Der erneute Ausbruch der Gewalt im Nordkaukasus war nicht nur vorhersehbar. Die Behörden in Naltschik, der Hauptstadt der kleinen Republik Kabardino-Balkarien, haben nach ersten Berichten konkret von dem bevorstehenden Angriff gewusst. Dennoch waren sie nicht in der Lage, ihn zu verhindern. Ein Fernsehbild eines russischen Soldaten im Gefecht, 13 Oktober 2005© dpa - Bildfunk BILD

Das Gift der gesellschaftlichen und moralischen Zerstörung der Tschetschenien-Kriege sickert seit langem in die umliegenden sechs Republiken des Nordkaukasus. Deren Immunsystem ist durch Korruption, Machtmissbrauch und Moskaus eindimensionale Politik der Gewalt geschwächt. Aus Dagestan werden fast täglich Bombenattentate und Feuerüberfälle auf Polizisten gemeldet. Der Angriff auf Naltschik erinnert an den Sturm von Nasran. Im Juni 2004 nahmen Islamistenkämpfer die inguschetische Hauptstadt für eine Nacht unter Kontrolle. Sie eroberten Gebäude der Sicherheitsdienste und töteten gezielt Militärs, Staatsanwälte und Geheimdienstmitarbeiter. In Naltschik sollen am frühen Morgen 150 bis 300 Kämpfer ins Stadtgebiet eingedrungen sein. Sie griffen den Flughafen, Gebäude des Geheimdienstes FSB und des Innenministeriums, ein Jagdwaffengeschäft und ein Arbeitslager an.

In der Nähe von Naltschik hatte sich vor zwei Jahren der meistgesuchte Mann Russlands und tschetschenische Terrorist Nr. 1, Schamil Bassajew, einen Monat vor dem Panorama der schneebedeckten Kaukasusgipfel versteckt gehalten. Er entkam, heißt es, mit Hilfe der käuflichen Polizei. Vor vier Monaten warnte der Kreml-Beauftragte für den Nordkaukasus, Dmitrij Kosak, dass Korruption und Machtmissbrauch der lokalen Herrscher zu weitverbreiteter sozialer Apathie führen würden. Dass Russlands Präsident Wladimir Putin nach der Geiselnahme in der Schule von Beslan "als Anti-Terrormaßnahme" die Gouverneurswahlen abschaffte und die Spitzen der Republiken nun selbst auswählt, hat daran bisher nichts geändert. Fernsehbild des Russischen NTV-Senders zeigt die Überbleibsel eines Schusswechsels in Naltschik© dpa - Bildfunk BILD

Jahrelang hat Moskau den Nordkaukasus vernachlässigt und, wenn es zu spät war, allein mit der Waffe zu befrieden versucht. Statistische Werte umreißen grob die Armutsmisere: Das Durchschnittseinkommen im Nordkaukasus liegt nur bei der Hälfte des russischen Einkommens, die Arbeitslosenquote rangiert bei über 60 Prozent. Zusammen mit dem radikalen Islamismus ergibt die soziale Ungerechtigkeit eine explosive Mixtur. Kosak sagte entsprechend "einen dramatischen Anstieg des Extremismus" voraus.

Das Vorgehen der Sicherheitsbehörden in Naltschik verschärft die Konflikte. Die Polizei belegt jeden Muslim mit einem Generalverdacht, führt Massenverhaftungen durch und schreckt laut Aussagen von Menschenrechtsorganisationen auch nicht vor Folter zurück. 18 Moscheen wurden geschlossen. Nur in einer, die im Volksmund wegen ihrer Überwachung "KGB-Moschee" genannt wird, dürfen die Gläubigen noch beten. Als Reaktion radikalisieren sich islamistische Gruppen.

Vor Beginn des zweiten Tschetschenienkrieges warnte der damalige Ministerpräsident Sergej Stepaschin, Russland drohe den Nordkaukasus zu verlieren. Der Kreml hat Tschetschenien durch den Krieg als verwüstete Republik an sich gebunden. Doch die Gefahr, auf die Stepaschin hinwies, ist noch gewachsen. Ein Auseinanderbrechen Russlands an seiner Südflanke hätte allerdings mit separatistischen Sehnsüchten der Nordkaukasier nur mehr wenig zu tun. Die staatliche Souveränität ist, zumal angesichts des tschetschenischen Menetekels, weder für einen Großteil der Bevölkerung noch für die Machtelite attraktiv; die Machthaber bedienen sich lieber in Ruhe in den Moskauer Subventionstöpfen. Aber für die verschiedenen Clans des Kaukasus lassen sich im Kampf um Macht und Profitinteressen gerade radikalisierte Ideologen, Verzweifelte und Rachsüchtige gut einsetzen. Und diese werden Russland wieder und wieder herausfordern. Moskau hat darauf bisher keine Antwort gefunden.