Essay Gefühlte Apokalypse

In Deutschland herrscht ein endzeitliches Meinungsklima. Warum eigentlich? Das Land geht nicht unter, es steckt allenfalls im Schlick fest. Die Koalitionsverhandlungen in Berlin tragen dazu bei

Wollten wir den journalistischen Kommentatoren, aber auch manchen seufzenden und zweifellos überarbeiteten Politikern der Berliner Koalitionsgespräche glauben, dann droht Deutschland in einer der größten Nachkriegskrisen zu versinken. Der Ausguck auf der „Titanic“ hätte nicht pessimistischer klingen können als unsere Leitartikler in diesen Tagen. Zur Aufführung kommt einmal mehr das renommierte Stück „Die Apokalypse der deutschen Seele“, in Abwechslung mit den „Letzten Tagen der Menschheit“.

Ein Beispiel: Zwei Parteivorsitzende ändern ihre Meinung und Positionen – in den Titeleien der Presse figuriert dieser zwar erstaunliche, jedoch zugleich natürliche Vorgang als „Chaos-Tage in Berlin“. Chaos mögen wir nicht. Selbst im imaginierten Untergang erwarten wir Ordnung und Berechenbarkeit.

Seit einigen Jahren herrscht in der deutschen Öffentlichkeit ein endzeitliches Meinungsklima vor, das Theologen als immanent-eschatologische Unglücks- oder Heilserwartung bezeichnen könnten, je nach politischer Überzeugung. Bewegt vom alten Kammerton des deutschen Idealismus hegelianischer beziehungsweise marxistischer Provenienz, suggerieren uns Politiker und Publizisten, dass wir am Abgrund unserer Geschichte, oder doch zumindest an einem Scheideweg angelangt seien, der herkuleische Entscheidungen vom Führungspersonal abverlange, nachdem das revolutionäre Personal, das nach alter Sitte den Endkampf auszukämpfen hatte, nicht mehr zur Verfügung steht, das Proletariat bezeihungsweise die himmlischen Heerscharen nebst Flammenschwertern.

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Der Bundeshaushalt - eine "Schicksalsfrage"? Mitnichten!

Angela Merkel spricht angesichts des hoch defizitären Bundeshaushalts von einer „Schicksalsfrage“; die Große Koalition als solche suggeriert dem Wähler, dass die res publica nur noch unter Hintansetzung des parlamentarischen Prinzips von checks and balances zu retten sei (statt zuzugeben, dass wir unsere politischen Entscheidungsschwächen einem entgleisten Prinzip des Föderalismus verdanken und nicht etwa mangelndem Gemeinsinn). Und in der Tat hat der Wähler das genauso gesehen. Doch wenn sich nationale „Schicksalsfragen“ in Kürzungen von Entfernungspauschalen und Senkungen von Sparerfreibeträgen, in höherer Besteuerung von Dienstwagen und, was ich gemein finde, in der Abschaffung des Sonderausgabenabzugs für Steuerberatungskosten oder ähnlichen Klein-Klein-Plänen manifestieren, die dem Staat jährlich zehn Milliarden Euro einbringen sollen, dann fragt man sich natürlich, wessen Schicksal eigentlich gemeint sein könnte. Das der Arbeitslosen jedenfalls nicht.

Kenner der deutschen politischen Psyche überrascht es nicht, dass wir wieder einmal in einer Phase der geistigen und politischen Selbstinterpretation angelangt sind, die an absolute Verzweiflung in gesellschaftlicher Gegenwart und Zukunft grenzt – wir befinden uns in einer Lage, in der der Ruf nach einem charismatischen Führer nur folgerichtig wäre, einem Leader , um das verdächtigte Wort zu vermeiden, der die Nation aus ihrer wirtschaftlichen, politischen, psychischen oder religiösen Sinnkrise herausführt, mit Max Webers Definition des Charismatikers zu sprechen. Und wollten wir zugeben, dass gerade diese Art Persönlichkeit die Berliner Bühne zu meiden scheint wie Edmund Stoiber die deutsche Grammatik, dann kann man sich tatsächlich fragen, ob jene Schwarzmalerei ihre Berechtigung hat. Vielleicht, so könnte man fragen, gibt es diesen leader nicht, den Herman Melville den „schönen Matrosen" genannt hätte, ganz einfach, weil die politische Großwetterlage so dramatisch noch nicht ist?

Wenn, anders gesagt, zwei stille ostdeutsche Naturwissenschaftler an die Spitze der beiden Volksparteien rücken, wenn eine Kanzlerin wird und der andere ihren nüchternen Pragmatismus lobt, dann haben die beiden entweder die Notsituation nicht richtig verstanden, oder aber – und das möchte ich behaupten – die Situation des Landes ist noch längst nicht so weit gediehen, dass es jener dubiosen Charisma-Trägers an der Spitze der Machtpyramide bedürfte. Nicht auszuschließen freilich, dass wir auf dem Weg dorthin sind, wo jedermann ruft: „So geht es nicht weiter!“.

... und dann wär' da noch die "Legitimitätskrise"

Zur Krise der Gesundheits- und Sozialsysteme, der Schulen und Hochschulen, des Bundeshaushalts, des Arbeitsmarktes und der gesamtstaatlichen Verschuldung tritt nun in der Publizistik auch noch die gute alte Bekannte aus den aufgeregten 70er Jahren der deutschen Politikwissenschaft – die Legitimitätskrise. Auf Tausenden raschelnden Seiten hatten seinerzeit Jürgen Habermas und seine aufgeweckten Schüler die Gefährdung der Demokratie als solcher an die Wand gemalt. Den Anlass der damaligen apokalyptischen Stimmung haben wir vergessen. Waren es die ersten Spuren der Globalisierung, war es die Energiekrise, die atomare Aufrüstung oder einfach pure Langeweile, wenn nicht gar der kulturkritische Jammer ob der Entfremdungszumutungen der Moderne? Wir wissen es nicht mehr, wollen es auch nicht wissen; denn das klassische Merkmal von politischen Legitimitätskrisen in Demokratien oder anderen Regierungssystemen stellte sich damals nicht ein: Massenhafte Auswanderungen wurden nicht beobachtet. Im Gegenteil, Deutschland war damals schon längst Einwanderungsland geworden – wenngleich es uns seither nicht gelungen ist, die fähigsten unter den Auswanderern aus aller Welt ins Land zu locken. Dagegen sprechen unsere Sprache, unsere überregulierten Ausländerämter und darüber hinaus unsere prinzipielle Skepsis gegenüber Menschen, die kleiner sind und dunkler als wir. Die überlassen wir lieber den Anthropologen.

