Literatur "Was wir entfesselt haben, ist Gewalt und Chaos"
Der diesjährige Literaturnobelpreis geht an den britischen Dramatiker Harold Pinter - und ehrt damit einen Dichter, der bis heute seinen Kampf gegen Folter, Krieg und Unterdrückung führt
In den USA jedenfalls dürfte man seiner Auszeichnung mit gemischten Gefühlen gegenüberstehen. Denn spätestens seit seiner am 10. September 2001 an der Universität von Florenz öffentlich gehaltenen Rede, in der er das politische Amerika mit "tiefem Abscheu" als "brutale und bösartige Weltmaschine" verteufelte, dürfte die Zahl seiner amerikanischen Freunde überschaubar sein. Gleichwohl trug Harold Pinters damalige Anklage durchaus prophetische Züge. Denn als nur wenige Stunden später der Anschlag auf das New Yorker World Trade Center verübt wurde, hatte sich auf unvorstellbar bestialische Weise bewahrheitet, was der zornige alte Mann des britischen Theaters meinte, als er seherisch formulierte: "Der Widerstand gegen die USA wird wachsen."
Mit Pinter, der vor drei Tagen seinen 75. Geburtstag beging, ehrt die Schwedische Akademie einen Autor, der - so deren Begründung - "in seinen Dramen den Abgrund unter dem täglichen Geschwätz freilegt" und "in den geschlossenen Raum der Unterdrückung" eingebrochen sei. Und sie ist sich mit ihrer Entscheidung, einen Dramatiker zu ehren, dessen wirklich spektakuläre Bühnenerfolge mehr als vierzig Jahre zurückliegen, in ihrer Unberechenbarkeit einmal mehr treu geblieben. Denn wer gehofft hatte, der Preis falle an Daueraspiranten wie die Amerikaner John Updike oder Philip Roth, sieht sich wieder eines Besseren belehrt.
Wer ist der Mann, der mit Stücken wie Der Hausmeister (1960/61), Das Zimmer (1957), Ein leichter Schmerz (1961) oder Die Kollektion (1962) zu einem der herausragendsten Vertreter des englischen Dramas der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts avancierte? Pinter, 1930 in Londons Arbeiterviertel Hackney geboren, veröffentlichte bereits als 20-Jähriger Gedichte, ehe er anfing, als Schauspieler und Sprecher für die BBC zu arbeiten. Doch die früh entdeckte Liebe zur Bühne ließ den linksliberalen Sohn eines jüdischen Schneiders nie wieder los. Und so verlegte er sich ab Mitte der 50er-Jahre ganz auf die Produktion eigener Stücke; Arbeiten, in denen Pinter sich als angriffslustiger Feuerkopf erwies, der sein Publikum ein ums andere Mal mit seiner eigenen Verlogenheit konfrontierte. Angefangen bei seinem klaustrophobischen Einakter Das Zimmer aus dem Jahr 1957, in welchem er das ärmliche Wohnzimmer eines Arbeiterehepaares im Handumdrehen zur Weltbühne weitete, auf der er das kleine ABC menschlichen Agierens und Erleidens durchdeklinierte.
Zudem profilierte Pinter sich als luzider Interpret der Arbeiten anderer. So brachte er etwa Stücke von Tennessee Williams oder Simon Gray auf Englands Bühnen, die unter seinem unnachgiebigen Blick etwas faszinierend Verstörendes bekamen. Zwar schrieb er darüber hinaus zahlreiche Essays und Erzählungen - die stupende, kühn dosierte Bitterkeit und Qualität insbesondere seiner frühen Stücke aber erreichte beides nie. Mit den Worten "Ich habe 29 Bühnenstücke geschrieben, ich glaube, das ist eigentlich genug", hatte Pinter sich Mitte der 70er-Jahre aus dem Tagesgeschäft des aktiven Dramatikers zurück gezogen - wirklich still aber war es um seine Person nie. So kam etwa 1993 seine Groteske Moonlight auf deutsche Bühnen. Und trotz langer Phasen des Schweigens und seiner zwischenzeitlichen Erkrankung an Kehlkopfkrebs setzt der Mann aus Hackney seinen persönlichen Feldzug gegen Krieg, Todesstrafe, Folter und Unterdrückung bis heute unvermindert fort. "Die Zukunft ist die Ausrede all jener, die in der Gegenwart nichts tun wollen", hat er wohl wissend, dass die Probleme hier und heute einer Lösung harren, einmal gesagt. So ehrt die Schwedische Akademie denn wohl vor allem den politischen Dichter und Mahner Pinter. Ein Kriterium, das Alfred Nobel, dem engagierten Namensgeber des Preises, durchaus gefallen haben dürfte.
- Datum
- Quelle (c) ZEIT online, 13.10.2005
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Diesjährige Verleihung des Literatur-Nobelpreises an Harold Pinter - aha! Vor knapp vierzig Jahren sah ich in München Heinz Rühmann auf der Bühne als "der Hausmeister" - die schauspielerische Leistung war unvergesslich und fabelhaft. Nun ist dieses Stück von Harold Pinter auch eines der letzten von ihm geschriebenen, die literaturhistorisch bedeutend und literaturwissenschaftlich relevant sind. Was erstaunt bei der Vergabe des bedeutendsten Literatur-Preises an Pinter ist, dass es sich um einen Autor handelt, der sich aus der Literatur-Szene nahezu zur Gänze verabschiedet hatte und das seit Langem. Es erinnert an einen Autosalon, wo man zum Auto des Jahres einen Opel Kadett, Baujahr 1971, kürt. Irgendwie absurd, aber immer noch besser, als eine beschränkte Psychopathin wie die Jelinek letztes Jahr. Vielleicht schwenkt man nächstes Jahr ins Gegenteil und nimmt einen hochmodernen. Warum nicht beispielsweise Paul Auster.
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