Essay
Gefühlte Apokalypse
In Deutschland herrscht ein endzeitliches Meinungsklima. Warum eigentlich? Das Land geht nicht unter, es steckt allenfalls im Schlick fest. Die Koalitionsverhandlungen in Berlin tragen dazu bei
Wollten wir den journalistischen Kommentatoren, aber auch manchen seufzenden und zweifellos überarbeiteten Politikern der Berliner Koalitionsgespräche glauben, dann droht Deutschland in einer der größten Nachkriegskrisen zu versinken. Der Ausguck auf der „Titanic“ hätte nicht pessimistischer klingen können als unsere Leitartikler in diesen Tagen. Zur Aufführung kommt einmal mehr das renommierte Stück „Die Apokalypse der deutschen Seele“, in Abwechslung mit den „Letzten Tagen der Menschheit“.
Ein Beispiel: Zwei Parteivorsitzende ändern ihre Meinung und Positionen – in den Titeleien der Presse figuriert dieser zwar erstaunliche, jedoch zugleich natürliche Vorgang als „Chaos-Tage in Berlin“. Chaos mögen wir nicht. Selbst im imaginierten Untergang erwarten wir Ordnung und Berechenbarkeit.
Seit einigen Jahren herrscht in der deutschen Öffentlichkeit ein endzeitliches Meinungsklima vor, das Theologen als immanent-eschatologische Unglücks- oder Heilserwartung bezeichnen könnten, je nach politischer Überzeugung. Bewegt vom alten Kammerton des deutschen Idealismus hegelianischer beziehungsweise marxistischer Provenienz, suggerieren uns Politiker und Publizisten, dass wir am Abgrund unserer Geschichte, oder doch zumindest an einem Scheideweg angelangt seien, der herkuleische Entscheidungen vom Führungspersonal abverlange, nachdem das revolutionäre Personal, das nach alter Sitte den Endkampf auszukämpfen hatte, nicht mehr zur Verfügung steht, das Proletariat bezeihungsweise die himmlischen Heerscharen nebst Flammenschwertern.
Der Bundeshaushalt - eine "Schicksalsfrage"? Mitnichten!
Angela Merkel spricht angesichts des hoch defizitären Bundeshaushalts von einer „Schicksalsfrage“; die Große Koalition als solche suggeriert dem Wähler, dass die
res publica
nur noch unter Hintansetzung des parlamentarischen Prinzips von
checks and balances
zu retten sei (statt zuzugeben, dass wir unsere politischen Entscheidungsschwächen einem entgleisten Prinzip des Föderalismus verdanken und nicht etwa mangelndem Gemeinsinn). Und in der Tat hat der Wähler das genauso gesehen. Doch wenn sich nationale „Schicksalsfragen“ in Kürzungen von Entfernungspauschalen und Senkungen von Sparerfreibeträgen, in höherer Besteuerung von Dienstwagen und, was ich gemein finde, in der Abschaffung des Sonderausgabenabzugs für Steuerberatungskosten oder ähnlichen Klein-Klein-Plänen manifestieren, die dem Staat jährlich zehn Milliarden Euro einbringen sollen, dann fragt man sich natürlich, wessen Schicksal eigentlich gemeint sein könnte. Das der Arbeitslosen jedenfalls nicht.
Kenner der deutschen politischen Psyche überrascht es nicht, dass wir wieder einmal in einer Phase der geistigen und politischen Selbstinterpretation angelangt sind, die an absolute Verzweiflung in gesellschaftlicher Gegenwart und Zukunft grenzt – wir befinden uns in einer Lage, in der der Ruf nach einem charismatischen Führer nur folgerichtig wäre, einem
Leader
, um das verdächtigte Wort zu vermeiden, der die Nation aus ihrer wirtschaftlichen, politischen, psychischen oder religiösen Sinnkrise herausführt, mit Max Webers Definition des Charismatikers zu sprechen. Und wollten wir zugeben, dass gerade diese Art Persönlichkeit die Berliner Bühne zu meiden scheint wie Edmund Stoiber die deutsche Grammatik, dann kann man sich tatsächlich fragen, ob jene Schwarzmalerei ihre Berechtigung hat. Vielleicht, so könnte man fragen, gibt es diesen
leader
nicht, den Herman Melville den „schönen Matrosen" genannt hätte, ganz einfach, weil die politische Großwetterlage so dramatisch noch nicht ist?