Also – eine echte Legitimitätskrise des politischen, demokratischen Systems gibt es nicht. Dennoch stellt sich die Frage: Bleibt Deutschland einfach stecken im Morast parteipolitischer Intrigen und Machtspiele am Rand des ökonomischen Abgrunds? Und was heißt hier Abgrund? Verzeichnen wir nicht das dritte Jahr in Folge mit den höchsten je gemessenen Auslandsinvestitionen im Lande? Streben die Banken nicht Renditen in zweistelligen Prozentzahlen an? Ist das internationale Kapital etwa dümmer als unsere Untergangspropheten? Sind wir, die angeblichen Opfer der Globalisierung, nicht in Wirklichkeit ihr Motor und größter Nutznießer mit unseren kontinuierlich steigenden Exportrekordzahlen? Was exportiert denn Großbritannien, jenes Land, dessen politische Führung neuerdings Pluspunkte beim Wähler zu machen, indem sie vor der German Angst warnt? In erster Linie seine Sprache, seine Finanzdienstleistungen und seine Automobile, owned and designed by Germans . Und natürlich Burberry-Mäntel und Marmelade. Wer die britischen Wachstumsquoten preist, dem empfehle ich eine Reise durch Ost-London, von den Midlands ganz abgesehen. Anders gesagt, geht es uns Deutschen wirklich so miserabel, wie wir uns derzeitig fühlen?

Um die geistige und politische Situation Deutschlands auf der Skala realer politischer Gefährdungen Deutschlands genauer einzuordnen, lohnt ein kurzer Blick in die jüngere Geschichte. Ersparen wir uns, an den Dreißigjährigen Krieg zu erinnern, in dem zwei Drittel der deutschsprachigen Bevölkerung ums Leben kamen, überspringen wir den Weltkrieg, der 1914 ausbrach und eigentlich erst 1945 endete und in dem mehr als 15 Millionen Deutsche durch Gewalt und Hunger starben, von den Opfern deutscher Aggression im Ausland ganz zu schweigen;  vergleichen wir unsere Gegenwart nicht mit den schrecklichen Erfahrungen anderer Staaten unter dem Joch des Totalitarismus mit seinen Hekatomben von Mordopfern, sondern erinnern wir uns einfach an die Jugend der Republik:  Alsbald stellt sich heraus, dass es wesentlich schwierigere Tage, Monate und Jahre als heute gegeben hat.

Da gab es schon ganz andere Krisen

Die russische Berlin-Blockade vor einem halben Jahrhundert drohte zum Kriegsfall zu eskalieren; der Mauer-Bau 1961 verschärfte die permanente Gefahrenlage Deutschlands als Frontstaat des Kalten Krieges; die Kuba-Krise 1962 hätte ohne weiteres zu einem erst konventionellen, dann aber atomaren Krieg in Europa führen können; die RAF-Morde und die Fatah-Attentate während der Olympischen Spiele verwandelten Deutschland in ein Land voller Selbstzweifel ob seiner eigenen Liberalität; die Nachrüstungsdebatte der 80er Jahre führte die Republik an den Rand der gesellschaftlichen Hysterie; gleichzeitig nahmen die Auseinandersetzungen um die Atomkraftwerke und Endlagerstätten geradezu religiöse Ausmaße an und schließlich bewegte sich ganz Deutschland während der revolutionären Dissidenten-Bewegung in der DDR monatelang am Rande einer folgenschweren militärischen Intervention durch die bewaffneten Kräfte der Sowjetischen Armee. Man vergisst es leicht – hinter der Zonengrenze standen mindestens 500.000 ihrer Soldaten. Und vergessen haben wir natürlich auch „le Waldsterben", das einzige Fremdwort, das Frankreich nach dem Krieg von uns mit einem Lächeln entgegennehmen wollte.

Erwähnenswert sind diese Daten und Ereignisse, weil sie uns Krisen-Dimensionen ins Gedächtnis rufen, die akuter und gravierender waren als jene, die wir in diesen Tagen beobachten. Immer schon waren die Pendel-Ausschläge unserer nationalen Gemütslagen angesichts meist selbst verursachter Problemlagen in Wirtschaft, Politik und neuerdings auch Fußball wesentlich heftiger als zum Beispiel die Gemütsschwankungen unserer südlichen Nachbarn in Italien: Die politisch-sozialen Parallelwelten dort lassen sich in der Formel zusammenfassen, dass die italienische Regierung vorgibt zu regieren, und dass die Bürger vorgeben, regiert zu werden. Wir hingegen können von unseren autoritären historischen Traditionen auch nach 55 Jahren Demokratie nicht lassen – wenn die politischen oder staatlichen Autoritäten nicht zügig handeln, verlieren wir unseren Glauben an sie, und mit ihm irgendwann auch denjenigen an die Haltbarkeit unseres demokratischen Systems.

