Interview „Die Ironie hat die Kotztüte erreicht“Seite 3/3

ZEIT online: Wie reagieren Sie auf die Sendungskritiken, die Ihnen auf dem Marktplatz und im Supermarkt aufgedrängt werden?

Schmidt: Das ist Teil des Jobs. Sobald ich das Haus verlasse, stehe ich unter Beobachtung. Das Publikum regt sich ja immer über die hohen Gagen auf. Dabei ist der geringste Teil davon für die Sendung, sondern dafür, dass ich sozusagen bei Verlassen des Hauses im Dienst der ARD bin. Ein Besoffener, der mich um 22 Uhr am Hauptbahnhof volllallt, kriegt noch eine professionelle, höfliche Antwort, denn auch er könnte ja gleich wieder das Handy zücken. Sie können ja nicht ins Fernsehen gehen und sagen: Aber privat will ich nicht erkannt werden. Ich habe der Boulevardpresse auch gesagt, sie können über mich schreiben, was sie wollen.

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ZEIT online: Ist das der Trick, nicht beim Müllraustragen fotografiert zu werden?

Schmidt: Ich muss im engsten Umfeld klären, dass das der Job ist und nichts mit der Realität zu tun hat. Ich muss einfach gewisse Interviews geben. Wenn Sie aber sagen: "Ich möchte meine Privatsphäre", dann reagieren die Leute hektisch. Ich bin inzwischen eher irritiert, wenn mich keiner erkennt. Wenn ich in den Biergarten komme und alles voll ist, bleibe ich stehen und warte, bis noch ein Tisch gebracht wird. Da müssen Sie dann nur die "Das blöde Arschloch"-Blicke aushalten. Ich habe ja alles drangesetzt, um bekannt zu werden. Da kann ich doch jetzt nicht sagen, ich bleib lieber zu Hause.

ZEIT online: Wie geht es derzeit bei Ihnen weiter?

Schmidt: Ich werde bei Olympia in Turin mit Waldi Hartmann moderieren, das wird die ganz große Herausforderung. Waldi macht die Zusammenfassung des Tages, und ich bin sozusagen sein Sidekick , also der Andrack vom Waldi. Mit der ARD habe ich eine lockere Vereinbarung bis Frühjahr 2007, da gehen einige dieser alten ARD-Hierarchen in Rente. Vielleicht ist dann die Rock'n'Roll-Generation weg und es kommt die Playback-Generation.

Wo ich jetzt richtig heiß drauf bin, ist die Sache mit Apple und iTunes, wo ich jede Woche einen Podcast mache. Seit ich mich damit beschäftige, bin ich vollkommen angefixt. Das ist momentan mein Lieblingsjob. Ich sitze in der kleinen Sprecherkabine, spreche in ein Mikrofon und weltweit kann sich das jemand runterladen. Das könnte ich theoretisch alle zehn Minuten machen! Das ist natürlich das Ende des Rundfunks.

ZEIT online: Ist es Ihr Ehrgeiz, der Wichtigste zu sein?

Schmidt: Naja, ich kann es immer noch besser als die meisten. Also wozu dieses schöne Talent verdorren lassen?

ZEIT online:   Können Sie sich ein Leben nach dem Fernsehen vorstellen?

Schmidt: Nein, hab ich doch versucht! Und bin nach einem halben Jahr reumütig zurückgekrochen. Der dümmste Satz ist, man soll aufhören, wenn es am schönsten ist. Man muss machen, bis man umfällt! Man muss ja auch diese unglaubliche Langeweile bekämpfen! Man kann heute ja gar nicht endgültig rausfliegen, außer man frisst kleine Kinder. Man muss den Stolz weglassen und darf nicht sagen: "Ich bin doch der, der die Late Night in Deutschland eingeführt hat - und jetzt bietet man mir die Eröffnung der Landesgartenschau in Detmold an!" Nein - Willkommen in Detmold! Irgendwann ist es wie beim Fußball. Wenn die Kraft nicht mehr für den schnellen Sprint reicht, geht man eben ins defensive Mittelfeld.

ZEIT online: Bekommen wir noch einen Tipp, woher der Titel Mulatten in gelben Sesseln stammt?

Schmidt: Bei meiner Kundschaft wünscht man ja die Exkludierung derer, die das nicht kapieren. Aber: Ein großer homosexueller Autor zwischen den Welten. Beerdigt in Klagenfurt. Es ist: Schauen Sie hier

Die Fragen stellte Sigrid Neudecker

 
Leser-Kommentare
  1. \N

  2. Das beste Interview seit langer Zeit! Wenn Haralds Intellekt ansteckend wäre, würde epidemisch verbreitete Intelligenz Deutschland erneuern, die Blickwinkel sich erweitern und die Sicht der Dinge völlig verändern und die Menschen über ihr allgemeines Verhalten in der Gesellschaft mehr nachdenken.
    Danke Harald, Du bist ein echter Lichblick und bleib wie Du bist!!!

  3. Aber nicht nur an Harald Schmidt, sondern auch an die intelligenten Fragen der ZEIT-Redaktion. Zu einem gelungenem Interview gehören immer zwei: der Fragende und der Antwortende. Und prompt kommt auf eine provokative Frage eine herzerfrischend ehrliche Antwort, selbstverständlich gepaart mit Intelligenz und Ironie. Übrigens die beste Paarung, auf unterhaltsame Art und Weise den eigenen Blickwinkel immer wieder zu beleuchten und gegebenenfalls zu korrigieren.

