Koalitionsverhandlungen 35 Milliarden Euro weniger

Der Haushalt muss saniert werden. Soweit sind Union und SPD sich einig. Doch über das Wie wird noch gestritten. Von Steuererhöhungen spricht niemand. Ausschließen will sie aber auch keiner

Noch sagt niemand, woher das Geld kommen soll. Doch wie viel fehlt, ist nun offenbar klar: CDU, CSU und SPD haben sich am Montagabend während ihrer Koalitionsverhandlungen darauf verständigt, dass im Bundeshaushalt 2007 gegenüber dem laufenden Jahr 35 Milliarden Euro gespart werden müssten. Auf diese Weise wollen die Koalitionäre die dreiprozentige EU-Defizit-Obergrenze wieder einhalten, sagte der SPD-Vorsitzende Franz Müntefering. Für das kommende Jahr wollen Christ- und Sozialdemokraten die Lücken mit Einmalmaßnahmen schließen, also vor allem mit Privatisierungen. Im Gespräch war
hier bei der SPD ein Volumen von 15 Milliarden Euro.

Auf die Bürger kommen offenbar beträchtliche Einschnitte zu. Die CDU-Vorsitzende Angela Merkel sprach von einer "schweren Last, einem schweren Erbe" nach sieben Jahren rot-grüner Regierung. Der CSU-Vorsitzende Edmund Stoiber plädierte für ein "Konsolidierungspaket" auch für Länder und Gemeinden. Es handle sich in den nächsten 14 Monaten um die größte Haushaltssanierung in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Über Details, insbesondere über Steuererhöhungen, wurde noch nicht gesprochen, sagte Müntefering. Immer noch steht die Frage im Raum, ob zur Haushaltsanierung die Mehrwertsteuer erhöht werden wird.

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Müntefering wies darauf hin, dass die Arbeitsmarktreform Hartz IV, die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe zum Arbeitslosengeld II, in diesem Jahr nicht 14,5 Milliarden, sondern 25 bis 26 Milliarden Euro kosten werde. Das liege nicht nur daran, dass einige das Angebot über Gebühr ausnutzten, sondern auch daran, dass mehr Menschen aus der Sozialhilfe als erwartet das Arbeitslosengeld II erhielten. Er kündigte gesetzliche Schritte an, um Missbräuche einzudämmen.

Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU) sagte am Rande des fünfstündigen Treffens, man stehe vor einer "historisch dramatischen Situation". Der Abbau von Subventionen könne aber kurzfristig schätzungsweise ein bis zwei Milliarden Euro erbringen.

Beide Seiten wollen in den nächsten Tagen weiter beraten. Am Mittwoch tritt die Arbeitsgruppe Finanzen zusammen. An diesem Donnerstag steht die dritte große Verhandlungsrunde bevor. In der nächsten Woche sollen die unstrittigen Themen behandelt werden. Die derzeit noch "unüberwindlichen Hürden" sollten in der vierten Woche diskutiert werden.

In der kommenden Woche solle auch eine Zwischenbilanz aus den Arbeitsgruppen gezogen werden. Schon am Montagabend haben einige Gruppen offenbar erste Berichte vorgelegt. Beim Thema Arbeitsmarkt gebe es noch erheblichen Klärungsbedarf, sagte Merkel dazu. Auch in der Arbeitsgruppe Umwelt müsse noch weiter gearbeitet werden, insbesondere beim Thema Energie. Umstritten ist hier vor allem die Forderung der Union, längere Laufzeiten für die deutschen Atomkraftwerke zuzulassen. In der Außen- und Europapolitik sowie bei der Verteidigungspolitik gebe es dagegen "erhebliche Fortschritte".

 
Leser-Kommentare
  1. Frau Dr. Merkel ist eine Politikerin, die leider dazu neigt sich im politischen Diskurs unfair zu verhalten. Ich mutmaße, daß hier ihre Aus- und Fortbildung in der SED-Jugendorganisation zur FDJ-Sekretärin für Agitation und Propaganda noch wirkt. Eine ’Lüge’ gegen Rot/Grün ging ihr in Talk-Shows stets so leicht über die Lippen, daß sie stets ihre Ehrlichkeit (eigentlich eine Selbstverständlichkeit für einen anständigen Politiker) bei jeder Gelegenheit ausdrücklich betonen mußte. Sie hatte es nötig.

