frankreichHeiße Nächte in Paris

Der französische Gesellschaftsvertrag endet dort, wo die Vororte beginnen: Ein Hintergrundbericht zu den Krawallen von Alain-Xavier Wurst

Am Anfang schien es nur ein weiterer Krawall in einem Vorort von Paris zu sein. Doch inzwischen muss man wohl von einer „Stadtguerilla“ sprechen, die jede Nacht neue Viertel bedroht und zur Belastung für die Regierung geworden ist. Von Clichy-sous-Bois aus, nordöstlich der französischen Hauptstadt gelegen, rollt seit einer Woche eine Gewaltwelle heran, die jetzt alle Départements der Pariser Umgebung und die Vororte einiger größerer Provinzstädte erreicht hat. Schon acht Nächte in Folge stoßen Polizei und junge Randalierer großenteils afrikanischer und arabischer Herkunft aufeinander. Alleine in der Nacht zum Donnerstag brannten in Seine-Saint-Denis 177 Autos. Auf Feuerwehr und Sicherheitskräfte wurden Steine und Molotow-Cocktails geworfen, es fielen sogar Schüsse. Nach langem Schweigen mahnte Präsident Jacques Chirac am Mittwoch die erhitzten Gemüter zur Besonnenheit. In den Problemvierteln müsse „das Gesetz streng geachtet werden, allerdings im Geist des Dialogs und Respekts“, sagte er. Vergeblich.

Der Unfalltod zweier Jugendlicher am Donnerstag der vergangenen Woche hatte die Ausschreitungen ausgelöst. Ziad, 17 Jahre, und der 15-jährige Banu waren offenbar vor einer Polizeikontrolle in Clichy geflüchtet. Sie suchten Schutz in einer Hochspannungsanlage und wurden durch Stromschläge getötet. Das Gerücht, die Polizei habe sie gejagt und sei damit verantwortlich für ihren Tod, verbreitete sich wie ein Lauffeuer im Stadtteil. Die Spannungen verschärften sich noch am Sonntagabend, als eine Reizgasgranate in einer Moschee explodierte.

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Ein Nachahmungseffekt mag bei diesen neuen Gewaltausbrüchen eine Rolle spielen. Wer aber das Leben in den „ cités “ beobachtet, ist von den Entwicklungen nicht überrascht; vielmehr wundert es, dass solche Eruptionen nicht häufiger vorkommen.
Die „verlorenen Territorien der Republik“, meist von Zuwanderern aus Nordafrika und Afrika bevölkert, sind nicht von selbst verloren gegangen. Die Zerrüttung der sozialen Strukturen wirkt sich hier besonders stark aus, weil seit dem Ende der 70er Jahre keine Stadtpolitik entwickelt worden ist, mit der man die Folgen wirtschaftlicher Krisen hätte abfedern können. Stattdessen hat sich der Staat aus den Wohngebieten langsam zurückgezogen, zumindest hat er sie stark vernachlässigt. Was von den staatlichen Institutionen übrig bleibt, ist die Schule – die mit ihrer Mission, den sozialen Aufstieg („l’ascenceur social“) zu ermöglichen, längst gescheitert ist – und die Polizei. Einzig den kommunalen Sozialarbeitern, die mit immer geringeren Mitteln arbeiten, ist es zu verdanken, dass der Weg in die Ghettoisierung noch nicht zu Ende gegangen ist.

