Frauenkirche Sonntag in Dresden
Erinnerungen der Alten, Volksfeststimmung der Jungen, und dann ging alles schnell vorbei. Eindrücke von der Einweihung der Frauenkirche, aufgezeichnet von Andreas Dorner
Die Turmuhr zeigt sieben Uhr dreißig. Die ersten Zaungäste reihen sich vor dem Eingang der Kirche auf. Sie wollen während der Übertragung des Weihgottesdienstes auf die vordere der beiden Großleinwände eine gute Sicht haben. Studentinnen verteilen kostenlose Sonderausgaben der lokalen Zeitung, Pfadfinder versorgen die Besucher mit Programmheftchen und Ansteckschleifen. Sie machen das freiwillig, „weil es für eine gute Sache ist“, sagt einer der jungen Volontäre stolz.
Innerhalb einer halben Stunde füllt sich der vordere Teil des Neumarktes mit Menschen jeden Alters. Auch als es voll wird, herrschen weder Gerangel um die Plätze noch Aufregung. Die Besucher scheinen allesamt den Slogan der Frauenkirche-Stiftung verinnerlicht zu haben: „Friede sei mit euch“.
In der Mitte der Menschenmenge bildet sich eine schmale Gasse. Sie erlaubt nicht nur die Fortbewegung, sondern trennt die Menschen wie von selbst in zwei Gruppen. Vorne finden sich diejenigen ein, deren Schicksale mit dem der Frauenkirche verknüpft sind. Einige von ihnen mussten am 13.Februar 1945 im „Feuersturm“ auf Dresden miterleben, wie sich die barocke Kulturstadt binnen weniger Stunden in ein Trümmerfeld verwandelte. Das war die Antwort der Alliierten auf die grausame Kriegsführung der Nazis.
„Wir kommen jedes Jahr aus Ostfriesland hierher“, sagt ein Rentnerpärchen. Sie sind zwei der insgesamt über 600.000 Spender, die den Wiederaufbau der Frauenkirche möglich machten. „Dass wir irgendwann einmal hier stehen würden, hätte ich nie für möglich gehalten“, sagt die Frau und hat Tränen in den Augen. Um den Höhepunkt des Wiederaufbaus nicht zu verpassen, hatten die beiden bereits ein Jahr zuvor ihr Hotel in Dresden gebucht.
Überquert man die magische Linie ein paar Schritte mit dem Rücken zur Frauenkirche, verliert sich die Dramatik. Der Alterdurchschnitt sinkt: Junge Pärchen, Familien mit Kinderwagen oder Freunde treffen sich, um Spaß zu haben. Schaulustige sind sie, die dabei sein, wollen wenn Geschichte gemacht wird. Knipsen mit ihren Fotohandys zigmal die steinerne Kuppel der Kirche, tratschen und lachen. Im Gegensatz zu der andächtigen und besinnlichen Stimmung fünf Reihen weiter vorne herrscht hier Ausgelassenheit.
Welchen Bezug sie zu Kirche und Religion haben? „Keinen eigentlich. Wir sind wegen des Bauwerks gekommen“, antworten die hinter der Linie. Viele von ihnen leben in Dresden und freuen sich über ihre neue Sehenswürdigkeit. In den kommenden Jahren werden zahlreiche Touristen das neue Gebäude bestaunen und ordentlich die Stadtkasse klingeln lassen. Darunter auch Japaner wie Motoyasa Wata. Der Austauschstudent aus Augsburg wollte es sich nicht nehmen lassen, seiner Familie in Japan von der Einweihung des Denkmals zu berichten. Er findet die Kirche „wunderbar“.
Auch Holm Krause, Marketing-Manager im Hilton Hotel, sagt „wunderbar.“ Doch er denkt weniger an ein biblisches Wunder. „Wenn überhaupt, dann ist es ein Wunder der Architektur“. Er sitzt im Hotel-Bistro, trinkt Latte Macchiato und Kirschsaft, während Theo Waigel hinter ihm vorbeigeht. Am Morgen hatte er sich noch im Rahmen eines kleinen Empfangs um die Staatsgäste des Weihgottesdienstes gekümmert. Darunter Angela Merkel, Gerhard Schröder und Horst Köhler. Der Bundespräsident nannte die Einweihung ein neues Kapitel in der Geschichte und maß ihm politische Bedeutung an – insbesondere in den deutsch-englischen Beziehungen. Holm Krause vergleicht den Bau mit dem Sankt Petersdom in Rom und hätte sich gewünscht, dass der Papst auch eingeladen werden würde. „Für die Vereinung von katholischer und evangelischer Kirche wäre es doch ein schönes Zeichen.“
Die Hunderttausenden vor den Großleinwänden blicken derweil ein wenig starr auf das übertragene Geschehen, als sie die Messe im Inneren der Frauenkirche verfolgen. Kaum jemand sonst wirkt so leidenschaftlich wie Krause, der Hotelmanager. Hier und da wird zwar das Glaubensbekenntnis mitgemurmelt, doch nicht gerade passioniert. Es liegt eine gedämpfte Stimmung, man kann auch sagen: spirituelle Gleichgültigkeit in der Luft, die sich auch bis zum Ende nicht mehr verliert. Kaum ist das Schlusswort gesprochen, drehen sich die Menschen um und eilen zu den Ausgängen. Wenige Sekunden darauf wird der Platz mit lauter Rockmusik beschallt. Man beschwert sich. Aber nicht zu sehr. Vielleicht ist es ja tatsächlich so, wie Holm Krause meint: „Die Religiösen bleiben lieber zu Hause vor dem Fernseher, denn sie wollen diesen Trubel nicht.“
- Datum 29.08.2006 - 04:32 Uhr
- Serie cvd
- Quelle (c) ZEIT online, 30.10.2005
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Für diejenigen, die gerne mal auf Details verzichten, sicher ein spannender Artikel; ein schönes Gefühl von diesem Sonntagmorgen und ein kleines Lächeln ist vielleicht manchmal mehr Wert als korrekte, umfassende historische Daten.