Wenn, anders gesagt, zwei stille ostdeutsche Naturwissenschaftler an die Spitze der beiden Volksparteien rücken, wenn eine Kanzlerin wird und der andere ihren nüchternen Pragmatismus lobt, dann haben die beiden entweder die Notsituation nicht richtig verstanden, oder aber – und das möchte ich behaupten – die Situation des Landes ist noch längst nicht so weit gediehen, dass es jener dubiosen Charisma-Trägers an der Spitze der Machtpyramide bedürfte. Nicht auszuschließen freilich, dass wir auf dem Weg dorthin sind, wo jedermann ruft: „So geht es nicht weiter!“.
... und dann wär' da noch die "Legitimitätskrise"
Zur Krise der Gesundheits- und Sozialsysteme, der Schulen und Hochschulen, des Bundeshaushalts, des Arbeitsmarktes und der gesamtstaatlichen Verschuldung tritt nun in der Publizistik auch noch die gute alte Bekannte aus den aufgeregten 70er Jahren der deutschen Politikwissenschaft – die Legitimitätskrise. Auf Tausenden raschelnden Seiten hatten seinerzeit Jürgen Habermas und seine aufgeweckten Schüler die Gefährdung der Demokratie als solcher an die Wand gemalt. Den Anlass der damaligen apokalyptischen Stimmung haben wir vergessen. Waren es die ersten Spuren der Globalisierung, war es die Energiekrise, die atomare Aufrüstung oder einfach pure Langeweile, wenn nicht gar der kulturkritische Jammer ob der Entfremdungszumutungen der Moderne? Wir wissen es nicht mehr, wollen es auch nicht wissen; denn das klassische Merkmal von politischen Legitimitätskrisen in Demokratien oder anderen Regierungssystemen stellte sich damals nicht ein: Massenhafte Auswanderungen wurden nicht beobachtet. Im Gegenteil, Deutschland war damals schon längst Einwanderungsland geworden – wenngleich es uns seither nicht gelungen ist, die fähigsten unter den Auswanderern aus aller Welt ins Land zu locken. Dagegen sprechen unsere Sprache, unsere überregulierten Ausländerämter und darüber hinaus unsere prinzipielle Skepsis gegenüber Menschen, die kleiner sind und dunkler als wir. Die überlassen wir lieber den Anthropologen.
Also – eine echte Legitimitätskrise des politischen, demokratischen Systems gibt es nicht. Dennoch stellt sich die Frage: Bleibt Deutschland einfach stecken im Morast parteipolitischer Intrigen und Machtspiele am Rand des ökonomischen Abgrunds? Und was heißt hier Abgrund? Verzeichnen wir nicht das dritte Jahr in Folge mit den höchsten je gemessenen Auslandsinvestitionen im Lande? Streben die Banken nicht Renditen in zweistelligen Prozentzahlen an? Ist das internationale Kapital etwa dümmer als unsere Untergangspropheten? Sind wir, die angeblichen Opfer der Globalisierung, nicht in Wirklichkeit ihr Motor und größter Nutznießer mit unseren kontinuierlich steigenden Exportrekordzahlen? Was exportiert denn Großbritannien, jenes Land, dessen politische Führung neuerdings Pluspunkte beim Wähler zu machen, indem sie vor der
German Angst
warnt? In erster Linie seine Sprache, seine Finanzdienstleistungen und seine Automobile,
owned and designed by Germans
. Und natürlich Burberry-Mäntel und Marmelade. Wer die britischen Wachstumsquoten preist, dem empfehle ich eine Reise durch Ost-London, von den Midlands ganz abgesehen. Anders gesagt, geht es uns Deutschen wirklich so miserabel, wie wir uns derzeitig fühlen?
Um die geistige und politische Situation Deutschlands auf der Skala realer politischer Gefährdungen Deutschlands genauer einzuordnen, lohnt ein kurzer Blick in die jüngere Geschichte. Ersparen wir uns, an den Dreißigjährigen Krieg zu erinnern, in dem zwei Drittel der deutschsprachigen Bevölkerung ums Leben kamen, überspringen wir den Weltkrieg, der 1914 ausbrach und eigentlich erst 1945 endete und in dem mehr als 15 Millionen Deutsche durch Gewalt und Hunger starben, von den Opfern deutscher Aggression im Ausland ganz zu schweigen; vergleichen wir unsere Gegenwart nicht mit den schrecklichen Erfahrungen anderer Staaten unter dem Joch des Totalitarismus mit seinen Hekatomben von Mordopfern, sondern erinnern wir uns einfach an die Jugend der Republik: Alsbald stellt sich heraus, dass es wesentlich schwierigere Tage, Monate und Jahre als heute gegeben hat.