Wir verlangen von unseren politischen Führern genau jene aristotelischen Tugenden des politikos , die nicht unbedingt zu unseren eigenen im Alltag zählen: Weisheit, Tapferkeit, das rechte Maß, Treue und Berechenbarkeit. Ein Blick in die schöne Welt des deutschen Spitzenmanagements sollte genügen, um uns klarzumachen, dass wir womöglich Übermenschliches von Menschen erwarten, die gewählt wurden, weil sie so repräsentativ normal sind, also nicht unbedingt tapferer, weiser, klüger als, um ein paar Namen zu nennen, Herr Kopper, Herr Breuer oder Herr Esser, von den Chefredakteuren des Landes und den Managern der Bundesbahn ganz zu schweigen. Dieses so genannte anthropologische Prinzip politischer Repräsentation hat ein schwäbischer Abgeordneter der Paulskirche einmal in den Worten zusammengefasst, besser zu sein als ein Land im Großen und Ganzen könne man seinem Parlament auch nicht abverlangen. Nur die BILD-Zeitung hängt noch der Sehnsucht nach, dass ein Politiker das absolute charakterliche Gegenteil einer normalen Redaktionsversammlung  zu verkörpern habe. Was im übrigen so schwer nicht ist.

Und dennoch: Dass wir uns in einer Krise befinden, ist nicht zu übersehen. Aber was für eine ist es denn in Wirklichkeit? Auf alle Fälle hat sie gerade nicht den Charakter eines drohenden Unfalls, der durch eine Reihe von Vorsichtsmaßnahmen abgewandt werden könnte, so, wie ein Riesentanker, der auf eine Untiefe zuläuft, durch rechtzeitige Steuermanöver zurück auf sicheren Kurs gebracht werden könnte. Wenn wir schon auf die klassische politische Metaphorik der Seefahrt zurückgreifen wollen, dann ließe sich vielleicht folgendes Bild vorstellen: Das Dickschiff Deutschland ist aufgelaufen – allerdings liegt es festgefahren und durchaus sicher direkt vor Sylt im Schlick. Zwar bewegt es sich nicht, aber Besatzung und Passagieren geht es noch ganz gut und abends treiben sie sich in den Bars der schönen Insel herum.

Die Politiker, die uns regieren werden, haben wir gewählt, weil wir von ihnen erwarten, dass sie das Schiff ohne unsere Hilfe wieder flott machen – nicht wenige hoffen, dass dies kostenlos möglich ist. Schauen wir auf die laufenden Koalitionsverhandlungen, kommen natürlich sofort Zweifel auf.

Die Koalitionsverhandlungen verheißen nichts Gutes

Der Arbeitslosigkeit von 4,8 Millionen Menschen rücken die Koalitionäre mit einer Novellierung von Hartz IV entgegen – sie soll 1,85 Milliarden Euro einsparen, ändert jedoch überhaupt nichts an der Arbeitslosigkeit selbst, noch minimiert es merklich die fast zehn Milliarden Euro, die Hartz IV jenseits der Prognosen kostet. Betriebliche Bündnisse für Arbeit, also Eindämmung der gewerkschaftlichen Flächentarifherrschaft wird es wahrscheinlich nicht geben. Die Wirtschaft wird beglückt, indem die nominale Besteuerung von Personen- und Kapitalgesellschaften den realen Verhältnissen angepasst, also gesenkt werden soll – unter Verbesserung der Abschreibungsmöglichkeiten: Also noch mehr Kosten für den Fiskus. Gleichzeitig aber sollen Subventionen aller Orten gekürzt werden, als handelte es sich bei ihnen um Früchte sektoral erfolgreichen Lobbyismus, und nicht auch um politisch sinnvolle makroökonomische Maßnahmen, wie zum Beispiel im Kohlebergbau. Immerhin, die Eigenheimzulage, die Schiffs- und Medienfonds (Letztere in Hollywood bekannt als „stupid German money") sollen bluten; aber gleichzeitig wird in die Riesterrente ein neues Wohnungsgeld eingebaut.  Und Altbausanierungen sollen nächstes Jahr mit 300 Millionen Euro angeschoben werden: Es handelt sich um einen Restposten eines Wahlkampf-Keynesianismus, der den Arbeitsmarkt entlasten soll. Das wird in erster Linie Polen zugute kommen.

Eines steht jetzt schon fest – die widersprüchlichen Botschaften, die aus den Verhandlungskreisen der Koalitionäre dringen, lassen sich beim besten Willen nicht addieren zu jenem großen Reformpaket, das Angela Merkel noch vor Jahresfrist geschnürt hatte.

Der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff hat Recht, wenn er sagt: „Es gibt international kein einziges Beispiel dafür, dass steigende Lohnnebenkosten, höhere Steuern, ein extrem regulierter Arbeitsmarkt, der Verzicht auf betriebliche Bündnisse für Arbeit, die Absage an kommunale Arbeitsvermittlung und zu wenig Wettbewerb im Gesundheitswesen einen Beschäftigungsboom ausgelöst hätten.“ Er hat unter anderem Recht, weil es in aller Welt kein Land gibt, das jahrzehntelang bei kontinuierlichem Wachstum genau jene Strukturen entwickelt hat, die seiner ökonomisch gesicherten Zukunft jetzt im Wege zu stehen scheinen.

Aber die Erhöhung der Mehrwertsteuer! Ist das nicht der nächste Südenfall?

Andere Länder, um ein bekanntes Steuerbeispiel zu geben, leiden nicht unter Mehrwertsteuersätzen von 25 Prozent, wie zum Beispiel Dänemark und Schweden, oder Finnland mit 22 Prozent. Dafür mag es mancherlei Gründe geben – auffällig bleibt jedoch, dass der Binnenkonsum in diesen Ländern nicht gehemmt wird von einem allgemeinen Vertrauensverlust der Bürger in die Zukunftsfähigkeit des Staates; und mangelndes Vertrauen zeichnet unsere Gesellschaft derzeit wahrlich aus – wie anders, angesichts eines Haushaltsloches von über 35 Milliarden Euro?

