Presseschau Fresssucht
Die Kommentatoren der Republik haben den Koalitionsvertrag untersucht. Die Diagnose fällt nicht allzu gut aus. Fresssüchtig, lautet eine von ihnen
„Mut und Menschlichkeit“ haben die künftigen Koalitionäre ihren Vertrag über die Politik der nächsten Jahre genannt. Als sie ihn am Samstag vorstellten, da klang das ein bisschen wie ein Appell an die versammelten Journalisten: Seid gnädig mit unserem mühsam ausgehandelten Kompromiss. Aber Kommentatoren machen schließlich auch nur ihren Job, und deswegen sind sie missmutig und mäkeln. Kein Wunder, der Titel ist ja auch eine Steilvorlage.
Mutig sei das in der Tat, mit einem verfassungswidrigen Haushalt zu beginnen und in der gegenwärtigen konjunkturellen Lagen die Mehrwertsteuer um drei Prozentpunkte zu erhöhen, höhnt man etwa in der Frankfurter Allgemeinen . Die Welt nennt das Programm „das größte gemeinsame Vielfache des Besteuerungs-Etatismus“. Und in der Berliner Zeitung verwahrt man sich dagegen, das Werk als einen Vertrag unter Buchhaltern zu bezeichnen, denn damit beleidige man den Stand der Buchhalter. Vielmehr plane die künftige Regierung, was kein Vertreter des seriösen kaufmännischen Rechnungswesens sich je trauen würde: Kräftig Geld ausgeben, obwohl man keines hat, und dafür lediglich das Versprechen anbieten, im Jahr danach dann aber wirklich zu sparen. „So verhalten sich Fresssüchtige, die sich selbst und ihrer Umgebung eine strenge Diät in Aussicht stellen – aber erst übermorgen, vorher wird noch einmal richtig zugeschlagen“, schreibt die Berliner Zeitung .
Doch damit nicht genug. Selbst wenn das mit dem Sparen besser laufen würde, wären die Journalisten noch immer nicht zufrieden. Haushaltskonsolidierung als Hauptregierungsziel wird nämlich allgemein nicht als ausreichend anerkannt. Gesucht wird, nicht nur in der Berliner Zeitung , eine übergreifende „Idee“. „Der Vertrag legt viele kleine Schritte fest, auf einem Weg ohne klares Ziel“, heißt es auch in der Frankfurter Rundschau . Was hier vorgestellt worden sei, ist ein „Reparaturbetrieb mit alten Bordmitteln, ein Flickwerk von mittlerer Haltbarkeit“. Immerhin, die Frankfurter sind konstruktiv. Als übergeordnete Idee bieten sie den Politikern an, sich dem Zerfall der Gesellschaft in ein „wachsendes Unten und ein wachsendes Oben“ anzunehmen und die vorhandenen Mittel konsequent für die Förderung der weniger Wohlhabenden auszugeben.
Die anderen, konservativeren Frankfurter haben dagegen den Wählern ihre Wahlentscheidung immer noch nicht verziehen. Selbst schuld, heißt es dort sinngemäß über die Unzulänglichkeiten des Koalitionsvertrags. Schließlich habe das Volk „das Angebot eines deutlich reformfreudigeren Kurses ausgeschlagen“. Jetzt muss man mit der „sprunghaften SPD“ zusammenarbeiten, da ist eben nicht mehr zu erwarten. Ihre ganze Hoffnung setzt die Frankfurter Allgemeine auf die künftige Kanzlerin. Die habe schließlich schon so vielen Widerständen getrotzt, dass man frohen Mutes sein dürfe, dass sie auch an ihren politischen Plänen festhalten werde, Koalitionspartner hin oder her.
Noch nicht so richtig verstanden hat man den Koalitionsvertrag offenbar bei der tageszeitung . „Der Vertrag ist allgemein zu kompliziert, um insgesamt bejubelt oder niedergeschrieen werden zu können“, heißt es dort. Obwohl man trotzdem mal vermutet, dass die neue Politik die Reichen reicher und die Armen ärmer machen werde, hat man auch was zum Loben gefunden. Dass nun Goldreserven verkauft werden sollten, um das Investitionsprogramm zu finanzieren, sei eine „positive Überraschung“.