Die Zahl der soziologischen Studien über die Gewalt in den Banlieues steht umgekehrt proportional zu den politischen Entscheidungen, die sie betreffen. Im Januar 2004 hatte das Innenministerium einen Pilotplan für fünfundzwanzig „sensible Viertel“ im ganzen Land aufgelegt, dem zufolge mehr Geld und eine bessere Zusammenarbeit zwischen den Behörden (Schule, Polizei, Sozialarbeiter, Ärzte) dazu beitragen sollten, die Jugendkriminalität zu senken. Jedoch ist der Generalsekretär der anti-rassistischen Organisation MRAP, Mouloud Aounit, skeptisch: „Wir werden auf die Gewalt keine Antwort finden, wenn wir ihre Ursache nicht bekämpfen: Arbeitslosigkeit, Diskriminierung, wirtschaftlicher und sozialer Abstieg.“

Diskriminierung ist ein schmerzhaftes Wort, das zum offiziellen Wortschatz der Republik nicht passt. Jedoch ist es eine Tatsache, dass die französische Gesellschaft sich schwer tut, ihre Mitbürger arabischer und afrikanische Herkunft zu akzeptieren – außer in der Fußballnationalmannschaft. „Es ist dringend nötig, unseren Mitbürgern, die in den cités leben, zu signalisieren, dass wir ihre Probleme verstehen“, sagte Azouz Begag, der Minister zur Förderung der Chancengleichheit. „Glauben Sie mir, wenn man ein Araber oder ein Schwarzer ist, ist es nicht leicht, Arbeit zu finden, auch wenn man über einen Hochschulabschluss verfügt. Wir müssen die Vorurteile bewältigen. Das ist eine kolossale Arbeit.“

Die jungen Leute leiden unter der Diskriminierung am meisten. Es ist kein Zufall, dass das Wort „ respect “ zum Grundvokabular der Banlieues zählt. „Die Menschen, die in den vernachlässigten Banlieues leben, sind extrem sensibel und empfindlich. Weil sie arm sind, weil sie jeden Tag diskriminiert werden. Wenn man mit ihnen spricht, muss man die richtigen Worte finden“, sagt Begag. Eine indirekte Kritik an Innenminister Nicolas Sarkozy ist das, der wegen seiner harten Wortwahl für die Eskalation der Gewalt mitverantwortlich gemacht wird. Als ein 11-jähriger Junge im vergangenen Juni einem Bandenkrieg in einem Pariser Vorort zum Opfer fiel, kündigte der Innenminister an, die Problemviertel mit einem „Hochdruckreiniger“ von dem „Gesindel“ zu säubern.

Leserkommentare
  1. Natürlich ist die Erklärung der Unruhen in Frankreich wieder ein Grund an Pawlow zu denken. Gebetsmühlenartig kommt die Erklärung daher: Arbeitslosigkeit, Diskriminierung, wirtschaftlicher und sozialer Abstieg. Das ist aber nur die halbe Wahrheit, denn wer den Impetus des Fremden, der Parallelegesellschaft verkennt, weil nicht sein kann, was nicht sein darf, der wird das Problem nicht lösen können. In Wirklichkeit scheint die Multikulturelle Gesellschaft gescheitert. Und das in Frankreich, einem Land mit der Idee und Glauben an die Integrationsfähigkeit der Nation durch Überzeugung, dazuzugehören. Das funktioniert scheinbar nicht in dem Umfeld. Denn Hunger und Not im wirklichen Sinne treiben den Hass nicht an, der dort wütet.

    • postit
    • 04. November 2005 12:59 Uhr

    Dem vorigen Kommentar ist weitestgehende zuzustimmen. Das Wohlstandsgefälle ist nur eine Komponente der gesellschaftlichen Auflösung. Die wichtigste scheint mir zu sein, dass viele Menschen sich von der Politik nicht mehr wahrgenommen und vor allem nicht mehr ernstgenommen fühlen. Und dies trifft auch bei uns im Land leider immer häufiger zu. Schlechte Aussichten für alle, solange Politiker nur selbstverliebte Spiegelgefechte aufführen und so dafür sorgen, dass sich selbst gutwillige Mitglieder der Gesellschaft mehr und mehr veralbert vorkommen müssen.
    <br />Hoffentlich richten's die Naturwissenschaftler aus dem Osten besser, weil sie dieses Lebensgefühl von unten her kennen und besser als wohlstandsfixierte Sozialwissenschaftler wissen sollten, dass die politische Ökonomie der letzten Jahre (Jahrzehnte?) keine Rezepte geboten, sondern sich und die öffentlichen Kassen mit immer mehr und immer lächerlicheren Bestechungsversuchen erschöpft hat. Sie hat nur Wohlfühlillusionen geschaffen und die gefühlte Wärme mit dem Verbrennen der Wohlstandsgrundlagen erzeugt. Seriöses Wirtschaften oder gar Regieren ist das nicht, sondern nur Mittel der Selbstdarstellung.

