E-Mail aus Berlin Der Tag danach

Fassungslosigkeit in der Hauptstadt. Und Rechtfertigungen. Über die Reaktionen in der politischen Klasse auf den Katastrophenmontag berichtet Corinna Emundts

Neuwahlen, Jamaika, das Platzen der Großen Koalition: Alles wird für möglich gehalten am Tag danach in den politischen Kreisen in Berlin. In der Union schütteln sie verständnislos den Kopf über die SPD: Wie kann man, wenn man bereits soviel erreicht hat – in den inhaltlichen Verhandlungen zur Großen Koalition und mit der Anzahl der Kabinettsposten in einer neuen Regierung – wie kann man alles so hinschmeißen? Aber auch Stoibers Entscheidung stößt auf Unverständnis im eigenen Lager. Wie einer sich so verantwortungslos benehmen könne, fragt man sich im Adenauer-Haus.

Die SPD redet vielzüngig am Tag danach, zerfällt in Lager: die Kopfschüttler, die Müntefering-Kritiker und jene, die eine Schuld nur bei den Vorstandsmitgliedern suchen, die für Andrea Nahles gestimmt haben – und bei Nahles selber. Wenn man das Puzzle zusammensetzt, so zeigt sich indes, dass Müntefering selbst einen gehörigen Anteil Schuld an dem Desaster hat. „Da sind zwei Züge aufeinander zu gerast, er hätte das früher erkennen müssen“: ein häufig gehörter Satz heute in der SPD.

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Nach Informationen von Zeit online hat Franz Müntefering in den Tagen vor der sich zuspitzenden Entscheidung zwischen der unerwünschten Nahles oder seinem Wasserhövel keinen einzigen der Nahles-Unterstützer aus dem Netzwerk Berlin angerufen, das zahlreich im SPD-Parteivorstand vertreten ist. „Das war falsches Management“, heißt es in Netzwerkkreisen, „er hat den kleinsten aller denkbaren Konflikte nicht gemanagt bekommen“. Diese von den Nach-68ern empfundene „sprachlose Autorität“ entsetzt sie ebenso wie nun das Hinschmeißen: Der macht den Lafontaine, verantwortungslos. So geht die Rede.

Das Netzwerk. Zur Zeit gewinnt es an Bedeutung. Aber ironischerweise auch deshalb, weil es mehr bewirkt hat als beabsichtigt war. Nun wird gerechtfertigt. Das Netzwerk, das sich selbst als reformorientiert, aber nicht links bezeichnet, hat eine linke 35-jährige unterstützt: na und? „Was ist so schlimm daran, dass eine Generation mal zusammenhält?“, der Ton ist kampfeslustig. Die Große Koalition sei deswegen nicht gefährdet, ist zu hören, es habe auch gute Politik in der SPD vor Müntefering gegeben. Im Willy-Brandt-Haus wiederum ärgert man sich über diese Generationsgebärdensprache sowie über die, wie es heißt, „Politikunfähigkeit“ des Netzwerks.

„Das war ja auch ein bisschen viel, was Müntefering wollte – als Super-Basta-Vizekanzler die vier wichtigsten der SPD zur Verfügung stehenden Positionen“, kommentiert Grünen-Chef Reinhard Bütikofer am Dienstag trocken: „Parteivorsitz, Vizekanzler, das Arbeitsministerium und den Generalsekretär – diese Machtfülle hatte nicht mal Schröder“. Es sei vielleicht sein Missverständnis gewesen, dass ein Maximum an Organisation nicht automatisch ein Maximum an guter Politik ergebe. Dass es jetzt nochmal Jamaika-Gespräche geben könnte, glaubt man bei den Grünen nicht: Die Alternativen heißen Große Koalition oder Neuwahlen. In der FDP fängt man indessen wieder an, von Jamaika zu träumen, während die Verhandlungsfachgruppen der Großen Koalition nachmittags routiniert weitermachen. Aber, grinst die FDP, man hätte auch gegen Neuwahlen nichts einzuwenden.

