Rede Die neuen Fragen der Außenpolitik
Von Frank Walter Steinmeier
Der künftige Außenminister einer angestrebten Großen Koalition aus CDU/CSU und SPD, der bisherige sozialdemokratische Kanzleramtschef, Staatssekretär Frank-Walter Steinmeier, hielt diese Rede anlässlich der Verabschiedung des Direktors der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), Christoph Bertram, am 21. September 2005 in Berlin. Bertram war auf diesen Posten 1998 von Bundeskanzler Helmut Kohl berufen worden. Davor war Bertram viele Jahre leitendes Redaktionsmitglied der ZEIT. Aus der Rede Steinmeiers veröffentlichen wir hier die wichtigsten Auszüge:
Die Kosovo-Krise 1999, der 11. September 2001, die Kontroverse um den Irak-Krieg 2003, die Erweiterung der Europäischen Union um 10 neue Mitgliedsstaaten, das Scheitern der EU-Verfassungsreferenden in Frankreich und den Niederlanden sowie das schwere Fahrwasser, in das die Vereinten Nationen erneut geraten sind, haben die Welt dramatisch verändert und konfrontieren uns mit neuen Fragen:
Wie gehen wir mit ethnisch oder religiös motivierter Gewalt um? Wie begegnen wir den Bedrohungen durch die asymmetrische Kriegführung des internationalen Terrorismus und die Proliferation von Massenvernichtungswaffen? Wie verhindern wir das Zerfallen von Staaten? Unter welchen Voraussetzungen ist der Einsatz militärischer Mittel erlaubt, unter welchen ist er geboten? Was können, was müssen wir tun, um multilaterale Institutionen, die in unserem vitalen Interesse sind, zu stärken? Und: wie schaffen wir es, dass die NATO wieder das Zentrum des transatlantischen strategischen Dialogs wird? Welche ökonomischen und sozialen Transformationsprozesse sind wir bereit, im Innern zu vollziehen, um den einheitlichen Markt mit seinen Verheißungen von mehr Wohlstand für alle zu vollenden? Welche nationalen Gestaltungsansprüche sind wir bereit aufzugeben, um ein starkes Europa zu bauen? Wie schaffen wir es, die gegenwärtige europäische Krise zu überwinden und Europa wieder zu einem Ort der Zukunftsverheißung zu machen? Wie fördern wir Gerechtigkeit und nachhaltige Entwicklung weltweit? Und wie kann es gelingen, die Globalisierung so zu gestalten, dass ihre Potenziale für alle Menschen, auch die Bürgerinnen und Bürger unseres Landes, zum Tragen kommen? ...
Außen- und Sicherheitspolitik ist in der Tat unübersichtlicher geworden:
Erstens: Wir können eine erhebliche Zunahme von Akteuren, die grenzüberschreitend tätig sind, beobachten.
Das reicht von informellen Netzwerken und formelleren Kooperationen auf den Gebieten von Wissenschaft, Kunst, Kultur, über die Aktivitäten multinational operierender Unternehmen, bis hin zum Engagement von Nichtregierungsorganisationen im politischen, sozialen und humanitären Bereich.
Ermöglicht durch die Revolution auf dem Gebiet der modernen Kommunikationstechnologien und der parallel sich vollziehenden Verbreitung des Englischen als lingua franca steht jedermann, vorausgesetzt er steht auf der richtigen Seite der sogenannten „digitalen Kluft“, heutzutage buchstäblich die Welt offen.
Hinzu kommt zweitens eine größere Diversifizierung im Hinblick auf potenzielle Themen, die im Rahmen des außen- und sicherheitspolitischen Diskurses eine Rolle spielen. Dass wir heute von der Notwendigkeit eines erweiterten Sicherheitsbegriffs ausgehen, ist nicht neu, zeigt sich aber immer deutlicher. Sicherheit bedeutet nicht einfach nur Abwesenheit eines bewaffneten Konflikts. Sicherheit hängt auch ganz maßgeblich von Voraussetzungen ab, zu denen sicherheitspolitische Maßnahmen im engeren Sinne häufig keinen, oder einen nur begrenzten Beitrag leisten können - Voraussetzungen politischer, ökonomischer, sozialer, zuweilen sogar kultureller oder religiöser Art.
Kofi Annan, der eloquenteste Verfechter eines erweiterten Sicherheitsbegriffs, hat diese Einsicht jüngst wieder auf die Formel gebracht: "Es kann keine Entwicklung ohne Sicherheit, keine Sicherheit ohne Entwicklung und weder das eine noch das andere ohne die Wahrung der Menschenrechte geben."