    • Kokos
    • 14.11.2005 um 12:05 Uhr

    Man kann sich von Harald Schmidts Wanderungen durch die Gedanken anstecken lassen. Man kann mitgehen und teilhaben an den Eroberungen. Wer sich darauf nicht einläßt ist selber Schuld.

  4. Man muss es doch einfach gut finden, oder? Egal, wie man zum Inhalt des Gesprochenen des Herrn Schmidt steht, gut für die überfüllten Biergärten ist es allemal!
    Wenn dann irgendwann mal jede Sendung von ihm mit Vollbart moderiert wird, dann ist alles perfekt ; )

    • DIVOM
    • 04.11.2005 um 16:16 Uhr

    Das Ende der Ironie könnte eine Art Erlösung sein, mindest vom dem meisten der "Comedy", die uns serviert wird.
    Aber es gibt sicher keine "Rettung" der guten alten Literatur, das ist quatsch. Es gibt einfach subjektiv gute und schlechte und viel dazwischen. Houllebecs (schreibt man das so?) neuer Roman, Möglichkeit einer Insel, ist nicht so gelungen, nur ein Teil, der "Daniel1" betrifft. Der Neo-Menschen Teil ist dürftig, da war Gibson schon vor Jahren und Jahrhunderte besser. Wobei Houllebec offenbar sehr ähnlich zu `aralds Thesen arbeite, ich sage nur sampeln.

  5. Harald Schmidts Masche ist zu verwirren, von sich abzulenken, alles zu bejahen und gleichzeitig zu verneinen. Seine Intellektualität passt dazu, steigert seinen Nimbus, sein Ansehen und fördert die Verwirrung, da andere eben gerade nicht oder nie das lesen was er gelesen hat oder überlegen, was er denn jetzt damit gemeint haben könnte. Ich finde ihn amüsant und gut, aber nicht mehr. Ich hoffe, dass er es in Zukunft versteht seine persönliche und menschliche Sehne nicht zu überdehnen und sich dem Rausch der Selbstgefälligkeit hingibt. Solch ein Werdegang würde einen vom Kabarett und der Ironie, zu Hohn und Spott, zum Zynismus und letztlich zum künstlerischen Selbstmord führen. Begabt fände ich es, wenn er sich nicht über seine Zuschauer erhebt, sondern es verstünde sie mit sich zu nehmen. Ich hoffe, dass er das nicht verlernt.

  6. Nicht zu glauben: Harald Schmidt hat ein Sendungsbewusstsein! Wer hätte das gedacht? Er, dem nichts heilig ist, wirft sich für die „gute“ Literatur ins Gefecht! Ist das jetzt die Neue Ernsthaftigkeit, oder ist es Ironie?

    Nichts gegen Leute, die gern klauen und basteln. Und natürlich auch nichts gegen ernsthafte Schriftsteller. Und schon gar nichts gegen Leute, die ihre Grenzen erkennen. Aber warum, zur Hölle, muss er mit andre Leute Dummheit derart angeben, olle ’ralde?

    Glaubt er im Ernst, dass er damit Menschen, die unter dem Burnout-Syndrom leiden, zum Lesen anspruchsvoller Bücher bewegt? Mal ganz abgesehen davon, dass ein großer Teil der Leute, die über Harald Schmidt lachen, von der Lektüre „großer“ Schriftsteller vermutlich gar nicht all zu viel hätte: Es gehört heute kaum noch etwas dazu, die Hand zu beißen, die einen streichelt. Die Zeiten an sich sind ironisch und die Leute (auch die behinderten) sind schon viel zu sehr verbogen, als dass sie noch etwas dagegen hätten, wenn man sie verarscht. Es bewegt sie nirgendwo hin. Nicht mehr, denn sie haben ihren Stolz schon lange versetzt. Sie sitzen in ihrem Sessel, lassen die Häme über sich ergehen und geben sich Mühe, an den „richtigen“ Stellen zu lachen – wenn jemand zuschaut.

    Die wenigsten von uns werden irgendwann in ihrem Leben ganze Tage lang Graham Greene lesen. Das liegt einfach daran, dass sie mit leben beschäftigt sind. Mit dem unabhängigen aber verantwortlichen Leben, meine ich. Nicht mit dem GEZ-finanzierten. Die Meisten bringen es nicht einmal auf eine anständige Basis für irgend eine Art von Bildungshuberei. Und die, die mit ihrer Bildung angeben, tun das in dem Bewusstsein, dass sie für die Kritik ihrer Umwelt nicht mehr erreichbar sind. Harald Schmidt macht da wohl keine Ausnahme. Er liebt den Gang durch die Flugzeug-Gänge und um die Pools herum ja womöglich gerade deswegen, weil der ihn so sehr bestätigt. Armer Kerl! Kann einer offenbar nicht genug bekommen von der eigenen Großartigkeit. Und da soll man ihm glauben, dass Papi ihn nie verhauen hat?

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  • Quelle (c) ZEIT online, 4.11.2005
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