Ziemlich nett zur neuen Regierung ist auch die Süddeutsche . Der wesentliche Erfolg der Verhandlung sei nicht das dabei herausgekommene Papier, sondern eine Verbesserung der „politischen Kultur“ in Deutschland. „Die vier Wochen gleichen einem gemeinsamen Aufenthalt im Abklingbecken“, so die Zeitung. In Zukunft würden Debatten maßvoller und sachlicher geführt, und dies werde auch zu besseren Ergebnissen führen, hofft man in München.
Wenn die Koalitionäre sich aber mal so richtig aufbauen lassen wollen, dann sollten sie die Auslandspresse lesen. „Ein historischer Schritt für die Bundesrepublik“, so der
Corriere della Sera
aus Mailand, „Deutschland versucht den Aufschwung im Zeichen der nationalen Einheit“, jubelt die römische
La Repubblica
und der
Figaro
befindet sogar „Deutschland hat es schon geschafft“. Na also, geht doch.
- Datum 16.11.2005 - 12:25 Uhr
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- Quelle (c) ZEIT online, 14.11.2005
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Bei jedem unklaren Projektzustand gibt es die Besserwisser,
nicht in der direkten Verantwortung stehend, also risikolos
palavernd und gestikulierend auftretent.
Stellt man sie unverhofft in die Verantwortung verhallen
die Stimmen, die Unterarme heben sich und die Handflächen
richten sich abwehrend nach außen.
Man müsse das noch einmal diskutieren.
Sie haben nie gelernt, daß man mit Worten nicht in
die Verantwortung des(r) Verantwortlichen treten kann!
Und schon gar nicht hinter deren Rücken oder deren
Abwesenheit.
Wir haben keine Übermenschen gewählt. Lassen wir die doch
einmal die nun Verantwortlichen regieren.
Zeit für Kommentare kommt noch genug. Und das politische
Leben steht sowieso nie still.
Wenn Gelbe und Grüne sich lauthals äußern... ist ihr Job,
ihre freie politische Meinung,aber sie sind ebenfalls in
der öffentlichen Wahrnehmung, wie die hellroten und sie
wurden immerhin gewählt.
Die unbelehrbaren Artikelschreiber jedoch lassen nicht
einmal einen Augenblick verstreichen schon wird alles
farbengetreu verbeurteilt und die lauten Wörter sind
ihnen schon enteilt.
Sehr bedenklich, wenn die Farbentreue schon vorgegeben
und das eigene Wort die Freiheit verlor.
Ich bin echt froh das es wirklich Leute den Kommentaren nach hier gibt, die das aktuelle Verhalten der Medienlandschaft genauso reinschleimend wie verblödend empfinden wie ich selbst.Da werden ja Bilder und Vorurteile über Politik und Demokratie gepflegt wo einem echt mal die Motive interessieren würden.
Den Politikern wird immer vorgeworfen sie erklären zu wenig; geben zu wenig Perspektive! Nur WO sind die Beiträge der schreibenden Zunft in diesem Reformgetümmel?
Ich stelle fest immer große Klappe und groß Fordern und wenn es Ernst wird, beim Leser reinschleimen und das dann noch als Fakten verkaufen!Ich empfinde das Verhalten der meisten Medien-Akteure verantwortungslos, profitgeil und vor allen Dingen demokratiezersetzend!
Hier müßte etwas getan werden! Man müßte offensiv Wadenbeisser spielen: die Redaktionen mit ihren Unwahrheiten, Widersprüchen, Show-Lust konfrontiern um die Qualität der Pressefreiheit für die nächsten Jahre erhalten zu können. Wer interesse hat kann sich ja mal melden für nen Ideen-Austausch!