Windräder und anderer Unfug

Was handeln die Großkoalitionäre sonst noch aus? Man glaubt es kaum: Die Erneuerung alter Windräder soll gefördert werden, von den neuen ganz zu schweigen. Jeder Anleger, der in diese Windräder investiert hat, schämt sich ob der Subventionssummen, die ihm zufließen, obwohl die hässlichen, landschaftszerstörenden Maschinen aufgrund von Schwachwinden und häufigen Reparaturen in Wirklichkeit defizitär sind. Das heißt, die meisten Anleger schämen sich natürlich nicht und kassieren die Staatszuschüsse.

Auf dem sozialpolitischen Feld wollen die Regierungsparteien die Zügel anziehen: Das Rentenalter steigt auf 67 Jahre, wobei niemand vorhersagen kann, ob es für 66jährige noch Arbeit geben wird, von den 25jährigen ganz zu schweigen. Hier beobachten wir lediglich die gute, alte Augenwischerei, die wir unter dem Titel „Die Ränte iss sischäh“ kennen. Noch sicherer wäre sie, wollten wir den Renteneintritt auf das 74. Lebensjahr verlegen – dem durchschnittlichen Sterbealter des deutschen Mannes.

Die Krankenkassen sollen zwei Milliarden weniger ausgeben und der Arbeitgeberanteil zur Krankenversicherung soll eingefroren werden, was in Wirklichkeit heißen wird: Die zwei Milliarden Euro, die die Krankenkassen auf keinen Fall einsparen werden, übernehmen die Versicherten. So werden die Lohnnebenkosten zu Lohnabzügen, sonst ändert sich nichts. Wem das Kopfschmerzen bereitet, dem ist mit der größten Apotheken-Dichte der Welt gedient, und wer dagegen klagen will, darf sicher sein, dass er einen Berufsrichter finden wird: Von denen haben wir in Deutschland pro Kopf der Bevölkerung sechsmal so viel wie die Briten und viermal so viel wie die Franzosen.

Mein persönliches Lieblingsprojekt der Koalition stammt aus dem Sozialbereich. Über den zeugungsfaulen deutschen Familien wird vielleicht ein Füllhorn, genannt Elterngeld, ausgeschüttet werden. Die Kinder betreuende Mutter bezieht im ersten Babyjahr einen Lohnersatz von bis zu 1800 Euro im Monat. Ich nehme an, dass Mütter aus höheren Gehaltsklassen höhere Zuschüsse bekommen: Das entspricht dem angewandten Darwinismus der deutschen Filmförderung, die diejenigen Produktionen subventioniert, die am erfolgreichsten sind.  Frauen, die nicht zu Hause bleiben, sondern weiter arbeiten, gingen auch nicht leer aus – sie werden irgendwie belohnt. Gesamtkosten dieser Fruchtbarkeitsprämie: 1,5 Milliarden Euro. Den Nachweis, dass derlei nachwuchsfördernde Familienpolitik die demographisch prognostizierte Selbstminimierung des deutschen Volkes nicht aufhalten kann, wird man alsbald führen können. Denn alle Erfahrung sagt: Mehr Geld zeugt keineswegs mehr Kinder. Wohl aber könnte  es den Zuzug ethnischer Minderheiten fördern; deren Kinder zeigen gerade in Frankreich, wohin die so genannten youth bulges integrationsrenitenter Einwanderer führen  können. Die niedersächsische Familienministerin von der Leyen hätte übrigens nach diesem Modell vom Staat im Lauf der Jahre 151.200 Euro für sieben Sprösslinge erhalten. Kindergeld nicht mitgezählt; das wären, über die Jahre gerechnet, noch einmal rund 300.000 Euro gewesen. Doch wer wollte ihr das nicht gönnen?  Meine Mutter, Kriegerwitwe mit vier Kindern und berufstätig, hätte auch nicht nein gesagt. So aber schaffte sie es eben alleine.

Der Leser könnte glauben, dass ich die scheinbaren Kuriosa der Koalitionsgespräche – wie zum Beispiel eine Referenzstrecke für den Transrapid -  in satirischer Absicht herangezogen hätte, um die verfahrene Situation deutscher Haushalts- und Innenpolitik zu beleuchten. Es handelt sich aber um echte Daten. Dass die Forderungen der Arbeitsgruppen in den Koalitionsgesprächen das geschätzte Haushaltsloch von 35 Milliarden Euro verdoppeln würden, käme ihnen die Kanzlerin in spe und ihr sozialdemokratischer Finanzminister nach, ist bekannt.  Was Frau Merkel will, ist zurzeit ganz unbekannt. Auch das zählt zu den außerordentlichen Momenten unserer Tage und lässt nichts Gutes ahnen. Aber selbst wenn wir es wüssten – was die in Regierungsämter eingebaute sozialdemokratische Opposition will, dürfte nicht dasselbe sein.  

Um den heißen Brei - die Kosten der Wiedervereinigung

Wir beobachten in Wirklichkeit ein Berliner Ritual, in dem einmal mehr die wahren Ursachen der deutschen Misere nicht beim Namen genannt werden: Die finanziellen, sozialen, wirtschaftlichen und seelischen Kosten der deutschen Einheit. Sie sind unser Haupt- und Staatsproblem. Und sie lassen sich nicht durch die eben noch „Merkel-Steuer“ genannte Anhebung des Mehrwertsteuersatzes beheben. Diese wird die Lage nicht verschlechtern und womöglich den Haushalt teilsanieren. Aber jene Einheitskosten  sind es, über die wir, genauer, über die die Großkoalitionäre  reden müssten.

