Interview „Die Ironie hat die Kotztüte erreicht“
Harald Schmidt über geistigen Diebstahl, Bildungshuberei und das Ende der Ironie
Harald Schmidt hat seine Autobiografie geschrieben. Eigentlich nur vierzig Seiten davon. In Wirklichkeit geht es auch gar nicht um sein Leben, sondern um das eines fiktiven Ich-Erzählers, der von Schmidt laufend in wechselnde Klassiker der Weltliteratur versetzt wird. Vor Erscheinen von
Mulatten in gelben Sesseln
(
Kiepenheuer & Witsch
) trafen sich Schmidt und sein Verleger Helge Malchow mit drei Journalisten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz in einem Kölner Bierlokal. Dort wurde dann fünf Stunden lang geredet, gegessen und getrunken.
ZEIT online:
Im Vorabdruck Ihrer Autobiografie schildern Sie Ihr Leben mit Jean-Luc Godard, Samuel Beckett und Ihren entscheidenden Beitrag zum Erfolg von
Love Story
. Unter anderem.
Harald Schmidt:
Leider hat mich der mörderische Abgabedruck des Verlegers daran gehindert, die Zeit mit Michel in Spanien zu erzählen. Als ich Houellebecq ins Fitness-Center gebracht habe. Das ist nämlich meine Lieblingsvorstellung, dass Houellebecq seine Tage im Fitness-Studio verbringt und von seinem Verleger gesagt bekommt: "Michel, es ist wieder ein Fotograf da, mach dir schnell eine Zigarette an!"
Ich habe keine Sekunde daran gedacht, selbst etwas zu schreiben. Da zweifle ich viel zu sehr an meinen schriftstellerischen Fähigkeiten. Aber etwas zusammenbasteln und -klauen - das macht mir wahnsinnigen Spaß. Wo immer ich einen guten Satz gesehen habe, habe ich ihn aufgeschrieben und versucht, ihn einzubauen. Bei einer Platte würde man sagen, sie ist gesampelt.
Helge Malchow:
Aus diesen Seiten sollte man ein Literaturseminar machen: Auf wie viele Werke der Weltliteratur wird angespielt?
Schmidt:
Ich bin sehr gespannt auf die Reaktionen. Die ersten kamen schon zu mir und sagten: Wieso hast du 45 Tagebuch geschrieben, du bist doch erst 57 geboren?
ZEIT online:
Haben Sie ganze Sätze geklaut?
Schmidt:
Naja ... gute Formulierungen!
ZEIT online:
Wie "Die Hitze stand im Zimmer wie ein Feind"?
Schmidt:
Na, wo ist das her? Worum geht es in diesem Kapitel? Um drei Zwerge, die bestraft werden, weil sie vergessen haben, wie es im "Vater unser" nach "... denn dein ist das Reich ...", na, wie geht's weiter?
ZEIT online:
...und die Kraft und die Herrlichkeit.
Schmidt:The Power and the Glory
! Graham Greene! Großer Roman, großer Schriftsteller! Den liest man kaum noch.
ZEIT online:
Sind Sie beim Schreiben sozusagen in andere Bücher hineingerutscht oder war das geplant?
Schmidt:
Wenn Sie den ganzen Tag beispielsweise Graham Greene lesen, kommen Sie automatisch in diesen Duktus. Diese Geschichte können Sie sozusagen selbst weiterschreiben. Der Leser sollte mir sehr dankbar sein, dass ich ihn nicht mit dem Anspruch quäle, dass er mich jetzt mal von einer anderen Seite kennen lernen soll.
ZEIT online:
Sie geben in diesem Buch aber auch ziemlich mit Ihrer Belesenheit an.
Schmidt:
Ja. Der Fachausdruck heißt Bildungshuberei. Aber damit öffnet man sich auch für Kritik. Da kann dann jeder draufschlagen: "Lieber Schmidt, was du da weißt, ist ja süß. Aber so ist es eben bei jemandem, der nicht studiert hat. Wir können dir mal die Liste geben, wer wirklich wichtig ist." Aber das Risiko gehe ich gern ein. In erster Linie soll der Leser Schuldgefühle kriegen, dass er all das nicht kennt, worauf angespielt wird.
ZEIT online:
Wie viele Bücher lesen Sie pro Jahr?
- Datum 09.11.2005 - 12:25 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle (c) ZEIT online, 4.11.2005
- Kommentare 9
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








\N
Das beste Interview seit langer Zeit! Wenn Haralds Intellekt ansteckend wäre, würde epidemisch verbreitete Intelligenz Deutschland erneuern, die Blickwinkel sich erweitern und die Sicht der Dinge völlig verändern und die Menschen über ihr allgemeines Verhalten in der Gesellschaft mehr nachdenken.
Danke Harald, Du bist ein echter Lichblick und bleib wie Du bist!!!