Die Zeit im Abklingbecken sollte als notwendige therapeutische Massnahme m.E. der Mehrheit der Print- und TV-Journalisten umgehend verordnet werden. Zur Erhöhung der Wirksamkeit: zusammen mit Lobbyisten und so genannten Wissenschaftsexperten, die wie bakterielle Entzündungen offenkundig unsere Medien befallen haben. Dann legen sich ggf.die unangenehmen Sender-Symptome der rhetorisch unangemessenen Aufrüstung und das aufgeregte Getöse. Und nach der Genesung gibt es hoffentlich eine überwiegende Rückkehr zu einer kritisch-konstruktiven und damit zielführenden Begleitung für die Meinungsbildung. Und wenn der intellektuelle Anspruch des "output" dann noch ansteigt, wäre es eine regelrechte Wellness-Kur für Medienkonsumenten und man kann ohne Gefahr einer Infektion wieder auf Empfang schalten.
Die Meinungsmacher zwischen Flensburg und Garmisch-Partenkirchen sollten sich am allerwenigsten darüber wundern, dass das Feuer aus der deutschen Politik raus ist und sich nur noch mühsam neuer Dampf für die Turbine Deutschland auftreiben läßt.
Wer fast zehn Jahre am Stück mit schlechten Nachrichten die besten Geschäfte macht, den erwischt es dann irgendwann auch einmal selbst. Die Agonie der Presse verleitet nur noch zu aufgeblähter Kritik. Die Ideenarmut, die aus dieser permanten Rechthaberei resultiert, läßt befürchten, dass die Frühvergreisung auch im Journalismus einkehrt.
Es ist tatsächlich eine Einsicht vorhanden, dass Politik als ideologische Schlacht wenig Sinn macht in einer Zeit der pragmatischen Lösungsnotwendigkeiten.
Deshalb kann man nicht umhin, diese sehr ernsthaften Diskussionen und Verhandlungen zu befürworten. Es fehlt aber der Kennedy-Geist, dass wir nicht nur vom Gemeinwohl etwas erwarten dürfen, sondern auch etwas dafür tun sollten. Geben ist seliger als nehmen. Diese Freiheit in der Einstellung ist von der Donau bis nach Sylt noch nicht durchgedrungen. Christoph Rohde
"Mut und Menschlichkeit" eine gute Überschrift, die Handschrift der SPD! Nun gebt Euch doch mal zufrieden, Ihr Journalisten jedweder Coleur, ich bin sicher Ihr wißt alles, Ihr könnt alles, dann probierts doch mal mit den regieren!!! Der Normalbürger kann nur noch kotzen, schließlich habt Ihr schwere Mitschuld an diesem Dilemma, Schreiberlinge, Umfragelinge und Sendelinge der Nation. Schreibt endlich mal über die wahren Ursachen der immensen Verschuldung wie Einigungsvertrag (Aufnahme einer unüberschaubaren Anzahl Spätaussiedler aus Rußland, keiner hat je in die Sozialsicherungssysteme eingezahlt), Mißmanagement Treuhandanstalt, eine Volkswirtschaft wurde durch drittklassige, aus der deutschen Wirtschaft der Alten Länder "entsorgte" Manager verrubelt. Letztlich die Deutsche Einheit, wieviel kostet sie wirklich? Eine unmoralische Wirtschaft, die ihre vor die Tür gesetzten Beschäftigten zwecks Gewinnmaximierung der Gesellschaft und Politik in feinster "Heuschrecken"-Manier" auf den sozialen Müllberg legt. Das Kapital übernahm früher noch Verantwortung für seine Beschäftigten und heute herrschen die Ackermanns und Konsorten, bitte aufwachen!!!
Angesichts dieser Problematik MUSS doch endlich mal an einem Strang gezogen werden und nicht schon wieder Jeder gegen Jeden ausgespielt werden!!! Schröders "Entsorgung" habt Ihr gut hinbekommen, wir müssen wahrscheinlich eine Merkel als "Kanzlerin" akzeptieren, es reicht an moralischer Verkommenheit und Verantwortungslosigkeit der Medien und Umfrageinstitute gegenüber dem Bürger!!! Wer macht den Bürgern Mut? Das ständige Miesmachen lähmt die Republik, viele Länder inklusive Amerika würden uns um unsere Probleme (die wir bestimmt haben, aber bei guten Willen lösbar sind) beneiden!
Herzliche Grüße aus Berlin
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