Gesundheitsreform Ärzte auf der Straße

Zu geringe Honorare, zu wenig Verständnis seitens der Politik: 5000 Mediziner haben am Mittwoch in Köln gegen neue Sparpläne von Union und SPD demonstriert

Mehrere Tausend niedergelassene Ärzte aus ganz Deutschland haben am Mittwoch in Köln gegen Einkommenseinbußen und überbordende Bürokratie protestiert. Angesichts sinkender Honorare drohten Schließungen von Praxen und Entlassungen, kritisierte der Vorsitzende der Freien Ärzteschaft, Martin Graudszus. Am von der Freien Ärzteschaft organisierten „nationalen Protesttag“ nahmen rund 5.000 Mediziner und Mitarbeiter teil. Auch der Hartmannbund, der NAV-Virchowbund und der Berufsverband der Arzt- und Zahnarzthelferinnen beteiligten sich an der Aktion.

Wegen der Demonstrationen schlossen in Nordrhein-Westfalen, Freiburg und in zahlreichen ostdeutschen Städten viele Praxen. Die Ärzte wehren sich gegen Sparpläne der Koalitionsarbeitsgruppe Gesundheit. SPD und Union waren mit ihren Spar- und Steuerplänen schon zuvor auf heftigen Widerstand gestoßen. Das Deutsche Ärzteblatt hatte berichtet, Union und SPD wollten auf Kosten der Mediziner an den Beihilfezahlungen der Beamten und Pensionäre sparen, um die Haushalte von Bund und Ländern zu entlasten. Für Beamte oder Privatversicherte, die nach dem niedrigen Standardtarif versichert sind, soll künftig eine „Behandlungspflicht zu bestimmten Gebührensätzen“ greifen.

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Diese Gebührensätze würden für stationäre Aufenthalte im Krankenhaus ebenso gelten wie für die ambulante Behandlung in der Praxis. Für die Ärzte hieße das, das sie ihre Honorare nicht mehr dem tatsächlichen, von Patient zu Patient unterschiedlichen Behandlungsaufwand angleichen könnten - und damit weniger verdienen. Zudem plant die Arbeitsgruppe Gesundheit, Honorare für privatärztliche Leistungen ganz zu streichen. Sollten diese Sparmaßnahmen wirklich umgesetzt werden, stünden die Arztpraxen in Deutschland vor dem Aus, sagte Bundesärztekammer-Präsident Jörg-Dietrich Hoppe.

In Kölm präsentierten die Ärzte ihre Forderungen an die Politik: Sicherung der qualitativ sehr guten ambulanten Medizin in Deutschland, eine feste und angemessene Vergütung und eine in der EU übliche Kostenerstattung. Die Mediziner setzen sich zudem dafür ein, dass die Verwaltungsaufgaben deutlich abnehmen sollen. Die schlechten Arbeitsbedingungen in Klinik und Praxis insgesamt sorgten für wachsenden Ärztemangel und eine immer schlechtere Patientenversorgung, hieß es. Ob die Ärzte mit ihren Protesten das Verständnis von Union und SPD wecken konnten, wird sich erst noch zeigen. Das schwierige Thema Gesundheitsreform haben die künftigen Koalitionspartner zunächst ins Jahr 2006 verschoben.