Folgerichtig unterteilt Kofi Annan seinen jüngsten Bericht an die Generalversammlung der Vereinten Nationen in die drei Kapitel:
• "Freiheit von Not",
• "Freiheit von Furcht", sowie
• "Freiheit, in Würde zu leben".
Außen- und sicherheitspolitische Themen in einem engen, eher traditionellen, Sinne sind dies nicht, und doch für den außen- und sicherheitspolitischen Diskurs von zentraler Bedeutung.
Ein guter Ausgangspunkt, sollte man meinen, um die Prioritäten und Schwerpunkte auf der außen- und sicherheitspolitischen Agenda einmal grundsätzlich zum Thema zu machen.
Bedauerlich nur, dass es in der deutschen Öffentlichkeit, zumindest jenseits der interessierten Fachöffentlichkeit, weitgehend unbeachtet geblieben ist.
Diese beiden Entwicklungen, die Diversifizierung der Akteure zum einen, der Themen zum anderen, hängen natürlich eng mit dem weltpolitischen Geschehen seit Ende des Ost-West-Antagonismus und dem Prozess der fortschreitenden Globalisierung zusammen.
Im Ergebnis ist es zunehmend schwierig geworden, eine Warte einzunehmen, die für alle Beteiligten gleichermaßen Verbindlichkeit beanspruchen kann.
Das lässt sich unter anderem daran ablesen, dass selbst bei der Gestaltung unserer bilateralen Beziehungen mit Ländern wie China und Russland, außen- und sicherheitspolitische Vorgänge par excellence, ökonomische, ökologische, soziale und kulturelle Gesichtspunkte eine zunehmend wichtige Rolle spielen.
So lag es beispielsweise zu Zeiten des Ost-West-Konflikts nahe, die Sowjetunion primär und fast ausschließlich unter dem Blickwinkel der Ost-West-Konfrontation zu betrachten.
Fragen der angemessenen sicherheitspolitischen Strategie im Umgang mit der Sowjetunion hatten für die Bundesregierung aus gutem Grund absoluten Vorrang vor allen anderen Fragen und wurden gemeinsam mit den Verbündeten diskutiert und entschieden. Die Handlungsspielräume für die Bundesregierung waren dabei denkbar gering.
Wenn wir heute unsere bilateralen Beziehungen zu Russland betrachten, so fällt auf, dass die Perspektiven und Handlungsoptionen dramatisch gewachsen sind. Am jüngsten Projekt, der Ostsee-Pipeline, kann man dies deutlich ablesen. Innenpolitische, energiewirtschaftliche, ökologische, europapolitische, geostrategische und sicherheitspolitische Gesichtspunkte sind miteinander verschränkt. Alle Gesichtspunkte sind gleichermaßen in die Gesamtrechnung einzustellen und gegeneinander abzuwägen, nur beispielhaft:
Russland
• ist unser Nachbar, dessen schwierige innenpolitische Entwicklung mit ihren gewaltigen sozialen Spannungen uns unmittelbar berührt,
• kann Verbündeter in weltpolitischen Fragen sein, zum Beispiel im Zusammenhang mit der Bekämpfung des Terrorismus und der Verbreitung von Massenvernichtungswaffen,
• ist ein Markt mit gewaltigem Potenzial für die deutsche Wirtschaft,
• ist einer der wichtigsten Energielieferanten Deutschlands,
• Partner eines vielgestaltigen kulturellen und wissenschaftlichen Austauschs,
• Ort ökologischer Probleme, die uns potenziell betreffen,
• Herkunftsland vieler Menschen deutscher Abstammung, die in den vergangenen Jahren in Deutschland ihre neue Heimat gefunden haben, und vieles mehr.
Eine solche Diversifizierung von Themen und Akteuren dürfte wohl für alle außen- und sicherheitspolitischen Dossiers von einiger Bedeutung gelten.
- Datum 12.10.2005 - 13:24 Uhr
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"Russland ist unser Nachbar" - setzt Herr Steinmeier die Schrödersche Politik fort, die dazu führt, dass sich Polen - unser wirklicher geographischer Nachbar - wiederum vernachlässigt fühlt? Sollen die nationalistischen Strömungen in Polen wiederum Argumente erhalten, die sie auf die unseligen Zeiten verweisen lassen, in denen tatsächlich "Russland unser Nachbar" war?