Die lediglich vordergründig erfolgreiche Bewältigung der Wiedervereinigung ist sicherlich eine der größten Solidarleistungen der Deutschen seit der Aufnahme von mehr als 15 Millionen Vertriebenen nach 1945. Aber leider sind ihre Kosten wesentlich gravierender, als die Bundesinnenpolitik der letzten fünfzehn Jahre widerspiegelt. Sie leidet unter dem, was der österreichische Dichter Heimito von Doderer „Apperzeptionsverweigerung“ genannt hat: Er meinte die Abneigung der Menschen, unangenehme Tatsachen offen zur Kenntnis zu nehmen. Die Wiedervereinigung ist nicht wirklich bewältigt. Im Gegenteil. Ostdeutschland, mit seinen 19 Prozent Arbeitslosigkeit, seiner ländlichen Verödung, seinem radikalen Geburtenrückgang (kaum mehr Geburten als im Vatikan, behaupten spöttische Demographen), seinem seelischen Rückzug auf sich selbst, mag zwar eine „Chefsache“ sein, doch kein Chef der Welt könnte die politischen Fehler korrigieren, die seit 1990 diese Region schwer ramponiert haben und die auf das ganze Land ausstrahlen.

Die Bewohner der ehemaligen DDR stimmen mal wieder mit den Füßen ab: Zwischen 1991 und 2003 sind 2,4 Millionen in den Westen abgewandert. Gewiss, es hat auch West-Ost-Wanderungen gegeben – aber sie stehen in keinem Verhältnis zum Umzug in umgekehrter Richtung. Wir müssen befürchten, dass es die Jüngeren, Begabteren und Mutigeren gewesen sind, die den Osten verließen - so, wie bis 1961 2,7 meistens bürgerliche Deutsche Republikflucht begingen – nicht selten bei Strafe von langjähriger Haft. Den zeitgenössischen innerdeutschen brain drain beim Namen zu nennen, verbietet die politische Korrektheit. Sagen wir es so: Es gibt in Ostdeutschland inzwischen abiturfreie Zonen; religionsfrei scheint das ganze Land schon längst zu sein.

Beginnen wir mit den 1250 Milliarden Euro Bruttotransfergeldern, die bis heute in den „Aufbau Ost“ geflossen sind – bis 2019 werden weitere 156 Milliarden folgen.  Zwischen 60 und 80 Prozent wurden sozial konsumiert. Das Wirtschaftswachstum, so schätzen Experten, sei durch diese Transfers um jährlich zwei Prozent gedämpft worden. Jeder Entwicklungshelfer weiß, dass solchen gigantischen Geldströmen irgendwann auch wirtschaftlicher Initiativmangel, Depression und schließlich Aggression unter den Empfängern folgen – nach dem bekannten Motto „no good deed goes unpunished.“  Die erste Folge dieser Form von sozial beruhigender Ausgabenpolitik ist bekannt: Es gibt in Deutschland inzwischen zwei Gesellschaften, eine im Osten und eine im Westen. Dass in den Unterschieden Hass, Extremismus und Ressentiments nisten können (und zwar auf beiden Seiten) ist die Befürchtung des ostdeutschen Autors Jens Bisky. Als kritischer Sohn seines bekannten Vaters weiß er, wovon er spricht. Er schreibt völlig zurecht von einem der „schwierigsten Verteilungskonflikte“ der Nachkriegsgeschichte. Und dieser Konflikt scheint auch in den gegenwärtigen Koalitionsgesprächen keine zentrale Rolle zu spielen. Vielleicht ist er unlösbar. Dann wäre es das Mindeste, wollten sich die zukünftig Regierenden zu dieser Unlösbarkeit bekennen. Immerhin wissen sie, dass nur zehn Prozent der Ostdeutschen mit dem Verlauf von „Aufbau Ost“ zufrieden sind.

Die Politiker sollten zumindest die historischen Gründe und Erscheinungsformen solcher Unzufriedenheit beim Namen nennen. Sie könnten der allgemeinen Klärung der nationalen Lage dienen. Dass zum Beispiel alle volkseigenen Betriebe nach der Wiedervereinigung ihre Eröffnungsbilanz zum Kohl’schen Wechselkurs von 1 zu 1 vorlegen mussten, statt – um eine willkürliche Zahl zu nennen – mit einem rein bilanziell relevanten Kurs von 1 zu 4, führte 90 Prozent der ostdeutschen Firmen geradewegs in die Insolvenz bzw. in die Übernahme-Falle. Der Rest ist Treuhandgeschichte. Im „Prozess der Privatisierung des Volkseigentums der DDR durch die Treuhandanstalt“ sind – laut Auskunft der Bundesregierung im Jahr 2000 – lediglich fünf Prozent des ostdeutschen Produktivvermögens an Ostdeutsche gegangen. Sie wurden politisch frei und ökonomisch entmachtet.  Das Volumen der ostdeutschen Industrieproduktion sank zwischen 1990 und 1992 um zwei Drittel. Die allgemeine Erklärung, dass die osteuropäischen Märkte in derselben Zeit weggefallen wären, dürfte diesen kriegsähnlichen Absturz nur halb erklären. Heute fehlen mindestens 3000 mittelständische Unternehmen und 700.000 Arbeitsplätze und, so Bisky, „jede fünfte Erwerbsperson hat keinen regulären Arbeitsplatz.“ Dafür haben 6,5 Millionen Menschen seit 1990 an Weiterbildungsmaßnahmen jeglicher Art teilgenommen. Anders gesagt: Der Produktionsstandort Ostdeutschland löste sich unter Mithilfe des Westens auf, während der Lebensstandard der fortan arbeitslosen Ostdeutschen dank westdeutscher Transferleistungen stieg.  

Die wirtschaftliche Wiederbelebung Ostdeutschlands ist ein Generationenprojekt. Derzeit erreicht Sachsen als stärkstes neues Bundesland beim Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner lediglich 70 Prozent des Bundesdurchschnitts; geradezu verheerend sieht es im benachbarten Sachsen-Anhalt aus. Vorschläge zur Förderung des Ostens jenseits der alten Maßnahmen hat es von Anfang an gegeben – Helmut Schmidts chinesische Idee von „Wirtschaftssonderzonen“, in denen zum Beispiel nur der halbe Mehrwertsteuersatz gelte sollte, würden sofort an Brüssels Wettbewerbskommissar und zuvor schon am Bundesrat scheitern. Der Abbau von Bürokratismen im Bauwesen und in anderen Genehmigungsämtern sollte nicht beschränkt auf den Osten sein – könnte aber dort durchaus helfen beim Abriss jener ungezählten Spaßbäder der Kommunen, deren Betriebskosten niemals einkalkuliert worden waren.