In den vierziger Jahren hatte mich meine Mutter oft in die Frauenkirche begleitet um dort Ihre Sopranstimme bei Übungen von Bach Kantaten mit zu hören. Mir gefiehl das nicht immer. Am 13. Februar 1945 saßen wir in einem Keller in Freital als Dresden zerstört wurde. 1950 wanderte ich in die Vereinigten Staaten aus. 1989 kehrte ich als Besucher aus Amerika nach Dresden zurück mit meinem in Washington geborenen Sohn. Martin Luther stand noch vor dem Schrotthaufen. Jetzt habt Ihr die Steine wieder zusammen gebaut und ich höre wieder die Stimme meiner Mutter. Ich danke Euch!
Frank Bloss - Watsonville, California
Ein guter Stimmungsbericht von Andreas Dorner, wie ich finde. Es wuerde allerdings nicht schaden, auch im Detail Genauigkeit zu ueben bzw. sich darin einzuueben. In der Frauenkirche hat eben keine "Messe", wie der Autor schreibt, stattgefunden, sondern ein Weihegottesdienst. Nicht weiter schlimm? O doch, wenn man's genau nimmt. Und so etwas sollte man schon genau nehmen. (Sie sehen, die ZEIT hat wache Leser - auch in weiter Ferne).
Guenter Apsel, Orlando, Florida
an "ben1930": die sächsische Landeskirche ist eine evangelisch-lutherische Landeskirche, d.h. auch wenn der Gottesdienst nicht "Messe" heißt, ist er es im liturgischen Ablauf doch; Luther (und die liturgische Restauration im 19. Jh.) war in dieser Hinsicht ja bekanntlich sehr konservativ. Der Unterschied zur römischen Kirche liegt aber beim Verständnis der Bedeutung des Gottesdienstes/der Messe, nicht im äußeren Ablauf.
Da am Sonntag bei der Einweihung kein Abendmahl gereicht wurde, war der Unterschied zur kath. "Normal"-Messe natürlich da, weil da die Kommunion immer dazugehört.
Herr Dorner kommt mit seinem Text leider nicht über ein Schülerzeitungsniveau hinaus. Der Wiederaufbau der Frauenkirche ist für so viele Dresdener, die weltweiten Spender und die Deutschen insgesamt ein so bewegendes Ereignis, daß dieser flapsig geschriebene Bericht sicher nicht im Zeitungsarchiv aufbewahrt werden wird, um diesen bewegenden Augenblick angemessen zu kommentieren. Schade für Deutschland, schade für DIE ZEIT.
Thomas Allner aus Frankreich
Die Kombination von Video- und Textreportage ist gelungen. Sehr szenisch, schöne Atmo.
Eisig weht der Wind am Sonntagabend durch die Zeit, wenn in Dresden eine Kirche renoviert wird.
Tolle Bildergalerie: Fünf oder sechs Bilder, darunter ein Bild mit einem Balkon voller Sicherheitsbeamter (Was soll uns das sagen? Droht ein Rückfall in die Vergangenheit? Droht uns jetzt eine Militärdiktatur?).
Nach den Artikeln wissen wir jetzt, daß die Zerstörung hunderter Altstädte in den letzten Kriegsmonaten die verdiente Antwort auf die barbarische Kriegsführung der Nazis waren (da wären wir alleine nicht drauf gekommen, der Hinweis war pädagogisch wertvoll - weil wir Deutschen jetzt wissen, daß wir nicht Schönes verdient haben).
Ansonsten:Die Frauenkirche ist Kitsch
(nicht avantgardistisch genug);in Dresden liefen lauter Pfadfinder rum (die haben doch auch so eine Art Uniform, oder?), dazu noch ein Haufen rührseliger Alter und ein kirschsafttrinkender Herr Holm. Wow!
Nicht zu vergessen die mangelnde Spiritualität der Leute (lassen sich wahrscheinlich eher inspirieren von David Beckham oder Britney Spears oder, wenn sie etwas intellektueller sind, vom norwegischen Avantgarde-Jazz).
Mensch, Leute!
Müssen wir uns denn immer selber so runtermachen?
Wie lange denn noch?
Kann man Bugge Wesseltoft, irisches Guiness und Hildegard von Bingen, kann man Zizou, Zirtaki und die Frauenkirche nicht unter einen Hut bringen, als WIRKLICHE kulturelle Vielfalt, ohne daß wir gleich reflexhaft (und damit geistig eingeschränkt) gleich an Gröfaz denken?
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