 
Leser-Kommentare
  1. Einen Kommentar zu den Arbeitsbedingungen in Deutschland aus eigener Erfahrung habe ich bereits zu einem anderen Artikel abgegeben.
    In Bezug auf die Situation speziell der niedergelassenen Mediziner darf aber auch nicht der Hinweis fehlen, dass "wir" Ärzte (das "Wir" kommt nur schwer über die Lippen) auch viel selbst vermasseln. Die Kassenärztlichen Vereinigungen erfüllen ihre Aufgabe als Interessenvertretung nahezu gar nicht, umso mehr üben sie in vorauseilendem Gehorsam Kontrollfunktion aus.
    Es ist peinlich, dass in Fragen der Ökonomie, juristischen Fragen und Ausgestaltung von Verträgen zu Arbeitbedingungen auf Seite der Ärzte Laien der Politik und den Krankenkassen gegenbübersitzen und sich ständig über den Tisch ziehen lassen. Der grösste Flop ist dabei immernoch die Akzeptanz der Bezahlung nach Punkten mit floatendem Geldwert. Dabei werden die Posteninhaber innerhalb der Kassenärztlichen Vereinigungen selbst meines Wissens nach mit Euro und Cent bezahlt, übrigens nicht schlecht und von Beiträgen der niedergelassenen Kollegen.
    Auch das krampfhafte Festhalten am „Image“ des Arztberufes ist peinlich. Es ist doch nicht mehr galubwürdig, wenn immer wieder behauptet wird, es gehe nicht in erster Linie ums Geld sondern nur um die Patienten, deren optimale Versorgung und hochqualifizierte Medizin.
    Natürlich geht es ums Geld, aber dafür muss sich kein Arzt schämen! Ganz im Gegenteil – alle anderen Berufsgruppen gehen mit der grössten Selbverständlichkeit für bessere Bezahlung auf die Strasse, nur die Ärzte waren sich viel zu lange zu fein. Dann muss man sich nicht wundern, dass der Rest der Gesellschaft nur noch über uns lacht.

  2. Die Einkommen der Kassenarzte sind im freien Fall. Gleichzeitig wird enormer Druck ausgeuebt, bei Medikaneten und Heilmitteln nicht nach medizinischen Kriterien, sondern nach wirtschaftlichen Kriterien zu verordnen. Die Kassenpatienten muessen sich darueber im klaren sein, dass sie in der Kassenarztpraxis zunemend zum Risikofall werden, insbesondere dann, wenn sie wirklich krank sind und intensiver und teurer Behandlung beduerfen. Daher sollten die Patienten dringend auf die Strasse gehen und fuer sich eine adaequate Versorgung erstreiten.

  3. Knappe Bugeds, Gängelung durch die Kassen bei den Niedergelassenen,überbordende Bürokratie, strenge Hirarchien und Personalmangel im Krankenhaus, Wahnsinns-Arbeitszeiten, eine der immensen Verantwortung völlig unangemessene Bezahlung und schlechte Perspektiven, das ist der Arztberuf in Deutschland heute. Dazu kommen die verächtliche Geringschätzung und die unverschämten Verleumdungen durch Politik und Gesundheitsfunktionäre.
    Davon haben viele Ärzte jetzt die Schnautze gestrichen voll und ziehen die Konsequenzen.

    Gerade junge Kollegen haben meistens einige Zeit im Ausland studiert und Praktika gemacht. Sie haben die dort häufig viel besseren Arbeitsbedingungen und die bessere Bezahlung kennen und schätzen gelernt und scharren jetzt mit den Füßen.
    Sie sind ungebunden, sprechen zumeist mindestens zwei Fremdsprachen und sind spätestens nach dem Realitätsschock im Praktischen Jahr an deutschen Krankenhäusern zutiefst enttäuscht. Sie bewerben sich lieber im Ausland, als hier bei uns in Deutschland. Im Ausland finden sie oft ein erheblich angenehmeres Arbeitsklima und eine um ein vielfaches höhere Bezahlung vor, sowie weniger Bürokratie und mehr Ansehen. (Bekannte von mir verdienen im europäischen Ausland in vergleichbarer Position netto 1 1/2 mal so viel, wie ich in Deutschland brutto verdiene)

    Aus meinem Freundeskreis ist die Hälfte der Ärzte bereits ausgewandert, ein weiteres Viertel bewirbt sich gerade im Ausland. Wenn sich nicht ganz schnell der Ton der Politik und der Funktionäre ändert, die Arbeitsbedingungen verbessert werden und die Bezahlung der Verantwortung angepaßt wird, werden noch viel mehr gehen, inclusive mir selbst (Berwerbung ist abgeschickt).

    mfg rmeyers, Arzt

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