Nein, eine Wiederkehr jener produktiven Zeiten, da in Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt, von Berlin ganz abgesehen, das Herz der deutschen Wirtschaft pochte, ist durch staatliche Förderpolitik nicht mehr zu erwarten. Stattdessen muss der Staat in die eigentlichen Ressourcen der Deutschen investieren – in ihr geistige Leistungsfähigkeit, ihr technisches Know-how, ihre Erfindungskraft. Eine nationale Bildungsoffensive freilich wird an dem eigentlichen Kern unserer Malaise scheitern – am Kulturföderalismus, dessen Konsequenzen uns erst seit den Pisa-Studien so richtig offenbart worden sind. Und damit der Vorwurf gar nicht erst entsteht, Journalisten wüssten nur zu kritisieren und sonst nichts, verweise ich auf die Schweizer Verfassung – eine föderalistische, wenn es denn irgendeine gibt. Sie räumt dem Bund ein, zwei Hochschulen zu betreiben. Die eine, die Technische Hochschule in Zürich, ist eine der besten Europas. Was hindert die Berliner Regierung daran, den Berliner Pleite-Haushalt zu entlasten und die Humboldt-Universität mit ihren 25.000 Studenten in eine Stiftungs-Universität zu verwandeln, statt mit einem halbgaren Elite-Förderungsprogramm die Gießkanne des Wissenschafts- und Forschungsministeriums übers Land zu tragen? Die Antwort ist bekannt: Die Kulturhoheit der Länder.

Klagen über das deutsche Bildungssystem sind wesentlich älter als die Pisa-Studie; es gehört zu den Mysterien unseres Landes, dass es uns nicht zu gelingen scheint, die geistigen Reservoirs, die in jeder Alterskohorte schlummern, im gleichen Maße zu nutzen wie zum Beispiel unsere skandinavischen Nachbarn, bei denen mindestens doppelt so viele Kinder zum Abitur geführt werden als hierzulande, prozentual gesprochen. Die Sünden, die unsere gewählten Politiker am lebenden Herzen der Schulen und Hochschulen begehen, zeitigen größere Langzeitwirkungen als alle möglichen Steuererhöhungen oder Senkungen. Dies festzustellen, klingt banal. Jeder weiß es. Nichts ändert sich. Im Gegenteil, die Bürokratisierung der Studiengänge schreitet munter fort, die Überlastung des Lehrpersonals ist grotesk. Um nur ein Beispiel zu nennen: 1969 konnte man an der Münchner Universität nach acht Semestern geisteswissenschaftlichen Studiums promovieren. Voraussetzung war der Besuch von sechs Hauptseminaren. Heute liegt eine Magisterarbeit nebst schriftlicher Klausur und zahllosen anderen Prüfungen vor der Dissertation. Wer promoviert, befindet sich gewöhnlich im Vierten Lebensjahrzehnt.

An Neuwahlen würde das Land nicht zerbrechen

„Deutschland nach der Wahl" – nicht erwähnt habe ich folgende so genannte „brennende Fragen": Die Verhandlungsstrategie des EU-Mitglieds Deutschland im Gespräch mit der Türkei; die Zukunft der deutsch-amerikanischen Beziehungen und ihres Widerspiels, des deutsch-russischen Verhältnisses; die fragwürdige Zukunft der Bundeswehr als Interventionsarmee (glaubt wirklich irgendjemand, Deutschland werde am Hindukusch verteidigt?); die Integrationsprobleme der ethnischen Minderheiten und Russland-Zuwanderer in die Gesellschaft; die Rolle Deutschlands und Europas in der Nahost-Krise und nicht erwähnt habe ich die  „Reichensteuer", die auch mich treffen würde. Gott sei Dank. Ich bin dafür. Und ich finde es seltsam, dass der Finanzsenator meiner Heimatstadt Hamburg vor dieser Steuer mit einer indirekten Aufforderung zur Steuerflucht warnt, wenn er heute in der FAZ sagt: „Diese Gruppe, die geschröpft werden soll, ist sehr sensibel. Sie wird überlegen, wie sie ihr Einkommen schützen kann.“ Er mag das „sensibel“ nennen, ich nenne es unpatriotisch.

Mithin: Die Dinge eskalieren, und es ist noch keineswegs sicher, dass der Koalitionsvertrag zustande kommt. An Neuwahlen würde das Land nicht zerbrechen. Wenn wir sehen wollen, wie echte Krise aussehen, reicht ein Blick über den Rhein.

 
Leser-Kommentare
  1. Ein großer Dank an Michael Naumann, soeben habe ich die ehrlichste Bestandsaufnahme vom "Fall" Deutschland gelesen. Sie trifft analytisch den Kern und faktisch den "Nerv" des Normalbürgers und sollte Pflichtlektüre im Bundestag vor der Kanzler-Wahl sein. Mir bleibt eine Ergänzung, die "Neu-Wahl" war völlig überflüssig. Das Reformprojekt von Kanzler Schröder hätte parteiübergreifend unter Hinzuziehung der fähigsten Köpfe für Deutschland vorangebracht werden MÜSSEN. Die durch die unsinnigen Wahlen verschleuderten Millionenbeträge hätten sinnvollere Verwendung gefunden. Die Opposition der letzten 7 Jahre sollte sich in Grund und Boden schämen, was sie durch ihr Verhalten -auch im Bundesrat- für eine Misere hinterlassen hat. Nun soll eine "Oppsitions-Führerin" mit dem Kanzler-Amt für dieses Missetaten am Deutschen Volk belohnt werden. Nein!!!
    Heute, am 09. November ist die Mauer gefallen. 40 Jahre Diktatur haben ihr unblutiges Ende gefunden. Wir werden MINDESTENS GENAUSOLANG benötigen, die "Narben" zu heilen, mit DIESER Ehrlichkeit kann gute Politik gemacht werden. Das Volk läßt sich nicht mehr belügen!

