SPD Müntefering will Parteivorsitz abgeben
Der SPD-Vorsitzende zieht sich nach dem Votum des Parteivorstands für Andrea Nahles als Generalsekretärin von seinem Amt zurück
Franz Müntefering zieht sich nach der Entscheidung des SPD-Vorstands für die Parteilinke Andrea Nahles als Generalsekretärin von seinem Amt als Parteivorsitzender zurück.
Er will auf dem Parteitag in zwei Wochen in Karlsruhe nicht wieder als Vorsitzender kandidieren. Auch ist offen, ob sich Müntefering noch an der designierten Bundesregierung als Minister beteiligen will. Der Parteivorsitzende war für das Amt des Arbeitsministers und Vizekanzlers vorgesehen. Die Koalitionsverhandlungen will er jedoch "mit aller Kraft" erfolgreich zu Ende führen, sagte Müntefering.
Die 35-jährige Nahles, die dem linken Parteiflügel zugeordnet wird, setzte sich am Montag bei einer Kampfabstimmung im Vorstand der Sozialdemokraten mit 23 zu 14 Stimmen überraschend gegen Bundesgeschäftsführer Kajo Wasserhövel durch. Müntefering hatte Wasserhövel für das Amt vorgeschlagen. Die eigentliche Wahl findet ebenfalls auf dem Parteitag in Karlsruhe statt.
Unmittelbar nach der Abstimmung unterbrach Müntefering die Sitzung und rief die engere Parteiführung zu einem Krisengespräch zusammen. "Unter den gegebenen Umständen kann ich nicht mehr Parteivorsitzender sein. Dafür war das Ergebnis zu eindeutig und zu klar", sagte er anschließend. Sein Plan sei gewesen, in den nächsten vier bis fünf Jahren "die Erneuerung und Verjüngung der Parteispitze zu vollziehen". Unter den gegebenen Umständen werde "dies nun schneller gehen". Bundeskanzler Gerhard Schröder hatte vor der Entscheidung für Nahles vergebens davor gewarnt, die Position Müntefering könne dadurch beschädigt werden. Der geschäftsführende Kanzler hatte Münteferings Vorschlag unterstützt, Wasserhövel zum neuen Generalsekretär zu machen.
Wasserhövel sollte dem Parteivorsitzenden in der SPD den Rücken freihalten. Er gilt als treuer, wenig profilierter Gefolgsmann Münteferings, dem der Parteivorsitzende offensichtlich mehr traute als Nahles. Sie war in der Vergangenheit mit ihrer kritischen Haltung gegenüber der Parteiführung aufgefallen.
Allerdings bezieht Nahles ihre Wirkung weniger aus der Bedeutung des Amtes der Generalsekretärin. Denn der Posten selbst ist innerhalb der Partei gar nicht so wichtig. Die Wahl von Nahles ist vielmehr ein politisches Symbol in die Partei. Indem Müntefering plante, für die SPD das Arbeits- und Sozialministerium zu übernehmen, wollte der Parteivorsitzende auch innerhalb der Sozialdemokratie die Position der Linken besetzen. Nahles als erklärte Vertreterin des linken Parteiflügels hätte Münteferings Spielraum eingeschränkt. Als Generalsekretärin kann sich Nahles nun mit linken Positionen weiter profilieren und diese - frei von Ministerwürden - auch wesentlich stärker artikulieren.
SPD-Präsidium und Parteivorstand werden nun am Mittwoch nochmals zusammenkommen, um über einen Personalvorschlag für die Parteispitze zu beraten. Als aussichtsreichste Kandidaten für den Vorsitz gelten der brandenburgische Ministerpräsident Matthias Platzeck und sein rheinland-pfälzischer Kollege Kurt Beck. Auf die Frage, ob er bereit sei, zu kandidieren, sagte Platzeck: "Ich habe mich vor Verantwortung noch nie gedrückt." Weiteres ließ er offen.