 
Leser-Kommentare
  1. Eine Katastrophe ist eine Katastrophe. Eine Katastrophe ist aber nur eine Katastrophe, wenn Ereignis, Ablauf, Wirkung, Ergebnis, ... katastrophal sind.
    Der Montag war aber nur ein Montag. Für die SPD schon ein etwas besonderer Montag. Verhandelt haben die GroßKoalitionäre aber wie geplant. Alles lief wohlstrukturiert ab. Sehr professionell. Kein Durcheinander, eher ein Miteinander. Alle Genossen handelten zielorientiert im Konsens. Eine Überraschung war es schon, dem stimme ich zu. Aber, im Verhältnis zur Merkel-Union ist die SPD jetzt mit MP Platzeck in der besseren strategischen Position. 'Weiß' ist immer einen Zug voraus! Müntefering ist weiter 'im Spiel'. Nahles nicht wie geplant dabei. Platzeck kann langsam 'durchstarten'. Er ist dabei, aber nicht mittendrin. Merkels Position ist weiter gefährdet. Sie wartet auf ihre Katastrophe. Anzeichen wurden im Adenauer-Haus schon wahrgenommen. Der Druck im Kessel nimmt zu. Geheizt wird jetzt in München. Für Westerwelle taugt dabei Jamaika nur als traumhaftes Faschings-Kostüm. Also, eine Katastophe ist nur eine Katastrophe, wenn sie wirklich eine Katastrophe ist. Platzeck, das war ein geschickter Zug. Mehr nicht.

    • laros
    • 01.11.2005 um 19:00 Uhr

    Frau Nahles liess sich instrumentalisieren, .Sie hat das Ende nicht bedacht.Die Hintermänner sind zu feige,sich
    zu erklären.Es droht der Niedergang einer so stolzen
    Partei bei Annäherung an das linksradikale Parteienspektrum.
    Dr.Laros

  2. Dass das kleine Stürmchen vom Montag, die SPD gleich zu der gefährdetsten Partei im deutschen Bundestag machen würde, obwohl sie da ja immer noch die stärkste, echte Einzelpartei ist, konnten ja nur die immer noch vom überraschend hohen Wahlergebnis schockierten, neoliberal eingefärbten Kommentatoren erträumen. Der jetzt erst recht Effekt innerhalb der SPD wird alle noch "petzenden" und "polternden" Parteibuchbesitzer ergreifen.

    Unter dem Strich bleibt festzustellen: Münte macht mehr aus allem, als der Stoiber Edmund und wenn es nicht täuscht, dann werden alle vergeblich auf Neuwahlen hoffen, die Frischluft aus der Eifel mit hohen Westerwellen an der Nordsee verwechseln. Der Personenkult um Guido macht genauso wenig Sinn, wie die Dämonisierung von "Gottesgeschenken".

  3. Jetzt verkauft die SPD ihre Dilletanten-Orgie als Jungbrunnen. Die müssen uns Wähler für fast so blöd halten wie wir sie. Genossin Nahles wollte laut Interview eigentlich das alles nicht, eigentlich wollte sie nur die Führungsriege verjüngen. Selten so gelacht. Der Kajo Wasserhövel macht natürlich einen gebrechlichen Eindruck.
    Könnten diese Berufsjugendlichen um Nahles&Co beim Notar hinterlegen, dass sie endgültig mit 43 Jahren von der politischen Bühne verschwinden? Niemand glaubt ernsthaft das es bei der CDU/CSU sehr viel besser aussieht.Am besten Neuwahlen und die jetzigen Bundestagsabgeordneten werden zur Arbeitsagentur geschickt. Sind sicher schwer vermittelbar die Damen und Herren, aber für einen 1 Euro Job in den Parkanlagen Berlins sollte es wohl reichen.

  4. Gerhard Schröder ist schuld an dem augenblicklichen Desaster. Er hat die Krise der SPD zu einer Krise der Republik gemacht. Edmund Stoiber wird für seinen Rückzug gescholten, obwohl er auf dem Spielfeld geblieben ist.

    Gerhard Schröder wird als der Kanzler in die Geschichte eingehen, der einen Trümmerhaufen hinterlassen hat.

    Erst die Finanzkatastrophe unter den Tisch gekehrt, dann mit verfassungsbrüchigen Argumenten Neuwahlen herbeigeführt, schließlich das Wahlergebnis ignoriert und jetzt? Was jetzt Gerd?

    korfstroem
    http://korfstroem.blogg.de

    • Colon
    • 03.11.2005 um 3:45 Uhr

    Der "Münte", Urbild des ehrlichen Poltikers, Koalitionsschmied, beliebtester Politiker der Partei.
    Der "Zuchtmeister", plant mehr Parteimacht als alle seine Vorgänger, "Basta"-Politiker, möchte sich nur mit "Vertrauten" umgeben.
    Die beste "Nummer zwei". Fleißig, verläßlich, ausdauernd, loyal.
    Der "Parteisoldat". Geht wohin man ihn schickt.
    Der "Franz", das "Herz" der SPD.

    Abgang: "Wahnsinn, Dummheit, Feigheit, Katastrophe, Eitelkeit, Selbstsucht"

    Ab Morgen geht ´s mit neuem "Pumpwerk" weiter.
    Nur die Namen müssen getauscht werden.

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