Da gab es schon ganz andere Krisen
Die russische Berlin-Blockade vor einem halben Jahrhundert drohte zum Kriegsfall zu eskalieren; der Mauer-Bau 1961 verschärfte die permanente Gefahrenlage Deutschlands als Frontstaat des Kalten Krieges; die Kuba-Krise 1962 hätte ohne weiteres zu einem erst konventionellen, dann aber atomaren Krieg in Europa führen können; die RAF-Morde und die Fatah-Attentate während der Olympischen Spiele verwandelten Deutschland in ein Land voller Selbstzweifel ob seiner eigenen Liberalität; die Nachrüstungsdebatte der 80er Jahre führte die Republik an den Rand der gesellschaftlichen Hysterie; gleichzeitig nahmen die Auseinandersetzungen um die Atomkraftwerke und Endlagerstätten geradezu religiöse Ausmaße an und schließlich bewegte sich ganz Deutschland während der revolutionären Dissidenten-Bewegung in der DDR monatelang am Rande einer folgenschweren militärischen Intervention durch die bewaffneten Kräfte der Sowjetischen Armee. Man vergisst es leicht – hinter der Zonengrenze standen mindestens 500.000 ihrer Soldaten. Und vergessen haben wir natürlich auch „le Waldsterben", das einzige Fremdwort, das Frankreich nach dem Krieg von uns mit einem Lächeln entgegennehmen wollte.
Erwähnenswert sind diese Daten und Ereignisse, weil sie uns Krisen-Dimensionen ins Gedächtnis rufen, die akuter und gravierender waren als jene, die wir in diesen Tagen beobachten. Immer schon waren die Pendel-Ausschläge unserer nationalen Gemütslagen angesichts meist selbst verursachter Problemlagen in Wirtschaft, Politik und neuerdings auch Fußball wesentlich heftiger als zum Beispiel die Gemütsschwankungen unserer südlichen Nachbarn in Italien: Die politisch-sozialen Parallelwelten dort lassen sich in der Formel zusammenfassen, dass die italienische Regierung vorgibt zu regieren, und dass die Bürger vorgeben, regiert zu werden. Wir hingegen können von unseren autoritären historischen Traditionen auch nach 55 Jahren Demokratie nicht lassen – wenn die politischen oder staatlichen Autoritäten nicht zügig handeln, verlieren wir unseren Glauben an sie, und mit ihm irgendwann auch denjenigen an die Haltbarkeit unseres demokratischen Systems.
Wir verlangen von unseren politischen Führern genau jene aristotelischen Tugenden des
politikos
, die nicht unbedingt zu unseren eigenen im Alltag zählen: Weisheit, Tapferkeit, das rechte Maß, Treue und Berechenbarkeit. Ein Blick in die schöne Welt des deutschen Spitzenmanagements sollte genügen, um uns klarzumachen, dass wir womöglich Übermenschliches von Menschen erwarten, die gewählt wurden, weil sie so repräsentativ normal sind, also nicht unbedingt tapferer, weiser, klüger als, um ein paar Namen zu nennen, Herr Kopper, Herr Breuer oder Herr Esser, von den Chefredakteuren des Landes und den Managern der Bundesbahn ganz zu schweigen. Dieses so genannte anthropologische Prinzip politischer Repräsentation hat ein schwäbischer Abgeordneter der Paulskirche einmal in den Worten zusammengefasst, besser zu sein als ein Land im Großen und Ganzen könne man seinem Parlament auch nicht abverlangen. Nur die BILD-Zeitung hängt noch der Sehnsucht nach, dass ein Politiker das absolute charakterliche Gegenteil einer normalen Redaktionsversammlung zu verkörpern habe. Was im übrigen so schwer nicht ist.
Und dennoch: Dass wir uns in einer Krise befinden, ist nicht zu übersehen. Aber was für eine ist es denn in Wirklichkeit? Auf alle Fälle hat sie gerade nicht den Charakter eines drohenden Unfalls, der durch eine Reihe von Vorsichtsmaßnahmen abgewandt werden könnte, so, wie ein Riesentanker, der auf eine Untiefe zuläuft, durch rechtzeitige Steuermanöver zurück auf sicheren Kurs gebracht werden könnte. Wenn wir schon auf die klassische politische Metaphorik der Seefahrt zurückgreifen wollen, dann ließe sich vielleicht folgendes Bild vorstellen: Das Dickschiff Deutschland ist aufgelaufen – allerdings liegt es festgefahren und durchaus sicher direkt vor Sylt im Schlick. Zwar bewegt es sich nicht, aber Besatzung und Passagieren geht es noch ganz gut und abends treiben sie sich in den Bars der schönen Insel herum.