Hochrangige Genossen bedauerten Münteferings Entscheidung: "Es ist ein Unfall passiert, weil Leute entschieden haben, ohne das Ende zu bedenken", sagte der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Ludwig Stiegler. Sein Kollege Joachim Poß sagte, er könne die Naivität mancher Sozialdemokraten "nicht nachvollziehen". Der SPD-Agrarminister von Mecklenburg-Vorpommern, Till Backhaus, sagte, er sei maßlos enttäuscht. "Ich hätte gedacht, dass die Partei etwas reifer ist." Der Sprecher des konservativen Seeheimer Kreises in der SPD, Johannes Kahrs, sprach von einer "gigantischen Dummheit". "Hier wird der Parteivorsitzende der Eitelkeit von Andrea Nahles geopfert." Dies sei auch eine Schwächung der SPD in den Koalitionsverhandlungen. Auch Hamburger Sozialdemokraten reagierten mit Fassungslosigkeit. "Man kann sich darüber streiten, ob die Personaldiskussion geschickt begonnen wurde", sagte Michael Neumann, Fraktionsvorsitzender in der Bürgerschaft. "Aber der Entscheidungsprozess hat jetzt selbstzerstörerische Züge angenommen."
Trotz dieser Entwciklung trafen sich am Montagnachmittag wie verabredet die Verhandlungsgruppen von CDU und CSU sowie der SPD zu einer weiteren großen Koalitionsrunde. Müntefering hatte die designierte Kanzlerin Angela Merkel (CDU) zuvor von seiner Entscheidung unterrichtet. Aus Unions-Kreisen verlautete, es solle alles ganz "normal" verlaufen. Anschließend war ein Treffen der
"Entscheider"
, einer Sechsergruppe aus Merkel und Edmund Stoiber (CSU), Müntefering und Schröder sowie den Verhandlungsführern in Sachen Haushalt und Finanzen, Peer Steinbrück (SPD) und Roland Koch (CDU), vorgesehen. In diesem Kreis sollten wichtige Entscheidungen bezüglich der geplanten Haushaltssanierung getroffen werden.
- Datum 02.11.2005 - 12:24 Uhr
- Quelle (c) ZEIT online, 31.10.2005
- Kommentare 9
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Unfaßbar, mit welchen Führungskräften unser Land regiert werden sollte. Der Vorsitzer schmeißt die Brocken, weil ihm die Nase der vorgeschlagenen Generalsekretärin (immerhin eine Genossin) nicht gefällt. Ist hier Wunschkonzert? Wenn die Satzung vorschreibt, daß ein Posten per Wahl vergeben wird, dann muß sich der Vorsitzer daran halten und auch Kröten schlucken. Das Krötendoppelpack Merkel/Stoiber hat Münte locker und staatstragend geschluckt. Geschehen in der SPD satzungskonforme Dinge, mault der Chef und schmeißt hin wie einst Oskar. Vielleicht gründet Münte ja eine treu ergebene Halblinkstruppe um den Seeberger Kreis. In Treue fest zu unserem Vorsitzer. Herr Kahrs gibt den Stuhlgangansauger und Münte ist glücklich. Alle tanzen nur und ausschließlich nach seiner Pfeife.
Wir werden von einer Gruppe alternder, eitler, selbstgerechter und verantwortungsloser Politsäcke regiert, die ihre Sozialisation im Paralleluniversum von Parteitagen und Lobby-Teffen erfahren haben.
Es ist unglaublich:der obsiegenden Kandidatin wird der Rückzug empfohlen. Ein wahrhaft vatikanisches Demokratieverständnis (Müntes Papst-Allegorie gewinnt da eine ganz neue Bedeutung!). Demokratie ist (auch), wenn man sich zwischen Alternativen entscheiden kann. Was darf der Wähler da von der innerparteilicher Demokratie erwarten, wenn diejenigen geprügelt werdn, die Demokratie möglich gemacht haben.
Nein: Wenn einer Prügel verdient (Sinnbildlich), dann ist es Münte, der mit seiner eitlen, selbstgerechten und beleidigten Reaktion nicht nur der Partei schweren Schaden zugefügt hat (das wäre noch nicht schlimm), sondern auch die Bildung einer handlungsfähigen Regierung bis zu den Neuwahlen im März verzögert. Man stelle sich das vor: die Republik steht vor dringenden Reformaufgaben und schon seit März geschieht nichts mehr.
Ein Parteiausschlußverfahren gegen Münte wäre wohl das Mindeste, um den Wähler zu beweisen, daß die SPD demokratische Regeln kennt, respektiert und anwendet.
