EU-Gipfel Vom Ende einer Freundschaft

Gerhard Schröder und Tony Blair begannen als Verbündete. Doch nun fällt ihnen der Abschied nicht schwer

Gar nicht lang ist es her, da waren Tony und Gerhard das politische Traumpaar in Europa. Gemeinsam stimmten sie die Hymne sozialdemokratischer Modernisierung an, gemeinsam beschritten sie den Dritten Weg, der in die Neue Mitte führen sollte. Stolz präsentierten Kanzler und Premier einst, es ist kaum 6 Jahre her, ein ökonomisches Reformpapier, das ihre Namen trug. Nach seinem ersten Wahlsieg 1998 brach Gerhard sogar demonstrativ mit der Gepflogenheit deutscher Bundeskanzler und flog zuerst nach London statt nach Paris.

Doch die Tony-und-Gerhard-Show ist schon eine geraume Weile vorüber. Beim EU Gipfel in Hampton Court wird nun offiziell voneinander Abschied genommen – doch keiner von beiden wird dem anderen eine Träne nachweinen. Ihr Verhältnis ist mittlerweile heillos zerrüttet, politisch wie menschlich. Die beiden Regierungschefs gleichen einem Ehepaar, das einst tiefe Zuneigung verband, sich zerstritt und seither mit tiefer Abneigung beäugt. Ja, sie sind durchaus bereit, dem anderen einen Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Blair verabredete sich mitten im deutschen Wahlkampf demonstrativ zu einem Tete-a-Tete mit Angela Merkel. Schröder konterte: Seine Wahlkampfreden waren gespickt mit Tiraden gegen den herzlosen angelsächsischen Kapitalismus. In London wie Berlin machen Diplomaten gar nicht mehr den Versuch, zu beschönigen. Vereist sei die Beziehung der beiden Regierungschefs, heißt es.

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Dabei war keineswegs der Irakkrieg - wie man vielleicht denken könnte - der alles entscheidende Faktor für das Ende ihrer Freundschaft. Im Wahlkampf 2002 hatte Blair Schröder sogar noch ganz unverblümt Schützenhilfe geleistet, obgleich es ihm missfiel, wie entschlossen sein Freund Gerhard die antiamerikanische Karte ausspielte. Wer Wahlen gewinnen will, hieß es damals verständnisvoll aus Blairs Umgebung, müsse schon mal zu rabiaten Mitteln greifen.

Nach dem Irakkrieg hatte der Premier sogar angeboten, zwischen Berlin und Washington zu vermitteln. Beide Regierungschefs gaben sich nach dem Irakkrieg eine Zeit lang alle Mühe, den Eindruck zu erwecken, als ob nichts ihr harmonisches Verhältnis trüben könnte – nicht der bittere Zwist über Notwendigkeit und Legalität des Krieges, auch nicht die tiefen Differenzen über die Rolle der Großmacht Amerika. Am Ende aber reichte die persönliche Sympathie nicht, um die tiefen sachlichen Gegensätze zu überspielen. Schröders Mannschaft beschwerte sich bitter über Blair, in dem sie einen willigen Pudel von Georg Bush sah. In Blairs Umgebung mokierte man sich über Schröders Mangel an strategischem Verständnis angesichts der Herausforderung durch den totalitären Islam und transnational operierende Terrorgruppen.

Doch für den offenen, irreparablen Bruch sorgte Europa. Wobei es ironischerweise anfangs gerade auf diesem Feld ausgesehen hatte, als wollten Tony und Gerhard stärker an einem Strang ziehen und ein Dreieck Berlin - London - Paris kreieren. Doch es kam ganz anders. Blair vermochte Schröder nicht aus der Umarmung von Chirac herauszulösen. Schröder wiederum bezichtigte Blair, sein Versprechen, Großbritanniens europäischen Zwiespalt zu überwinden, nicht eingelöst zu haben.

Der Bundeskanzler schob dem Briten die Schuld am Scheitern der europäischen Verfassung zu, weil Blair durch die Ankündigung eines britischen Referendums Frankreich indirekt zu seiner fatalen Volksabstimmung gezwungen habe. Auch fiel der Bundeskanzler beim Streit um das EU-Budget, den britischen Rabatt und die Agrarsubventionen ins Lied vom geizigen, unsolidarischen Britannien ein, das Chirac angestimmt hatte, um Blair zu isolieren. Tief verärgert revanchierte sich Downing Street, indem man über den „Gesang der Halbtoten“ in Paris und Berlin spöttelte.

Man darf mit Fug und Recht vermuten, dass Blair auf die Anwesenheit seines einstigen Freundes beim europäischen Sozialgipfel insgeheim wohl lieber verzichtet hätte. Zumal sich Gerhard Schröder vor dem Treffen in Hampton Court einige ziemlich deutliche Spitzen gegen Tony Blair nicht verkneifen mochte, in einem Artikel in der ZEIT erneut den Vorwurf mangelnder britischer Solidarität bei den Budgetverhandlungen anklingen ließ und generell den Eindruck erweckte, Blairs Konzept zur weiteren Liberalisierung könnte das europäische „Sozialmodell“ untergraben. Europa brauche „Wettbewerb, aber kein Sozialdumping“.

Sätze, die in 10 Downing Street mit großem Ärger vernommen wurden. Hatte Tony Blair doch vor dem Gipfel in Reden vor dem europäischen Parlament und in Seminaren über die „soziale Dimension“ alles daran gesetzt, den vermeintlichen Gegensatz zwischen ökonomischer Effizienz und sozialer Fairness zu entkräften. Was immer in Hampton Court herauskommen mag – ein versöhnliches Ende für die einstigen Kampfgefährten und Reformer wird es wohl kaum geben.

 
Leser-Kommentare
  1. war/ist ein Gelegenheitsarbeiter und Taugenichts.

    Blair hat Ueberzeugungen und er ist ihnen treu geblieben.

    Einen groesseren Unterschied gibt es nicht.

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  • Quelle (c) ZEIT online, 27. 10. 2005
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