festival Jazz von A bis Z

Fünf Tage Berlin Jazzfest und Total Music Meeting – wir haben’s im Rückblick mal durchbuchstabiert

Alles ausverkauft! Wenn das keine Erfolgsmeldung des Berliner Jazzfestes ist nach 19 Veranstaltungen an 5 Spielorten. Kehrt der Jazz in die Öffentlichkeit zurück?

Baby Bonk war also auch ausverkauft, Sonnabendabend im Quasimodo. Vor allem aber war das Publikum von diesem Berliner Quartett verraten und verkauft: Man nehme ein Quentchen Zappa, verkleide den Trompeter als Tom Waits, lasse ihn tüchtig singen (was er nicht gut konnte), füge ein paar harsche E-Gitarrensoli hinzu und jage die Rhythmusgruppe durch alle Stile von Rock bis Dub. Ein „Fest der Sinneslust“, wie Wolf Kampmann im Programmheft versprach? Nein, schlecht nachgestelltes Fernsehen. Eine Gruppe mit der Geschwätzigkeit einer Talkshow – die hatte dem Jazz gerade noch gefehlt.

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Cecil Taylor, Klavier, und Tony Oxley, Schlagzeug, gaben auf der Jazzfest-Konkurrenzveranstaltung Total Music Meeting ein nicht im Programm verzeichnetes Sonderkonzert, das auch ausverkauft war. Das Duo zeigte im Saal der Berlinischen Galerie, was Free Jazz heute sein kann: ein Konzentrat hochkomplexer Musik, sperrig, kraftvoll, konsequent. Bartòk darin, Janacek, Ellington, Holiday, feinst verteilt. Call and Response mit der Intensität eines Teilchenbeschleunigers. Vielleicht die nachhaltigsten zwei Stunden dieser Tage überhaupt, wer’s erlebte, war so erfüllt, konnte erstmal in kein anderes Konzert mehr gehen. Wie alt ist Taylor? 76?

DJ Illvibe ist 25 und – als Vincent – Sohn des deutschen Jazzpianisten Alexander von Schlippenbach. Was der Papa auf 88 Tasten macht, erdreht er an zwei Plattenspielern und einem Mischpult: ein Virtuose des Vinyls. Ihm zuzusehen war ein Genuss, ihm zuzuhören auch. Auf der Bühne stand er mit dem seit 20 Jahren phantastisch eingespielten Trio Blue Box: Reiner Winterschladen an der Trompete, Alois Kott am Bass und Peter Eisold am Schlagzeug. Die Drei sind wohl doppelt so alt wie ihr DJ. Der Jazz als elektrisch-modernisierter Groove, hier war er zu haben. Im Saal stand kaum einer still.

Enrico Ravas Quintett traute sich etwas. Mit Swing-Triolen, blue notes, Bebop-Läufen und Standardwerken wie Nature Boy als Improvisationsgrundlage pflegten die Männer um den italienischen Trompeter ein beim Jazzfest eher selten vertretenes Genre: Jazz, wie er im Lehrbuch steht.

FMP – Free Music Production – war Thema auf den Fluren unter den Jazzkennern und Journalisten. Das auf der ganzen Welt bekannte deutsche Label zergeht im Streit zwischen zwei markanten Persönlichkeiten: dem Mitbegründer Jost Gebers und seiner Nachfolgerin Helma Schleif. Gebers ist der Herbert Wehner des deutschen Freejazz, Schleif hat das Total Music Meeting vor dem Untergang gerettet. Zögen doch beide an einem Strang, sie wären unschlagbar.

Gratkowski ist ein ziemlich kantiger Nachname. Ähnlich rau nahm sich die Musik des vom Kölner Free-Jazz-Saxofonisten Frank Gratkowski geleiteten Doppel-Quartetts aus. Das konzentrierte Röcheln, Fiepen und Krächzen des Kollektivs inspirierte einen Kollegen zu der respektvoll gemeinten Aussage: „So also klingt die Vogelgrippe.“

Leser-Kommentare
  1. Es erstaunt doch immer wieder, dass ein Blatt wie "Die Zeit" so wenig über eine wichtige zeitgenössische Musikrichtung wie den Jazz bringt. Was mag der Grund sein?

  2. Ganz nett, dem Berlin Jazzfest alphabetisch beizukommen.

    Verzeihlich, daß dabei zum Beispiel unter "X" und "Y" auch Belanglosigkeiten in die Federn der Verfasser fliessen.

    Unter "Z" haben sich die Herren Stock & Engels (da gab es doch schon einmal ein Autorenpaar mit ähnlicher Namenskombination, welches bestehende Zustände kritisch unter die Lupe nahm) dann entschlossen, "Zum Schluss" zu kommen.

    Eigentlich logisch, aber hier wurde eindeutig eine Chance verpaßt! Es gibt nicht viele gute Musiker, die mit "Z" anfangen, einer ist schon verstorben und dem wird gerade in Berlin eine Strasse gewidmet! Der andere ist eindeutig Zawinul! Ihn so nebenbei unter "W" mit dem belanglosen Statement "lautester Jazz-Rock" abzuhandeln, wird dem Auftritt nicht gerecht (die nachfolgende Band war definitiv auch nicht leiser). Klar, die Musik ist heute nicht mehr ganz so aufregend wie in den Hochzeiten von Weather Report, aber Joe Zawinul ist mit 73 immer noch in der Lage, mit einer der weltbesten Rhythmusgruppen einzuheizen. (Das unterschreibt übrigens auch mein 18jähriger Sohn, einer der wenigen unter 50jährigen im Publikum). Auch das Zusammenspiel mit der WDR Bläsersektion wäre ein paar Zeilen wert gewesen, zumal da einige der unter den anderen Buchstaben behandelten Konzerte wirklich nicht der Rede (besser: Schreibe) wert waren. Aber wer den Mut hat, das Trommelurgestein Han Bennink und Hermeto Pascoal -einander unbekannt, wozu gibt es Proben ?!?!?- im Duett zu kombinieren, muss eben auch (bundesfinanzierte) Desaster in Kauf nehmen ...

    Hans-Gerd Brummel, Berlin

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