Hallo: wir haben eine ein Krise. Die bekannten Regularien funktionieren nicht mehr. Tut was! Schickt diejenigen auf Altenteil, die die Karre so vor die Wand gefahren haben.
http://www.waehlerverarsc...
Es ist nicht zu glauben. Nun demontiert der SPD-Parteivorstand auch noch seine letzte Gallionsfigur. Indem sich 23 Vorstands-Mitglieder für die Parteilinke Nahles entschieden haben, stürzt die SPD in die Katastrophe. Unfassbar dumm und unreif ist es, dass erwachsene Menschen sich im Angesicht der ohnehin schleppenden und schwierigen Regierungsbildung derart destruktiv verhalten. "Nach uns die Sintflut, Hauptsache, wir setzen unseren Trotzkopf durch!", so könnte man es wohl am besten in Worte fassen. Eine andere, eine neue SPD hat damit das Licht der Welt erblickt. Der Vorhang wurde zur Seite gezogen und nun offenbart sich, dass die Partei in dieser Konstellation anscheinend kaum regierungsfähig ist. Ich selbst habe die SPD gewählt, um schwarz-gelb zu verhindern, nun bin ich entsetzt! Eine neue Linkspartei, die zweite neben der PDS braucht kein Mensch und vor allem nicht unser Land. Sollte die SPD sich nicht besinnen und diesen Kurs fortsetzen, wird sie in der politischen Bedeutungslosigkeit enden. Meine Stimme hat sie dann jedenfalls endgültig verloren. Und die Union, ja, die lacht sich ins Fäustchen, kann sie sie jetzt doch tatsächlich wieder als Partei der Mitte etablieren. Da kann man nur sagen: Gute Nacht, Deutschland!
Ein kaltes Parteiprodukt will Karriere machen, da freut sich der Saarlandkommunist mit seinem verhinderten Bundestagsvizepräsidenten. Auf der Gegenseite springt auch das kalte Stoiber in die Büsche und seine bayrischen Parteifreunde hatten sich so gefreut ihn endlich loszuwerden. Das ist in Berlin eine Situation wie Deutschland sie noch nie erlebte. Endlich hat mal keiner Angst mehr vor uns. Wir werden zum globalen Schenkelklopfer . Das Ausland juchzt vor Schadenfreude und wir zahlenden Bundesbürger werden auch bald Tränen in den Augen haben. Schande über unsere Neutrums!
In der Koalitionsagenda wird sich der linke Flügel der SPD möglicherweise nicht ausreichend wiedererkennen.
Dies dürfte auch für die Kabinettsliste gelten.
Die Kräfte, die eine Zusammenarbeit mit der Linkspartei nur hinter vorgehaltener Hand schon für diese Legislaturperiode gefordert haben, finden in einem Schattenvorsitzenden Platzeck möglicherweise einen durchsetzungsstarken Fürsprecher.
Dieses Land hat nicht Frau Merkel gewählt.(schon vergessen?)
Dieses Land quietscht und ächzt unter der Last des Konsum-
stillstandes.
Dieses Land ist kaputt gespart.
Vier Jahre mit diesem Haufen mittelmäßiger Bürokraten,eine
nicht mehr zu ertragene Vorstellung.
Lieber ein Ende mit Schreck......
Das Wahlvolk erinnert sich genau an diesen Wahlkampf und seine Versprechungen.
Bitte etwas mehr Respekt vor dem eindeutigen Wählerwillen.
So gesehen geht es in die richtige Richtung.
Dass sich die SPD mit einer Generalsekretärin Andrea Nahles so schnell an die Arbeit der nachhaltigen Korrektur politischer Themensetzungen machen will, dürfte für viel Aufregung in den nächsten Tagen sorgen.
Den vom Flair "technokratischen Konsenszwanges" umgebenen Koalitionsverhandlungen dürfte diese Personalie jedenfalls etwas zusätzliches Leben einhauchen, denn immerhin deutet die jetzt mögliche Analogie beim Karriereweg zweier Frauen darauf hin, das "Kommen, Sehen und Siegen" endgültig kein Männerprivileg mehr ist.
Die haben einen an der Klatsche. Alle 23. Man kann es nicht
mehr anders sagen.
Das ist ja der Hammer! Aber Bewegung is'
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