  2. ... es ist nicht die "politische legitimitätskrise", das stimmt, und das land sieht auch noch recht gesund aus, von außen, aber:

    es ist eben doch eine durchaus korrekt gefühlte apokalypse. das system zerbricht. nicht das wirtschaftssystem, obwohl es sich von oben nach unten sehr wohl revolutioniert. und nicht das politische system, obwohl es immer leerer geworden ist und anders als in den 1970ern keine frischen kräfte eingespeist werden können.

    das soziokulturelle system "bundesrepublik" zerbricht. und das spürt jeder. das ist wirklich ein umbruch. und weil es keine positiven neuen muster für orientierung und identitätsfindung im soziokulturellen resonanzraum gibt, ist das gefühl logisch das der tiefen, existenziellen krise. oder eigentlich: einer nagenden, bedrohlichen leere.

    und wenn man noch 10 jahre sagt, dass doch alles paletti ist, nur ein bisschen gürtewl schnallen usw., dann kommt der rest der krise, den sie vermissen, auch noch. ganz von allein.

  3. Das eigentliche Haupt-und Staatsproblem ist nicht die deutsche Einheit oder deren Kosten. Das Hauptproblem ist die Einstellung der Politiker jedweder Richtung in Bezug auf solide Haushaltsführung und das Geld der Steuerzahler: Obwohl seit 1960 die Einnahmen des Staates stetig angestiegen sind, war lediglich ein Bundeshaushalt, nämlich der des Jahres 1960, ausgeglichen. In den übrigen 44 Jahren wurden munter Schulden aufgehäuft, die jetzt die Handlungsfähigkeit des Staates strangulieren.

    Morchel

    • Colon
    • 09.11.2005 um 15:49 Uhr

    An manchen Tagen gibt es, weil offensichtlich aus innerer Beteiligung geschrieben, Lichtblicke im medialen Einerlei.
    Umso dankbarer können wir sein, wenn sie nicht stotternd
    vorgetragen werden. Hats off, DeVerre und hoffentlich
    mehr Verständnis für jene, die manchmal noch zum "letzten
    Gefecht" ansingen, aber, mit nicht mehr ganz so reiner Seele
    die Zukunft meinen.

  4. Ach, Herr Nauman, wie schön muß es sein, akademisch über die Befindlichkeiten in unserem Land fabulieren zu dürfen.

    Sicher haben Sie in in einem Punkt recht, denn die heutige Krise ist von den ersten Nachkriegsjahren mit Zerstörung und Hunger noch sehr unterschiedlich. Oft genug wird vergessen, daß die "goldenen" fünfziger Jahre für viele Menschen gar nicht golden waren.

    Was aber wollen Sie dem heute Vierzigjährigen Hartz IV - Opfer erzählen? Rente mit 67, wenn dem Unterfünfzigjährigen schon erzählt wird, er sei zu alt? Zwei Jahre Probezeit, wenn der Nachbar des Arbeitslosen froh wäre, wenn sein neuer Arbeitgeber solange bestehen würde? Aufschwung durch Ich-AGs, die noch nur der Ausdruck vergeblicher Jobsuche sind?

    Bestätigt Ihre ausführliche und korrekte Schilderung der Koalitionsgespräche nicht den Eindruck, dass wir uns tatsächlich an Bord der Titanic befinden? In den Salons feiern die Gäste der 1. Klasse , die "Sehenden" bangen den Eisbergen entgegen, die mittleren Klassen erfreuen sich noch am Bordprogramm und in den Katakomben unterhalb des Wasserspiegels darbt der Rest.

    Zweifellos haben Sie recht, wenn Sie die Kosten der Währungsunion, der Wiedervereinigung und des katastrophal fehlgesteuerten Wiederaufbaus ansprechen. Nicht vergessen sollten Sie die Kosten für die Eingliederung der Spätaussiedler als Preis für den Abzug der russischen Truppen. Wäre der Wiederaufbau in den Neuen Ländern so schnell fortgeschritten wie der Hausbau der Neuankömmlinge, könnten wir mit gutem Recht vom prosperierenden Osten sprechen.

    Und doch wachsen die Einkommens- und Vermögensunterschiede in unserem Land von Jahr zu Jahr. Die Schilder "ZU VERMIETEN" und "ZU VERKAUFEN" in unseren Kleinstädten nehmen mit beängstigendem Tempo zu. Auch in Berlin wäre die Entwicklung sichtbar. Berlin-Mitte besteht nicht nur aus Adlon und Friedrichstraße. Eine Fahrt mit der S-Bahn, ein kurzer Gang in die Seitenstraßen würden völlig ausreichen, um dem Wirtschaftsminister zu zeigen, wo und wie die Parasiten wohnen.

    Doch entwickelt unser Land nie für möglich gehaltene Ähnlichkeiten mit anderen Ländern. Die Ausgrenzung von großen Teilen unserer Bevölkerung entwickelt sich bereits. Uns unterscheiden nur die vorhandenen Reserven des Mittelstands. Die Slums sind noch zu klein, um von der Sonnenseite gesehen zu werden.

    Wir müssen nicht über den Rhein schauen, um der Krise ins Angesicht zu blicken. Hoyerswerda und Rostock sind unvergessen. Auch im Westen der Republik sind die mit vornehmen Worten als "Problemviertel" beschriebenen Wohngegenden nicht so unproblematisch wie sie vom Golfplatz betrachtet scheinen mögen.

    korfstroem
    http://korfstroem.blogg.de

  5. Es gibt sie noch die guten Dinge! Eine ruhige, sachliche und fundierte Analyse ohne parteipolitischen Glaubenszwang.
    Das tut mal gut in Zeiten, in denen Leute wie Hans Olaf H. verkünden, die Berufung Seehofers zum Minister werfe Deutschland um 20 Jahre zurück (um nur ein Beispiel zu nennen).
    Also: Hut ab!