    • slz
    • 04. November 2005 13:55 Uhr

    Ich lebe seit 15 Jahren in Paris und habe sechs Jahre lang in genau jenen Banlieues gearbeitet. Es stimmt nicht, dass der Staat sich aus ihnen zurückgezogen hat. Das klingt, als herrschten in diesen Banlieues Zustände wie in den No-Go-Areas von New Orleans vor der Flutkatastrophe. Das ist aber nicht der Fall. Die jungen Leute, die dort zurzeit ihre Mitbürger terrorisieren (und die dies schon seit Jahren tun, aber auf unauffälligere Weise) leben ausschließlich in staatlich finanzierten Sozialwohnungen (die sie regelmäßig degadieren), ihre Familien leben größtenteils von Sozialhilfe und Kindergeld (wenn nicht illegale Einnahmen dazukommen), diese Vorstädte verfügen über ein gut ausgebautes Netz des öffentlichen Verkehrs, das zudem sehr billig ist (die Busfahrer werden allerdings regelmäßig überfallen, die öffentlichen Verkehrsmittel sabotiert usw.), die Schulen dort werden mit großen finanziellen Aufwand speziell gefördert (mehr Personal, kleinere Klassen als anderswo, Freizeitangebote nach Unterrichtsschluss usw.), Kinder aus sozial schwachen Familien können umsonst in der Schulkantine essen, Arztbesuche und Krankenhaus sind komplett gratis usw. Das ist auch alles richtig, und es wäre gut, wenn der Staat noch mehr Geld für die Banlieues ausgeben würde, wenn er die Körperschaftssteuer dort abschafft ("zone franche"), so dass mehr Firmen sich dort niederlassen, in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen investiert usw. Aber das würde vermutlich nicht viel ändern. Die "multikulturelle Gesellschaft" ist in diesen Banlieues nicht gescheitert, weil sie dort nie existiert hat; dort gibt es im Wesentlichen zwei Fronten: eine Monokultur der Zugewanderten, und auf der anderen Seite "den" Staat, von dem die meisten Leute dort total abhängig sind und den viele von ihnen hassen. Was in den Banlieues erst entstehen muss, ist so etwas wie eine Zivilgesellschaft, ein Sinn für das Zusammenspiel von Eigenverantwortung und "intérêt général". Das Problem ist, dass das Konzept der Zivilgesellschaft auch außerhalb dieser Banlieues gar nicht existiert - weil auch der Rest der französischen Gesellschaft völlig auf "den" Staat fixiert ist.