Die Politiker, die uns regieren werden, haben wir gewählt, weil wir von ihnen erwarten, dass sie das Schiff ohne unsere Hilfe wieder flott machen – nicht wenige hoffen, dass dies kostenlos möglich ist. Schauen wir auf die laufenden Koalitionsverhandlungen, kommen natürlich sofort Zweifel auf.
- Datum 9.11.2005 - 12:25 Uhr
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- Quelle (c) ZEIT online, 9.11.2005
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Ein großer Dank an Michael Naumann, soeben habe ich die ehrlichste Bestandsaufnahme vom "Fall" Deutschland gelesen. Sie trifft analytisch den Kern und faktisch den "Nerv" des Normalbürgers und sollte Pflichtlektüre im Bundestag vor der Kanzler-Wahl sein. Mir bleibt eine Ergänzung, die "Neu-Wahl" war völlig überflüssig. Das Reformprojekt von Kanzler Schröder hätte parteiübergreifend unter Hinzuziehung der fähigsten Köpfe für Deutschland vorangebracht werden MÜSSEN. Die durch die unsinnigen Wahlen verschleuderten Millionenbeträge hätten sinnvollere Verwendung gefunden. Die Opposition der letzten 7 Jahre sollte sich in Grund und Boden schämen, was sie durch ihr Verhalten -auch im Bundesrat- für eine Misere hinterlassen hat. Nun soll eine "Oppsitions-Führerin" mit dem Kanzler-Amt für dieses Missetaten am Deutschen Volk belohnt werden. Nein!!!
Heute, am 09. November ist die Mauer gefallen. 40 Jahre Diktatur haben ihr unblutiges Ende gefunden. Wir werden MINDESTENS GENAUSOLANG benötigen, die "Narben" zu heilen, mit DIESER Ehrlichkeit kann gute Politik gemacht werden. Das Volk läßt sich nicht mehr belügen!
Es gibt sie noch die guten Dinge! Eine ruhige, sachliche und fundierte Analyse ohne parteipolitischen Glaubenszwang.
Das tut mal gut in Zeiten, in denen Leute wie Hans Olaf H. verkünden, die Berufung Seehofers zum Minister werfe Deutschland um 20 Jahre zurück (um nur ein Beispiel zu nennen).
Also: Hut ab!
Das eigentliche Haupt-und Staatsproblem ist nicht die deutsche Einheit oder deren Kosten. Das Hauptproblem ist die Einstellung der Politiker jedweder Richtung in Bezug auf solide Haushaltsführung und das Geld der Steuerzahler: Obwohl seit 1960 die Einnahmen des Staates stetig angestiegen sind, war lediglich ein Bundeshaushalt, nämlich der des Jahres 1960, ausgeglichen. In den übrigen 44 Jahren wurden munter Schulden aufgehäuft, die jetzt die Handlungsfähigkeit des Staates strangulieren.
Morchel
An manchen Tagen gibt es, weil offensichtlich aus innerer Beteiligung geschrieben, Lichtblicke im medialen Einerlei.
Umso dankbarer können wir sein, wenn sie nicht stotternd
vorgetragen werden. Hats off, DeVerre und hoffentlich
mehr Verständnis für jene, die manchmal noch zum "letzten
Gefecht" ansingen, aber, mit nicht mehr ganz so reiner Seele
die Zukunft meinen.
Ach, Herr Nauman, wie schön muß es sein, akademisch über die Befindlichkeiten in unserem Land fabulieren zu dürfen.
Sicher haben Sie in in einem Punkt recht, denn die heutige Krise ist von den ersten Nachkriegsjahren mit Zerstörung und Hunger noch sehr unterschiedlich. Oft genug wird vergessen, daß die "goldenen" fünfziger Jahre für viele Menschen gar nicht golden waren.