Ich wünsche mir mehr Vorsicht im Hinblick auf die Empfindlichkeiten der Polen - das gehört zu der historischen Verantwortung Deutschlands und zur Verpflichtung seines Außenministers.
Da mein Vorbeitrag hier leider gelöscht worden ist, hier nochmal eine leicht gekürzte Variante, mit einem allgemeinen Bezug zu einem vermutlichem gewichtigem Denkfehler von Herrn Steinmann. (Hoffe dass es diesmal udn so stehenbleibt, bzw. dass man die Löschung zumindest mir kurz begründet.)
Zitat aus dem Zeit-Beitrag, also dem Fortrag von Herrn Steinmann:
"Kofi Annan, der eloquenteste Verfechter eines erweiterten Sicherheitsbegriffs, hat diese Einsicht jüngst wieder auf die Formel gebracht: "Es kann keine Entwicklung ohne Sicherheit, keine Sicherheit ohne Entwicklung und weder das eine noch das andere ohne die Wahrung der Menschenrechte geben."
Folgerichtig unterteilt Kofi Annan seinen jüngsten Bericht an die Generalversammlung der Vereinten Nationen in die drei Kapitel:
"Freiheit von Not",
"Freiheit von Furcht", sowie
"Freiheit, in Würde zu leben". " (Zitat-Ende.)
Der erste Teil ist richtig, wie dies genauer zusammenhängt, davon schreibe ich auch etwas, der zweite Absatz wirft die Frage der Definition des Begriffes Freiheit auf. Das von Herrn Annan Genannte ist ja keine wirkliche Freiheit, sondern nur als die Beseitigung von schwierigen äußeren Not- und unschönen inneren Missständen anzusehen die man, zumindest im ersten Punkt, sicher als Voraussetzung für die Wahrnehmung von Entscheidungs-Freiheiten ansehen kann und muss. Aus der Sicht des relativ selbstständigen Einzelindividuums, aber auch dem Blick weitgehend selbstständiger, bzw. selbsttragender Gesellschaften sieht das aber anders aus. Hierunter wird zu Recht die Wahl- und Entscheidungsfreiheit in verschiedenen Bereichen verstanden, z.B. bei der Partnerwahl, der Entscheidung zur Fortpflanzung, der Ortswahl, der Arbeitswahl, der Nahrungswahl, der Wahl der Anführer bzw. Gruppenleiter, der Vertragsfreiheit, der Meinungsfreiheit etc. Die individuelle Freiheit kann aber eben durchaus auch darin bestehen, einen anderen zu schädigen. Wer dies tut, was ja eben aus guten Gründen verboten ist, der bekommt Sanktionen, dem wurd eund wird dann oftmals (aber eben nicht mal immer!) die Freiheit (wenn nicht gar das Leben) dann oft entzogen. Der Sieger wurde ja oft sogar gefeiert!
Die bürgerlichen Freiheiten, wie sie in der französischen Revolution formuliert worden sind, sind also ein Produkt einer gewissen Höhe der Zivilisation, der gesellschaftlichen Entwicklung. Frühere Gesellschaftsformen, auch der Sozialismus, haben, auch weil sie die (materiellen) Voraussetzungen für die höheren Freiheiten ihrer Bürger quasi erst (sich) schaffen mussten (das gilt im Feudalismus für die Bauern) bzw. schaffen wollten, die Freiheiten der meisten "Bürger" oft relativ stark eingeschränkt.
Heute redet nun allderdings sogar Herr Westerwelle von der "Freiheit zur Verantwortung", also nicht gegen die Verantwortung Freiheit heißt nun aber eben auch hier die Wahl zu haben...! Die DDR konnte bzw. kann hier mit ihrer Freiheitsdefinition als "Einsicht in die Notwendigkeit" dann durchaus mithalten - man muss (als Führung) dann nur über die Frage der gesellschaftlichen Notwendigkeit einig sein, schon kann man die deshalb notwendige Unfreiheit Anderer einfordern. Es ist aber falsch und verlogen, ja demagogisch dies dann auch noch als Freiheit zu bezeichnen!
