So furchterregend die Bilder von der Gewalt in den französischen Vorstädten auf deutsche Beobachter wirkten – sie waren auch sofort Anlass zu selbstgefälliger Beruhigung. Ein wohliges Schaudern durchzog die Kommentare zu den Chaostagen von Paris. Und von Integrationsbeauftragten, Jugendforschern und Migrationsexperten war in den letzten Tagen immer wieder zu vernehmen: So etwas kann es bei uns nicht geben! Ein abgebranntes Auto in Berlin-Moabit© dpa

Nun hat es in Berlin und Bremen die ersten brennenden Autos gegeben und nicht nur diese Nachahmungstaten sind ein Hinweis darauf, dass so etwas auch bei uns geschehen kann! Die rituellen Krawalle zum 1. Mai in Berlin, ins Leben gerufen von deutschen Linksradikalen, sind längst zum Gewaltfestival brutalisierter Jungmänner aus Migrantenmilieus geworden. Zu hoffen ist, dass auf die illusorische Selbstberuhigung nicht eine der üblichen Panikattacken der deutschen Öffentlichkeit folgt. Zu beidem gibt es keinen Anlass. Die deutsche Lage ist ernster, als die Gesundbeter glauben machen wollen. Zugleich sind die Chancen, hierzulande das Blatt zu wenden, viel höher als in Frankreich.

Es gibt mehrere Gründe dafür, daß Deutschland mit seinen Migranten noch keine Gewaltexzesse erlebt hat: Die ökonomische Misere in deutschen Brennpunkten wie Berlin-Neukölln, Duisburg-Marxloh oder Hamburg-Harburg ist mit der Hoffnungslosigkeit der Ghettos der Banlieus immer noch nicht zu vergleichen. Gegen die Segregationstendenzen in den deutschen Innenstädten wird zum Teil recht erfolgreich mit Quartiersmanagement und Nachbarschaftsarbeit vorgegangen. Es gibt hierzulande keine sich selbst überlassenen Vorstädte, die von der Mehrheitsgesellschaft aufgegeben wurden.

Wichtiger noch als die staatlichen Integrationsmaßnahmen sind aber die kulturellen Faktoren, die mit der Besonderheit der deutschen Migrationsgeschichte zu tun haben. Mit den türkischen und arabischen Einwanderern in Deutschland verbindet uns keine Kolonialgeschichte – und also auch kein Verhältnis von Schuld, Demütigung und Ressentiment. Sie sind Arbeitsmigranten oder politische Flüchtlinge, deren Familiengeschichten keine Rechtfertigungen für Hass und Gewalt gegen Deutschland vorgeben. Umgekehrt gesagt: Dass Deutschland so wenig Erfolg als Kolonialmacht hatte, entpuppt sich hier als ein Segen.

Die Türken – die größte Migrantengruppe in Deutschland – teilt nicht das arabische Minderwertigkeitsgefühl. Man blickt mit Stolz auf die eigene Modernisierungsgeschichte seit Atatürk. Man sieht sich in der Mehrheit bereits als Teil Europas und der westlichen Welt. Der Wunsch vieler deutscher Türken, diese innere Zugehörigkeit durch den EU-Beitritt ratifiziert zu sehen, ist ein Grund zur Hoffnung, ganz unanbhängig davon, ob man einen solchen Beitritt selbst für wünschenswert hält.

Es gibt jedoch keinen Grund, sich angesichts dieser Fakten zurückzulehnen. Die Ergebnisse der jüngsten Pisa-Untersuchung sind alarmierend. Sie zeigen, daß die türkischstämmigen Migranten in ihren Schulleistungen dramatisch zurückfallen. Die dritte Generation, die bereits hier geboren wurde, schneidet schlechter ab als ihre Vorgänger, die doch mit der Einwanderung einen erheblichen Kulturbruch zu bewältigen hatten! Diese jungen Deutsch-Türken haben weder eine Verbindung zum Heimatland ihrer Eltern noch zu der deutschen Mehrheitskultur. Sie sprechen ein Türkisch, mit dem sie in Istanbul nicht durchkommen würden, und sie radebrechen ein Deutsch, mit dem sie hierzulande stigmatisiert sind. Die Hälfte der hier geborenen Jugendlichen aus dem türkischen Migrantenmilieu erreichte beim letzten Pisatest nicht einmal die unterste Kompetenzstufe 1. Im Klartext: Diese Jugendlichen können nicht lesen und keine einfachen Texte aus dem täglichen Leben verstehen. Sie werden niemals in der Lage sein, am sozialen Leben erfolgreich teilzunehmen.