Franz Müntefering ist mit seinem Vorhaben gescheitert, den bisherigen Geschäftsführer der SPD, Kajo Wasserhövel, als einzigen Kandidaten für das Amt des Generalsekretärs durchzusetzen. Der Parteivorstand sprach sich mit großer Mehrheit für die 35-jährige Bundestagsabgeordnete Andrea Nahles aus, die sich ebenfalls um das Amt bewirbt. Unter diesen Bedingungen will Müntefering nun nicht mehr Parteivorsitzender sein; ob er als Minister in einer Großen Koalition noch mitwirken mag, lässt er offen. Einsamer Parteichef© dpa

Ein Drama für die SPD, ein Problem gar für Deutschland? Nicht wirklich. Sondern nur der letzte Trotzanfall einer sozialdemokratischen Generation, die seit 30 Jahren Politik unter dem Motto "nach mir die Sintflut" macht. Nun kommt die Flut, und sie wird vielleicht nicht nur Müntefering hinwegspülen - und weder der SPD noch dem Land muss das schaden.

Zu lange hatten sich die Sozialdemokraten bedingungs- und besinnungslos auf ihre Führung einschwören lassen. Zu lange hat die Partei die "Bastas" von Gerhard Schröder ertragen, zu lange Peter Strucks und Franz Münteferings Durchregieren in der Bundestagsfraktion, die Degradierung der Parteitage zu bloßen Jubelveranstaltungen - und die Ächtung aller außer der rituellsten innerparteilichen Auseinandersetzung. Die konstruktive Diskussion über eine neue Parteilinie wurde geradezu systematisch vermieden: Kaum ein sinnvolles Wort darüber, wo, zwischen traditionellen Gerechtigkeitsvorstellungen und notwendigen Modernisierungsbemühungen, die SPD sich politisch einsortieren sollte.

Ohne inhaltliche Neubestimmung haben Schröder und Müntefering ihrer Partei (und dem ganzen Land) in der schwierigsten denkbaren Lage Neuwahlen zugemutet. Die SPD hat danach Schröders Ausfälle am Wahlabend ertragen, die Scharade um die Führung der Großen Koalition und die Ex-cathedra-Einsetzung des künftigen Kabinettspersonals. Wie so oft zuvor fungierte Müntefering dabei als wandelnde Clearingstelle, lächelte sphinxenhaft und entschied einsam.

Irgendwann musste Schluss sein, und diesen Punkt hatte der Parteichef erreicht und überschritten, als er sich auf die Personalie Wasserhövel versteifte - obwohl man das Vorhandensein zweier qualifizierter Bewerber für den Generalsekretärsposten ja durchaus als erfreuliches Zeichen innerparteilicher Demokratie hätte deuten können. Dass zumindest die Fraktion aufbegehren würde, zeichnete sich schon ab, als ausgerechnet die Landesgruppe der nordrhein-westfälischen Abgeordneten in einer E-Mail-Umfrage mehrheitlich gegen den Vorsitzenden votierte. Öffentlich zur Seite stand ihm nur noch ein letztes Aufgebot.

So wie Franz Müntefering in seiner Rücktritts-Ankündigungs-Rede über den jetzt anstehenden Generationenwechsel in der SPD sprach, konnte man seine heimliche Hoffnung heraushören, dass es ohne ihn am Ende vielleicht doch nicht gehen werde. Ob es wirklich so kommt? Die Jüngeren in der SPD haben sich jahrelang schwer damit getan, ihre Altvorderen anzugreifen. Jetzt müssen sie nicht einmal mehr das. Jetzt haben sie die Chance - und die Pflicht - zu beweisen, dass sie verantwortungsvoller Politik machen können als die Generation Trotzanfall. Vornehme Zurückhaltung und mangelnder Mut allerdings bergen das Risiko eines retardierenden Moments, wie man es aus den gruseligsten Horrorfilmen kennt: Schröder, heißt es im Unfeld des Parteivorstands, komme als neuer Vorsitzender natürlich durchaus in Frage.