Die Verantwortung andere in den Stand der Möglichkeit der Wahrnehmung bürgerlicher Freiheiten (und wenn man so will der Würde) zu versetzen, die ja durchaus zu begrüßen ist, kann, wie in (Groß-)Familien, bei Eltern (Verwandten) und Kindern, völlig freiwillig übernommen werden. Falls dies nicht (ausreichend) möglich ist, kann und muss hier der Staat diese Verantwortung gegenüber seinen Bürgern sicher wahrnehmen, die Lasten also auf alle verteilen. Wenn dies geschieht, so ist damit aber eben eine Verminderung der Freiheit der anderen verbunden, auch wenn dies nur in einer Erhöhung der Abgaben, also der Arbeitszeiten und Intensitäten sich ausdrückt.
Ein Problem ist hier ja, dass Freiheit auch als die Freiheit zur bewussten Repression anderer verstanden werden kann und muss. Wir haben und hatten schon immer auch die Freiheit, einander umzubringen, einander zu bekriegen. Und da kommt es dann halt zu einem gewissen Zielkonflikt der beiden und prinzipiell gleichberechtigten Freiheits-Verständnisse, der Freiheit zum Ausleben eigener Aggressionen zweier Konkurrenten. Dieser sollte, muss und kann in einem friedlichen Kompromiss aufgelöst werden, nach unserem heutigen Verständnis, auch weil uns das Leben als höchstes Gut gilt.
Die Würde wiederum kann einem eigentlich nicht genommen werden. Ein Mensch kann sich nur unwürdig verhalten, z.B. wenn er, zum Erhalt oder zur Erlangung von (noch mehr) Reichtum, einen Armen ausbeutet. Das ist ein unwürdiges Verhalten des Ausbeuters, der Ausgebeutete und Erniedrigte behält letztlich auch dann noch seine Würde, selbst wenn er wegen der Ausbeutung verhungert. Die Situation des Notleidenden ist keine unwürdige, sondern eine elende. Auch der gekreuzigte Jesus behielt z.B. seine Würde bis zuletzt, ja sogar über den Tod hinaus, obwohl man sicher auch formulieren kann, dass sein Tod eines Gottessohnes und Menschen unwürdig war. Besonders sinnvoll ist dies m.E. nicht, und insofern auch nicht folgerichtig. Es ist schon bedenklich, dass auch Herr Steinmann diese zentralen Zusammenhänge, die sich ja durchaus auch bei konkreten außen- (und innen-) politischen Entscheidungen auswirken, offenbar noch nicht so recht verstanden hat.
Ansonsten gefällt mir der Tenor seiner Rede ganz gut, auch wenn auch ich hier noch allzu viele Unklarheiten feststellen muss: Wir haben bei dieser Wahl hier, entgegen allgemeinen Wahlkampf-Versprechungen, offenbar inhaltlich und personell eine weitgehend eingesackte Katze bekommen....
Der Schwerpunkt der deutschen Außenpolitk muss ganz nach volkswirtschaftlichen sowie sicherheitspolitschen Gesichtspunkten gelegt werden. Dies ist zumindest meine These.
Aufgrund der immer größer werdenden Abhängigkeit von Rohstoffen hat die rot-grüne Bundesregierung erkannt, dass nicht Russland auf Deutschland angewiesen ist, sondern umgekehrt!
Polen ist zwar unmittelbarer Nachbar und wird sicherlich auch außenpolitsch und wirtschaftlich berücksichtigt, dennoch hat die deutsch-russische Außenpoltik Vorrang.
Eine nochmalige kurze Ergänzung muss auch hier noch sein.
Sicher gilt die Überschrift auch umgekehrt. Wenn ein Reicher seine Freiheiten wahrnimmt, ohne Rücksicht auf einen Armen zu nehmen, so kann dies für ihn unter Umständen eben durchaus gefährlich werden. Insofern ist bzw. wäre die Hilfe hier nicht ganz uneigennützig. Wäre sie es prinzipiell dennoch, man kann dies heute nicht ausschließen, so ist bzw. wäre dies Ausdruck einer Endzeit-Moral.
(Da wird dann nicht mehr um Vermehrungs-Rechte und Lebensressourcen gekämpft, da sagt dann ein jeder zum anderen, nimm dir nur, vermehre dich nur - aber keiner tut es mehr. Man braucht sich dann aber nicht zu wundern, wenn die Menschheit oder das "eigene" (allzu?) gute Volk ausstirbt.)
Steinmeier hielt seinen Vortrag am 21. September, also zu einem Zeitpunkt da unter seriösen Zeitgenossen schon klar war, dass in der BRD alles auf eine Große Koalition hinauslaufen würde. Und dass dann ER für die Position des Aussenministers in Frage käme, dürfte ihm auch klar gewesen sein.
