Sterbehilfe Instrumentalisierte Umfragen
Sind die Deutschen für oder gegen aktive Sterbehilfe? Meinungsforscher kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen
Seit der Schweizer Verein für Sterbehilfe, Dignitas, Ende September in Hannover ein Büro eingerichtet hat, ist in Deutschland die Debatte über die aktive Tötung unheilbar Kranker neu entbrannt. Vielen missfällt das: Zahlreiche Politiker, Vertreter der Kirchen, die Berufsvereinigung der in der Pflege Beschäftigten und die Deutsche Hospiz Stiftung reagierten mit entschiedener Ablehnung auf die Niederlassung von Dignitas. Zudem heizte der Hamburger Justizsenator Roger Kusch (CDU) die Diskussion an. Er rief dazu auf, nicht länger zwischen passiver und aktiver Sterbehilfe zu unterscheiden und auch die aktive Hilfe zum Sterben nicht unter allen Umständen mit Strafe zu bedrohen.
Kusch beruft sich auch auf eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa , nach der 74 Prozent der Deutschen finden, Ärzten solle es erlaubt sein, Schwerstkranken auf persönlichen Wunsch ein tödliches Mittel zu verabreichen. Lediglich 20 Prozent lehnten aktive Sterbehilfe ab, sechs Prozent haben keine Meinung. Ein gutes Argument, könnte man meinen. Doch nun hat die Deutsche Hospizstiftung ebenfalls eine repräsentative Umfrage vorgelegt, die von dem Meinungsforschungsinstitut Emnid durchgeführt wurde. Und diese kommt zu anderen Ergebnissen. Ihr zufolge befürworten nur 35 Prozent der Deutschen aktive Sterbehilfe, 56 Prozent sprechen sich dagegen für palliative (also lindernde, nicht heilende) Medizin und Hospizarbeit (Sterbebegleitung) aus.
Die Deutsche Hospizstiftung hat für diese Differenz eine einfache Erklärung. In der Forsa -Umfrage sei den Befragten keine Alternative zur aktiven Sterbehilfe genannt worden, kritisiert die Stiftung. Dass diese von den Menschen selbst mitbedacht werde, sei nicht zu erwarten, denn die Möglichkeiten der palliativen Medizin, seien weithin unbekannt. Nur drei Prozent der Bevölkerung könnten mit dem Begriff Palliativmedizin etwas anfangen, den Terminus Hospiz könnten nur 20 Prozent richtig zuordnen.
Die Hospiz-Stiftung hat ihrer Frage deshalb einen langen erklärenden Absatz vorausgestellt. „Unter Palliativmedizin und Hospizarbeit versteht man eine moderne Schmerztherapie kombiniert mit seelsorglicher und sozialer Begleitung von Schwerstkranken. Ärztliche Erfahrungen auf diesem Gebiet haben gezeigt, dass so, unter Wahrung des Selbstbestimmungsrechtes der Patienten, eine hohe Lebensqualität bis zuletzt gesichert werden kann. Der natürliche Sterbeprozess wird weder künstlich verlängert noch verkürzt. Unter aktiver Sterbehilfe versteht man die Tötung eines Menschen auf Verlangen oder auch ohne dessen Zustimmung. Wenn Sie das wissen, befürworten Sie dann bei Schwerstkranken und Sterbenden den kombinierten Einsatz von Palliativmedizin und Hospizarbeit oder sind Sie eher für aktive Sterbehilfe?“
Diesen Absatz vorausgesetzt, verwundert das Resultat der Studie wenig. Gleichwohl erbringt sie – die Fragestellung immer in Rechnung gestellt – ein paar interessante Ergebnisse, da im Vergleich zur Forsa-Umfrage mehr Zusammenhänge abgefragt wurden. So befürworten Frauen Sterbehilfe mit 31 Prozent seltener als Männer mit 40 Prozent. Zudem zeigt der Vergleich mit Befragungen im Auftrag der Hospiz-Stiftung aus den Jahren 1997 und 2000, dass der Anteil der Befürworter der Palliativmedizin zugenommen hat (von 35 Prozent 1997 auf 56 Prozent 2005), während der Anteil der Befürworter von Sterbehilfe von 41 Prozent auf 35 Prozent zurückgegangen ist.