Was aber wollen Sie dem heute Vierzigjährigen Hartz IV - Opfer erzählen? Rente mit 67, wenn dem Unterfünfzigjährigen schon erzählt wird, er sei zu alt? Zwei Jahre Probezeit, wenn der Nachbar des Arbeitslosen froh wäre, wenn sein neuer Arbeitgeber solange bestehen würde? Aufschwung durch Ich-AGs, die noch nur der Ausdruck vergeblicher Jobsuche sind?
Bestätigt Ihre ausführliche und korrekte Schilderung der Koalitionsgespräche nicht den Eindruck, dass wir uns tatsächlich an Bord der Titanic befinden? In den Salons feiern die Gäste der 1. Klasse , die "Sehenden" bangen den Eisbergen entgegen, die mittleren Klassen erfreuen sich noch am Bordprogramm und in den Katakomben unterhalb des Wasserspiegels darbt der Rest.
Zweifellos haben Sie recht, wenn Sie die Kosten der Währungsunion, der Wiedervereinigung und des katastrophal fehlgesteuerten Wiederaufbaus ansprechen. Nicht vergessen sollten Sie die Kosten für die Eingliederung der Spätaussiedler als Preis für den Abzug der russischen Truppen. Wäre der Wiederaufbau in den Neuen Ländern so schnell fortgeschritten wie der Hausbau der Neuankömmlinge, könnten wir mit gutem Recht vom prosperierenden Osten sprechen.
Und doch wachsen die Einkommens- und Vermögensunterschiede in unserem Land von Jahr zu Jahr. Die Schilder "ZU VERMIETEN" und "ZU VERKAUFEN" in unseren Kleinstädten nehmen mit beängstigendem Tempo zu. Auch in Berlin wäre die Entwicklung sichtbar. Berlin-Mitte besteht nicht nur aus Adlon und Friedrichstraße. Eine Fahrt mit der S-Bahn, ein kurzer Gang in die Seitenstraßen würden völlig ausreichen, um dem Wirtschaftsminister zu zeigen, wo und wie die Parasiten wohnen.
Doch entwickelt unser Land nie für möglich gehaltene Ähnlichkeiten mit anderen Ländern. Die Ausgrenzung von großen Teilen unserer Bevölkerung entwickelt sich bereits. Uns unterscheiden nur die vorhandenen Reserven des Mittelstands. Die Slums sind noch zu klein, um von der Sonnenseite gesehen zu werden.
Wir müssen nicht über den Rhein schauen, um der Krise ins Angesicht zu blicken. Hoyerswerda und Rostock sind unvergessen. Auch im Westen der Republik sind die mit vornehmen Worten als "Problemviertel" beschriebenen Wohngegenden nicht so unproblematisch wie sie vom Golfplatz betrachtet scheinen mögen.
korfstroem
http://korfstroem.blogg.de
... es ist nicht die "politische legitimitätskrise", das stimmt, und das land sieht auch noch recht gesund aus, von außen, aber:
es ist eben doch eine durchaus korrekt gefühlte apokalypse. das system zerbricht. nicht das wirtschaftssystem, obwohl es sich von oben nach unten sehr wohl revolutioniert. und nicht das politische system, obwohl es immer leerer geworden ist und anders als in den 1970ern keine frischen kräfte eingespeist werden können.
das soziokulturelle system "bundesrepublik" zerbricht. und das spürt jeder. das ist wirklich ein umbruch. und weil es keine positiven neuen muster für orientierung und identitätsfindung im soziokulturellen resonanzraum gibt, ist das gefühl logisch das der tiefen, existenziellen krise. oder eigentlich: einer nagenden, bedrohlichen leere.
und wenn man noch 10 jahre sagt, dass doch alles paletti ist, nur ein bisschen gürtewl schnallen usw., dann kommt der rest der krise, den sie vermissen, auch noch. ganz von allein.
Der für die Durchsetzung des Neoliberalismus unverzichtbare "Einschüchterungsdiskurs" hat seine Wirkung gezeitigt. Die masslose Angst von Vermögenden, es seien bald keine Milliarden mehr für sie übrig, bedarf dringend der Therapie.
irgendwie ist es komisch, daß die dezibilzahl des allgemeinen gejammers am meisten bei den saturierten mittel- bis oberschichten ausschlägt. lobbies machens möglich daß man auch nur sie hört.
leute die wirklich am untersten rand der gesellschaft versinken, versinken auch gleichzeitig in resignation. ergo hört sie bzw. will sie auch keiner hören. ergo führen die politiker ihr stimmenmaximierung auch in der sog. mitte durch, egal welche couleur, wo wir wieder bei den mittelschichten sind...
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