Wenn das aber so ist, hat er meines Erachtens zu viele rhetorische Fragen gestellt und zu wenige konkrete Antworten gegeben. Etwa: Wie soll Deutschland das durch Schröder angeknackste Verhältnis zu den USA wieder in Ordnung bringen? Was wird Berlin zu Blairs Agrar-Subevntions-Sorgen sagen? Wie stellt sich Steinmeier die Verhandlungen mit der Türkei vor? Und was soll Deutschland zu den Problemen im nördlichen Afrika beitragen - sprich Marokko?
Das wäre er dann also, unser neuer Außenfischer. Nun, er täte gut daran, noch einmal einen Blick auf die Karte zu werfen, eher er auf die außenpolitische Bühne tritt. Bevor er noch in einen der eigens dafür aufgestellten Fettnäpfe tritt. Russland ist zwar groß und geostrategisch von einiger Bedeutung, es ist allerdings definitiv kein (bilateraler) Nachbar Deutschlands. Auch die Frage, ob die deutsche Regulierungen des Arbeitsmarktes abgebaut werden muss (hübsche Umschreibung übrigens), wenn Deutschland international mehr Auftrieb erhalten will, oder ob unsere rechtlichen und informellen Regeln nicht vielmehr gerade eine Stärke Deutschlands ausmachen, hätte man sich bereits vor Harz IV stellen können. Und dass "klassische Fragen" der menschlichen Mobilität wie beispielsweise die Migration sich von solchen der Infrastruktur wesentlich unterscheiden, müsste er mit als Raumplaner sicherlich erst einmal erklären, bevor ich ihn dafür bewundern kann. Aber immerhin: Die Erkenntnis, dass außen- und sicherheitspolitische Expertisen "anschlussfähig" sein sollten, halte ich für eine richtig gute Idee. Selbst, wenn sie nicht von Herrn Steinmeier persönlich stammt, sondern nur von einem seiner Referenten. Starten wir ihn doch (bitte, bitte!) endlich, jenen "Prozess der inneren Selbstverständigung", den einige Menschen schon seit geraumer Zeit als Grundvoraussetzung für eine sinnvolle Zusammenarbeit aller Protagonisten auf der politischen Bühne ansehen. Mehr Ehrgeiz beim Mitgestalten ist gut. In diesem Punkt scheint unser künftiger Außenminister tatsächlich ein legitimer Kanzler-Nachfolger zu sein. Voraussetzen müsste man allerdings dürfen, dass diejenigen, die das größte Maß an Ehrgeiz entwickeln, das Recht darauf nicht ausschließlich sich selber zubilligen. Wir werden sehen, in wie weit Herr Steinmeier als Außenminister mit den vermeintlich entscheidenden und in wie weit er auch mit den weniger wichtigen Nationen der Erde verhandelt. Wir sitzen schließlich alle in einem Boot. Bei offiziell 192 verschiedenen Staaten weltweit wird es nicht immer leicht werden, den Überblick zu behalten. Die Verlockung ist groß, eine Auswahl zu treffen. Ob diese Auswahl letztendlich die richtige gewesen sein wird, kann man in einer globalisierten Welt nur ganz schlecht vorhersehen. Mag sein, ein Jurist wie Herr Steinmeier braucht gute Berater, wenn er als Außenminister nichts verkehrt machen will - und eine große Portion Glück...
Steinmeier ist der richtige Mann. Jeder hat wohl seine eigene Methode, um dergleichen für sich festzustellen. Mein Weg ist die Analyse der Sprache. Steinmeier spricht in klaren prägnanten Sätzen, seine Rede war sauber gegliedert, dabei sehr informativ, und er kann wichtiges von unwichtigem unterscheiden. Sehr wohltuend unterscheidet er sich von seinem Vorgänger durch jeden Verzicht auf Pathos und Schachtelsätze und Füllwörter.
Es gibt keinen theatralischen Gestus bei ihm. Auch ist er kein totalitärer Charakter (man findet keine Ausdrücke wie "absolut", "total", "uneingeschränkt", "in höchstem Maße bedenklich", "darüber muß sich jeder klar sein","ohne jeden Zweifel" usw. bei ihm). Steinmeier ist kein Ideologe, sondern ein Managertyp. Er scheint ein gut strukturierter Mensch zu sein - und die haben es im Leben bekanntlich leichter.
Ich jedenfalls freue mich auf den Neuen.
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