Auch einen Zusammenhang zwischen Parteipräferenz und der Einstellung zu Sterbehilfe konnten die Meinungsforscher feststellen. Nur die Wähler der Linkspartei und der rechtsextremen Parteien befürworten die aktive Sterbehilfe mehrheitlich (Linkspartei: 53 Prozent, DVU und Republikaner:95 Prozent). Unter den Wählern aller anderen im Bundestag vertretenen Parteien überwiegen dagegen diejenigen, die in der Palliativmedizin einen Ersatz für Sterbehilfe sehen. Bei den Rechtsextremen dürfte für die sehr hohe Zustimmung wohl die Tatsache verantwortlich sein, dass unter ihnen sozialdarwinistisches Gedankengut und eine positive Einstellung zur Euthanasie noch immer weit verbreitet sind. Bei den Linken könnte die Ursache womöglich in ihrer Religionsferne liegen.
Im Endeffekt lässt sich aus beiden Umfragen zusammen vor allem ablesen, dass die entscheidende Frage nicht gestellt wurde. Nämlich: Wofür würde eine Mehrheit im Fall eines Sterbenskranken entscheiden, dem auch die beste Schmerztherapie und aller menschlicher und seelsorgerischer Beistand nicht mehr die von der Hospiz-Stiftung versprochene „hohe Lebensqualität“ bieten können?
Die Forsa -Frage mag es sich zu einfach machen. Die von der Hospizstiftung gestellte Frage ist aber ebenfalls ideologisch aufgeladen. Sie suggeriert, jedem Schwerstkranken sei mit Hilfe der modernen Medizin ein menschenwürdiger Tod möglich, ja, man könne diese letzte Lebensspanne, wenn man nur alles richtig mache, in etwas halbwegs Normales und in jedem Fall gut Erträgliches umwandeln. Wer einmal am Bett eines sterbenden Schwerstkranken gesessen hat, weiß, dass das nicht der Fall ist. Auch die beste Medizin und die liebevollste Betreuung können häufig nicht verhindern, dass der Sterbende ein immenses Maß an Tapferkeit und Stärke braucht, um das Leben unter diesen Umständen zu ertragen. Und trotzdem können auch die letzten Tage – bei allen Qualen – bis zum Schluss erfülltes Leben sein.
Dass aktive Sterbehilfe auch ohne Zustimmung des Patienten erlaubt werden könnte, wie die Frage der Hospiz-Stiftung zudem nahelegt, wird übrigens von niemandem gefordert. Auch hier wurde also kräftig manipuliert, um zu dem gewünschten Ergebnis zu kommen.
In Wirklichkeit haben sowohl Befürworter als auch Gegner der Sterbehilfe gute Argumente auf ihrer Seite. Die einen führen die Autonomie des Individuums an, das in einer extremen Situation selbst über das Ende seines Lebens bestimmen können soll. Dabei wollen sie durchaus enge Grenzen für so eine Entscheidung setzen. Der Hamburger Senator Kusch will die aktive Sterbehilfe beispielsweise von drei Voraussetzungen abhängig machen. So soll ein Arzt bestätigen müssen, dass es sich um eine tödliche unheilbare Krankheit handelt, es muss ein Beratungsgespräch mit einem Arzt geben, in dem auch psychologische Faktoren berücksichtigt werden, und die Willenserklärung des Sterbenden soll notariell beglaubigt werden.
Die Gegner wenden ein, dass mit einer Lockerung des Strafgesetzes nicht nur dem Missbrauch Tür und Tor geöffnet werde, sondern dass auch die gesellschaftliche Einstellung zu Leben und Sterben sich ändern und das Gefühl für die Unverfügbarkeit des Lebens schwinden könnte. Menschen könnten sich genötigt fühlen, „sozialverträglich abzuleben“, befürchtet etwa die Grünen-Politikerin Kathrin Göring-Eckhardt. Auch aus religiösen Gründen lehnt sie die aktive Sterbehilfe ab. Doch die Fronten verlaufen in dieser Frage nicht eindeutig. So vertritt der Theologe Hans Küng in seinem Buch Menschenwürdig sterben die Auffassung, dass zwar das Leben von Gott geschenkt werde, sein Anfang und sein Ende aber in Menschenhand gelegt seien.
In der deutschen Politik scheint eine Lockerung des Strafgesetztes zugunsten der aktiven Sterbehilfe derzeit wenig Chancen zu haben. Kusch wurde in der Union sofort gebremst. Rückhalt findet er lediglich bei einigen FDP-Politikern, und die sind bekanntlich in der Opposition. Die Debatte wird dennoch weitergehen – hoffentlich ohne instrumentalisierte Meinungsumfragen.
