippe. Der Rest wurde gekeult, vorsichtshalber, damit sich die Seuche nicht weiter würde ausbreiten können. Die Notschlachtungen betrafen nicht nur den Bauern mit den grippekranken Hühnchen. Im Umkreis von 3.000 Metern war bald kein Gackern mehr zu hören.

Das alles steht den deutschen Geflügelhöfen wahrscheinlich wieder bevor. Nur in größerem Maßstab. Denn H5N1, das Vogelgrippevirus aus Asien, ist genauso virulent wie sein Vorgänger, und hat schon eindrucksvoll gezeigt, wie es Kontinente überquert und sich hartnäckig über viele Massenschlachtungen hin halten kann - immer wieder taucht es auf, und noch dazu an immer neuen Orten. Jetzt ist der böse Keim bis an die äußerste Ecke Europas vorgedrungen, vielleicht sogar schon bis nach Rumänien, und so langsam werden sich alle bewusst, dass eine Dauerprophezeiung wahr wird. Oder zumindest ein Teil davon. Denn eigentlich geht es in der Prophezeiung am Ende nicht um Hühner. Es geht um den Menschen, und darum, dass die Vogelgrippe ihm als Mutante oder Viruschimäre zum Verhängnis wird.

Doch bevor es zum Überfall auf den Menschen kommt, muss das Virus erst einmal da sein. Sich ausbreiten. Viele Hühner töten, und zwar direkt. So weit könnte es in Deutschland kommen, denn mit Sicherheit gelingt es H5N1, sich an unseren Zollkontrollen und Grenzwachen vorbeizuschleichen. Otto Schily kann nicht nur kein Einreiseverbot für Zugvögel verhängen, er kann auch nicht jede importierte Entenfeder analysieren lassen. Fortan wird deshalb auch jedes deutsche Huhn, das tot von der Stange kippt, unter Generalverdacht stehen. Sobald sich der erste Verdacht bestätigt, rücken die Keulkommandos an und das Szenario von Viersen wiederholt sich. Das ist die akute Gefahr, für die Bauern ist die Vogelgrippe ein wahrhaftiges Risiko. Künast und Trittin wissen das. Die Eilverordnung in ihrer Schublade mag übertrieben klingen, aber im Ernstfall könnte sie zumindest einige Bauern schützen. Und deren Existenzgrundlage, das Huhn. Es ist wirklich bedroht. Aber Menschenleben?

Das gefürchtete Pandemievirus, das sehr wahrscheinlich aus H5N1 hervorgeht, wird mit ebenso großer Wahrscheinlichkeit in Asien entstehen. Nicht in Deutschland. Der Erreger hat dort schon Hürden genommen, von denen er hier noch weit entfernt ist. Er hat eine ganze Region infiltriert - China, Vietnam, Thailand, Indonesien, ganz Südostasien. Er hat dort Menschen infiziert. Hat die Hälfte der Betroffenen getötet. Und der einzige Schritt, der ihm zum Pandemievirus noch fehlt, ist, auch von Mensch zu Mensch zu springen.

Da spielt für den Bürger hier kaum eine Rolle, dass ein noch nicht menschenpathogenes H5N1-Virus über den Bosporus oder die Donau im Anmarsch ist. Der Entstehungsprozess des Killers geschieht in Asien, und sobald das Virus zum Pandemievirus geworden ist, werden ganz andere Maßnahmen ergriffen werden müssen als Zollkontrollen auf Hühnchenfleisch und Entendaunen. Bundesregierung und Wissenschaft bereiten sich auch auf diesen Fall vor, mit Medikamentenkauf und intensiven Forschungen um einen Impfstoff. Eingetreten ist der Pandemiefall noch nicht. Aber der Hühnerfall.