    “Schwere Last, einem schweren Erbe“, wenn ein Bürger aus Merkels Munde diese Aussage hört, dann stellt sich natürlich sofort die Frage, welche Beiträge Merkel hierzu ganz direkt persönlich geleistet hat. Ich meine, auch aus eigener beruflicher Erfahrung, daß Angela Merkel und Friedrich Merz, die herausragenden Oppositions-Politiker waren, die in den sieben Jahren von Rot/Grün stets die schwache Konjunktur ’kaputt’ geredet haben. Sie haben, bestärkt von vielen Unions-Politikern aus der zweiten und dritten Reihe, vor allem den Freiberuflern, den Gewerbetreibenden, den Handwerkersmeistern und anderen Betriebsinhabern, aber auch den angestellten Organvertretern in den kleinen und mittleren Kapitalgesellschaften, sämtlichen Mut und jegliche Risikobereitschaft genommen. Die Oppositionsführerin fand stets ein offenes Ohr.

    Dabei waren ihre vorgetragenen Aussagen zu einem großen Teil falsch und unwahr. Die Propagande-Methode von Merkel hieß ’Lüge’. Dabei war das Ziel von Merkel, Angst und Panik in Deutschland zu erzeugen. Wir wissen, es ist ihr gelungen. Es ging ihr um den eigenen Karrierevorteil. Zum Nachteil der deutschen Bürger. Zum Schaden der Konjunktur in Deutschland bzw. in Europa.

    Zu entschuldigen gibt es da überhaupt nichts. Aber die Fast-Kanzlerin wird wohl erst noch lernen müssen, welche Bedeutung der Faktor Psychologie, besonders in einer schwächelnden Volkswirtschaft, hat. Die Aufgabe von Merkel als verantwortliche Oppositionsführerin wäre gewesen, die Konjunkturentwicklung durch geeignete Maßnahmen zu stärken, psychologisch. Für Merkel eine verpaßte Chance, für Deutschland auch.

    Über die von der immer noch sehr naiven Fast-Kanzlerin Merkel zu verantwortenden ’Sabotageakte’ im Bundesrat, gegen die Schröder/Fischer-Regierung, möchte ich an dieser Stelle erst garnicht reden (Unverantwortlich, bösartig und direkt gegen die deutsche Volkswirtschaft gerichtet.).

    Wenn das Erbe schwer und eine große Last ist, dann stellt sich mir natürlich sofort die Frage, ob die eher lebensfremde Physikerin das politische ’Kaliber’ ist, welches das Erbe annehmen und die Last schultern kann. Ich meine nicht. Hoffentlich lähmt sie ihre Angst nun nicht total und läßt sie unter der schweren Last zusammen brechen.

    Übrigens: der Mehrheit der Bürger in Deutschland würden es begrüßen, wenn die Fast-Kanzlerin Merkel sich doch noch dazu entscheiden könnte, dieses Erbe nicht anzunehmen bzw. es auszuschlagen. Schön wär’s.

    Anmerken möchte ich noch, daß eine "historisch dramatische Situation" wohl die Situation ist, die der aktuell neue Neben-Kanzler Roland Koch benötigt, um sich auf der politischen Bühne in Berlin weiter nach vorne zu schieben. Im Windschatten seines Berliner ’Minenhundes’ Dr. Franz Josef Jung, MdB. Aber, der Spendenskandal der CDU Hessen (Schmiergelder, Schwarze Kassen in der Schweiz, Steuerhinterziehung, Lug & Betrug) wird nie in Vergessenheit geraten. Er ist notierte Geschichte.

    “Schwere Last, einem schweren Erbe“, diese aktuelle Aussage von Merkel ist ja direkt gegen ihre neuen Partner in der SPD gerichtet. Ein schwerwiegender Vorwurf. In der Phase der am Anfang stehenden Koalitionsgesprächen unklug, wenig diplomatisch. Die Fast-Kanzlerin möchte ja von einer der beiden Erblasser-Fraktionen noch gewählt werden. Merkel hat noch nicht gelernt, daß die trennenden ’Gräben’ jetzt zugeschüttet werden müßten. Sie denkt weiter, also nicht von 'ihrem Ende' und Ergebnis her, in den alten Kategorien von Agitation und Propaganda. Gelernt ist eben gelernt.