- Datum 12.10.2005 - 13:24 Uhr
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Angesichts der abweichenden Umfrageergebnisse von Emnid und Forsa ist es zunächst einmal bemerkenswert, dass trotz der dreist suggestiven Fragestellung von Emnid immer noch ein Drittel der Befragten aktive Sterbehilfe befürwortet - trotz der romantischen Verbrämung von Palliativmedizin und Hospizen, die derzeit die Lufthoheit über die Debatte bestimmt. Bezeichnend dann noch der Versuch in dem Artikel, die Befürworter dann noch in die extrem linke und extrem rechte Ecke schieben zu wollen, was allein schon angesichts der Masse nicht so recht einleuchten will - die meisten der Befürworter sind eben nicht politisch extrem eingestellt, sie haben womöglich einen anderen Erfahrungshorizont. Ich habe selbst eine lebensbedrohliche Krankheit und werde in den nächsten Jahren unweigerlich mit der Frage konfrontiert werden, wie weit ich diesen "Weg" mitgehe bzw. wann es genug ist. Diese Entscheidung möchte ich selbst treffen, ohne hilflos dem Mitleid und der Fürsorge von Berufsbetroffenen, Frömmlern und autoritären Ärzten ausgeliefert zu sein. Es ist albern zu behaupten, es gebe einen "natürlichen" Sterbeprozess, dem man sich hinzugeben habe. Wenn es diesen gibt, gehören dazu weder Schmerzmittel, Intensivstationen noch komplizierte OPs dazu. Klammern sie dieses ganze ebenfalls unnatürliche Beiwerk doch einmal ausdrücklich aus und fragen Sie dann die Leute danach, wie sie es mit einem "natürlichen" Sterbeprozeß halten. Da werden nur noch ein paar unentwegte übrigbleiben, die entweder nicht wissen, was Leid bedeutet, oder dieses in masochistischer Veranlagung als Erfüllung ihrer Existenz interpretieren. Ich werde nicht solange warten und vorher - wie tausende zuvor - sozusagen mit den Füßen abstimmen - in der Hoffnung, zugunsten einschlägiger Medikamente nicht auf den nächsten Nahverkehrszug zurückgreifen zu müssen. Derweil möchte ich die Palliativromantiker darauf aufmerksam machen, dass zum Leiden nicht nur Schmerzen gehören. Ich vermute, Sie sind noch nie eine Woche lang mit kollabiertem Verdauungssystem in der Klinik gelegen, ohne Schlaf aufgrund dauernder Übelkeit und 2stündlich vollgemachter Windel. Da brauchen Sie keine Schmerzen mehr. Vermutlich sind derlei Erfahrung Frau Göring-Eckhardt und Konsorten bisher erspart geblieben.
Es macht sich immer gut den Meinungs-Gegner als Rechtsextremen zu diffamieren!! Ein Zitat aus Ihrem Artikel:
"Bei den Rechtsextremen dürfte für die sehr hohe Zustimmung wohl die Tatsache verantwortlich sein, dass unter ihnen sozialdarwinistisches Gedankengut und eine positive Einstellung zur Euthanasie noch immer weit verbreitet sind"
Meine Stellungnahme zum Theme:.
Erfreulicherweise ist - durch die geplante Gründung von "Dignitas Deutschland" einerseits sowie die mutigen Äußerungen des Justizsenators Kusch - die Diskussion über die sogenannte "aktive Sterbehilfe" wieder aktuell geworden.
Wenn ich sage "erfreulicherweise" so spreche ich von mir selbst und all jenen Menschen im sogenannten "dritten Lebensalter" , welche ihr Recht,über das eigene Leben autonom bestimmen zu wollen , - bis zuletzt - also
auch hinsichtlich des Wie und Wann ihres Sterbens - fordern.
Da geht dann wieder ein Aufschrei der Enttrüstung durch die Medien, und Hospize, Pflegeheime und sonstige Institut-ionen, welche ausschließlich hoffnungslos schwerstkranken und leidenden Menschen "zu Diensten stehen" melden sich empört zu Wort.
Sie wissen ja so genau, dass ihre " Patienten" ( in des Wortes wahrster Bedeutung ) sich in ihrer Obhut so wunderbar
wohlfühlen , wenn sie nur genügend Schmerzmittel erhalten
Die TATSACHE, dass alte Menschen es nicht hinnehmen möchten, in ABHÄNGIGKEIT zu geraten und ihre AUTONOMIE zu verlieren wird völlig uminterpretiert und so gedeutet, als wünschten sie sich nur bessere Pflegeheime
.( hier zitiere ich Frau Zypries " Die größte Angst der älteren Menschen ist die Angst davor, zum Pflegefall zu werden.")