    • macey
    • 04. November 2005 15:57 Uhr
    4. \N

    Frankreich hat es sich lange Zeit zu einfach gemacht: Die Zuwanderer, die als Billigarbeiter willkommen waren, aber ansonsten keine Ansprüche stellen sollten, wurden einfach in die großen Wohnsilos am Rande der Städte gesteckt und wenig beachtet. Das funktionierte so lange , wie noch genug Jobs vorhanden waren. Heute geht der französischen Arbeitsgesellschaft (wie anderen europäischen Gesellschaften auch) die Arbeit aus, vor allem einfache Jobs werden immer rarer, eine Tatsache, die vor allem die schlecht ausgebildeten Einwanderer trifft und unter ihnen vor allem die Jugendlichen, die häufig nicht einmal Aussicht auf eine Ausbildungsstelle haben, denen auch eine gute Schulbildung wenig nützt, weil sie als "die Fremden" nicht die gleichen Chancen haben wie die Einheimischen.
    <br />Die Verzweiflung unter den jungen Leuten ist verständlich, sie fühlen sich überflüssig, weggeworfen und unfähig, an Wohlstand und Konsum teilzunehmen. Dass die Frustration zur Gewalt ausartet, ist eigentlich verständlich.
    <br />
    <br />Die Situation in Deutschland ist ähnlich wie in Frankreich, auch bei uns gibt es immer weniger Jobs für die vielen Millionen Zuwanderer (jährlich wandern immer noch hunderttausende neu ein!), von denen auch in Deutschland die Mehrheit in gettoählichen ethnischen sozialen Brennpunkten lebt. Hier ist es nur eine Frage der Zeit, wann erste soziale Unruhen ausbrechen.
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    <br />

  2. Aus der Perspektivlosigkeit quellen die Gewaltausbrüche, sie wollen Veränderung um jeden Preis, lieber gehaßt als verachtet werden. Man wird in den Vorstädten bald glauben, über die Angst den Respekt herbeibomben zu können.
    <br />Wir müssen entscheiden : teilen oder leiden.

    • tralla
    • 04. November 2005 18:48 Uhr

    In http://www.hallo-leute.de/implikationen.htm werden mögliche positive Folgen einer Bürgervernetzung aus kleinen, nachbarschaftlichen Einheiten heraus beschrieben. Eine spezielle Art, diese Netze massenhaft und nachhaltig auszubreiten, wird ebenfalls angeboten, s. http://www.hallo-leute.de/implikationen2.htm#undina.
    <br />
    <br />II.2.c): "Ein weiterer großer Vorteil entsteht für Zuwanderer: sie können eine Quartiers- und Regionalidentität entwickeln, die für sie selbst und gegenüber Einheimischen glaubwürdig ist. Integration gelingt so leichter."
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    <br />Die "Rekultivierung verslumter Stadtteile" gehört ebenso zu den erwartbaren Effekten dieses Projektes.
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    <br />Wer bringt dieses Projekt voran? Wer hat bessere Ansätze? Können wir es uns überhaupt leisten, diesen Ansatz nicht voranzutreiben?
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    • garenne
    • 05. November 2005 9:25 Uhr

    Wer jemals in einer der französischen "Cité" gewesen ist - und das geht nur mit bodyguards - wundert sich keine Sekunde über das, was gerade in Paris passiert: die "Grande Nation" hat hier schlicht und ergreifend versagt, genauso wie Monsieur Sarkozy.

    • MCVFFO
    • 05. November 2005 16:48 Uhr

    Bisher war ich immer OHNE in den Cities von Ftankreich und das zu allen möglichen Tages- und Wochenzeiten. Mich hat niemand bedroht und ich hatte nie ANGST! Natürlich sieht man die Ausweglosigkeit vor allem bei den Jugendlichen. Diese befragt, antworten fast immer, dass "... sie selbst viel dazu betragen würden. Kein Bock auf Schule!" Dort hat die Gesellschaft versagt! Man muss Forderungen stellen und nicht alles dem Selbstlauf überlassen! Aber mancher von der "Antiautoritären Schiene" wurde wie in Deutschland Außenminister! ... an all dessen Leibesseiten dann überteuerte Bodygards zu allen Lebenszeiten "antiautoritär" mitliefen!
    <br />Leider sind die Forderer wie in Frankreich, so in der EU und besonders in Deutschland konzeptionell ÜBERFORDERT! Oft, wie bei Stoiber, sogar beim Worthalten infolge totaler Überforderung bei der Lagefixierung.
    <br />Ursache: Ausnahmslos alle "Obersten Führungskräfte" können nicht mehr selbst arbeiten, planen, recherchieren, analysieren, festlegen! ... erschrecken, wenn die Berater Fehler machen!

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