Demografie "Stammtischniveau"
Das Bundesamt für Statistik widerspricht dem Artikel "Von wegen 40 Prozent", der sich mit der demografischen Analyse der hohen Kinderlosigkeit in Deutschland befasst. Wir veröffentlichen das Schreiben von Präsident Johann Hahlen und die Antwort des Autors Björn Schwentker
Sehr geehrter Herr Schwentker,
Ihr am 9. Oktober 2005 von ZEIT online veröffentlichter Artikel
„Von wegen 40 Prozent“
bedarf nach unserer Auffassung dringend der Richtigstellung.
Im ersten Teil Ihres Aufsatzes zur Problematik der Kinderlosigkeit von Akademikerinnen in Deutschland berichten Sie zutreffend über den Mangel an statistischen Daten zu diesem Fragenkreis sowie über den gescheiterten Versuch der amtlichen Statistik, diesem Mangel durch Aufnahme einer Frage (nach der von einer Frau geborenen Kinder) im neuen Mikrozensusgesetz 2005 abzuhelfen.
Was Sie dann aber in den letzten vier Absätzen Ihres Artikels zur Interpretation dieses Sachverhalts ausführen, hat mit seriöser Wissenschaftsberichterstattung nichts mehr zu tun, sondern ist leichtfertige Unterstellung. Dazu stelle ich richtig:
− Aus dem Bundesinnenministerium gibt es weder für mein Haus noch für das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung irgendeine „Anweisung von ganz oben“, nicht über die Unzulänglichkeit des Mikrozensus, was die Ermittlung der von einer Frau geborenen Kinder angeht, zu sprechen. Das Ministerium hatte doch selbst in dem von ihm mit Zuarbeit meines Hauses erarbeiteten Regierungsentwurf für ein neues Mikrozensusgesetz diese von Demographen seit langem geforderte Frage aufgenommen, in den parlamentarischen Beratungen im Deutschen Bundestag überzeugend begründet und musste dann hinnehmen, dass eine Ländermehrheit im Bundesrat diese Frage in dem zustimmungsbedürftigen Gesetzentwurf nicht passieren ließ.
− Es ist Stammtisch-Niveau, wenn meinem Haus unterstellt wird, es wolle mit Veröffentlichungen zur Kinderlosigkeit von Akademikerinnen Politik betreiben, etwa zur Verteidigung eines konservativen Familienbildes „mit der Mutter am Herd“. Bevor Sie solche vagen Vermutungen in Ihrem Aufsatz wiedergeben und sich – so wird Ihre Darstellung verstanden – zu eigen machen, hätte es journalistischer Sorgfalt entsprochen, entweder einen meiner für den Mikrozensus zuständigen Mitarbeiter oder mich anzusprechen. Nichts dergleichen haben Sie getan. Dabei hätte Sie schon ein Blick in die von meinem Haus seit Ende der 90er Jahre jährlich herausgegebenen Berichte über die Ergebnisse der Mikrozensus-Erhebungen (unter dem Titel: Leben und Arbeiten in Deutschland) eines besseren belehrt. Denn dort wird mit großer Sorgfalt und Objektivität über die sich in Deutschland neben der „klassischen“ Familie entwickelnden Formen des Zusammenlebens berichtet. Zudem lag bereits vor der Konferenz in Rostock ein aktueller Aufsatz meines Hauses zur Kinderlosigkeit von Frauen vor, der die zu Beginn Ihres Artikels angesprochenen Punkte thematisiert (siehe Zeitschrift Wirtschaft und Statistik, Heft 8/2005, S. 800 ff.). Mein Haus, das Statistische Bundesamt, und die Statistischen Ämter der Länder haben den gesetzlichen Auftrag zu neutraler, objektiver, wissenschaftlicher statistischer Berichterstattung. Diesem Auftrag kommen wir täglich mit unseren Datenveröffentlichungen ohne Rücksicht auf politische Opportunitäten nach. Ich empfinde deshalb Ihre oben angesprochene Berichterstattung schlicht als beleidigend.
− Schließlich ist Ihre Interpretation des Bundesratsvotums gegen eine Fortführung der Mikrozensusfrage nach der Nutzung von Kinderkrippen, Kindergärten, Kinderhorten ebenfalls abwegig. Der Bundesrat bzw. seine Mehrheit konnten damit nichts verheimlichen wollen, hatte doch mein Haus bereits im März 2004 („Kinderbetreuung in Deutschland“) mit einer viel beachteten Veröffentlichung auf die großen Defizite bei Krippen und Horten in Westdeutschland aufmerksam gemacht.
Mit freundlichen Grüßen,
Johann Hahlen
- Datum 01.04.2009 - 07:37 Uhr
- Quelle (c) ZEIT online, 2.11.2005
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Wer im März 2004 (Kinderbetreuung in Deutschland) mit einer viel beachteten Veröffentlichung auf die großen Defizite bei Krippen und Horten in Westdeutschland aufmerksam macht, der muß sich fragen lassen, ob er etwa 20 Jahre untätig war bzw. 'geschlafen' hat.
Es ist wieder interessant, dass die eigentliche Sache, mit der sich der Autor des ursprünglichen Artikels befasst - nämlich die Tatsache, dass Akademikerinnen und ihre angebliche
außergewöhnliche Kinderlosigkeit nicht richtig dagestellt werden - nicht so recht angesprochen wird. Vielmehr werden in der "Richtigstellung" lediglich Schuldzuweisungen hin und her geschoben. Eine Methode, die nach meiner Erfahrung und dabei oft im "beamteteten" Teil unserer Bevölkerung durchaus System hat und verallgemeinert werden kann. Die Folge ist, dass die eigentliche "Sache" bei vielen Problemen erst garnicht mehr zur Sprache, geschweige denn zu irgendeiner Weiterentwicklung oder Lösung kommt.
Wenn die (fehlenden) Kita- Plätze NICHT das Kriterium für die niedrigere Genurtenrate sind (weil in der untergehenden DDR reichlich Plätze vorhanden waren, die Geburtenrate aber dennoch sank, dann liegt das Problem vielleicht doch bei der Zukunftsangst (der Männer)?
Denn bei DER Rechtslage möchte ich mich nicht (auch nicht von einer Akademikerin) bei Nichtgefallen ruinieren lassen.
Auch wenn und WEIL ich sehr wohl alleine kochen, putzen waschen etc. kann...
Schlau wie Ihr seid, liebe Akademikerinnen, Ihr bleibt schön allein, ... !
Emanzipiert, aber eben ...
Ätsch.
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