Ich will all jenen, die sich so empört geben -allen voran die Hospizbewegung - nicht unterstellen, dass,möglicher- weise Geschäftsinteressen mit im Spiel seien - was sie selbst allerdings ohne Skrupel all jenen, die nicht ihrer Meinung sind nachsagen. ("Geschäft mit dem Tod " Artikel über Dignitas) .
Was für ein tolles Geschäft!! . In dem freisinnigen Belgien kann einem -Bürger wenn er seine Zeit für gekommen hält und zuhause sterben möchte, durch seinen Hausarzt Hilfe in Form eines sogenannten "Euthanasie -Kit´s zuteil werden welches ganze 60,00 EURO kosten soll. Wo also bleibt da das behauptete Geschäft mit dem Tod ? ( 1 Tag im Hospiz kostet mindesten 230. EURO!!)
Da kommt dann ständig der Hinweis auf das sogenannte 3. Reich. Ich denke , es wird hohe Zeit, dass wir Deutschen endlich aufhören, bei jeder Entscheidung die wir zu treffen haben - wie das Kaninchen auf dieSchlange - ständig darauf zu starren ob und in welchem Zusammenhang sie mit der Zeit zwischen 1933 und 1945 stehen könnte. Das hemmt jedes fortschrittliche Denken.
Anne-Marie Gegner Nürnberg
Sehr geehrte Frau Schuler,
Mittlerweile dürfte klar sein, es geht der "Dignitas" letztlich nicht um aktive Sterbehilfe bei sterbenskranken und leidenden Menschen, sondern das Ziel ist der freie Zugang
zu dem Tötungsmittlel Phenobarbital und die Straffreiheit des "assistierten Suizids".
Was die Gesellschaft mit dem euphemistischen Namen will, lässt sich in der Berliner Zeitung online vom Samstag nachlesen. U.a. soll die Gesellschaft vorbereitet sein, einem Suizidwilligen aus "Liebeskummer" freundliche Assistenz mit Phenobarbital zu leisten.
Keine Frage, die Meinungsforschung ist tatsächlich weit
fortgeschritten, seit ihre amerikanischen Begründer Gallup,
Rae und etwas später Lazarsfeld sie zur Begleitung von
Präsidentenwahlen aus der Taufe hoben. Mit Unterstützung ihres Doktorvaters Dovifat und reger Anteilnahme des Goebbelsschen Propagandaministeriums, durfte ja auch Frau
Noelle-Neumann zu Studienzecken nach Amerika reisen und den Grundstein für ihre dauerhafte Reputation in der Nähe der Politik legen. Die aufmerksamen Propagandisten in Berlin wussten um die Wirkung der "polls" auf das gesunde Volksempfinden. Auch das statistische Instrumentarium, mit Faktorenanalyse,etc.pp, hat sich in den Jahrzehnten ertüchtigt und wird jedem Kritiker gerne um die Ohren gehauen. - Mittlerweile kann auf der Strasse, an der Haustüre, über das Telefon und immer mehr über das Internet, jeder angebliche Wunsch, jede Äußerung erforscht werden.
Aber häufig werden Fragen gestellt, mit denen sich die Befragten gerade einmal im Augenblick der Umfrage für wenige
Sekunden oder Minuten beschäftigen. Es werden ja keine freien Interviews zu Themen ausgewertet, sondern gezielt
Äußerungen zu vorfabrizierten Fragen verlangt.
Den Bias hofft man durch das Gesetz der grossen Zahlen in den Griff zu bekommen.
Ganz ehrlich, ohne mindestens eine Stunde intensives Nachdenken im Dialog, kann ich zur Frage der aktiven
Sterbehilfe doch garnichts beitragen, ohne dass ich mich dafür vielleicht schon direkt nach der Äußerung gegenüber einem Mitmenschen entschuldigen müsste, selbst wenn ich die
Intelligenz und das Wissen eines Habermas, eines Ratzinger oder eines Küng besäße.
Richtig ist, ernsthaft reden wir über die wirklich ernsten
Fragen nicht gerne ehrlich in aller Öffentlichkeit. Manchmal
ist das auch gut so.
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