Demografie "Verbreitung überholter Theorien"
ZEIT online-Autor Björn Schwentker antwortet auf einen Brief von Johann Hahlen, Präsident des Bundesamts für Statistik
Sehr geehrter Herr Hahlen,
Ihr Interesse freut mich. Beachtenswert finde ich, dass Sie in meinem Artikel über die demografischen Ursachen der Kinderlosigkeit Unterstellungen sehen, wo gar keine sind. Meine Formulierung mit „der Mutter am Herd“ zielte einzig auf den Bundesrat - und gab zudem die Wertung eines Forschers wieder, nicht meine eigene. Dem statistischen Bundesamt gegenüber ist in meinem Text lediglich von einer „unglücklichen Kommunikation der 40 Prozent“ die Rede. Diese Aussage, und dass dahinter ein gewisser Drang nach Dramatisierung in der Öffentlichkeit stehen könnte, stammt nicht von mir, sondern von einem Ihrer eigenen Mitarbeiter.
Sie behaupten, ich habe es an journalistischer Sorgfalt mangeln lassen, weil ich Sie zum Thema Mikrozensus nicht angesprochen hätte. Sie erinnern sich aber sicher, dass ich Sie sehr wohl danach gefragt habe, und zwar während der Recherche zu einem anderen Artikel, der Mitte Oktober 2004 im Wissenschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung erschien.
Ich fragte Sie damals, warum der Bundesrat - nicht etwa Sie oder Ihr Haus - gegen die Neuaufnahme der Kinderfrage in den Mikrozensus gestimmt habe. Sie erklärten mir, eine solche Frage würden die Deutschen schlichtweg nicht akzeptieren, sie sei für Frauen zu intim. Eventuell müssten Frauen gegenüber ihrer Familie bisher verschwiegene Geburten zugeben. Und genau so lautet bis heute die offizielle Begründung für die Entscheidung des Bundesrates seitens der amtlichen Statistik. Neben dem Argument, der Mikrozensus quelle vor Fragen über, und die eine nach den Kindern sei trotz ihrer Relevanz eine Frage zu viel.
Auf der Tagung in Rostock präsentierten Ihre Kollegen aus dem Bundesamt nun erneut diese „Intimitäts-Theorie“ - mit dem Hinweis, die Deutschen seien immerhin auch gegen die Volkszählung gewesen. Diese Argumentation gibt den Deutschen selbst die Schuld am demografischen Datendefizit, und die meisten Forscher reagieren auf diese Scheinlogik mit Kopfschütteln. Johannes Huinink, Professor für Soziologie an der Universität Bremen, fasst die Zweifel der Kollegen an Ihrer Beweisführung so zusammen: „Das ist amateurhaft, an vielen Studien lässt sich belegen, dass diese Fragen [nach den Geburten] stets beantwortet werden. Da sind die Ämter dem Stand der empirischen Forschung leider 30 Jahre hinterher.“
Ich kann verstehen, wenn Sie dem Beschluss des Bundesrates gegenüber hilflos bleiben. Nicht verstehen kann ich, dass Sie sich der Aufdeckung politischer Motivation in den Weg stellen, indem Sie wissenschaftlich überholte Theorien verbreiten. Zudem macht es sehr wohl einen Unterschied, ob Ihr Haus einmalig - wie im Jahr 2004 - eine Studie zur Kinderbetreuung herausgibt, oder ob der Wunsch nach mehr Betreuung der Kleinen im Sinne kontinuierlicher Politikberatung regelmäßig im Mikrozensus erhoben wird.
Dass es aus dem Bundesinnenministerium eine „Anweisung von ganz oben“ gebe, sich jenseits nackter Zahlen nicht öffentlich zum Mikrozensus zu äußern, hat mir ein Mitarbeiter Ihres Hauses gesagt. Ich schenke dem Glauben, weil – wenn ich jetzt wirklich einmal interpretieren darf – die Angst aus ihm zu sprechen schien. Er fürchtete ganz offensichtlich auszusprechen, was das Bundesamts wohl lieber verschweigen möchte.
In einer so relevanten Frage wie nach der Möglichkeit von demografischer Politikberatung in Deutschland versuche ich, Meinungen und Stimmen aus der seriösen Wissenschaft an die Öffentlichkeit zu bringen. Das ist meine Aufgabe als Wissenschaftsjournalist. Mit „Stammtisch-Niveau“ und „leichtfertiger Unterstellung“ hat das nichts zu tun.
Mit freundlichen Grüßen
Björn Schwentker
- Datum 01.04.2009 - 07:37 Uhr
- Quelle (c) ZEIT online, 2.11.2005
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Eine Frage nach der Anzahl der Kinder wird im Mikrozensus nicht kommen. Auch der Wunsch von Vätern, aufgrund einer genauen Analyse feststellen zu lassen, ob das Kind, für das sie Unterhalt bezahlen, ihr eigenes ist, wird sich nicht durchsetzen lassen.
Cui bono? Welche Seilschaften stecken da dahinter, dass es solche Zahlen nicht geben darf?
"Sich auf nicht genannte ein,zwei Zeugen zu berufen, (...) halte auch ich fuer Stammtisch-Niveau" - damit fingen dann wohl sehr viele "gewagte Thesen" auf "Stammtisch-Niveau" an: Watergate, Iran-Gate, Barschel-Affäre, Flick-Skandal, usw. usw.
Ich stimme DirkSchus Kommentar ("Spitzen Reaktion!") und ganz besonders Benjowi ("Kein sachlicher Bezug", Kommentar zu Herrn Hahlens "Richtigstellung") zu.
Statistiken sollten viel häufiger gründlich hinterfragt werden. Und wer bei Zweifeln als Erstes "Stammtisch!" brüllt, macht's sich doch etwas zu einfach.
Lassen Sie sich nicht einschüchtern und bleiben Sie dran! Ich fresse glatt einen virtuellen Besen, wenn das tatsächlich die einzige, politisch missbrauchte Statistik wäre. Als Beispiel fällt mir sofort die Scheidungsstatistik ein - sicherlich richtig gerechnet, aber so angelegt, dass immer nur maximal 1/3 heraus kommt. Dabei wird das Verhältnis aus Eheschließungen zu Scheidungen von Jahr zu Jahr schlechter. Interessant wäre deshalb die Publikation einer Zahl, wieviel Prozent der Ehen durchschnittlich nach 25 Jahren noch nicht geschieden sind (von intakt mal ganz zu schweigen). Diese Zahl gibt es nämlich - allerdings wird sie nicht herum erzählt.:-)) Soweit ich weiß, liegt die Quote nach 25 Jahren geschieden zu nicht geschieden bei etwa 45:55 Prozent.
Viele Grüße!
Sich auf nicht genannte ein,zwei Zeugen zu berufen,die angeblich dieses oder jenes gesagt haben sollen, deren Meinung zu verallgemeinern und das als Grundlage fuer gewagte Thesen zu nehmen,halte auch ich fuer Stammtisch-Niveau...
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