    • proton
    • 25.10.2005 um 9:03 Uhr

    Da macht es sich aber die vom Andenpakt noch geduldete ehem. FDJ-Sekretärin Angela Merkel zu einfach, indem sie so lapidar dahinstatementet, die desolate Haushaltslage sei einzig das Ergebnis der letzten 7 Jahre.

    Aber, wer hätte denn nach 16 Jahren Kohl überhaupt reüssieren können, bei den Rekordschulden durch die Wiedervereinigung und die Plünderung der Sozialsysteme?

    Jede Post-Kohl-Regierung wäre zum Scheitern verurteilt gewesen!

    Was unser FDJ/CDU-Star aber noch nicht begriffen hat ist, dass Sie nun dieses unser Land verantwortungsbewußt führen muß zusammen mit der SPD/CSU-Koalition, da gibt es keine Totalblockade mehr, da müssen nun Nägel mit Köpfen gemacht werden!

    Der Andenpakt wetzt derweil schon mal die Messer, wird die Lage zu brenzlich (vielleicht durch Störmanöver aus dem Bundesrat, in diesem Falle hätte eine CDU-Regierung Opposition aus dem eigenen Lager), dann wird wieder ein Niedersachse oder gar eine Hesse in das Kanzleramt einziehen.

    Aber zurück zum Thema:

    Wird es gelingen, alle an der Haushaltssanierung zu beteiligen oder werden wieder die Einkommensschawchen die Lasten tragen müssen?

    Ich habe da so ein dumpfes Gefühl, daß die "Leistungseliten" mal wieder ungeschoren davonkommen werden. 20% Merkelsteuer, Familienangehörige raus aus der Krankenversicherung, Studiengebühren, das werden sich einige leisten können.

    Aber wie wird es bei der Eigenheimzulage, der Pendlerpauschale, den Film- und Schiffsbeteiligungen und anderen Steuerschlupflöcher laufen?

    Hier wird sich zeigen, wieviel Thatcher in Merkel noch steckt!

  2. Sie kann einfach nicht anders, wenn es um Inhalte und konkrete Vorschläge geht wird erst einmal die "Rot-Grün hat Schuld" Karte gespielt! Pfui Teufel, vor solch einer moralischen Verkommenheit!!!Wider besseren Wissens wird von Merkel eine Regierung an den Pranger gestellt, die die größte Schuldenlast in der Geschichte der Bundesrepublik "geerbt" hat und hat höchstselbst als "Partei-Chefin" die Blockadeparole für Entscheidungen zum Nutzen Deutschlands ausgegeben. Der Bundesrat war eine "willfähriges" Werkzeug. Der aus dieser Haltung zu beziffernde Schaden für Deutschland muß auch analysiert werden. Für wie dumm hält die FDJ-CDU-Agitatorin die Wähler. Deutschland muß vom fähigsten Personal regiert werden, dazu zählen Sie nicht, Frau DOKTOR- Merkel!!!

  3. 35 Milliarden! Das erscheint mir schrecklich viel. Da kann ich mich von der Finanzierbarkeit meines Studiums wohl verabschieden.
    Frau Merkel täte jedoch gut daran, nicht so zu tun, als wäre die aktuelle Haushaltslage allein Produkt der letzten sieben Jahre. Die vorangegangenen sechzehn haben dazu mehr begetragen und das ist den Leuten auch bewusst, welche gerade erst gezeigt haben, dass sie sich nicht für dumm verkaufen lassen.
    Wie soll übrigens die Verlängerung der Laufzeit von Atomkraftwerken Geld sparen? Wenn Subventionen gestrichen werden, warum nicht auch jene auf die Atomkraft.
    Treiben wir doch lieber eine neue Sau durchs Dorf! Sozialschmarotzer und Ossis hatten wir erst vor kurzem, die 68er wären mal wieder dran.

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  • Quelle (c) ZEIT online, dpa, 25.10.2005
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