Panikartige Reaktionen sind offenbar unvermeidlich, wenn ein anglo-amerikanischer Interessent in die deutsche Medienindustrie einbricht. Bei David Montgomery, der nun den Berliner Verlag samt Berliner Zeitung von Holtzbrinck erwarb (der Verlagsgruppe, zu der auch DIE ZEIT gehört), handelt es sich um eine Figur, die alle Vorurteile und Ängste, die in Deutschland grassieren, vollauf zu bestätigen scheint. Er gilt als Musterexemplar der gefürchteten „Heuschrecken“, die in friedliche Lande einfallen, ihre Investitionsobjekte gnadenlos auf Profit trimmen und dann, wenn die böse Tat vollbracht ist, weiterziehen. Ins Bild passt, dass Montgomery, ein eher spartanischer nordirischer Protestant mit hochentwickeltem Pflichtbewusstsein, als glühender Bewunderer Margaret Thatchers bekannt ist. Ihm eilt der Ruf voraus, „arrogant“, „selbstherrlich“, ja ein „Widerling“ zu sein, der seine Unternehmen diktatorisch führt und sich einen Teufel um journalistische Qualität schert. Der Finanzinvestor David Montgomery der britischen Mecom-Gruppe steht am Dienstag (25.10.2005) mit einer Berliner Zeitung im Westin Grand Hotel in Berlin. Mit dem Kauf der «Berliner Zeitung» übernehmen zum ersten Mal ausländische Investoren eine Tageszeitung in Deutschland© Steffen Kugler/dpa BILD Doch verdient es Montgomery wirklich, als eine Art Dracula gezeichnet zu werden, der wild darauf ist, Zeitungen auszusaugen und dann fallen zu lassen? Es ist in der Tat fast unmöglich, in Großbritannien irgendjemanden zu finden, der Positives über den früheren CEO der Mirror -Gruppe zu erzählen weiß. „Schlimmer als Murdoch und Maxwell, ein klassischer Kapitalist“, sagt Nick Cohen, der beim linksliberalen Independent einst unter ihm litt. Andrew Marr, eine Zeitlang Chefredakteur des Independent und danach politischer Chefreporter der BBC, weiß über die endlosen Kämpfe um den Independent zu berichten. Die Mirror -Gruppe unter Montgomery besaß Mitte der neunziger Jahre noch einen 48prozentigen Anteil an der Tageszeitung. Montgomery habe aus dem Independent eine Art gehobener Boulevardzeitung machen wollen, vom Mehrheitsaktionär Tony O’Reilly Kürzungen und Stellenabbau gefordert und Auslandsberichterstattung wie analytischen Journalismus für „überflüssigen Luxus“ erklärt. Inzwischen hat sich der chronisch kränkelnde Independent, der nun ganz dem irischen Verleger O’Reilly gehört, fürs „Tabloid“-Format entschieden und inhaltlich in ein „Viewspaper“ verwandelt. So lautet das Urteil von Alan Rushbridger, Chefredakteur des Guardian. Einige Redakteure des Independent gehen weiter; bitter bezeichnen sie ihr Blatt als „gehobenen Boulevard“ a la Daily Mail, nur eben auf linksliberal getrimmt. Der Independent wurde dafür mit steigender Auflage belohnt. Markt und Publikumsgeschmack, so ließe sich die Metamorphose dieser britischen Zeitung interpretieren, die in den Achtzigern die Presselandschaft durch revolutionäre Seriosität verändern wollte, erzwangen eine Reform, in der Montgomery bereits vor neun Jahren den einzigen Weg sah, den Independent aus den roten Zahlen herauszuführen. Freundliche Stimmen über Montgomery sind derzeit nur in seiner nordirischen Heimat zu vernehmen, obwohl der 57jährige selbst in protestantischen Unionistenkreisen wenig Freunde zu besitzen scheint. Immerhin demonstriert er in der Provinz ein Engagement, dass nicht der Profitmaximierung dient und ihn sogar als vermittelnde Kraft auszeichnet. Er unterstützt eine Organisation, die sich in der einstigen Bürgerkriegsprovinz für „coeducation“, für die gemeinsame schulische Erziehung von katholischen wie protestantischen Kindern einsetzt.Ein Hauch von Wohltätigkeit. Ansonsten sagt man Montgomery zwar nach, er sei ein Zeitungsmann „mit Leib und Seele“, doch gehört er zweifellos nicht zu jener raren Spezies von Medienunternehmern, die aus übergeordneten publizistischen oder ideologischen Gründen defizitäre Zeitungen am Leben halten. In der Londoner City beschreibt man Montgomery als „aktiven Investoren“. Zusammen mit dem Medienfonds Veronis Suhler Stevenson (VSS) besitzt er die „fire power“, um seinen Plan von einer europaweiten Zeitungskette mit dem nötigen Nachdruck verfolgen zu können. Laut Numis Securities in der Londoner City hat Montgomery insgesamt zehn Projekte im Visier, allesamt Medienunternehmen, die durch „schwach entwickelte Profitabilität“ auffallen. Als potentielle Ziele werden die Financial Times und ironischerweise auch der Independent genannt. Montgomerys Griff nach dem Daily Telegraph, auf den auch Springer ein Auge geworfen hatte, misslang; er soll sich aber auch für die Sächsische Zeitung, den schottischen Herald, den Telegraph in Belfast sowie lokale Zeitungsnetze in Belgien und Frankreich interessieren. Das deutet daraufhin, dass sein Engagement in Deutschland tatsächlich langfristiger Natur sein könnte. Montgomery meint es ernst, und er besaß offenbar, anders als potentielle deutsche Interessenten an der Berliner Zeitung, das nötige Kleingeld, um die Preisvorstellungen von Holtzbrinck zu erfüllen. Laut Numis Securities geht Montgomery stets auf die gleiche Weise vor: Erst der Erwerb eines Aktienanteils, oder, wie nun in Berlin geschehen, des gesamten Unternehmens, dann die „Überprüfung“ der bisherigen Management-Strategie und danach fast immer die Auswechslung des Führungspersonals. Niemand darf überrascht sein, dass Montgomery während der Verkaufsgespräche keine Anstalten machte, sich vom Betriebsrat in die Karten schauen zu lassen. Sicher ist nur eines. Die neun Millionen Euro Gewinn, die der Berliner Verlag im vergangenen Geschäftsjahr schrieb, werden Montgomerys Konsortium nicht reichen. Es bedarf keiner großen Phantasie, sich auszumalen, auf welche Weise sich die Profitabilität erhöhen lässt. Kürzungen, Stellenabbau und der Verkauf von weniger gewinnträchtigen Unternehmensteilen pflastern Montgomerys Weg. So hatte er vorübergehend auch das britische Massenblatt Mirror saniert. Vieles spricht dafür, dass Montgomerys Beispiel Schule machen wird. Die Zeitungsindustrie gehört schließlich nicht gerade zu den Wachstumsbranchen. Der Verdrängungswettbewerb wird zunehmen und der Druck wachsen, Zeitungen „lesefreundlicher“ zu gestalten. Was oftmals nur eine Umschreibung für den Abbau von kostspieligem Qualitätsjournalismus ist.