  6. Sehr geehrter Herr Naumann,

    im Hintergrund der vielen guten Beobachtungen, die Sie zusammentragen, (Nutzung der "schlummernden", geistigen Reservoirs, wie bei unseren skandinavischen Nachbarn, die Transferzahlungen in den Osten, der 1:1 Wechselkurs direkt nach der Wende, die Reichensteuer, das Elterngeld, die "Gieskanne" in der Bildungspolitik, u.ä.) steht eine einzige endemische, sich seit 30 Jahren in D aggressiv ausbreitende psychiatrische Erkrangung : die Gleichmacherei und der Gerechtigkeitswahn.
    Dieser fördert die unbegabtesten Kinder, kürt Dilletantismus wie in der Politik zur deutschen Elite, tötet mit sozialen + geographischen (West/Ost und Länder)Finanztransfers flächendeckend den letzten Rest von Eigeninitiative und -verantwortung, beschleunigt industrielle Delokalisation und Kapitalflucht und rechtfertigt für viele Strom-Klau, Sozialabusus, Versicherungsbetrug und Schwarzarbeit.
    Der bei uns allseits legitimierte und genüßlich ausgelebte Sozialneid, die Dummheit und Intransparenz bindet praktischerweise auf jeder sozialen Stufe (denn es gibt immer einen Reicheren) soviel negativer Energien, die sich ansonsten gegen das Kartell der vielen Nutznießer richten könnte: allen voran die Politik, die bei einfacheren Regeln überflüssigen Finanz- und Krankenkassenverwaltungen, die BA für Arbeit, die Pharma- und Medizingeräteindustrie (unbudgetierte Sachleistungserstattung bei Sozialhilfempfängern), die Anwälte, Apotheker, Ärzte und Gesundheitsarbeiter, die von den intransparenten, mißbrauchsfreundlichen Strukturen profitieren.
    Apokalyptisch ist der deutsche Status quo tatsächlich, weil heute 90% der Deutschen glauben, persönlich vom Dickicht des Verschiebebahnhofs als Pendler, Häusle-Bauer, Sozialkneteempfänger, Gesundheitsarbeiter, Beamte, Politiker, Hundebesitzer, etc. Vorteile zu haben, den sie bei Offenlegung der Verhältnisse und allgemeiner Transparenz verlieren würden. Da trösten uns auch, die hohe ausländische Investitionsquote in D nicht, wenn man weiß, daß chinesisches Kapital ganze Betriebe aufkauft, um die Maschinen demontiert nach China zu transportieren, "unsere" Eigenschaft als Exportweltmeister, Papst oder daß es im Krieg noch schlimmer war.
    Die Legitimitätskrise ist an der zunehmenden Wahlabsenz, an der Abwesenheit einer wirksamen Opposition, am fehlenden konstruktiven Zusmmenspiel von Bund und Ländern, Bundesrat und -tag, der einzelnen Ressorts (Innen/Außen, Einwanderung/VISA)katastrophale Bahn- und Verkehrspolitik, Maut-Desaster) an der quasi totalitären Entscheidung der Großkoali-Muftis, die Verfassung bezügl. Neuverschuldung in 2006 selbstherrlich außer Kraft zu setzen. Brauchen Sie deutlichere Zeichen ? Bagatellisieren und Einlullen hilft uns auch Post-Schröder nicht.

    Zu guter Letzt: Weder der Soli-Zuschlag, noch die Placebo-Reichensteuer ist "patriotisch". Auch die geltende Steuerprogression oder das Gegenteil, eine allgmeine Steuer-Flatrate wären es nicht. Im Gegenteil: mit dieser Disqualifizierung wird heute alles und jedes gerechtfertigt oder attackiert.
    Kontraproduktiv, ja sogar gefährlich ist diese Steuer, die ja kaum jemanden betrifft oder etwas einbringt, deshalb, weil als Wertsetzung solche Haltungen wie Sozialneid, und damit wie oben ausgeführt, das ganze Elend unterstützt. Im Gegensatz zu Ihnen betrifft mich diese Steuer nicht. Aus diesem allgemeinen Klima der ideologischen Diskreditierung (Unternehmer/Heuschrecken, u.a.Berfusgruppen) habe ich vor sechs Jahren Deutschland für immer verlassen und fühle mich hier in Frankreich sehr wohl, obwohl ich hier weniger verdiene. Reichtum ist eben nicht alles !
    Entgegen Ihrer Meinung fühlen wir uns hier, mit meinen neuen Landsleuten, der Apokalypse viel ferner, auch wenn sie in der Realität mancherorts viel näher scheint. Allein, daß man der Gefahr ins Auge schaut, macht noch nicht depressiv. Der Unterschied ist eben, daß man dies hier tut, offen darüber spricht und versucht klar und sofort dagegen zu handeln. Sofortmaßnahmen für 2008 gibt es hier nicht.

    Herzlichen Gruß depuis Strasbourg
    Dr.med. W.-Philippe Glass

  7. irgendwie ist es komisch, daß die dezibilzahl des allgemeinen gejammers am meisten bei den saturierten mittel- bis oberschichten ausschlägt. lobbies machens möglich daß man auch nur sie hört.
    leute die wirklich am untersten rand der gesellschaft versinken, versinken auch gleichzeitig in resignation. ergo hört sie bzw. will sie auch keiner hören. ergo führen die politiker ihr stimmenmaximierung auch in der sog. mitte durch, egal welche couleur, wo wir wieder bei den mittelschichten sind...

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  • Quelle (c) ZEIT online, 9.11.2005
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