Aber nicht nur an Harald Schmidt, sondern auch an die intelligenten Fragen der ZEIT-Redaktion. Zu einem gelungenem Interview gehören immer zwei: der Fragende und der Antwortende. Und prompt kommt auf eine provokative Frage eine herzerfrischend ehrliche Antwort, selbstverständlich gepaart mit Intelligenz und Ironie. Übrigens die beste Paarung, auf unterhaltsame Art und Weise den eigenen Blickwinkel immer wieder zu beleuchten und gegebenenfalls zu korrigieren.
Man kann sich von Harald Schmidts Wanderungen durch die Gedanken anstecken lassen. Man kann mitgehen und teilhaben an den Eroberungen. Wer sich darauf nicht einläßt ist selber Schuld.
Man muss es doch einfach gut finden, oder? Egal, wie man zum Inhalt des Gesprochenen des Herrn Schmidt steht, gut für die überfüllten Biergärten ist es allemal!
Wenn dann irgendwann mal jede Sendung von ihm mit Vollbart moderiert wird, dann ist alles perfekt ; )
Das Ende der Ironie könnte eine Art Erlösung sein, mindest vom dem meisten der "Comedy", die uns serviert wird.
Aber es gibt sicher keine "Rettung" der guten alten Literatur, das ist quatsch. Es gibt einfach subjektiv gute und schlechte und viel dazwischen. Houllebecs (schreibt man das so?) neuer Roman, Möglichkeit einer Insel, ist nicht so gelungen, nur ein Teil, der "Daniel1" betrifft. Der Neo-Menschen Teil ist dürftig, da war Gibson schon vor Jahren und Jahrhunderte besser. Wobei Houllebec offenbar sehr ähnlich zu `aralds Thesen arbeite, ich sage nur sampeln.
Harald Schmidts Masche ist zu verwirren, von sich abzulenken, alles zu bejahen und gleichzeitig zu verneinen. Seine Intellektualität passt dazu, steigert seinen Nimbus, sein Ansehen und fördert die Verwirrung, da andere eben gerade nicht oder nie das lesen was er gelesen hat oder überlegen, was er denn jetzt damit gemeint haben könnte. Ich finde ihn amüsant und gut, aber nicht mehr. Ich hoffe, dass er es in Zukunft versteht seine persönliche und menschliche Sehne nicht zu überdehnen und sich dem Rausch der Selbstgefälligkeit hingibt. Solch ein Werdegang würde einen vom Kabarett und der Ironie, zu Hohn und Spott, zum Zynismus und letztlich zum künstlerischen Selbstmord führen. Begabt fände ich es, wenn er sich nicht über seine Zuschauer erhebt, sondern es verstünde sie mit sich zu nehmen. Ich hoffe, dass er das nicht verlernt.
Nicht zu glauben: Harald Schmidt hat ein Sendungsbewusstsein! Wer hätte das gedacht? Er, dem nichts heilig ist, wirft sich für die gute Literatur ins Gefecht! Ist das jetzt die Neue Ernsthaftigkeit, oder ist es Ironie?
Nichts gegen Leute, die gern klauen und basteln. Und natürlich auch nichts gegen ernsthafte Schriftsteller. Und schon gar nichts gegen Leute, die ihre Grenzen erkennen. Aber warum, zur Hölle, muss er mit andre Leute Dummheit derart angeben, olle ralde?
Glaubt er im Ernst, dass er damit Menschen, die unter dem Burnout-Syndrom leiden, zum Lesen anspruchsvoller Bücher bewegt? Mal ganz abgesehen davon, dass ein großer Teil der Leute, die über Harald Schmidt lachen, von der Lektüre großer Schriftsteller vermutlich gar nicht all zu viel hätte: Es gehört heute kaum noch etwas dazu, die Hand zu beißen, die einen streichelt. Die Zeiten an sich sind ironisch und die Leute (auch die behinderten) sind schon viel zu sehr verbogen, als dass sie noch etwas dagegen hätten, wenn man sie verarscht. Es bewegt sie nirgendwo hin. Nicht mehr, denn sie haben ihren Stolz schon lange versetzt. Sie sitzen in ihrem Sessel, lassen die Häme über sich ergehen und geben sich Mühe, an den richtigen Stellen zu lachen wenn jemand zuschaut.
Die wenigsten von uns werden irgendwann in ihrem Leben ganze Tage lang Graham Greene lesen. Das liegt einfach daran, dass sie mit leben beschäftigt sind. Mit dem unabhängigen aber verantwortlichen Leben, meine ich. Nicht mit dem GEZ-finanzierten. Die Meisten bringen es nicht einmal auf eine anständige Basis für irgend eine Art von Bildungshuberei. Und die, die mit ihrer Bildung angeben, tun das in dem Bewusstsein, dass sie für die Kritik ihrer Umwelt nicht mehr erreichbar sind. Harald Schmidt macht da wohl keine Ausnahme. Er liebt den Gang durch die Flugzeug-Gänge und um die Pools herum ja womöglich gerade deswegen, weil der ihn so sehr bestätigt. Armer Kerl! Kann einer offenbar nicht genug bekommen von der eigenen Großartigkeit. Und da soll man ihm glauben, dass Papi ihn nie verhauen hat?
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren